5. September 2014
Der Kontakt bricht ab - was kann ich tun?

Der Kontakt bricht ab - was kann ich tun?

Habe ich etwas übersehen oder nicht gut zugehört? Wenn eine enge Freundin, der eigene Partner oder jemand aus der Familie von jetzt auf gleich den Kontakt abbricht, lässt er einen
anderen ratlos zurück. Wie man lernt, die Funkstille auszuhalten – und was die Gründe sein können

Der Kontakt zu Freunden bricht ab
© gremlin / iStock
Der Kontakt zu Freunden bricht ab

Es ist zu leise. Baustellenlärm tönt, Autofahrer hupen wütend, ein Kind schreit zum Fenster herein. Trotzdem hört Sandra, 34, nur die Stille. Es ist so eine unbequeme, die ganz stutzig und nervös macht. Weil das Telefon lautlos bleibt, obwohl der Ton extra schrill gestellt ist. Weil die Klingel schweigt – und der sonst so toughen Frau fast einen Herzkasper beschert, wenn sie doch mal läutet und nur ein Paket für die Nachbarn kommt. Weil der Mail-Eingang nichts als nutzlose Nachrichten enthält. Gefühlte hundert Mal hat Sandra im Spam-Ordner nachgesehen. Keine Antwort von ihrer einst besten Freundin. Kein Piep. Kein Wink. Nur Funkstille.

Es liegen keine Zahlen vor, die Auskunft geben, wie viele Menschen urplötzlich im Schweigen verschwinden. Freundinnen, die nicht mehr erreichbar sind, obwohl sie die Stadt nicht verlassen haben. Verwandte, die nicht zum vereinbarten Treffen kommen, obwohl beim Geburtstag noch alles gut war. Partner, die irgendwann beschlossen haben, für den anderen nicht länger zu existieren – ohne dass dieser etwas geahnt hätte.

Es müssen etliche Abbrecher sein. Denn fast jeder weiß, wie sich das anfühlt: wenn man erst irritiert, dann leicht verärgert und schließlich schlichtweg machtlos ist, weil man an den anderen nicht mehr herankommt. Ein kirre machender Kreislauf setzt sich in Gang. Ein ums andere Mal wird die Vergangenheit umgekrempelt. Ein harmloser Streit neu interpretiert. Das letzte Treffen noch einmal durchträumt. Aber es ist wie mit dem unbefriedigenden Ausgang eines Romans: Man kann das Warum unendlich oft zerdenken, durchleuchten, mit anderen besprechen – der Autor wird keine Erklärung abgeben und auch kein neues Ende schreiben, nur weil es uns nicht in den Kram passt.

„Viele Verlassene saßen mir nach Jahrzehnten des Abbruchs immer noch fassungslos gegenüber“, sagt die Autorin Tina Soliman, die für eine Fernsehreportage und ihre Bücher mit unzähligen Betroffenen gesprochen hat. „Sie können nicht abschließen, weil es keinen Schlussstrich gab.“ Es sei ein uneindeutiger Verlust, ein ambivalentes Sichverweigern – und am Ende blieben beide auf unheilvolle Weise miteinander verbunden. Beim genaueren Hinschauen war oft das Verhältnis von Geben und Nehmen nicht ausgewogen. Etwa weil in einer engen Freundschaftsbeziehung für die eine vieles rundlief – während die andere mit mehreren Rückschlägen zu kämpfen hatte. Und aufeinander zwar immer Verlass war, aber keine gemeinsame Ebene mehr existierte. „Einige Abbrecher haben auch das Gefühl, sich von einer nahen Person nicht mehr vernünftig abgrenzen zu können“, sagt die Ärztin und Psychotherapeutin Siglinde Bender (bessere-beziehungen.de). Sie sehen sich permanent falschen oder zu hohen Erwartungen ausgesetzt. Innerhalb der Kernfamilie gebe es diese Konstellation am häufigsten, zum Beispiel zwischen Mutter und Tochter.

