12. Oktober 2010
Erfolgreich Streitfallen umgehen

Erfolgreich Streitfallen umgehen

Zuerst ist immer alles rosarot. Doch sobald die erste Verknalltheit verflogen ist, fangen wir an zu sticheln und zu meckern. Und sind ausgerechnet zu dem Menschen gemein, den wir am meisten lieben. Ungewollt gewollt – und immer wieder. Zwei Paare über ihr Streitverhalten …

Pärchen
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Manchmal stimmt einfach alles. Da kann ich so viel und lange suchen wie ich will: Nicht das kleinste Problem-Wölkchen verdunkelt den strahlendblauen Beziehungshimmel. Leider. Aber auch nicht wirklich schlimm: Denn dann bastel ich mir schnell mal eines. So kann ich herrlich in der Vergangenheit graben oder aus einer zauberhaften Mücke einen dicken, hässlichen Elefanten machen.

Hauptsache, ich kann mich über etwas aufregen und ein schönes Gewitter an dem Menschen auslassen, der mir eigentlich am meisten bedeutet – meinem Liebsten. Der arme Kerl. Zum Glück erträgt er es mit Fassung, wenn ich Wutflecken bekomme, weil er die falsche Joghurt- Marke gekauft hat. Oder wenn ich nur noch in Halbsätzen mit ihm kommuniziere, weil er sich auf Facebook mit einer alten Schulkameradin „befreundet“ hat – obwohl ich doch genau weiß, was für eine treue Tomate er ist. Aber von Zeit zu Zeit brauche ich eben Reibung.

Dabei fängt alles immer so harmonisch an. Sind wir frisch verliebt, lassen wir unserem Partner (fast) alles durchgehen. Sind großzügig. Ein Paradebeispiel an Toleranz, wenn seine Mutter zum vierten Mal am Wochenende anruft. Oder er mit den Kumpels ein bis fünf Bier zu viel hatte – „Schatz, jeder muss mal die Sau rauslassen“. Schließlich will man ihn davon überzeugen, dass er noch nie eine Frau hatte, die cooler und begehrenswerter war. Doch kaum ist uns diese Show gelungen, werden wir so unlocker wie zuvor. Und dann wendet sich das Blatt: Wir beginnen, unsere Beziehung zu sabotieren. Kritisieren den Partner, lassen an ihm unsere Launen aus, sind von Kleinigkeiten genervt und treiben alberne Machtspielchen – und all das nur, damit am Ende einer von beiden recht hat. Um mehr geht’s meistens gar nicht.

Dr. David Burns, US-Paar-Therapeut und Verhaltens-Psychologe von der Stanford Universität, nennt das, was da manchmal mit uns durchgeht, die „Freude an der Feindseligkeit“. Eine zutiefst tierische Seite der menschlichen Natur, die wir normalerweise unterdrücken. Aber mitunter streben wir doch nacheiner Hackordnung – und zwar nicht nur mit Menschen, die wir nicht leiden können, sondern auch in der Liebe. Burns Theorie: Die hitzigen Streits, in denen Paare ihren Frust aneinander abarbeiten – und dabei Kleinigkeiten zu Riesenballons aufblasen – entstehen nicht, weil wir Konflikte nicht lösen können. Sondern weil wir sie nicht lösen wollen! Der Grund: Unser Ego tritt in Konkurrenz zu unserem Harmonie-Bedürfnis. „Wir genießen es, uns anderen überlegen zu fühlen“, sagt Burns. Das heißt im Klartext: Indem wir den Menschen, den wir lieben, mies behandeln, werten wir unser Selbstwertgefühl auf. Und das ist ganz schön fies – auch wenn es uns hinterher oft schrecklich leid tut.

"Wenn es keine Probleme gibt, suche ich mir eben welche"

Als Partner hat man leider das Pech, für den anderen die bequemste Frust-Abladestelle zu sein. Ärgert mich mein Chef, sollte ich mich besser zusammenreißen, solange ich noch im Büro sitze. Kaum zu Hause, muss dann leider mein Schatz dran glauben. Weil ich genau weiß, dass er die Beziehung bestimmt nicht kündigen wird. Nicht mal dann, wenn ich ihn als rücksichtsloses Ego-Monster beschimpfe, weil er seine ranzigen Jogging-Schuhe im Flur stehen lässt.

