3. Januar 2013
Generation Unverbindlich

Generation Unverbindlich

„Vielleicht“ lautet das Lieblingswort der Generation Unverbindlich, die es nicht ertragen kann, sich festzulegen. Zum Glück kehrt sich dieser Trend gerade um.

Neulich war ich auf der Party einer befreundeten Kollegin. Sie feierte ihren runden Geburtstag, außerdem ihre Verlobung, die Doktorarbeit ihres Zukünftigen und das Leben im Allgemeinen. Ein groß angelegtes Fest, mit atemberaubender Location, richtig gutem Essen und langer Gästeliste – aber leider sehr wenigen Häkchen dahinter. Von 90 eingeladenen Freunden und Bekannten, Kollegen und Kumpels erschienen 20. Und das, obwohl die Gastgeberin Monate vor dem Event eine Save-the-Date-Mail verschickt hatte, des Weiteren eine aufwendig gestaltete postalische Einladung und schließlich – eine Woche vorher – noch einen Reminder.Die Absagen reichten von „Sorry, ich hatte total dieanstrengende Woche“-SMS über „Ich hab da leider schon einen anderen Termin“-Anrufe bis zur Null-Nachricht, nämlich dem bloßen Ausbleiben von Menschen,die zugesagt hatten. Ich habe mich an diesem Abend sehr nett unterhalten (laut war es ja nicht), noch mehr gegessen (es musste ja weg) und nebenbei meine Freundin beobachtet, die sich tapfer über die leere Tanzfläche bewegte und gute Miene zu bösem Spiel machte.

Sie ist nicht unbeliebt – nur einfach ein Opfer unserer unverbindlichen Zeit. Weil man sich heute eben alles bis zum letzten Moment offenhält und nur „wahrscheinlich“ Zeit hat, um ja flexibel zu bleiben. Weil man sich davor scheut, Entscheidungen zu treffen – es könnte ja die falsche sein –, und lieber locker durch die viel zitierte „Multioptionsgesellschaft“ hoppt. „Verbindlich zu sein bedeutet, sich auf etwas festzulegen, Verantwortung zu übernehmen, Erwartungen erfüllen zu müssen – das schreckt viele ab“, sagt Gabrielle Rütschi, die über das Phänomen ein Buch mit dem Titel „Vielleicht“ (BoD, 172 S., 22,60 Euro) veröffentlicht hat. Die Schweizer Psychologin beobachtet das moralisch fragwürdige Verhalten in allen Bereichen des menschlichen Miteinanders: Längst sind wir dazu übergegangen, Partnerschaften nicht zwingend fürs Leben, sondern für Lebensabschnitte einzugehen – solange sie uns eben in den Kram passen und weder einengen noch allzu viel Arbeit bedeuten. Dies spielt vor allem den sogenannten Pick-up-Artists in die Karten, die es sich zum Ziel machen möglichst viele Frauen aufzureißen, um sie anschließend wieder fallen zu lassen.

Verträge unterschreiben wir mit einem leichteren Gefühl, wenn sie befristet und jederzeit kündbar sind. Und Freunde sind nur so lange eng, wie sie Fehler verzeihen, entspannt bleiben und kein Drama aus Aktionen machen, die halt „dumm gelaufen“ sind: aus Vereinbarungen, die zwar getroffen wurden, aber offenbar nicht für beide Seiten gleichermaßenverbindlich. Aus Verspätungen, die vorhersehbar waren, aber einfach nicht mitgeteilt wurden. Aus Verabredungen, die erst im dritten Anlauf zustande kommen. Ich persönlich hasse diese Haltung. Kann es nicht ausstehen, die Leidtragende zu sein, wenn ich mich selbst anstrenge, um etwas einzuhalten, und der andere nicht. Finde es respektlos, per SMS abzusagen, nur weil es so am bequemsten ist. Was soll denn bitte der Vorteil an dieser anstrengenden Art des Miteinanders sein?

