5. März 2013
Freundschaft, die (zweit)schönste Beziehung der Welt

Freundschaft

„Liebe vergeht, Freundschaft besteht...“, so schrieb man sich ins Poesiealbum. Dass sie – wie wir – erwachsen wird, haben wir damals noch nicht geahnt. PETRA-Autorin Katja Bosse über die (zweit)schönste Beziehung der Welt

Beste Freundin
© Digital Vision/Thinkstock
Beste Freundin

Wie beginnt eine Freundschaft? Früher kürte man zur Freundin diejenige, die das gleiche Tutu schön fand. Man befühlte gemeinsam den weichen Tüll, drehte sich verzückt im Prinzessinnenspiegel – und kaufte als Zeichen der tiefen Verbundenheit noch passende rosa Glitzerhaarspangen. Später lief man beim Ausflug Hand in Hand, kicherte über die Streiche der Jungs und besuchte zusammen einen Ballettkurs.

Aus dem Kichern wurde Schwärmen, aus den Tutus wurden Miniröcke – und endgültig besiegelt wurde die Freundschaft, indem man sich schwor, ein Loft zu beziehen, die Welt zu bereisen und mindestens Model zu werden. Alle beide und alles zusammen. Geschmäcker, Styles und Ziele schienen bei besten Freundinnen deckungsgleich. Und doch ist alles anders gekommen. Keine gemeinsame Wohnung mit Pferdepostern, sondern getrennte Ausbildungsorte. Keine Laufstegjobs, stattdessen unterschiedliche Karrieren. Und dazu noch jede Menge neue Kontakte, neue Impulse, neue Städte. Kaum zu glauben also, dass der Klein-Mädchen-Traum trotz allem Bestand hat – und die Freundschaft heute immer noch so toll ist wie einst in Tüll.

Veränderungen als Bereicherung sehen

„Eine Freundschaft kann solche Veränderungen durchaus überstehen und sich neuen Gegebenheiten anpassen“, sagt Dr. Horst Heidbrink. Der Diplom-Psychologe forscht seit vielen Jahren auf dem Gebiet der sozialen Beziehungen und weiß, dass Freundschaften genauso wachsen können wie ihre Gründerinnen. Geht ja auch gar nicht anders: Verändern tun wir uns nun mal alle – erst recht, wenn wir uns von Kindesbeinen an kennen. Der Geschmack in Sachen Jungs, Klamotten und Musik mag sich im pubertären Alter zwischen besten Freundinnen noch so sehr geglichen haben – trotzdem sind beide ihren eigenen Weg gegangen, haben gelernt, in sich hineinzuhorchen, das Beste aus sich herauszuholen und einen Lebensstil zu finden, der sich von dem der Freundin zwangsläufig unterscheidet. Einfach weil zwei Persönlichkeiten herangereift sind, die sich bestmöglich selbst verwirklichen.

Aber egal, wie gefestigt, unabhängig und gelassen wir heute sind: Den lieben Rat der Freundin, ihre gut gemeinte Kritik und eine Einschätzung der Lage können wir immer noch gebrauchen. Genauso wie die Freude an gemeinsamen Erinnerungen und die Lust auf neue Erlebnisse mit ihr. Dass sie einen anderen Beruf ergriffen hat, auf andere Dinge spart und auch auf andere Typen steht, muss der Verbindung zueinander nichts anhaben. Im Gegenteil: „Es kann sehr bereichernd sein, wenn sich der Alltag von Freundinnen maßgeblich unterscheidet“, sagt Heidbrink. Dann hat man sich jedenfalls viel zu erzählen, kann durch die andere in neue Themen eintauchen und lernt ganz unterschiedliche Umfelder kennen.“ Vielleicht hat die andere ja sogar das verwirklicht, wovon man auch einmal heimlich geträumt hat – und kann nun mitverfolgen, was einen selbst gereizt, aber letzten Endes nicht gänzlich erfüllt hätte. Die Freundin ergänzt dann das eigene Ich – und das fühlt sich nicht nur gut an, sondern ist eine enorme Bereicherung für den persönlichen Horizont. Wichtig ist nur, dass die gemeinsame Grundlage stark genug ist, um den Veränderungen standzuhalten.