Ist man erst mal richtig in Fahrt, fällt es eben schwer, sich zu bremsen. Aber: Auch wenn der Liebste uns viel verzeiht – auf Dauer ist es unfair, seine Gutmütigkeit so zu strapazieren. Deshalb sollte, wer an sich arbeiten möchte, überlegen, was das emotionale Feuer so schürt. „Wenn wir uns von unserem Partner kritisiert oder angegriffen fühlen, schießen uns Gedanken durch den Kopf, die in diesem Moment total richtig erscheinen, tatsächlich aber voller Denkfehler sind“, sagt Burns. Was dazu führt, dass wir ungerecht werden. Natürlich ist es schmerzhaft, wenn uns jemand zwingt, die eigenen Fehler zu betrachten. Insbesondere, wenn es unser Partner ist. Aber lohnt es wirklich, sich deswegen zu zoffen? Schließlich macht es die Situation nicht besser, wenn wir beginnen zu mauern oder seine Fehler aufzählen – nur um von der eigenen Blöße abzulenken. Zumal sowieso derjenige siegt, der an diesem Tag die bessere Kabbel-Kondition besitzt.

Burns rät daher, dass wir uns bei aller Lust am Drama langfristig fragen sollten, was uns mehr lockt: Die Belohnung eines gewonnenen Machtkampfes? Oder doch das schöne Gefühl, wenn man seinen Kollegen von dem herrlich relaxten Wochenende mit dem Liebsten erzählen kann, bei dem man endlich wieder Kraft getankt hat? Immerhin ist das Leben anstrengend genug.

Emotionales Feuer ist sexy – (ver-)führt aber zu Denkfehlern mit fiesen Folgen

Forscher der Universität Washington haben herausgefunden, dass Paare in 69 % aller Fälle über die gleichen Dinge streiten. Und zwar ihr Leben lang. Bestimmte Reizwörter oder Gesten – wie dieses Schulterzucken, das er immer macht und dabei noch so dreist die Mundwinkel verzieht – führen dann innerhalb einer Millisekunde zur Eskalation. Wird dies zum jahrelangen Ritual, kann es in einer Liebesbeziehung viel anrichten. Das Schulterzucken, die falsche Joghurt- Marke, seine Unordnung werden dann zu einem Stellvertreterkrieg.

Wer über lange Zeit kultiviert hat, sich so mit seinem Schatz zu bekriegen, trägt Wunden davon: ein angekratztes Selbstbewusstsein, Vertrauensschwund, unterschwellige Rachegelüste. Oder man lauert bei jedem Satz auf die Anzeichen für einen Angriff, um gleich die Gegenattacke zu starten. In solchen Fällen ist meist schon so viel kaputt, dass es mehr braucht als die niedliche Entschuldigungs- SMS aus der S-Bahn.

Ach, bei Ihnen ist es noch nicht so schlimm? Aber ein bisschen fühlen Sie sich trotzdem ertappt? Dann versuchen Sie mal, bei Ihren Streits rechtzeitig einen „Aus“-Schalter zu finden. Indem Sie zum Beispiel kleine Mücken als solche erkennen. Und wenn weiterhin (zu viele) Elefanten auftauchen, bitten Sie gute Freunde, als Seh-Hilfe herzuhalten, um Ihr Bild zurechtzurücken. Denn das gelingt Außenstehenden meist besser. Im Übrigen fanden die Forscher der Uni Washington auch heraus, dass die immer gleichen Streits der Paare sich um Dinge drehen, die nicht zu ändern sind. Die Kunst, diese zu akzeptieren und gleichzeitig das Beste daraus zu machen, gelingt uns in Freundschaften ohne groß zu überlegen. Warum also nicht auch in unserer Beziehung? Denn ganz ehrlich: Reibung können wir uns auch woanders holen.

Pärchen
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Seit neun Jahren sind Tom, 38, und Christine, 31, ein Paar. Dass er gerne den Streithahn macht und sie damit in die Enge treibt, hindert die beiden nicht daran, bald eine Familie zu gründen.

