18. März 2010
Sex mit einem guten Freund

Sex mit einem guten Freund

Ist doch eigentlich nichts dabei, so lange beide Single sind. Aber taugt „Casual-Sex“ als Alternative zu One-Night-Stands? Oder müssen wir Freundschaft und Liebe trennen? Darüber macht sich PETRA-Redakteurin Katja Kullmann so ihre Gedanken.

Sex mit einem guten Freund
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Sex mit einem guten Freund

"Casual-Sex", "Fucking Buddies" und "Friends with benefits"

„Casual-Sex“ nennen es die Briten, uncharmant „Fuck Buddies“ die Amerikaner, von „Friends with benefits“ reden feinfühligere Englisch-Muttersprachler, und alle meinen das Gleiche: ein lockeres, aber intimes Verhältnis zwischen zwei Menschen, die sich mögen. Die sich vertrauen, gut miteinander auskommen – sonst nichts. Keine Eifersuchtsanfälle, keine emotionalen Erpressungsversuche. Nur Kumpanei.Und eben gelegentlicher Geschlechtsverkehr in aller Freundschaft. Etliche Psychologen, Soziologen und Paartherapeuten haben sich des Phänomens bereits angenommen. Als „neue urbane Kultur“ bezeichnet etwa der renommierte Sexualwissenschaftler Ulrich Clement die freundschaftlich-sportlichen Dauer-Verhältnisse. Studien zufolge sind sie unter großstädtischen Mittdreißigern besonders weit verbreitet. Eine große Tageszeitung wucherte gar mit der Schlagzeile: „Unverbindlicher Sex als Merkmal unserer Zeit.“Aber eben darum geht es nicht beim „Casual-Sex“. Nicht kühle Unverbindlichkeit flirrt zwischen den Beteiligten, sondern das Gegenteil: Vertrauen, das Vermögen, sich lustvoll fallen zu lassen und zu entblößen – eine Sehnsucht, die viele Singles umtreibt und die sich mit One-Night-Stands kaum erfüllen lässt. Denn bei aller Aufregung, die Spontan-Aufrisse so mit sich bringen: Irgendwann wird auch die abenteuerlustigste Liebhaberin müde, sich jedes Wochenende neu auf den Markt der Begehrlichkeiten zu werfen, mehr oder weniger mühsam um jemanden zu werben und den dann „abzuschleppen“. Oder sich aus Internet-Portalen wie „first affair“ oder „poppen.de“ einen Anonymus nach dem anderen herauszufischen. 95 Prozent aller Sexualkontakte spielen sich laut Statistik in dauerhaften Partnerschaften ab. Umgekehrt bedeutet das: Auf Singles fallen nur fünf Prozent des Sexes ab, der weltweit im Umlauf ist. So wenig, dass man es kaum glauben kann. Sowenig, dass viele Alleinstehende die Sex-Losigkeit nicht länger hinnehmen wollen. Anders ausgedrückt: Nicht jeder Single mag auf das körperliche Vergnügen verzichten, nur weil gerade kein(e) feste(r) Partner(in) da ist. Doch ein zügelloses, blindes Herumturnen auf fremder Leute Matratzen – „Sex just for fun“ – gefällt vielen eben auch nicht. „Casual“ bedeutet im Wortsinn „ungezwungen“ –und es liegt nahe, dass man mit einem guten Freund letztlich tatsächlich „ungezwungener“, direkter, und in jeder Hinsicht befriedigender Sex haben kann, als mit einer zufällig mitgenommenen Bar-Bekanntschaft.

