23. März 2017
Online fremdgehen: Grauzone Internet

Ab wann gehen wir online fremd?

Chatten, tindern, whatsappen – das Internet verändert nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unsere Definitionen von Treue und Untreue. Doch können wir online fremdgehen und ab wann zählt der Betrug im Netz?

Eine Frau schaut auf ihr Handy - geht sie online fremd?
© scyther5/iStock
Eine Frau schaut auf ihr Handy - geht sie online fremd?

Online Fremdgehen: Es fängt alles ganz harmlos an

Es fängt meist ganz unschuldig an: Wir flirten ein bisschen mit Marc bei Facebook, wischen uns in der Mittagspause kurz durch Tinder und scherzen mit dem netten neuen Kollegen noch weit nach Feierabend bei Whatsapp. Auch wenn der Mann, den wir lieben, neben uns auf dem Sofa sitzt. Wenn der mal sachte fragt, wem wir die ganze Zeit grinsend Nachrichten schreiben, knallen wir ihm eine glatte Lüge ins Gesicht: „Du, die Andrea ist frisch getrennt und hat jetzt wieder mehr Zeit.“ Und unser schlechtes Gewissen? Meldet sich nur ganz selten. Es ist ja nicht körperlich, sagen wir uns. Keine richtige Affäre. Und überhaupt: Wir sind ja nicht die Einzigen, die online fremdflirten.

Allerdings nicht, wie eine Studie des Marktforschungsinstituts GlobalWebIndex zeigt! 47 000 Tinder-User wurden nach ihrem Beziehungsstatus befragt. Das Ergebnis: 30 Prozent der Dating-App-Nutzer sind verheiratet. Weitere zwölf Prozent leben in einer festen Partnerschaft. Das Smartphone macht es natürlich noch viel leichter, seinen Partner in einer Beziehung immer und überall zu hintergehen – es verführt nahezu zum Vertrauensbruch und zur Untreue. Und zwar Männer wie Frauen gleichermaßen!

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Online fremdgehen: Wo fängt Betrug und Untreue im Netz an?

Offensichtlich ist das Internet eine graue Zone, wenn es um die Definition von Treue und Fremdgehen geht. Knallvoll auf einer Party fremdknutschen, das gilt unter Männern und Frauen in den allermeisten Beziehungen schon als Betrug. Aber was ist mit einem geschriebenen Kuss? Wo genau fängt der Betrug im Netz an? Muss man sich anfassen? „Sexueller Kontakt ist nicht notwendig, um Betrug am Partner zu verüben“, schrieb 2003 die US-amerikanische Paartherapeutin Shirley P. Glass in ihrem Buch „Die Psychologie der Untreue“. Was eine harmlose Internet-Freundschaft von einer virtuellen Affäre unterscheidet, sind laut der Psychologin folgende Kriterien: emotionale Intimität, sexuelle Chemie und Heimlichkeit.

Stichwort Intimität: Es ist schon erstaunlich, wie nah man sich im Netz kommt. Wenn wir mal ehrlich sind, ist es durchaus schon passiert, dass wir jemandem im anonymen Internetorbit Dinge gestanden haben, die uns in der analogen Welt nicht mal nach fünf Aperol Spritz über die Lippen kämen. Auch nicht in einer Beziehung! Da erzählen wir unserem Tinder-Match nach zwei Tagen, dass wir trotz eines Masters in Kommunikation vor jeder Präsentation auf der Toilette hyperventilieren. Oder, dass wir mit 13 adoptiert wurden. Es klingt paradox, aber je weiter wir körperlich voneinander entfernt sind, desto mehr Nähe und Vertrauen lassen wir zu. Wir erlauben uns, Dinge so zu sagen, wie sie uns in den Sinn kommen. Weil wir dem Menschen, mit dem wir gerade kommunizieren, nicht in die Augen schauen müssen und nicht das Gefühl haben, direkt bewertet zu werden. Außerdem ermöglicht uns die digitale Welt, beim Flirt in andere Rollen zu schlüpfen, zu experimentieren. Hier können wir clever, witzig und poetisch sein, während uns im realen Leben eine schlagfertige Bemerkung erst drei Stunden später einfällt. Die Distanz im Netz macht die emotionale Nähe so einfach.

Wie kommt sexuelle Spannung auf?

Franziska Kühne ist Psychotherapeutin in Berlin. Zu ihr in die Praxis kommen Menschen, die ihre sexuellen Bedürfnisse fast ausschließlich im Netz befriedigen. Sie sagt: „Internetsexualität ist attraktiv, weil man sich in diesem geschützten Raum nicht schämen muss. Stimmungen und Gefühle sind nicht sichtbar und vom jeweils anderen frei interpretierbar.“ Gefährlich wird es, wenn sexuelle Sehnsüchte und Fantasien in uns schlummern, die wir in der Realität und in einer Beziehung nicht ansprechen. Das führt zu Unzufriedenheit.

