10. August 2010
Sind wir noch authentisch?

Sind wir noch authentisch?

Perfekte Liebe, viele Freunde, tolle Klamotten – alles geht darum, sich möglichst cool zu präsentieren. Wie echt sind wir eigentlich noch? Fragt sich Autorin Miriam Kaefert.

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© Sharon Dominick - iStock
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Es geht uns gut, ach was… bestens geht’s uns. Wir haben unser Leben im Griff. Wir sind selbstbewusst. Zielorientiert. Souverän. Trotzdem sind wir entspannt, humorvoll und kulturell total informiert. Genau wie unsere Freunde, davon haben wir nämlich reichlich – im wahren Leben und bei Facebook. Wie es in der Liebe so läuft? Fantastisch! Wir sind entweder total glücklich liiert oder genießen gerade das Single-Leben. Kurz gesagt: Wir sind absolut beneidenswert…

Und nun noch mal ehrlich: Stimmt das alles? Sind wir wirklich so wahnsinnig unabhängig, so gut gelaunt, so perfekt, wie wir uns gegenüber anderen Menschen darstellen? Oder sind wir vielmehr Meisterinnen der Pose, der Äußerlichkeiten, des schönen Scheins? Ja, so ist das wohl. Wir alle verstellen uns. Die einen mehr, die anderen weniger. Die Tendenz geht allerdings in Richtung „mehr“. Weil Arbeitsstellen rarer und begehrter werden und wir deshalb lernen vorzugaukeln, alles zu wissen, zu schaffen, zu können. Weil die wenige Freizeit, die uns nach dem Überstunden-Feierabend bleibt, Erlebnischarakter haben soll. Weil wir Freundschaften zusehends über Internet-Plattformen pflegen. Im Gegenzug wächst in uns die Sehnsucht, authentischer sein zu können. Akzeptiert werden mit allen Macken und Unsicherheiten, einfach ehrlich sein dürfen – das ist es, was wir wollen.

Was genau bedeutet Authentizität eigentlich? Das Internet-Lexikon Wikipedia definiert es so: „Authentizität heißt, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt.“ Das klingt ja geradezu philosophisch, nur wie soll das funktionieren in einer Welt, in der wir alle permanent durch äußere Einflüsse bestimmt werden? Unsere Freundinnen wollen uns den soliden Banker ein- und den sexy Barmann ausreden. Die Modebranche will, dass wir uns in Leder-Leggings quetschen, die Werbung verkauft uns hippe Smoothies. Und der Chef findet, dass alles schneller gehen muss. Und wenn wir gestresst von Banker, Chef und pürierten Fruchtdrinks nach Ablenkung im Internet suchen, lauert die nächste Schmach: Die Facebook-Freunde diskutieren gerade, ob die aktuelle Ausstellung von Nobuyoshi Araki nun krass, Kunst oder beides ist. Sorry, wer bitte ist dieser Herr Araki? Und warum, verdammt, wissen das scheinbar alle anderen?