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Single-Sex: • Hauptstadt der Singles ist München mit einer Single-Quote von 28 Prozent, dicht gefolgt von Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln mit je 25 Prozent. Bundesweit liegt der Single-Anteil bei 19 Prozent. (Parship.de) • Sex ohne Gefühle bezeichnen 46 Prozent der Frauen als undenkbar, aber 80 Prozent der Männer durchaus als in Ordnung, zeigt eine Studie der Universität Durham. • Finnen haben mehr One-Night-Stands als alle anderen Europäer. Es folgen die Briten – und auf Rang 3 die Deutschen, berichtet die Bradley Universität.
Vielleicht auch die laue Nachtluft. Oder der Wodka. Womöglich auch die Blues-Musik, die lasziv aus dem Lokal ins Freie tröpfelte. Alex und ich saßen uns auf der Bar-Terrasse gegenüber, wie schon zwei- oder dreihundert Mal in unserem Leben, hielten Gläser mit harten Drinks in unseren Händen und sprachen über unser Standardthema: Liebe und Missverständnisse, Ärger und Begehren, Frauen und Männer – und warum das einfach nicht zusammenpassen will. Zwar sind auch wir „Frau und Mann“, potenziell also unvereinbar – dennoch zählt Alex zu meinen engsten Vertrauten. Im Grunde ist er die Busenfreundin, die ich nie hatte. Bei einem Punk-Konzert lernten wir uns kennen, irgendwann in den 90ern. Er war damals mit einer Geschichts-Studentin zusammen, ich mit einem Zahntechniker, und von Anfang an stand fest: Wir teilen eine Menge Interessen miteinander – aber nicht das Bett. „Ballerina-Schlappen stehen dir nicht, deine Beine sind zu kurz.“ So was darf Alex mir ungeschminkt sagen. „Wenn du tanzt, verrutschen deine Mundwinkel so komisch, pass’ da mal drauf auf.“ Umgekehrt nimmt er solche Hinweise auch von mir dankend an. Alle, Alex und mich eingeschlossen, haben unser Verhältnis stets als das akzeptiert, was es ist – oder die meiste Zeit war: eine der seltenen platonischen und daher unkomplizierten Freundschaften zwischen Testosteron und Östrogen. Egal, ob gerade Single oder gebunden, alle vier bis fünf Wochen treffen wir uns zumTratschen, breiten die Aktualitäten unseres jeweiligen Liebeslebens voreinander aus, trösten uns oder feuern uns an–und genießen die unverblümten Anmerkungen und Ratschläge des jeweils anderen Geschlechts. Er weiß von der Vorhautproblematik meines Ex-Freundes, ich von dem erotisch bedingten Hautausschlag seiner Amour fou. Für gewöhnlich betrinken wir uns, bis wir uns müde geredet haben, und verabschieden uns dann mit geschwisterlicher Umarmung: „Bis zum nächsten Mal, du Aufreißer!“ Und: „Lass deinen Mann am Leben, du Tier!“ Und: „Haha!“ Und: „Tschüs!“ Und: „Gute Nacht!“

Dieses Mal endete der Abend jedoch anders als sonst...Nämlich nackt. Hitzköpfig hatten wir uns in Rage gequasselt, weit nach Mitternacht war es, als wir für einen ungewöhnlich langen Moment verstummten und uns angrinsten – etwas blöde grinsten, vielleicht. „Verstrahlt“, würde Alex wohl sagen. Unser Gespräch bis dahin: Schon wieder hatte Alex’ gegenwärtige On-Off-Beziehung mit Selbstmord gedroht, sollte er noch einmal vor ihr das Telefonat beenden. („Die Kuh!“, rief ich.) Und schon wieder hatte mein Brüsseler Fern-Ex-Freund mir eine Hass-E-Mail geschickt. („Dieser Trottel“, seufzte Alex.) Der übliche Beziehungs-Psychoterror, das leidige Besitzen-, Verändern- und Kontrollieren wollen, mit dem wir in unserem jeweiligen Liebesleben zu kämpfen haben: Erneut hatten wir es auseinandergelegt und durchanalysiert. So traf Alex’ Grinsen also auf meines, blieb auf eine schillernde Art daran hängen und fühlte sich merkwürdig an, beinahe wie ein Kuss. Mir war zum Lachen zumute, aber ich konnte nicht. Und dann fiel ein Satz, den ich nach gut einem Jahrzehnt der Freundschaft nie für möglich gehalten hätte. Alex sagte: „Sex mit dir muss ganz wunderbar sein.“

