11. April 2012
So habe ich noch nie geliebt

So habe ich noch nie geliebt

Wer liebt, hat recht, sagen wir und lieben manchmal weiter, bis es wehtut. Und obwohl alle anderen es sehen, schaffen wir den Absprung nicht. Warum wir eine Liebe voller Schmerz so schwer loslassen – und wie wir wieder glücklich werden. Ein Report über den Weg zurück zu sich.

Liebeskummer
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Liebeskummer

Die Liebe hat sie fertiggemacht. Den letzten lebhaften, witzigen Funken aus ihr herausgezutzelt, für den ich meine Freundin Katja immer so mochte. Die Liebe hat ihr so eins auf den Deckel gegeben, dass sie sich heute viel kleiner fühlt als noch vor zwei Jahren. Aber das Merkwürdigste an dieser Liebe ist, dass Katja von all diesen Nebenwirkungen kaum etwas mitbekommen zu haben scheint. Spräche man sie auf ihren Freund David an, würde sie sagen: „So wie ihn habe ich noch keinen geliebt.“ Sie würde mit der Stirn runzeln, wenn man sie daran erinnerte, wie sie sich neulich noch Stunden am Telefon bei den Freundinnen ausgeheult hat über ihn – sie hat das längst verdrängt. Weil David sich gestern wieder von seiner besten Seite gezeigt hat: als charmantester Mensch auf Erden. Den notorischen Schwerenöter, der Frauen emotional an der ausgestreckten Hand verhungern lässt, hatte er gestern Abend nämlich zur Abwechslung mal vor der Haustür gelassen.

Dass Verliebtsein einen zum Junkie machen kann, süchtig nach dem Cocktail an Glückshormonen, der dann durch unseren Körper rauscht, haben die meisten von uns schon erlebt. Die Welt von Verliebten wird gefährlich klein, sie kreist nur noch um den neuen Partner und darum, wann man ihn wiedersehen, -riechen, -spüren kann. Was andere über ihn erzählen ist uns sowieso egal: Denn wer uns so ein Gefühls-Feuerwerk beschert, kann nur ein toller Mensch sein. Kurz: Unser objektives Urteilsvermögen macht Zwangsurlaub – und wir sind quasi unzurechnungsfähig. Für eine gewisse Zeit ist das auch völlig okay. Denn sobald der Endorphin-Cocktail nicht mehr richtig knallt (so ist das eben mit den Drogen) werden wir ja auch wieder Herr unserer Sinne und können beurteilen, ob man wirklich zueinander passt.

Es sei denn, es passiert Folgendes: Unsere Gefühle werden in die Achterbahn gesetzt, weil in der Beziehung ein gefährliches Ungleichgewicht herrscht. Wenn wir an einen Mann geraten sind, der uns gibt, aber oft auch nur nimmt. Weil er ein berüchtigter Weiberheld ist oder viel zu jung, viel zu alt, viel zu verheiratet. Jemand, der in der einen Sekunde der leidenschaftlichste Mensch und in der nächsten Mr. Antarktis sein kann, der die ihn Anbetende nie zu nah, aber auch nie zu weit weg lässt. Werden die Glückshormone ständig so auf kalten Entzug gesetzt und dann wieder in die Stratosphäre geschossen, bleibt unser Verstand in Geiselhaft. Amour fou nennen die Franzosen eine solche Wahnsinnsliebe. Wer darin verstrickt ist, ignoriert die Funksignale des eigenen Unterbewusstseins, das ständig meldet: „Hey, eigentlich bist du schlau genug zu wissen, dass das Ganze hier nicht gut gehen kann!“ Vor einer solchen Amour fou kann einen eigentlich nichts schützen. Weder Alter noch Erfahrung – das ist das Gefährliche an ihr. Denn gerade die Unerreichbarkeit des anderen hält uns bei der Stange. Psychologen der University of Virginia fanden heraus, dass Frauen sich fatalerweise besonders von Männern angezogen fühlen, deren Zuneigung sie sich nicht sicher sein können. Studienleiterin Erin Whitchurch: „Die Unsicherheit führt dazu, dass wir ständig an den anderen denken. Wir grübeln, ob der andere uns mag, und interpretieren diesen wiederkehrenden Gedanken als Interesse.“

Wir lieben Männer, die uns nicht guttun

Auch die US-Psychologin Susan Forward hat sich intensiv mit toxischen Liebesbeziehungen beschäftigt. Sie weiß, warum Frauen ihren Kopf vor allem bei Männern verlieren, die ihnen nicht guttun. „Für viele ist der Glaube, sie könnten einen Mann durch die Kraft ihrer Liebe verändern, ein starkes Aphrodisiakum“, sagt Forward. „Sie denken, ihre Liebe könnte ihn heilen, egal ob sein Problem Geld, Drogen oder vorherige verkorkste Beziehungen sind. Diese Frauen haben plötzlich die Illusion der Stärke von sich.“ Dass Betroffene sich auch selten beirren lassen, wenn ihre Liebe mit Füßen getreten wird, erklärt Susan Forward damit, dass deren Partner meist dem „Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Typus“ angehören: „Falls sie ihre Frau immer schlecht behandeln würden, dürften die schnell merken, was Sache ist. Aber zwischen seinem Ausbrüchen ist der Mann verlässlich und charmant. Das ermutigt die Frau, zu hoffen, dass doch noch alles gut wird.“

Warum stehen wir auf die Unerreichbaren?

