20. September 2012
Ich wäre so gerne anders

Ich wäre so gerne anders

....Ich komm nur nicht dazu. Zu schüchtern, zu unsportlich, zu sensibel: Irgendwas hat doch jeder an sich zu kritteln. Katja Bosse verrät, wie man eine "WOW-Frau" werden kann und sich dabei trotzdem treu bleibt.

© Thinkstock

Komisch eigentlich, dass ich noch nie geträumt habe, ich sei ein Schlittenhund der hat bestimmt das dickste Fell, das man sich nur wünschen kann. Und so eins hätte ich auch gern. Dann wäre es mir endlich egal, was andere über mich denken. Kritik würde ich mir nicht so zu Herzen nehmen. Ich könnte öfter mal Nein sagen. Und hätte nicht ständig das Gefühl, es allen recht machen zu müssen. Ich bin wohl aber eher ein Windhund: zu dünnhäutig, zu sensibel, zu sehr auf Anerkennung erpicht. Zu, zu, zu. Klingt ein bisschen nach Komplexen. So schlimm ist es zwar nicht, aber ich frage mich schon manchmal, ob ich nicht leichter durchs Leben käme, wenn ich etwas anders wäre. Selbstsicherer, souveräner, schöner; gelassener, geordneter, geselliger; lustiger, lauter, lockerer. Oder eben: dickfelliger. Es wäre doch zum Beispiel besser, wenn mir ein schnippischer Kommentar nicht gleich den Tag verderben würde. Ein Streit mich nicht schlaflos machen würde. Ein misslungener Text mich nicht zweifeln ließe. Aber ich kann ja nun mal nicht aus meiner Windhund-Haut. Oder?

Sich selber erforschen

„Wer sich selbst erforscht hat und weiß, wie er tickt, kann sich auch verändern“, sagt Karin Krümmel (www.lifecoach-berlin.de). Die Berliner Diplom-Psychologin hat sich darauf spezialisiert, andere beim Anderswerden zu unterstützen – beruflich wie privat. Die meisten, die sich für ein Coaching bei ihr entscheiden, wissen allerdings noch gar nicht, was genau sich verändern soll – nur, dass sie halt anders werden wollen. Weil sie gerade in einer Sackgasse stecken, andere toller finden als sich selbst, oder weil sie den Mecker-Modus nicht mehr abschalten können. Ein erster Schritt zur Selbsterkenntnis: „Sich selbst erforschen, immer wieder. Und liebe Menschen darum bitten, ehrliche Einschätzungen abzugeben.“ Eine langjährige Freundin, den Partner, die Schwester. Und vielleicht noch jemanden, der einen noch nicht so lang begleitet, sich aber schon ein Bild machen konnte. Ein Kollege zum Beispiel. Wie nimmt er mich wahr? Welche Eigenschaften schreibt er mir zu? Und würde er das bitte an Beispielen festmachen? „Sich so ein Feedback einzuholen, erfordert Mut“, weiß Karin Krümmel. Viele hätten Angst, sich mit den Rückmeldungen zu konfrontieren: „Aber der Blick von außen ist wertvoll, weil man ein klareres Bild von sich bekommt und nicht mehr so im Gefühlsnebel feststeckt.“

Klar wird sich dabei herausstellen, dass man bei Weitem nicht perfekt ist. Aber von Vertrauten zu hören, dass man (liebenswerte!) Macken hat und an der ein oder anderen Sache sicherlich noch arbeiten könnte, ist immerhin leichter zu ertragen, als wenn Fremde einen damit schonungslos konfrontieren. Noch ein Feedback-Vorteil: Im Austausch mit anderen wird sich herausstellen, dass Sie viel vielseitiger wahrgenommen werden, als Sie dachten. Und dass Sie wahrscheinlich wieder mal strenger mit sich selbst waren, als Sie es jemals anderen antäten. Die Erkenntnis schärft die Selbsteinschätzung, motiviert und hilft einem dabei, Punkte zu finden, an denen es sich in Sachen Anderswerden ansetzen lässt. Und wenn meine selbst ernannte Jury nun urteilt, dass ich wohl wirklich zu schnell beleidigt bin, zu nah am Wasser gebaut und überhaupt zu viel persönlich nehme? Die Psychologin: „Dann gehen Sie wohlwollend damit um und akzeptieren es vorerst als Status quo.“ Je genauer wir uns kennenlernen, desto leichter gelingt es, uns aktiv zu ändern.

Nun, da ich weiß, dass ich dazu neige, Dinge überzubewerten, könnte ich im Alltag ja mal etwas besser auf mich achten: Den Fehler nicht gleich bei mir suchen, wenn die Tischnachbarin übler Laune ist – und ihr einfach etwas Schoki reichen. Am Telefon nicht sofort explodieren, wenn Mutti nörgelt, dass ich mich nicht kümmere. Ernsthaft eruieren, ob ich wirklich schon wieder diejenige sein muss, die den Fahrdienst zur Party übernimmt. „Das Gefühl ist ihr Navi“, sagt Karin Krümmel. Wenn sich die Übungen zum neuen Selbst gut anfühlen, sind Sie auf dem richtigen Weg. Dann heißt es: weitermachen, bis das große Ziel erreicht ist. Also so lange, bis Sie in jeder Situation so handeln, wie es das Wunsch- Ich täte. Klar, das ist einfacher gesagt als getan. Und nur, weil man den ersten Schritt getan und sich eingestanden hat, dass man eine Chaotin, ein Nervenbündel oder viel zu verbissen ist, wird man eine Woche später weder ein Vorbild für Ordnung noch die Gelassenheit in Person sein.

Zumal uns sooo viele Ausreden ein- fallen: „Bei der Arbeit ist es im Moment viel zu stressig, da habe ich keine Kraft für Veränderungen.“ Auch gern genommen: „Im Urlaub denke ich doch nicht über To-do-Listen nach. Da hab ich frei!“ Oder: „Ich reagiere wahrscheinlich gerade über. Ist doch im Grunde gut, wie es ist.“ Schade eigentlich. Denn wer sich einmal aufgerafft hat, das, was ihm missfällt, endlich anzugehen, bleibt in der Regel auch gern am Ball. „Je bewusster Sie sich für eine Veränderung entscheiden, umso besser funktioniert sie“, weiß Krümmel aus ihren zahlreichen Coachings. Weil sie „intrinsisch“ motiviert ist, der Wunsch also aus Ihrem Herzen kommt – und nicht von außen aufgedrückt wird. Mit dem Anders-für-andere-Werden ist das nämlich so eine Sache. Nicht selten kommt man nach einiger Reflexion auf den Dreh, dass einen in Wahrheit vor allem der Vorgesetzte, die Mutter oder der eigene Partner gern etwas anders hätte. Und man den Wesenswechsel sonst vielleicht gar nicht angestrebt hätte. