15. Juni 2016
Sind Frauen treuer als Männer?

Sind Frauen treuer als Männer?

Weihnachtszeit ist längst nicht nur die Zeit für Muttis gutes altes Gänsebratenrezept. Eine Bürosause jagt die nächste, und wilde Glühweingelage hinterlassen ihre Spuren. Manchmal enden sie auch in fremden Betten. Bei der Gelegenheit bringen wir uns mal up to date: Wer ist nun treuer, Frauen oder Männer?

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© Corbis
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Zwei, drei Gläser Schampus können schon mal reichen, um moralische Bedenken fortzuschwemmen. Zu Hause ist die Luft vielleicht gerade eh zum Schneiden dick, und zack, klebt der Lippenstift auf der Wange des Bürokollegen vom Nachbarflur, der durch die leicht verwackelte Champagnerbrille plötzlich doch ganz attraktiv aussieht. Prost!

Weihnachtsfeiern, Silvesterumtrünke und Martinsgänse tragen nicht gerade dazu bei, uns beim Hochhalten der Monogamie zu unterstützen. Trotzdem hält sich der Gedanke hartnäckig in den Köpfen: Wir Frauen gelten nicht nur als das starke, sondern (oder gerade deshalb?) auch als das treue Geschlecht, zumindest mehrheitlich. Fremdlieben und Seitensprünge fallen als absolutes Hoheitsgebiet den Männern zu. Dazu passt, dass in aktuellen Umfragen Frauen angeben, dass ihnen Treue in der Partnerschaft nach wie vor das Wichtigste sei. Zweifel scheinen hier angebracht, denn zum Seitensprung gehören ja immer zwei. Dass die Sache mit der Untreue inzwischen nicht mehr so eindeutig liegt und als Schwarzer Peter einfach den Männern zugeschoben werden kann, darauf deutet auch unsere PETRA-Umfrage auf Facebook. Eine Mehrheit glaubt demnach, dass sich beim Thema Untreue eine Pattsituation eingestellt hat: Den bösen Buben steht eine ebenso große Zahl unartiger Mädchen gegenüber. Die treusorgende Ehefrau, blind für die Reize anderer Männer, die ihrerseits fremden Röcken nachstellen, ist für die meisten ein Relikt aus Großmutters vergilbtem Fotoalbum.

Und heute? Haben sich beide Seiten in gleichem Maße vom Ideal der Monogamie losgesagt?

Eine neue Studie der britischen University of Oxford belegt, dass die Unterschiede inzwischen gar nicht (mehr) so groß sind wie gedacht. Sondern eher marginal. Als Erstes kam heraus, dass Treue als Lebensmodell – weder bei Männern noch Frauen – keineswegs ausgedient hat. Auch das spiegelt übrigens unsere Facebook-Umfrage wider. Dafür zeigt sich, dass sich bei beiden Geschlechtern zwei Lager bilden – jeweils die Gruppe der monogam eingestellten und die der sexuell offenherzigeren. Einziger nennenswerter Unterschied: Bei den Männern liegt das Verhältnis zwischen Fremdgehen und Treue bei 57 zu 43 – beim Besuch fremder Betten liegen sie immer noch leicht vorne –, und die Frauen kommen im Schnitt „nur“ auf 47 zu 53. In allen Tests stellte sich die freizügigere Gruppe bei den Männern zwar durchweg als die stärkere heraus, doch die Größe der Überschneidung überraschte die Forscher.

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Nicht so den amerikanischen Sexualwissenschaftler Daniel Bergner, Autor von „Die versteckte Lust der Frauen“ (Knaus Verlag, 256 Seiten, 16,99 €). Der Titel, eine Mischung aus Forschungsbericht und Enthüllungsstory der weiblichen Begierde, sorgte zuerst in den USA und dann auch in Deutschland für Aufregung. Darin behauptet der Autor, das weibliche Geschlecht sei in Wahrheit das promiskuitivere, nur eine Frage der Zeit, bis sich das zeige. Und die will Bergner mit seinem Aufklärungsbuch offenbar beschleunigen. Es liest sich wie ein Appell an die moderne Frau, sich endlich aus dem engen Korsett der ausschließlichen Liebe zu befreien. Weil es ihr gar nicht passe und ihre Lust darin zwangsläufig ersticke.

Die Begründung liefert der Wissenschaftler natürlich mit: Laut Bergner wird für Frauen der Sex mit dem gleichen Partner mit der Zeit so unerotisch wie ein Doppelset Frotteebettwäsche. Anders als beim Mann verschwinde die Lust der Frau zwangsläufig mit dem Ende der Verliebtheit, nur Erziehung und kulturelle Prägung stünden ihrem Wunsch nach neuen Sexpartnern immer noch im Weg. Nach dem Motto: Der Körper will eigentlich ständig, nur der Kopf hält ihn im Zweifel zurück – und beim Partner. Mag es verschiedene Beweggründe geben, positive (Liebe) wie negative (finanzielle Abhängigkeit oder die Angst vor Entdeckung), für Bergner steht fest: „Das weibliche Verlangen in seinem ganzen Ausmaß und seiner Gewalt ist eine unterschätzte, nicht entfesselte Kraft – selbst heute noch, in einer Zeit, in der Sex so allgegenwärtig und ohne Tabus zu sein scheint.“