Kein Wunder, dass die Amour fou seit jeher Stoff für Filme, Bücher und Songs abgibt. Die britische Sängerin Adele zum Beispiel wurde erst berühmt, als ihr so richtig mies das Herz gebrochen wurde und sie sich ihre ambivalenten Gefühle in ihrem Debütalbum „19“ von der Seele sang. Das Dramapotenzial von Liebe, in der ein gefährliches Ungleichgewicht herrscht, ist zwar anstrengend, aber eben auch reizvoll. Susan Forward erklärt das unter anderem mit dem Tempo, in dem sich solche Liebesgeschichten entwickeln: „Beim Pferdereiten ist der Trab ganz nett. Der Reiz kommt erst mit dem Galopp. Weil man weiß, dass etwas Ungeahntes passieren könnte. Man könnte abgeworfen und verletzt werden.“ Klingt ein wenig masochistisch? Geht in die Richtung. Psychologen vermuten, dass Menschen, die sich emotional nie richtig erreichbare Partner suchen, unterbewusst gar keine Nähe zulassen können und die Distanz durch Drama brauchen.

Beobachtet man eine gute Freundin, wie sie sich in solch eine Liebe verrennt, ist man meist ziemlich machtlos. Dabei belegen Studien, dass Freunde oft sehr viel besser darin sind, die Qualität und voraussichtliche Dauer der Liebesbeziehung einer guten Freundin zu beurteilen, als die Betroffene selbst. Nur dass die, in ihrem Hormonrausch, es eben gar nicht leiden kann, wenn ihr eine gute Freundin die rosarote Brille von der Nase stibitzen will. Zuallererst: Wer nicht gerettet werden will, dem ist nicht zu helfen. Es gehört die Selbsterkenntnis dazu: „Diese Beziehung tut mir eigentlich nicht gut.“ Das ist im emotionalen Nebel schwer zu erkennen, aber nicht unmöglich. Und da kommt man als gute Freundin ins Spiel: Bringen Sie sie zum Reden. Und sagen Sie ihr bei der Gelegenheit, wie sie sich verändert hat. Weisen Sie sie darauf hin, dass die Summe an Leid die Zahl der schönen Momente übersteigt. Oder wesentliche Bedürfnisse wie Nähe, Wärme und Verlässlichkeit nicht erfüllt werden und ihr Selbstwertgefühl ganz schön in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Wie schafft man es, sich zu trennen?

Schritt zwei: Die Betroffene sollte anfangen, Tagebuch zu führen, und dabei alle Hochs und Tiefs aufschreiben. Letztere verdrängt man nämlich gern, sobald alles kurz mal geschmeidig läuft. Haben Sie’s schwarz auf weiß, ist es schwieriger, die Probleme zu beschönigen. Schritt drei: Trennung auf Raten. Denn der harte Schnitt wird vermutlich nur schwer gelingen. Übernachten Sie mal bei einer Freundin, fahren Sie allein in den Urlaub. Alleinsein-Üben hilft, die Angst davor zu verlieren. Ist die Trennung geschafft, sollten Sie Ihre eigene Willenskraft nicht überschätzen. Sie können nicht mit ihm befreundet sein. Und auch das unverfängliche gemeinsame Lunch-Date ist keine gute Idee. Das ist leider der Preis der Amour fou: ganz oder gar nicht. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem Sie schließlich kuriert sind. Und erkennen, dass nicht Sie das Mäuschen, sondern er die Wurst war. Adele erlebte diesen Moment übrigens, als ihr Ex sie nach ihrem großen Gesangsdurchbruch anrief und Tantiemen verlangte. Weil er sie verlassen und damit erst zu ihrem Hit-Album inspiriert hatte. Dreist – aber heilsam. Denn schwups, war die ehemals „größte Liebe“ irgendwie einen Kopf kleiner…

Die Trennungsphasen im Überblick

  • Phase 1: die Trennung. Es wird Tränen regnen. Ihre Liebe hat Sie zum Junkie gemacht. Mit ihr zu brechen ist beinahe so schwer, als würden Sie eine Sucht aufgeben
  • Phase 2: Sie werden diesen Mann zurückwollen und reden sich die verkorkste Liebe schön. Bitten Sie eine Freundin, aufzupassen, dass Sie nicht rückfällig werden
  • Phase 3: Sie werden anfangen, sich besser zu fühlen. Mit Abstand beginnen Sie, alles realistischer zu sehen. Und kommen zur wertvollen Erkenntnis, was Ihnen in Zukunft in der Liebe wichtig ist – und was Sie nicht mehr wollen
  • Phase 4: Sie finden sich selbst wieder. Und tanken das Selbstwertgefühl nach, das Ihnen die miese Beziehung geklaut hat. Sie haben sich verbogen – jetzt leben Sie Ihr Leben. Und werden den Mann finden, der da hineinpasst
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