Verbindet einen nur ein Sommer in Frankreich, damals während des Schüleraustausches, wird es wahrscheinlich schwierig sein, die Intensität dieser Freundschaft aufrechtzuerhalten. Auch ein Job-Projekt kann zwei Kolleginnen zwar zusammenschweißen – wird aber wahrscheinlich keine lange und enge Freundschaft nach sich ziehen, weil man in persönlichen und privaten Dingen an der Oberfläche geblieben ist und meistens nur ein Thema kannte – das sich nun erübrigt hat.

Anders verhält es sich mit einer geteilten Kindheit: „Dass man im Elternhaus der anderen ein- und ausgegangen ist, gewisse Werte teilt und ähnlich aufgewachsen ist, verleiht der Freundschaft eine besondere Stabilität“, sagt der Experte. Auch die Studien- oder Ausbildungszeit könnte ein solches Vertrauenskapitel bedeuten. Danach weiß man jedenfalls nicht nur, wie die andere ihren Kaffee mag, sondern auch, ob sie Frühaufsteher oder Nachtmensch ist, ob man Moralvorstellungen teilt und wo ihre wunden Punkte sind; wie sie mit Krisen und Erfolgen umgeht, ob sie besser zuhören oder unterhalten kann, ob sie eine Schwäche für Chips oder Schokolade hat, sich nach Familie oder in die Ferne sehnt. Vor allem aber hat man „in guten wie in schlechten Zeiten“ erprobt, wie man miteinander harmoniert. Wer weiß, was er an der anderen hat, dass er auf sie zählen kann und dass eine Ebene erreicht ist, die ohne Worte funktioniert, kann viel leichter verknusen, wenn mal eine Zeit lang Funkstille herrscht – und die wird es im Laufe der Jahre zwangsläufig geben. Nicht weil man eingeschnappt oder die Freundin fremdgegangen wäre, sondern ganz einfach, weil wir tausendmal mehr um die Ohren haben als zu Schulzeiten. Der Job nimmt uns voll und ganz in Anspruch, die Eltern werden kompliziert, und in Sachen Männer stehen inzwischen auch ernstere Entscheidungen an, als nur zu klären, ob man „mit ihm gehen“ will.

Ehrlichkeit dank Vertrauen

Zum Glück sind wir heute nicht mehr beleidigt, wenn die Freundin Dringenderes zu tun hat, als täglich zum Hörer zu greifen, Küssis rüberzuschmatzen und zu beteuern, dass sie uns noch lieb hat. Es ist auch kein Ding mehr, ihr mal die Meinung zu sagen und ein ernstes Wörtchen mit ihr zu reden. Inzwischen sind wir ja durchaus diplomatisch und kennen die andere gut genug, um Kritik oder Zweifel so an die Frau zu bringen, dass weder Freundschaftskündigungsbriefe verfasst werden noch Teenie-Tränen fließen müssten.

Im Gegenteil: Worte wie „Das passt nicht zu dir“, „ich erkenne dich nicht“ oder „das steht dir nicht“ sind von einer langjährigen Freundin sogar gefordert. Schließlich sind wir uns sicher: Sie will nicht streiten, sondern nur unser Bestes. Sie hat ihr eigenes Leben und einen objektiven Blick. Gleichzeitig merkt sie, wenn wir uns verfranzen, unserem Stil oder unseren Werten untreu werden, uns verstellen oder verbiegen. Weil sie schon ewig an unserer Seite ist und alles Mögliche mitgemacht hat. Dieses Vertraute und Verlässliche ist es, was eine gewachsene Freundschaft ausmacht. Man kommt nicht mit vielen an den Punkt, an dem man sagen kann: Die ist da, wenn gar nichts mehr geht. Und die bleibt auch, wenn andere gehen; Männer zum Beispiel oder Phasenfreunde: solche, die man sich sucht, wenn man irgendwo neu ist, in einer Stadt, in einem Job oder in einer Krabbelgruppe. Die sind dann eine Zeit lang wichtig, weil wir uns dringend austauschen wollen – über die besten Abendlocations, den launischen Chef und den Milchstau. Aber dann gehen sie vielleicht auch wieder, weil man seine liebsten Places-to-be gefunden hat, die Kollegin gekündigt hat und man mit der Mami leider nicht übers Stillen hinauskam.

