20. Juni 2011
Sind Sie hochsensibel?

Sind Sie hochsensibel?

Nehmen Sie alles schrecklich persönlich? Sie erwarten zu viel von anderen und weinen schnell? Dann haben wir eine gute Nachricht: Sie sind nicht allein damit.

Traurige Frau
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Traurige Frau

Das ist wieder einer dieser Tage. An denen alles zu viel wird, man mit einer Keksdose ins Bett kriecht und die Decke über den Kopf zieht. Weltschmerz-Tag. Schokoladeneis-Tag. Ich-kann-und-will-nichts-Tag. In diesen Stunden ist die Sonne zu hell, die Nachrichten im Radio zu entsetzlich und die beste Freundin ein Trampel. Ja, meinetwegen ist man eine Mimose. Ein dünnhäutiges Sensibelchen, das allen auf den Zeiger geht. Blöd nur, wenn man öfter solche Schokoladeneis-Tage hat und es regelmäßig passiert, dass die Welt schmerzt. Sollte man sich dann gleich einen Zettel auf die Stirn pappen, auf dem „neurotische Zicke“ steht? Sollte man nicht. Denn eine mögliche Erklärung könnte sein, dass man zur Gruppe der Hochsensiblen Personen gehört. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron erforscht wurde. Erst in den späten 90er-Jahren prägte sie den Begriff „HSP“. Na, herzlichen Glückwunsch, könnte man jetzt denken, dabei handelt es sich doch bestimmt wieder um eine Modekrankheit für laktoseintolerante Prinzessinnen mit Dauer-PMS, denen eine Erbse unter dem Luxuslotterbett nicht passt.

„Früher nannte man es neurotisch oder hysterisch“

Chat ins Glück?
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Sicher ist Skepsis angebracht, wenn mal wieder eine neue Bezeichnung für Charaktereigenschaften auftaucht, die man zu Sigmund Freuds Zeiten schlicht hysterisch genannt hätte. Hochsensible Personen sind – wie der Name schon sagt – überempfindlich. Ihnen ist nicht nur manchmal der Druck zu hoch, sie empfinden auch Gefühle wie Wut, Freude oder Enttäuschung stärker und nehmen Sinneseindrücke intensiver als andere wahr. Küchengerüche stinken zum Himmel Musik wird zu Höllenlärm.


Was man aber über das Phänomen HSP wissen muss: Es lässt sich nicht einfach wie ein Schnupfen diagnostizieren – und es handelt sich um eine weitverbreitete Prägung, glaubt man Elaine Aron. Sie behauptet, dass rund 20 Prozent der Menschen zu den Hochsensiblen zählen – und nein, dabei handelt es sich nicht nur um Frauen. Der Anteil der Männer unter den extrem Empfindsamen soll in etwa gleich groß sein. Dabei sprechen wir hier nicht von Kerlen, die gern Frottee-Unterwäsche tragen und in voll schönen Momenten ihren Namen tanzen. Hochsensible kommen schlecht mit Veränderungen zurecht und richten sich ihr Leben überraschungsfrei mit festen Ritualen und Strukturen ein – eine Eigenart, die man von Frauen wie von „echten“ Männern kennt.

Auch interessant: Hochsensible sind schnell gekränkt, brauchen Wochen für eine Entscheidung und grübeln ewig über vermeintliche Nebensächlichkeiten nach: Wenn eine Freundin zum fünften Mal ankommt und wissen will, wie man die Bemerkung vor vier Monaten nun genau gemeint hat, könnte es sich bei ihr um einen hochsensiblen Zug handeln. Dabei nehmen Hochsensible nicht nur alles ein bisschen schwerer – sie haben es wirklich schwerer. Der Grund: Wir leben in einer reizüberfluteten und schnellen Welt, in der die Nachrichten im Fernsehen jeden halbwegs mitfühlenden Menschen zum Weinen bringen. Eine Welt, in der ständig Telefone piepen, Mails plingen und man oft Ellenbogen aus Stahl braucht, um sich durchzusetzen. Und der Hochsensible sitzt mit seinen feinen Antennen in all dem Getöse – ohne das berühmte dicke Fell, an dem alle Katastrophen und der alltägliche Wahnsinn wie Wassertropfen an einer Scheibe abperlen.


Dabei ist die Charakterprägung Fluch und Gabe zugleich: Hochsensible finden sich besonders oft in kreativen Berufen, wo sie mit ihren speziellen Gaben große Erfolge feiern. Übrigens vermutet man, dass Johnny Depp, Winona Ryder und Michael Jackson in die Kategorie HSP fallen. Ob es stimmt? Wer weiß. Richtig ist in jedem Fall, dass wir einfache Lösungen mit drei Buchstaben suchen, die uns dabei helfen, das oftmals unerklärliche oder absonderliche Verhalten von uns selbst und anderen zu erklären.

„Auch Johnny Depp oder Winona Ryder gehören dazu“

In diesem Sinne könnte man jetzt prima das Phänomen HSP als Entschuldigung für schlechtes Benehmen nutzen oder als coole Rechtfertigung für miese Tage. Aber eigentlich heißt es doch nur eins: Dass unglaublich viele verschiedene Typen auf dieser Erde existieren. Die einen marschieren stur und mit einem Achselzucken durch den Alltag, andere tänzeln wie eine Diva über die Bühne des Lebens. Und ziemlich viele von uns benehmen sich wie eine Schnecke, ziehen schon bei leichten Erschütterungen die Fühler ein und flüchten in ihr Schneckenhaus-Bett. Dann ist wieder ein Schokoladeneis-Tag. HSP-Tag. Oder wie auch immer man ihn nennen will.

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