„Unverbindlichkeit wird heute oft mit individueller Freiheit verwechselt“, sagt Rütschi. „Viele Menschen glauben, ihr Leben am besten bereichern zu können, indem sie alles Mögliche mitnehmen, allen Neigungen nachgehen, jedes Angebot in Erwägung ziehen.“ Es erscheint ja auch erst mal relativ uncool, sich freiwillig einzuschränken und sich auf eine Sache festnageln zu lassen. Das fühlt sich weder leicht an, noch kommt es lässig rüber. Und die geheimnisvolle Aura geht irgendwie auch flöten. In Wahrheit, so die Psychotherapeutin, führe diese Alles-ist-möglich-Mentalität vielfach zu innerer Unzufriedenheit: weil man nichts richtig anpackt, überall mal mit-, aber nichts zu Ende macht und vielleicht viele kennenlernt, aber dabei immer an der Oberfläche bleiben wird. Schließlich beinhaltet Unverbindlichkeit ja, dass man spielt, nicht streitet; den schönen Schein wahrt, statt sich ungeschminkt zu zeigen. Und da das keiner dauerhaft durchhält, wird immer wieder von vorn angefangen, statt sich ernsthaft mit dem eigenen Wertesystem auseinanderzusetzen.

Eine entscheidende Ursache für dieses Verhalten sieht Rütschi darin, dass kaum noch etwas sanktioniert wird: Scheidungen sind normal geworden, Kündigungen halt der Krise geschuldet, und im Netz darf man eh alles schreiben: Wenn’s gefällt, wird’s „geliked“. Wenn nicht, verschwiegen. Auf Portalen für Partnersuche wird erst mal schön dick aufgetragen: Die greifbare, realistische Identität weicht einer funkelnden Illusion. Näher kennenlernen kann man dann aber keinen: Verbindlichkeit setzte Ehrlichkeit voraus. „Es mangelt den Menschen an aufrichtigem Feedback und an Reflektionsmöglichkeiten“, so die Expertin.

Eine richtige Rückmeldung kriegt man eben erst, wenn man sich in Fleisch und Blut trifft und einander gegenübersitzt. Wenn man im Gesicht des anderen lesen kann und ein authentisches Bild bekommt. Verbunden mit einer verbindlichen Ansage, wer man wirklich ist, was man mag, wo man hin will und mit wem. Wer dagegen mit allen Leuten im Schwammigen bleibt und bloß keine Angriffsfläche bieten will, kriegt weder konstruktive Kritik noch nachhaltige Impulse, um sich weiterzuentwickeln. Neben solch vorsätzlicher Unverbindlichkeit fühlen sich, Rütschi zufolge, heute immer mehr Menschen quasi gezwungen, mit ihrem Umfeld im Ungewissen zu bleiben. Einfach, weil der Druck sich im Alltag so drastisch erhöht hat und viele gar nicht mehr wissen, wie sie dem Ganzen gerecht werden sollen: Kind und Karriere soll man parallel hinkriegen, mobil sein, weil der Flug so billig ist, und flexibel, weil der Job sonst weg ist. Omi soll es im Heim gut haben. Hundi muss während des Urlaubs ideal untergebracht sein. Und das Baby soll bitte betüdelt werden, bis es erwachsen ist, damit man nicht als Rabenmutter dasteht. Keiner kann dieses Pensum schaffen, ohne Abstriche zu machen – aber die gehen eben meist zulasten der anderen. Weil man nicht gleichzeitig auf der coolen Party und auf der kuscheligen Couch mit dem Liebsten sein kann; nur schwer mit dem Boss in Berlin und danach noch fit für die Freundinnen-Verabredung in Hamburg.

Irgendjemand ist am Ende des Tages immer beleidigt, enttäuscht oder verärgert. Ich gebe gern zu, dass ich auch manchmal mehr zu-sage, als in meinen Zeitplan passt. Es wäre ja wirklich schön, alle zu sehen, jeden Wunsch zu erfüllen und immer reich an neuen Eindrücken zu sein. Klar hebe ich erst mal begeistert den Zeigefinger, wenn Freunde fragen, ob wir mit ihnen Silvester im Schnee verbringen. Logisch will ich meine Schwester unterstützen, wenn der Umzug ansteht. Den Junggesellinnenabschied für meine beste Freundin organisieren. Das Wochenendseminar wahrnehmen, das mir der Arbeitgeber anbietet. Den Gutschein für einen Wellnesstag endlich einlösen. Nach Feierabend noch mal kurz vorbeikommen. Spätestens, wenn es um die konkrete Zeitplanung geht, muss ich einsehen, dass doch nicht alles geht. Und mich entweder zerreißen, oder aber kleinlaute Anrufe erledigen, um Verständnis bitten, Absagen austeilen. „Ich würde ja gern“, „ich hätte das voll gern gemacht“, beim nächsten Mal ganz bestimmt wieder!“ Ich mag mich selbst nicht hören.