Was der Autor da so theatralisch und pompös formuliert, zieht er nicht zuletzt aus zahlreichen Studien sowie Interviews, die er mit Frauen unterschiedlichen Alters geführt hat. Zum Beispiel mit der 35- jährigen New Yorkerin Isabel. Diese steckt in einem Dilemma. Ihr Mann ist genau der, den sie immer wollte, und in der ersten Zeit lief es rund –auch im Bett. Aber mit den Jahren flaute das Verlangen ab. Dass sie ihn liebt und sich nicht von ihm trennen will, steht für sie fest. Und dennoch fragt sie sich oft: „Ich bin noch nicht mal 35 Jahre alt. Soll ich für immer auf dieses Kribbeln verzichten?“ Eine Zwickmühle, die wohl viele kennen. Trennen, Sexratgeber wälzen, zum Therapeuten gehen, in Urlaub fahren oder sich den sexuellen Appetit woanders holen, für jeden gibt es einen Weg, mit der erotischen Flaute umzugehen. In Liebes- und Sexdingen sollte man nicht pauschalisieren. Sicher gibt es Paare, die auch nach Jahren nicht nur miteinander ins Bett steigen, um sich ein Buch vor die Nase halten. Bergner mag mit seinen spitzen Thesen und Schlussfolgerungen polarisieren. Was auch daher rührt, dass er eben die Libido der Frau in den Fokus stellt und nicht die Liebe.

Der Evolutionspsychologe Dietrich Klusmann geht da etwas differenzierter vor. Zwar kommt er zu ähnlichen Ergebnissen wie sein amerikanischer Kollege, was die sinkende Lustkurve der Frauen in festen Partnerschaften angeht. Aber er sagt auch, dass Frauen Liebe und Sex vermutlich besser trennen können als der männliche Gegenpart. Für Klusmann die Erklärung dafür, dass Frauen beim geliebten Mann bleiben, auch wenn sie nicht mehr das starke Bedürfnis verspüren, ihm ständig die Klamotten vom Leib zu reißen. Wir merken zwar, dass wir beim Anblick des Kollegen nach ein paar Gläsern rote Ohren kriegen, sind uns aber bewusst, dass wir den Mann lieben, der zu Hause auf uns wartet. Die Frage, Seitensprung: ja oder nein? beantwortet sich derweil jede selbst.

Eine andere Erkenntnis ist, dass wir uns künftig ans eigene Näschen fassen müssen, bevor wir den gemeinen Saukerl, der unsere Freundin hintergangen hat, als ebensolchen und stellvertretend für alle Männer dieser Welt beschimpfen. Die treulosen Schufte stehen nicht mehr nur auf der anderen Seite. Woran liegt es aber, und dafür sprechen die eingangs erwähnten Umfragen zur Treue, dass es uns immer noch so schwerfällt, uns einzugestehen, dass auch wir es tun (könnten)? Vielleicht genau deshalb: Das in den meisten von uns tief verankerte Ideal von ewiger Liebe und Treue, von rauschender Hochzeit und Mister Big als moderner Prinz steht eben im Widerspruch zu unserem Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung. Es widerspricht der Sehnsucht nach Anerkennung und dem Gefühl, begehrt zu werden. Ein Drang, den Generationen vor uns im Keim ersticken mussten, um gesellschaftlicher Ächtung zu entgehen. Wer die Qual hat, hat auch nicht die Wahl.

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Dass sich die Zeiten nun mal geändert haben, zeigt auch der Boom der Seitensprungportale im Internet. Ein Anzeichen dafür, dass Frauen nun auf eine Art ihre Lust ausleben, wie es zu Beginn des Bürgertums undenkbar gewesen wäre. Interessanterweise sind sie es auch, die heute häufiger die Scheidung einreichen. „Frauen handeln konsequenter, wenn es um ihr persönliches Glück geht“, sagt die Paartherapeutin Angela Bergmann. „Im Gegensatz zu früher sind sie weniger kompromissbereit.“ Besonders dann, wenn innerhalb der Partnerschaft keine positive Veränderung möglich erscheint.

Großenteils sind Frauen weniger gut für die unverbindliche Liebe geschaffen“, so die Therapeutin weiter. Zumindest nicht auf Dauer. Das bedeutet, dass sie sich eher trennen,wenn sie sich nach einer anfänglichen Affäre verliebt haben. Vielleicht, könnte man fragen, waren Frauen einfach auch immer schon besser in der Geheimhaltung?

Darüber existieren zwar keine Studien, aber der nachgewiesene Vorsprung an Empathie etwa spreche dafür, dass Frauen Geheimnisse besser verbergen können. Aber auch die Männer dürften dazugelernt haben. Selbst, wer einmal monogam war, muss es nicht auf ewig bleiben. „Nicht selten entdecken Frauen, die nie jemand anderen für sich in Betracht gezogen haben, nach einer langen Partnerschaft plötzlich eine wilde Seite an sich und werfen alte Vorsätze und Überzeugungen über Bord“, weiß Bergmann aus Erfahrung.

Wir sind eben in vielerlei Hinsicht da angekommen, wo wir hinwollten. Dahin, zu lieben, wie und wenn wir möchten. Sich zwischen vielen Lebensmodellen zu entscheiden, mag schwierig sein, doch auch wenn die sexuelle Freiheit manche Dinge komplizierter macht – es liegt bei uns, herauszufinden, wie wir sein möchten. Nicht mehr so engstirnig, nach einem Ausrutscher gleich alles hinzuschmeißen. Oder so überlegt, beim Flirt noch rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Wenn wir es wollen.

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