Haben wir uns erst mal emotional geöffnet, sind es nur ein paar Klicks, bis wir auch unerfüllte sexuelle Bedürfnisse auf unser virtuelles Gegenüber projizieren. Wenn wir uns heimlich wünschen, leidenschaftlich in einem dunklen Hauseingang verführt zu werden, wird der Mensch vor dem anderen Bildschirm diese Sehnsucht in unserer Fantasie erfüllen. Ohne Speckbauch und kratzende Bartstoppeln. Was die Sache noch prickelnder macht, ist die Gewissheit, dass aus unserer geschriebenen Leidenschaft kein realer Sex entsteht, keine "echte" Affäre. Der Mann, mit dem wir virtuell Liebe machen, ist nicht nur fehlerlos, sondern auch unerreichbar. Wir können gefahrlos träumen und idealisieren, ohne uns die Finger zu verbrennen und unsere Beziehung zu gefärden.

Wobei das nicht ganz stimmt. Wir wollen nicht, dass unser digitales Abenteuer auffliegt, weil wir Angst vor den Folgen haben – wie bei einem realen Seitensprung eben. Wenn der Liebste den Raum betritt, klappen wir fix den Rechner zu, lügen, wechseln unsere Passwörter und löschen Whatsapp-Verläufe. „Wenn Menschen entdecken, dass ihre Partner eine emotionale und sexuelle Onlineaffäre haben, sind sie am Boden zerstört. Soweit es den betrogenen Partner betrifft, besteht für sie oder ihn wenig Unterschied zwischen Betrug im Internet oder in einem schäbigen Hotel“, so die Psychologin Shirley P. Glass über den Internetflirt.

Virtueller Seitensprung: Kann man Online fremdgehen schneller verzeihen?

Das Auffliegen einer virtuellen Affäre bedeutet jedoch nicht zwangsläufig das Ende der Beziehung. Bei einer Umfrage des Seitensprungportals Gleeden waren 60 Prozent der Männer bereit, ihrer Partnerin digitale Untreue zu verzeihen. Wir Frauen sind da weitaus nachtragender. Lediglich 40 Prozent wären bereit den Vertrauensbruch und die kleine Online-Affäre zu verzeihen. Das könnte auch daran liegen, dass wir selbst ganz genau wissen, welches Wirrwarr eine solche virtuelle Affäre in unseren Köpfen anrichten kann. Während Männer Betrug mit Körperlichkeiten gleichsetzen, kennen Frauen die Macht der Worte. Man erinnere sich nur an die tragische Figur des Cyrano de Bergerac aus dem gleichnamigen Roman von Edmond Rostand. Bergerac verfasste Liebesbriefe an seine Angebetete – im Namen eines anderen Mannes. Die Dame verliebte sich in die Worte und in den Verehrer, von dem sie dachte, dass er ihr die glühenden Zeilen schrieb.

Heute brauchen wir keine Tinte mehr, sondern eine schnelle DSL-Verbindung, um Gefühle zu entfachen. „Wir können uns im digitalen Zeitalter verlieben, ohne das Objekt unserer Begierde jemals gesehen oder berührt zu haben“, so die Paartherapeutin Shirley P. Glass. Wenn wir uns erst mal verliebt haben, ist der Bruch in unserer realen Beziehung kaum noch zu kitten. Aber wir können etwas tun, dass es gar nicht so weit kommt, nämlich uns bewusst machen, dass eine virtuelle Affäre zwar neu und aufregend ist, eine ehrliche reale Liebe aber nicht ersetzen kann.

Fremdgehen im Net: Was sollte man sich vor Augen führen?

Echte analoge Beziehungen können anstrengend sein, frustrieren und uns manchmal zweifeln lassen. Beziehungen leben von Reibung und Konflikt, und oft passt zwischen den Anlagetermin bei der Bank und den Kauf von Gartenmöbeln keine prickelnde Erotik. Trotzdem ist eine virtuelle Affäre keine Alternative. Weder für Männer, noch für Frauen. Was man auch nicht vergessen darf: Sie kostet uns viel Zeit. Zeit, die für unseren realen Partner und unsere reale Beziehung fehlt. Anstatt stundenlang aufs Handy zu starren, können wir den Menschen, der das Bett mit uns teilt, öfter berühren oder mit ihm darüber sprechen, was uns in der Beziehung fehlt.

Ganz auf den virtuellen Austausch müssen wir aber nicht verzichten. Es ist völlig okay, sich bei Tinder hin und wieder Bestätigung von anderen Männern zu holen und sein Ego zu puscheln. Das machen wir schließlich auch, wenn wir mit unseren Mädels durch die Bars ziehen. Wir dürfen die digitalen Avancen von Marc bei Facebook ruhig genießen und uns vorstellen, wie es wohl wäre, mit ihm durch die Betten zu toben. Solange wir uns klarmachen, dass auch er morgens mit Mundgeruch aufwacht und jeden Sonntag zum Essen zu seiner Mutti fährt.

