19. März 2011
Ich war süchtig nach Sex

"Ich war süchtig nach Sex"

Sarah, 34, hat mit mehr als 400 Männern geschlafen. Nicht, weil sie es wollte -  sondern weil sie nicht anders konnte. Das intime Geständnis einer Frau, die von ihrer Sexsucht in den Abgrund getrieben wurde.

Sex-Sucht
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Sex-Sucht

Die Toilettenspülung rauscht. Im Flur sind leise Schritte zu hören, dann fällt die Tür ins Schloss – endlich ist er weg! Vorsichtig öffne ich die Augen, sehe Lippenstiftreste auf dem Laken. Das Kissen riecht nach Zigarettenqualm. In meinem Kopf dreht sich alles, der klebrige Geschmack in meinem Mund lässt vage Erinnerungen an zu viele Pina Colada auf kommen. Ich hasse das Zeug. Ein Kinoabend mit meinen Mädels wäre eine bessere Idee gewesen: Popcorn, Lachen und dann brav ab ins Bett. Aber Jule hatte wieder mal keine Zeit, Anna musste arbeiten und Imke war beim Pärchenabend.

Also bin ich allein losgezogen. Als ob ich nicht gewusst hätte, wie das endet. Dabei hatte ich mir nicht mal die Beine rasiert. Wozu auch? Die Mühe ist es mir nicht wert – ab einem gewissen Erregungsgrad ist es den meisten Kerlen völlig egal, ob sie seidige Haut oder Stoppeln berühren, vom Sex hält sie das auf keinen Fall ab. Allerdings habe ich auch nicht mit der Art von Männern zu tun, die mit Feinfühligkeit punkten. Das hat die vergangene Nacht bewiesen: ein hässlicher Knutschfleck prangt auf der linken Brust. Keine Ahnung, wie der dahin gekommen ist. Filmriss. Mal wieder.

Plötzlich wird mir schlecht, ich schaffe es gerade noch ins Bad. Eine Stunde später rufe ich Anna an. Ich muss hier raus, will mich nicht im Spiegel ansehen müssen. Wir treffen uns in unserem Lieblingscafé, und ich beginne sofort zu erzählen. Mache Witze darüber, wie lahm der Typ von letzter Nacht mich in der Disco angetanzt hat und mit welchen Stielaugen er in meinen Ausschnitt starrte. Und dann erst diese schmierig gegelten Haare. Ich verdrehe theatralisch die Augen, als Anna plötzlich meine Hand nimmt. „Der Kerl klingt abscheulich. Warum warst du mit ihm im Bett?“ Mir wird heiß. Ich weiß keine Antwort. „Es ist okay, Spaß zu haben. Wenn du Lust auf einen Mann hast, dann nimm dir einen. Aber ich verstehe nicht, wieso du dir solche Fieslinge antust“, sagt sie mit ruhiger Stimme. „Und das ist nicht das erste Mal. Ich mache mir langsam Sorgen.“

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Ich brauche Sex wie die Luft zum Atmen

Ich weiß, dass sie recht hat. Aber ich kann ihr nicht die Wahrheit sagen. Dass ich Sex brauche wie die Luft zum Atmen, fast jeden Tag. Dass ich wildfremde Männer in Clubs und Bars, manchmal sogar auf der Straße, abschleppe. Kerle anonym auf Autobahnparkplätzen treffe. Oder über Flirt-Hotlines zu mir nach Hause bestelle.

Und es mir völlig egal ist, ob sie stinken, behaarte Rücken haben oder Comic-Unterhosen tragen. Ich will nur das eine von ihnen: Sex. Grob. Kalt. Und vor allem schnell. Damit sie schleunigst wieder aus meinem Leben verschwinden und ich sie keine Minute länger als nötig ertragen muss.

Mein Verbrauch an Duschgel ist enorm, denn Wasser allein vermag die Erinnerung nicht zu löschen. Noch Stunden danach fühle ich fremde Fingerabdrücke an meiner Haut kleben, spüre den keuchenden Atem an meinem Hals. Ich ekele mich vor mir selbst. Das ist doch krank! Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, es endlich bleiben zu lassen? Und mir bei jedem Rückfall geschworen, dies sei nun wirklich das letzte Mal?

Drei Aids-Tests musste ich bereits machen, weil ich nicht mehr klar denken konnte und auf das Kondom verzichtet habe. Gott sei Dank waren alle negativ. Aber wie lange habe ich noch Glück? Einmal habe ich mir schon Chlamydien eingefangen, von Pilzinfektionen ganz zu schweigen. Unangenehm und unappetitlich – und trotzdem kann ich nicht aufhören. Doch all das kann ich Anna nicht erzählen. „Ich weiß, ich habe in letzter Zeit übertrieben. Aber hey, ich tobe mich eben ein bisschen aus. Das entspannt bei all dem Uni-Stress“, grinse ich sie an. Sie lacht: „Ein Quickie gegen Prüfungsangst?“

Zwei Jahre später lachte Anna nicht mehr. Sie erwischte mich, als ich nackt auf Georg saß, der laut meinen Namen stöhnte. Die beiden waren seit drei Jahren ein Paar und wollten in wenigen Monaten heiraten. Anna trennte sich nicht nur von ihm, sondern auch von mir. Meine Entschuldigungen interessierten sie nicht, obwohl ich ihr alles erzählte: dass ich mit Hunderten von Männern geschlafen habe, von denen ich meist nicht mal den Namen kannte. Dass Georg nur einer unter vielen war, er mir nichts bedeutete. „Tja, ich hatte gedacht, dass ich dir etwas bedeute. Du hast mir eindeutig das Gegenteil bewiesen“, lautete ihr knapper Kommentar, mit dem sie für immer aus meinem Leben verschwand.