„Üblicherweise führt diese Form der Unverbindlichkeit zu Überforderung“, sagt die Psychologin. Besser macht es, Rütschi zufolge, wer früher drüber nachdenkt, was er realistisch schaffen kann. Dann kannman nämlich rechtzeitig Rückmeldung geben, damit keiner kurzfristig im Regensteht. Und man selbst giltweder als rücksichtslos, noch wird man als unzuverlässig abgestempelt. „Interessanterweise fangen Jugendliche diese neue Verbindlichkeit schon an zuleben“, so Rütschi. Sie haben es satt, sich von allen verunsichern zu lassen, ein Praktikum nach dem nächsten zu absolvieren, tausend Partner auszuprobieren und sich bei Facebook mit Menschen zu vernetzen, die sie erst einmal gesehen und noch nicht mal gemocht haben. Stattdessen suchen sie, Studien zufolge, wieder nach mehr Halt, nach stabilen Beziehungen und verlässlichen Werten.

Der Zenit scheint überschritten und die unverbindliche Lebensart dermaßen ausgereizt, dass sie den meisten nur noch auf die Nerven geht. Menschen sind wieder zunehmend dazu bereit, eine Option sausen zu lassen, wenn man sich auf eine andere dafür umso intensiver einlassen kann. Ist doch auch viel netter, die Nacht mit der lieben Freundin durchzuquatschen, als im Hinterkopf zu haben, dass es später noch zwingend weiter zum Barhopping mit der ganzen Belegschaft geht. Dann ist man eben beim nächsten Mal wieder mit am Start. „Es hat eine Wahrnehmungsverschiebung begonnen“, sagt Rütschi. Und da sich die Lebens- und Arbeitsverhältnisse trotz dieser Erkenntnis nicht ins Gegenteil verkehren werden, lernen wir langsam, anders mit ihnen umzugehen: zum Beispiel, indem wir uns öfter bewusst machen, was wir tatsächlich leisten können – und wann ein Nein nötig ist.

Was wir von sozialen Netzwerken erwarten dürfen. Was uns wichtig ist und worauf wir verzichten können. Und mit wem wir uns wirklich umgeben wollen. „Es wird niemandem gelingen, einem anderen verbindliches Verhalten aufzuzwingen“, sagt Rütschi. Man könne ihm höchstens die Konsequenzen aufzeigen und auf ein Aha-Erlebnis des Gegenübers hoffen. Ich habe einer Freundin kürzlich gesagt, dass ich mich nur noch mit ihr treffen möchte, wenn es spontan hinhaut – weil sie Verabredungen in vier von fünf Fällen verschiebt und ich keine Lust habe, mir extra einen Abend freizuhalten, der dann mit Däumchendrehen endet. Mal sehen, ob ihr das zu denken gibt und wie viel ihr die Freundschaft wert ist. „Man sollte sich öfter fragen, ob man sich in seinem Umfeld wohlfühlt“, sagt Rütschi. „Und ein Gefühl dafür entwickeln, welche Art des Miteinander-Umgehens man weder als zu locker noch als lähmend empfindet.“ Das habe ich auch meiner Freundin ans Herz gelegt, die nach besagter Party ins Grübeln kam. Wer sich mutig von Leuten distanziert, auf die kein Verlass ist, konzentriert sich dadurch auf diejenigen, die eine Einladung wertschätzen. Und das wird dann wirklich ein Fest!

VOM PARTNER

Frag mich in zehn Jahren noch mal, dann weiß ich vielleicht, was ich vom Leben will. Es geht ja nicht darum beim ersten Date die Kinderzahl zu klären. Aber eine Vorstellung von der (gemeinsamen) Zukunft kann er gern mal entwickeln.

VON DER FREUNDIN

Wir können ja kurzfristig telefonieren, wann und wo wir uns treffen. Nee! Es ist doch viel einfacher und unkomplizierter, den Kalender zu zücken und sofort was auszumachen.

VOM KOLLEGEN

Ich kann das für dich übernehmen, falls ich noch Luft habe. Lieber eine ehrliche Antwort einfordern und fragen: Kann ich mich darauf verlassen? Ansonsten Alternativen suchen

VON DER CHEFIN

Über Ihre Gehaltserhöhung sprechen wir dann zeitnah. Soll heißen: Seien Sie weiterhin fleißig, dann muss ich Ihnen erst bei der nächsten Nachfrage mitteilen, dass das nicht im Budget liegt. Selbstbewusst sein und nicht abspeisen lassen.

VON UNS SELBST

Mal sehen. Besser: „Ja“ oder „Nein“. Wer sich festlegt, schafft Planungssicherheit für sich und alle Beteiligten. Das ist fair, sorgt für Vertrauen und fühlt sich viel besser an als „Vielleicht“.

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