Unterschiede spannend finden

Apropos Stillen: „Wenn eine der Freundinnen eine Familie gründet und die andere sich noch am Feiern erfreut, kann es natürlich mal schwierig werden mit der allgemeinen Gesprächsgrundlage“, sagt Heidbrink. Außer den schlaflosen Nächten hat der Alltag der zwei wahrscheinlich nicht mehr so viele Gemeinsamkeiten. Zumindest vorübergehend. Ähnlich vertrackt wird es vielleicht sein, wenn die eine auf Welterkundung geht, während die andere ihrem Dorf treu bleibt. „Wer in solchen Phasen zwar Interesse am Leben der anderen zeigt, sich aber ansonsten an Menschen hält, die gerade Ähnliches erleben, gefährdet die Freundschaft zur anderen nicht.“ Sicher findet man zueinander, sobald sie wieder im Lande ist oder die erste Zeit zu dritt erfolgreich gemeistert wurde – und man in Kopf und Kalender wieder bereit ist, andere Themen und Termine zuzulassen. Anknüpfungspunkte hat man dank der gemeinsamen Abenteuer ja in jedem Fall genug.

Und wenn die Welten trotzdem nicht mehr so recht zusammenrücken wollen? Wenn sich Lebensstil, Ansichten oder Gefühle so extrem geändert haben, dass keine gemeinsame Schnittmenge mehr existiert? Dann können wir immer noch das Poesiealbum herauskramen und zu der Seite blättern, die am meisten glitzert. Die unbeschwerte Zeit in Tutus kann uns nämlich niemand mehr nehmen. Die bleibt beiden.

Etappen einer Freundschaft

1. KICHERN, KLAMMERN & BEKAKELN Die erste Liebe, ein Austauschjahr im Ausland, die Ablösung von den Eltern – in der Schule wird die beste Freundin zur engsten Vertrauten: Peinlichkeiten und Tabus gibt es zwischen den beiden nicht; es kann alles bequatscht und hundertmal durchgekaut werden. Selbstfindung zu zweit: Das schweißt zusammen!

2. PLANEN, BESTÄTIGEN & ERMUTIGEN Erstmals trennen sich die Wege, muss die Freundschaft Distanzen durchhalten. Nicht nur örtlich, weil man unterschiedliche Karrierestationen angepeilt hat, sondern auch, weil individuelle Interessen und Talente vertieft werden. Die Freundinnen bestärken sich gegenseitig – und jede zieht ihr eigenes Ding durch.

3. AUSTAUSCHEN, EINSCHÄTZEN & KORRIGIEREN Beide wissen, was sie können, haben erste Erfolge gefeiert und Niederlagen mithilfe der anderen weggesteckt. Jetzt stehen der Jobeinstieg oder eine Schärfung des Profils an und vielleicht auch eine ernstere Beziehung. Die Vertraute ist Gold wert, weil sie sich ehrlich äußert und beurteilen kann, ob die andere authentisch bleibt.

4. ANVERTRAUEN, STÜTZEN & INSPIRIEREN Die Persönlichkeit ist gefestigt – und das eigene Leben vollgepackt. Doch obwohl man sich nicht mehr ständig spricht und die Lebensentwürfe variieren, ist die andere nicht vergessen. Durch die gemeinsamen Jahre ist sie nah genug, um auch nach Pausen ohne Aufwärmphase Gespräche mit Tiefe führen zu können. Krisen kann man ihr anvertrauen, ohne dafür verurteilt zu werden. Ideen bekommen, die zu einem passen. Und Unterstützung erhoffen, wenn andere längst die Biege machen.

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