Der Autor Mike Robbins hat über die Misere mit der Authentizität ein Buch geschrieben: „Sei du selbst, alle anderen sind vergeben“. Der US-Amerikaner meint: „Ängste sind das größte Hindernis, das wir auf dem Weg zu einem authentischen Leben überwinden müssen. Oft haben wir Angst davor, wir selbst zu sein, weil wir fürchten, dann von unseren Mitmenschen abgelehnt zu werden.“ Und eben das gilt besonders im Internet. Soziale Netzwerke wie Twitter, Xing, Lokalisten oder Facebook sind reine Selbstdarstellungsplattformen, die mit dem wirklichen Leben nicht viel gemein haben. Hier geht es ausschließlich darum, klug, schön und schlau rüberzukommen. Entweder, um potenzielle Arbeitgeber zu ködern – oder eben, um virtuelle „Freunde“ zu beeindrucken. Sicher kennen viele den oben erwähnten Fotografen Nobuyoshi Araki nicht. Aber niemand würde das im Netz zugeben. Dann lieber bei Google schnell ein bisschen Halbwissen aneignen, einige kritische Bemerkungen über seine Bondage- Fotografie fallen lassen – und damit die Gemeinde beeindrucken. „Das Internet verführt dazu, Scheinrealitäten für die wirkliche zu halten“, sagt der Psychotherapeut Ulrich Rodeck aus Hamburg. „Und das ist gefährlich, weil sich niemand mehr traut, authentisch zu sein. Dadurch wird die Kommunikation oberflächlich – und verliert an Wert, weil es nicht um wahre Gefühle, sondern um Inszenierung geht.“ Deshalb sollte man virtuelle Plattformen als das sehen, was sie sind: ein bunter Spielplatz der Eitelkeiten, auf dem man sich herrlich amüsieren kann, den man aber keinesfalls zu ernst nehmen sollte. Anders ist das im Job – der Beruf macht schließlich einen großen Teil des „wahren Lebens“ aus. Wie viel Authentizität können wir uns da heute noch erlauben? Vor den eigenen Kollegen die Powerfrau zu geben, die alles im Griff hat? Das ist kaum durchzuhalten, unglaubwürdig und irgendwie auch unsympathisch. Pure Echtheit wiederum führt auch zu Problemen: „Wenn jemand sagt, mir geht es heute nicht so gut, ihr müsst ohne mich klarkommen, dann ist er zwar tierisch authentisch, sägt aber am eigenen Ast“, sagt Wirtschaftspsychologe Rainer Niermeyer, Autor des Buches „Mythos Authentizität“. Und so ist im Job die Mischung aus jeder Menge Eigenmarketing und einem sympathischen Quäntchen Wahrheit am ehesten unausweichlich.

Der Bereich, in dem wir uns am meisten danach sehnen, ganz wir selbst zu sein, sind ohnehin Beziehungen. Liebesbeziehungen – und die zu Freunden. Aber mal ehrlich: Sind wir im Privatleben wirklich so authentisch, wie wir uns gerne einreden? Wir kennen doch dieses tiefe, dumpfe Gefühl des eigenen Versagens, das sich vornehmlich dann einstellt, wenn wir eine Freundin nach längerer Zeit wiedertreffen. Es fängt an, wenn sie von ihrer rauschhaft-glücklichen Beziehung schwärmt. Es wird schlimmer, wenn sie von ihrem Job erzählt, in dem es gerade „total super“ läuft. Und wenn es dann um ihre neue Wohnung mit Stuckdecken geht, sind wir überzeugt, die größte Versagerin der zivilisierten Welt zu sein. Wenn schließlich die entscheidende Frage: „Und bei dir so?“ kommt, was soll man da antworten? Mein Freund will keinen Sex, mein Chef ist ein Choleriker, und im Bad habe ich Schimmelflecken? Ja, eigentlich sollte man genau das tun, rät Psychotherapeut Ulrich Rodeck. „Wer sich selbst eingestehen kann, dass er Schattenseiten hat, wer weiß, dass bei ihm nicht alles perfekt ist, der ist auch in der Lage, das vor anderen ganz souverän zuzugeben.“ Und das kann Wunder wirken! Plötzlich wird die Unterhaltung entspannter. Und viel ehrlicher. Weil auch die Freundin eingestehen kann, dass ihr Freund nur den FC Bayern und ihr Chef nur Zahlen im Kopf hat.

Und wie ist es mit dem Menschen, den wir am nächsten an uns heranlassen – dem Partner? Anfangs versuchen wir uns doch auch in der Liebe gut zu verkaufen. Wir lachen über schlechte Witze, wir ziehen beim Küssen den Bauch ein, ja, wir gehen sogar mit ihm ins Stadion und jubeln enthemmt, wenn die richtige Mannschaft gewinnt. Auf Dauer ist das allerdings nicht durchzuhalten – und das ist auch gut so, sagt Ulrich Rodeck. „In der Liebe muss man Authentizität wagen“, plädiert er. Eine Beziehung, in der man sich nicht traut, mit der bunt geringelten Schlabberhose auf dem Sofa zu hocken, wird scheitern. Rodeck: „Wenn man sich ganz öffnet, seine Vorlieben und Macken präsentiert, vertieft man damit seine Beziehung – allerdings nur, wenn man dem anderen dasselbe zugesteht.“ Denn bei Authentizität geht es eben nicht nur darum, sich selbst zu erlauben, ganz bei sich zu bleiben. Man muss es auch seinen Mitmenschen gestatten. Eine wichtige Lektion – die wir gern bereit sind, ab sofort auch umzusetzen. Ehrlich!

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