Sex half mir nicht mehr

Ich war völlig allein. Nun wollte wirklich niemand mehr etwas mit mir zu tun haben. Der Vorfall mit Georg war nicht der einzige dieser Art gewesen – in meiner hemmungslosen Gier hatte ich weder Halt vor den Partnern meiner Freundinnen noch den Auserwählten meiner Kommilitoninnen gemacht. Die Leere in mir war überwältigend. Und dennoch tat ich nicht das Naheliegendste und suchte mir einen Mann, um den Schmerz zu betäuben. Ich schwor mir stattdessen, eine komplette Kehrtwende einzulegen.

Ich weiß nicht, woher diese Kraft kam, aber es war leichter als gedacht. Ich stürzte mich in mein Anglistik-Studium, holte in kürzester Zeit unglaublich viel Stoff nach, trieb jeden Tag Sport, suchte mir eine neue Wohnung. Statt auszugehen, vergrub ich mich abends auf der Couch und schaute endlos fern. Nach einigen Monaten fand ich einen Job im Callcenter eines internationalen Versicherungsunternehmens. Nichts Glamouröses, aber ich verdiente neben der Uni ausreichend Geld für meinen Lebensunterhalt – und fand unter meinen Kollegen erste Kontakte.

Einer davon war besonders nett: Ben, drei Jahre älter als ich und mit einem unglaublich schrägen Humor gesegnet. Wir verliebten uns, doch bevor wir das erste Mal miteinander schliefen, machte ich reinen Tisch. Ben war geschockt und brauchte mehrere Tage, um meinen Bericht zu verdauen. Dann stand er eines Abends vor der Tür und küsste mich. Nach einem halben Jahr zogen wir zusammen, und ich begann heimlich, im Internet Brautkleider anzuschauen. Es war perfekt. Ich hätte wissen müssen, dass das Ende in Reichweite war...

Als ich mich einige Zeit später mit einer Kollegin wegen einer verlegten Kundenakte stritt, fühlte ich eine Wut wie nie zuvor. Ich weiß nicht, warum ich nicht nach Hause zu Ben ging und mir den Frust von der Seele redete. Stattdessen marschierte ich in eine Kneipe am Bahnhof, ein heruntergekommenes Loch, und riss einen übergewichtigen Mittfünfziger auf. Wir trieben es in seinem Auto, am nächsten Tag gleich noch mal. Zwei Tage später schlief ich mit unserem Nachbarn und befriedigte noch am selben Nachmittag bei offenen Gardinen einen Pizzaboten mit dem Mund – es war mir völlig gleichgültig, ob uns jemand sah.

Ben nicht. Er warf mich raus. Ich verhöhnte ihn als Spießer und schlief mit so ziemlich jedem Mann, der meinen Weg kreuzte. Doch das Loch in meinem Herzen wurde immer größer. Sex half mir nicht mehr. Meine Lust hörte in dem Moment auf, wenn ich einen Kerl an der Angel hatte, er nackt zwischen meinen Beinen lag. Dann wollte ich es nur noch hinter mich bringen.

Meine Krankheit bekam einen Namen: Sexsucht

An dem Morgen, als auf dem Schwangerschaftstest zwei rote Streifen erschienen, ging ich sofort zum Frauenarzt. Natürlich ließ ich das Kind abtreiben! Wie sollte ich einem Baby, dessen Vater ich nicht einmal kannte, Liebe vermitteln? Ich bereue diesen Schritt bis zum heutigen Tag nicht, doch ich kann mir nicht verzeihen, dass es überhaupt so weit kommen musste. Es war mein persönlicher Tiefpunkt.

Wenige Tage nach der Abtreibung bat ich meinen Hausarzt, mich zu einem Psychologen zu überweisen. Es klingt furchtbar melodramatisch, doch es ist wahr – dieser Schritt hat mein Leben gerettet. Zum ersten Mal bekam meine Krankheit einen Namen: Sexsucht. Es war eine echte Befreiung. Mich trieb ein solch starkes Bedürfnis, einen Grund für mein selbstzerstörerisches Handeln zu finden, dass ich in den Stunden redete wie ein Wasserfall. Ich wollte endlich verstehen, wie ich zu dieser Frau geworden bin, für die ich selbst nur Verachtung übrig hatte. Mein Therapeut forschte in meiner Kindheit und war überzeugt, dass nicht nur der Onkel, der mir bei einem Familienfest heimlich ins Höschen griff, als Auslöser infrage kommt, sondern auch mein Vater einen Teil der Schuld trägt, weil er nie für mich da war. Die vielen sexuellen Abenteuer seien nichts weiter als der daraus resultierende, verzweifelte Versuch, mir männliches Interesse zu sichern. Es hat fast 400 Männer gebraucht, das zu erkennen.

Heute, nach drei Jahren Therapie, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Ich bin 34 Jahre alt und lerne erst jetzt eine gewisse Normalität kennen. Mit meinem neuen Freund bin ich es langsam angegangen, er kennt meine Vergangenheit und vertraut mir trotzdem. Ich habe fest vor, ihn nicht zu enttäuschen. Aber ich weiß, dass ich vorsichtig sein muss. Denn es wäre eine Lüge zu behaupten, dass mich andere Männer nicht interessierten. Das ist wie bei einem trockenen Alkoholiker: Die Verlockung ist allgegenwärtig, tagtäglich muss man seinen inneren Dämon bekämpfen. Schon der kleinste Flirt an der Supermarktkasse könnte eine Katastrophe auslösen ...

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