11. Juni 2012
Die kann ich ja gar nicht ab!

Die kann ich ja gar nicht ab!

Es ist so unerklärlich wie die Liebe: Manche Menschen, Lieder oder Looks finden wir von der ersten Sekunde an zum Abgewöhnen. Sabine Reichel über die Frage, warum jeder wen und was anderes hasst.

Frauen lästern
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Frauen lästern

"Ich hasse Heidi Klum!", brach es aus meiner Freundin Birgit heraus. Warum denn das? Ich finde Heidi bildhübsch, pfiffig und eigentlich bewundernswert. Dafür, ich gebe es zu, sehe ich rot bei der tödlich langweiligen Jennifer Aniston mit dem dümmlichen Dutzendgesicht. Versteht Birgit wiederum überhaupt nicht, gerade die niedliche Jen?

Hass ist eben sehr persönlich. Und genauso rätselhaft wie Liebe, die ja bekanntlich auch auf den ersten Blick so schnell und heftig wie ein Blitz einschlagen kann. Frauen neigen erwiesenermaßen zum Klatschen, und jeder kennt den Spaß, über eine nicht anwesende Person Biestiges zu vermelden (einer Studie zufolge lästern elf Prozent der Deutschen jeden Tag). Und starke Reaktionen auf Menschen, die man trifft oder die durch Medien ins Haus gebracht werden, ist nichts Ungewöhnliches. Aber dieser „Hass auf den ersten Blick“ ist ja nicht mit echtem Hass zu verwechseln, den man u. a. für Kriege, Diktatoren und Kinderprostitution reservieren sollte. Keiner will David Hasselhoff töten oder Sonya Kraus gewaltsam davon abhalten, noch einen Mucks zu sagen. Oder Stefan Raab für immer eine Papiertüte über den Kopf stülpen (obwohl, ich täte es gern).

Hass auf den ersten Blick hat auch die Funktion des Feindbildes. Psychologen und Forscher wissen, dass es sich bei dieser Art Hass keineswegs um Wahrheit oder Objektivität, sondern um ein Ventil handelt, das eher harmlos ist und genauso wie Klatsch „gesund“ sein kann. Es ist einfacher, das, was Menschen für uns repräsentieren und wir verabscheuen, an eine nicht persönlich bekannte Persönlichkeit zu hängen.

Besonders all die reichen narzisstischen Leute aus dem Showgeschäft, die sich immer wieder durch Schlagzeilen in unser Bewusstsein drängen wie ein Migräneanfall, eignen sich natürlich bestens für all die Projektionen und Gefühle, die in uns schlummern und plötzlich herausspringen wie Flöhe. „Demi Moore no more!“, brüllt der Kopf. Nein, nicht schon wieder diese fürchterliche Lindsay Lohan! Kann nicht einer das Mädel für immer wegsperren! Und kann sie bitte gleich Lady Gaga mitnehmen? Und Fotoverbot für die Trauerweide Victoria Beckham – und wenn schon, dann lächelnd und ohne Sonnenbrille!


Wie individuell und persönlich Hass auf den ersten Blick ist, zeigen leidenschaftliche Auflistungen, die aufgeregt von jeder einzelnen Freundin übertrumpft werden. Diese starken Gefühle sind völlig irrational, wenn es um Geschmack und Vorlieben geht. Und das ist ja der Sinn. Es ist lustig zu sehen, wer wen hasst. Jemand, der es wagt, Harrison Ford zu hassen (ich, mit großer Leidenschaft) oder George Clooney und Johnny Depp (ich liebe beide), der ist eigentlich reif für einen kurzen Besuch in der Psychiatrie wegen Realitätsverlust, findet die eine. Eine andere Freundin hat sich dafür Katja Riemann, Karl Lagerfeld und Carla Bruni auf ihre Hassliste geschrieben, bei mir sind es Veronica Ferres, Claudia Roth und Sandra Maischberger. Aber die Personen wechseln auch immer wieder. Jahrelange Hassobjekte waren für mich Calista Flockhart aus „Ally McBeal“ sowie Céline Dion und das „Titanic“-Lied. Heute sind mir beide egal. Ich mochte einst Madonna sehr, die „neue“, völlig verbotoxte Madonna erzeugt nur Gruseln.

Aber es bleibt nicht bei Personen. Es gibt ganze TV-Serien, bestimmte Kleidungsstücke, ja sogar Phrasen, bei denen irgendetwas mit einem durchgeht. Ich hasse „Cindy aus Marzahn“ und „Die Kochprofis“. Wirklich. Ich kenne sogar jemanden, der die Mainzelmännchen aus tiefstem Herzen hasst. Bei mir provozieren Männer mit braun gefärbtem Haar und grauen Koteletten Mordgelüste. Und ich habe mich beinahe mit einer Freundin in die Haare gekriegt, weil sie eine ungesunde Leidenschaft für Hängerchen über Skinny Jeans entwickelt hat und damit wie ein verunglückter Teenie aussieht.

Oft ist es auch so, dass der aufflackernde Hass auf bestimmte Menschen ganz einfach nur an Dinge erinnert, die leider sehr unangenehme Rollen in unserem Leben gespielt haben. War es nicht die gemeine Petze Doris Kretschmann aus der 7. Klasse, an die uns Paris Hilton erinnert? Auch Neid kreiert einen gewissen Hass. Zu reiche Menschen, die dafür nicht mal hart arbeiten müssen, wie Tom Cruise, seine Katie Holmes und die überdrehte Göre Suri schüren das Hasspotenzial. Und doch: Erstaunlicherweise scheint es Leute zu geben, die jeder liebt – Helen Mirren, Meryl Streep, die Queen, Tierbabys, die Beatles, und – die Welt ist ein Mysterium – scheinbar auch Günther Jauch – den ich wirklich hasse!

SO IST DASS ...
Evolutionsbiologen haben schon lange herausgefunden, dass Lästern und Klatsch soziale Beziehungen stärken, Vertrauen schaffen und Stress abbauen. Laut Studien dauern 64 Prozent der Telefonate mit Freundinnen länger als 30 Minuten. Bei Männern sind es nur 32 Prozent. Wir wussten es: Frauen hassen und lästern mehr.

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