Online-Flirt vorbeugen

Doch kann man einen Online-Flirt wirklich vorbeugen? Na klar, in dem man von Anfang an genügend Abstand zu seinem virtuellen gegenüber nimmt und direkt zu Beginn klarmacht: "Ich bin in einer festen Beziehung! ". Ist man gar nicht erst auf einen virtuellen Seitensprung aus und merkt man erst im Gesprächsverlauf, dass der Chat eine völlig falsche Richtung annimmt, ist es spätestens jetzt an der Zeit sich zurücknehmen. Wer es einfach nicht lassen kann, fährt sicherlich auch gut damit, den entsprechenden Kontakt zu blockieren – aus Selbstschutz und dem Partner zu Liebe, versteht sich!

Übrigens: Das beste Anzeichen, das einem bewusst machen sollte, dass man gerade dabei ist, sich auf einen Online Seitensprung einzulassen ist das eigene Verhalten seinem Partner gegenüber. Spätestens wenn man beginnt zu lügen und immer wieder den Chat-Verlauf löscht, ist man schon mittendrin im Fremdgeh-Chaos – und in der Untreue.

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Was tun, wenn mein Partner online fremdgeht?

Drehen wir den Spieß doch auch einmal um und fragen wir uns, was wir tun sollten, wenn WIR die Betrogenen sind. Was tun, wenn wir in einer Beziehung leben und unser Partner online fremdgeht – oder wir zumindest den Verdacht haben? Dass wir Frauen die digitale Affäre nur schwer verzeihen können, haben wir ja bereits herausgefunden. Aber wir dürfen nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen! Quälen wir uns mit der Frage, ob unser Partner einer anderen Frau schreibt, und haben wir Angst, dass er uns betrügt, dann sollten wir ihn direkt darauf ansprechen – und zwar ganz ohne Vorwurf! Wir sollten lediglich unsere Gefühle und Sorgen mit ihm teilen. Denn ganz egal, ob er online fremdgeht oder nicht: Helfen kann nur ein klärendes Gespräch.

Ich habe sie ständig aufm Schirm

Untreue: Eine Liaison, die online begann

Sven liebt Sonja, obwohl er sie noch nie gesehen hat. Wie eine virtuelle Beziehung funktioniert und warum daraus nie mehr wird, erzählt er hier:

Vor zwei Jahren habe ich in einem Internetforum Sonja kennengelernt. Binnen Kurzem entwickelte sich eine Liebesbeziehung, eine Affäre im Netz. Das Besondere: Wir haben uns noch nie gesehen oder gesprochen. Unsere Familien wissen nichts von unserer Beziehung, und das soll auch so bleiben. Wir haben uns auf zwei Spielregeln geeinigt: Eine besagt, dass wir uns nie physisch treffen werden. Die andere, dass wir nie außerhalb von Facebook miteinander kommunizieren. Die Begrenzung unserer Beziehung auf geschriebene Worte, Emoticons und Fotos stellt eine echte Herausforderung dar. Trotzdem hat sich ein Vertrauensverhältnis entwickelt, wie keiner von uns es vorher zu einem anderen Menschen hatte. Jeder kennt die intimsten Geheimnisse des anderen. Die Entfernung zwischen uns überbrücken wir mit kleinen Ritualen. Ich wünsche mir etwa, wie Sonja sich schminkt, sich die Nägel lackiert, was sie anzieht.

Sonja sucht vor Restaurantbesuchen auf den Websites die Speisen für mich aus. Wir haben ein gemeinsames Parfum, schicken uns beim Shoppen Fotos und bitten um die Meinung des anderen. Die Spielregeln einzuhalten ist manchmal schwierig. Irgendwie wollen wir doch mehr. Ein paar Mal waren wir auch kurz vor dem Umfallen. Der andere ist in diesen Situationen aber immer standhaft geblieben. Bereits am Anfang fragten wir uns, was uns zusammengeführt hat, wie wir in diese Affäre schlittern konnten. Der wichtigste Punkt ist, dass die sexuellen Beziehungen zu unseren Ehepartnern eingeschlafen sind. Wir leiden unter den typischen Abnutzungserscheinungen einer monogamen Beziehung. Dennoch stellen wir unsere Ehen über unsere Liebe. Beide spüren wir, dass die Distanz die Spannung aufrechterhält, das Prickeln, das Begehren. Denn auch wenn es schwer vorstellbar ist, unter den Bedingungen unserer Spielregeln entstand ein lustvoller sexueller Austausch. Wir begehren uns. Besonders schön ist das Wissen, dem anderen ein Stück weit zu gehören. Wir würden uns immer wieder füreinander entscheiden und sind glücklich, uns gefunden zu haben.

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