Tom: Ich gebe zu: Ich ärgere und pikse viel und versuche, Christine so hinzubiegen, wie ich sie haben möchte. Ich bin ein Manipulator, aber im positiven Sinne.
Christine: Ich kann das aber auch, gerade habe ich mich beim Urlaub durchgesetzt, indem ich dich unterschwellig so lange bearbeitete, bis du nach Bali wolltest.
Tom: Ja, das hat funktioniert. Aber ich gehe eher taktisch vor. Mit Geschenken und Aufmerksamkeit, mit denen ich dich knacke und das kriege, was ich will. Nur beim Thema Ordnung klappt das nicht.
Christine: Oh ja, ich bin echt unordentlich. Aber du machst immer gleich ein Drama daraus, statt dich zu arrangieren.
Tom: Am Anfang habe ich alles weggeräumt, aber heute kann ich, wenn wieder alles rumsteht, einen Riesenkrach anfangen. Wenn ich in Stimmung bin, ist es mir auch egal, wenn du anfängst zu weinen. Dann werde ich laut und verletzend und wärme alte Sachen auf.
Christine: Ich weine meist aus Wut. Dann schalte ich auf stur und räume die Sachen erst recht nicht weg, nur um dich zu ärgern. Und ich suche mit Vorliebe nach deinen Fehlern – als Revanche.
Tom: Und das ist so gemein! Weil du mir nur den Spiegel vorhalten willst. Aber meistens fällt dir eh nichts ein, und diese Schwäche nutze ich schamlos aus.
Christine: Mir fehlen oft die Argumente, weil ich Kleinigkeiten nicht so viel Wert beimesse. Manchmal würde ich sie gerne in ein kleines schwarzes Buch schreiben, um auch mal Stress machen zu können.
Tom: Du bist in Streits oft so hilflos, und ich pumpe mich richtig auf. Ich weiß um die Kraft meiner Stimme, und wenn ich Hunger habe, werde ich zum Biest und brülle.
Christine: Tja, und mir bleibt nichts weiter, als dir aus dem Weg zu gehen…
Tom: Schlau! Denn ansonsten freue ich mich regelrecht über deine Hilflosigkeit. Dann kann ich richtig gemein werden. Manchmal beobachte ich mich dabei und denke: Was für ein Arschloch! Danach tut es mir aber auch immer schrecklich leid, und ich komme bei dir angekrochen und entschuldige mich.

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Jenni, 31, und Martin, 35, sind seit zwölf Jahren zusammen und leben ihre Streitkultur mit Leidenschaft, wenn auch oft ohne Ergebnis. Zwischen Oberlehrer und Hippiegirl gibt’s eben keine Abkürzung.

Jenni: Martin ist ein Vollblutmensch, vor allem im Job, da gibt er alles: Er ist konzentriert, ehrgeizig und zuverlässig. Das schätze ich sehr. Meistens jedenfalls. Nur wenn für mich wenig Zeit bleibt, fange ich an zu diskutieren. Dann ist mir auch egal, dass er vom Arbeiten erschöpft ist.
Martin: Damit hast du völlig recht. Ich sehe das nur nicht immer sofort ein. Und leider kommt das Thema immer wieder. Dabei waren wir zu Anfang so friedlich.
Jenni: Irgendwann haben wir uns in Rollen gedrängt: Ich bin die Chaotische, du bist der Planer. Das ist heute noch so. Wenn wir verreisen, denke ich, dass sich schon alles findet, du aber willst vorbereiten.
Martin: Das Schlimme ist: Je mehr du es auf dich zukommen lässt, desto mehr will ich planen. Es macht mich wahnsinnig, wenn du alles bei mir ablädst. Auch wenn ich weiß, dass vor allem ich eine Reiseversicherung möchte, wünschte ich, dass du auch das Bedürfnis hättest.
Jenni: Mir ist das doch total egal. Ich habe dann das Gefühl, dass du gar keinen Spaß haben kannst.
Martin: Was ist das für eine Begründung? Mir ist es wichtig, Sachen zu verargumentieren und logisch zu erörtern. Es gibt rationale Gründe für eine Versicherung.
Jenni: Das mag sein, und am Ende gebe ich dir oft recht. Aber in dem Moment bin ich genervt. Ich gehe da emotionaler ran.
Martin: Du wirst auch eher laut als ich. Ich bin betont ruhig, fast schon eklig sachlich und rational – auf ätzende Art. Und das mit Absicht, wenn wir streiten.
Jenni: Das nervt total. Auch, dass du mich so oft prüfst: Hast du an die Steuer-Unterlagen gedacht? Das ist grässlich.
Martin: Diese Prüf-Situationen, in die ich dich dränge, nerven mich auch. Als ob ich für alles bei uns verantwortlich wäre. Aus der Rolle kann ich dann aber nicht raus.
Jenni: Du bist dann schrecklich oberlehrerhaft und behandelst mich wie ein Kind. Für dich bleibe ich das Hippiegirl.
Martin: Tja, es ist das gleiche Muster seit vielen Jahren. Zwar kennen wir die Wege, die unsere Streitereien gehen – aber eine Abkürzung finden wir nur selten.

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