Auch ein mangelndes Kommunikationsvermögen kann zur Ursache für eine Funkstille werden: zum Beispiel weil der Partner aus einer Familie stammt, in der Probleme nie besprochen, Streitereien geschluckt und schlechte Gefühle aufgetürmt wurden. „Ein Kind, das von seiner Mutter mit Schweigen bestraft wurde, wird dieses vermeintliche Konfliktlösungsmittel eher übernehmen als ein Kind, das eine gesunde Diskussionskultur erleben durfte“, sagt Tina Soliman.

Der Kontakt zu Freunden bricht ab
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Der Kontakt zu Freunden bricht ab

Wenn sich eine Person in die Funkstille flüchtet, zieht sie sich in einen Schutzraum zurück: um nachzudenken, um zu sich zu kommen, sich abzugrenzen – vielleicht auch weil sie ein einziges Mal in der stärkeren Position sein will. Denn wer schweigt, hat die Macht. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie sich nicht mehr anders zu helfen wusste. Wer die Schuldige und wer das Opfer ist, kann nicht eindeutig bestimmt werden. „In Beziehungen ist niemand schuldfrei“, sagt Siglinde Bender. Trotzdem nimmt diejenige, die den Kontakt abbricht, beiden die Chance, Missverständnisse zu erkennen und Probleme gemeinsam anzupacken. Weder kann man sich rechtfertigen noch auf Erklärungen hoffen. Trotzdem wirkt die Funkstille aus der Distanz: Im besten Fall werden sich beide Seiten der Knoten bewusst, die schon zuvor die Beziehung belastet haben. Im schlimmsten Fall nagt die Kontaktsperre ein Leben lang.

Was kann man tun, um mit der Stille zu brechen? Wie weit darf man gehen, um den anderen wieder zum Reden zu bringen – wenn Anrufe nur auf die Mailbox weitergeleitet werden? „Einen Brief kann man schreiben“, sagt Psychotherapeutin Siglinde Bender. „Um zu signalisieren, dass man bereit ist, offen miteinander zu sprechen, zuzuhören und sich zu entschuldigen, falls man etwas übersehen oder falsch gemacht hat.“ Man könne unaufdringlich die Hand ausstrecken, aber vernünftig dosiert und ohne Druck. Dem Partner nach der Arbeit aufzulauern, die Freundin am Wochenende zu Hause abzupassen oder die Schwester bei einem zufälligen Treffen auf der Straße zur Rede zu stellen sei absolut kein geeignetes Mittel. So sehr es auch kribbelt oder sticht.

Bender: „Die Entscheidung zu schweigen, ist bewusst getroffen worden. Man kann nichts erzwingen.“ Sehr wohl aber könne man lernen, mit der Situation besser klarzukommen. Um die Grübelei zu beenden und sich nicht noch mehr zu zermürben, vor allem aber, um loszulassen. „Überlegen Sie sich ein Ritual“, rät Bender. „Damit die Seele begreift, dass sie wieder frei ist, unabhängig vom anderen.“ Manche lassen einen Luftballon steigen oder verschließen eine Schachtel mit Erinnerungsstücken. Andere fahren an einen Ort, den sie mit dem anderen verbinden – und entdecken ihn neu, für sich allein. Man kann auch ein Mantra für sich entwickeln, mit der Botschaft: „Ich akzeptiere dein Schweigen – und gehe jetzt meinen eigenen Weg.“ Bis man so weit ist, vergeht schnell ein Jahr. Einigen hilft auch das Gespräch mit einem Coach oder Therapeuten, um die Situation besser einordnen zu können und einen neutralen Blick von außen zu bekommen. Und wenn man sich weiterhin sieht – weil es gemeinsame Freunde oder Verwandte gibt oder die Welt ganz einfach klein ist? Bender: „Dann wäre es eine schöne Geste, sich versöhnlich zu zeigen.“ Freundlich zu grüßen und einmal zu lächeln – selbst wenn es nicht erwidert wird. Vielleicht lässt sich irgendwann eine neue Ebene finden, auf der man sich ohne große Erwartungen begegnen kann. Und falls nicht, wird man zumindest mit sich selbst milde umgehen können: weil man die Entscheidung des anderen zu respektieren gelernt hat – und mit sich im Reinen ist. Sarah, 36, aus Kiel wurde von ihrem Freund verlassen