„Vögeln ohne Liebesschmuh, aber mit Wärme und Respekt“: So zünftig formuliert es Sprachlehrerin Maria, 36, seit einigen Jahren mehr oder weniger allein stehend – und „völlig abgeturnt“ von Zufallsbekanntschaften in Berliner Clubs. Ihr „Sex mit einem guten Freund“ läuft seit bald drei Jahren mit Piet, einem Ingenieur, und Maria beschreibt das Verhältnis so: „Es ist sehr viel mehr als ein One-Night-Stand, immer noch mehr als eine Affäre, aber auch angenehm weniger als eine Beziehung.“ Gut 40 Jahre nach der so genannten sexuellen Revolution haben Lebens- und Liebesstile sich verändert: weg von strikten Fahrplänen, hin zu einem – manchmal auch anstrengenden – „anything goes“. Wir wissen längst, dass in Großstädten jede zweite Ehe geschieden wird. Ewige körperliche Treue ist ein hehres Ideal, aber nur bei den wenigsten Realität. Wir kennen Patchwork-Familien in jeder Variante und Hochzeiten von Homosexuellen, wissen um die Kaufkraft der Einpersonen-Haushalte und auch, dass Wohngemeinschaften keine politischen Zellen, sondern meist reine Zweckbündnisse sind. Frauen brauchen keine „Versorger“ mehr. Menschen verbinden sich auf Zeit – und gehen irgendwann wieder auseinander. Ich gebe zu:Nie hätte ich mir vorstellen können, dass das funktioniert: Freundschaft plus Sex minus Besitzanspruch. „Das ist mir zu Hippie-mäßig“,hätte ich vor Kurzem noch gesagt und abgewunken, „voll Alt-68er!“ hätte ich gerufen, oder: „Das ist was für Gefühlsgestörte!“

Als Alex und ich dann zum ersten Mal nackt voreinander standen, war es ein bisschen wie beim Schulschwimmen mit elf. Zunächst haben wir nur gestaunt. „Wie schön du bist“, sagte er. „Selber!“, antwortete ich. Etwas ungelenk und schüchtern fingen wir mit dem Küssen an, gingen dann zum Anfassen über. Und so weiter. Irgendwann waren wir mittendrin, und ich erinnere mich, wie ich ihm eine verschwitzte Ponysträhne aus dem Gesicht strich. Und auch an das, was er „danach“ sagte: „Es ist, als ob wir schon sechs Jahre zusammen sind – aber der Sex ist immer noch der Wahnsinn.“ Zwar hatten wir beide uns das Rauchen gerade erst abgewöhnt, doch ich hielt ihm ein Päckchen Brüsseler Zigaretten hin, das mein Ex-Freund bei mir vergessen hatte: „Das sind meine Notfall-Zigaretten, nimm!“ Wieder grinsten wir, breiter als die Polizei erlaubt, strichen uns, während wir rauchten, gegenseitig über die Köpfe – und verabredeten uns, wie sonst auch, für den nächsten Bar-Abend, in rund vier Wochen. „Wir können auch tanzen gehen“, schlug er vor, als er in der Tür stand. „Oder Schach spielen“, ergänzte ich und schubste ihn ins Treppenhaus. „Karaoke- Duell!“, rief er. „Oder einen Yorkshire-Terrier aus dem Internet adoptieren!“, gackerte ich und schloss die Tür. Was er dann noch rief, habe ich nicht mehr verstanden. Aber eines weiß ich: Alex ist ein Spitzenmann – und ich wünsche ihm, dass er eines Tages die Richtige findet und glücklich wird in der Liebe. Dasselbe wünsche ich mir auch für mich. Bis es so weit ist, treffe ich mich, wie so viele Teilzeit-Zwischenphasen-Singles, ab und an ... mit guten Freunden.

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