Der Kontakt zu Freunden bricht ab
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Der Kontakt zu Freunden bricht ab

"ERST DACHTE ICH, ER SEI VIELLEICHT KRANK, HABE EIN BURNOUT"

Der Verlust fühlte sich so an, als ob ein Tsunami Jan verschluckt hätte und seine Leiche nie gefunden worden wäre. Wir kannten uns aus der Uni und fanden uns Jahre später auf Facebook wieder. Beide glaubten an die große Liebe. Jan verließ seine Familie, zog bei mir ein. Es folgten die zwei schönsten Jahre meines Lebens. Immer wieder beteuerte er, wie glücklich er sei, dass wir uns wiedergefunden hätten. Ich glaubte ihm – glaube es eigentlich immer noch. Warum er an einem Tag im Mai nicht wiederkam, kann ich mir auch drei Jahre später nicht erklären. Erst dachte ich, er sei vielleicht krank, hätte Depressionen – und müsste sich wieder sammeln, ehe er zu mir zurückkommt. Später begann ich, die Schuld bei mir zu suchen: Vielleicht hatte ich zu sehr geklammert. Dabei ging die Initiative immer von ihm aus. Über Bekannte erfuhr ich, dass er nicht zu seiner Familie zurückgegangen ist. Sonst weiß ich nichts. Seine Sachen lagern in meinem Keller. Tatjana, 32, aus Bonn hofft auf ein Zeichen von ihrer Freundin

Sex and the City
© Warner Bros Entertainment Inc.
Wahre Freundschaft: Wie sieht Freundschaft im echten Leben aus?

Manchmal, wenn eine Mail mit dem Absender Anke reinkommt, setzt kurz mein Herz aus. Dann realisiere ich: Ach nee, ist ja meine Steuerberaterin, die mir da schreibt. Und nicht die Anke, die ich jetzt schon seit fast vier Jahren vermisse. Seit sie einfach nicht zu unserer Verabredung gekommen ist. Eine Stunde habe ich in unserem Café gewartet, mir noch nichts dabei gedacht, dann auf ihrem Handy angerufen. Erst spät am Abend habe ich mich dabei ertappt, wie ich in meiner Wohnung auf und ab lief – und mir dämmerte, dass hier etwas nicht stimmt. Dass sie nicht anrufen wird, extra nicht zurückruft. Ein paar Tage später erwischte ich sie auf dem Festnetz. Das war das letzte Mal, dass ich ihre Stimme hörte. Nur ein kaltes „Ich lege jetzt wieder auf“, als ich flehte und fragte, was ich denn falsch gemacht hätte, was denn passiert sei. Bis heute zermartere ich mir den Kopf, wieso sie unsere Freundschaft ohne Erklärung, ohne mir ersichtlichen Grund beendet hat. Weh tut es noch immer.

BUCH-TIPP „DER STURM VOR DER STILLE“

Ihr aufwendig recherchiertes Buch „Funkstille: Wenn Menschen den Kontakt abbrechen“ (Klett-Cotta, 196 S., 17,95 €) wurde vor zwei Jahren zum Bestseller. Nun beleuchtet Tina Soliman noch einmal explizit die schwelenden Konflikte und überhörten Signale vor dem Abbruch. Auf einfühlsame Weise analysiert sie die Perspektive derjenigen, die die Funkstille herbeigeführt haben (Klett-Cotta,240 S.,18,95 €).

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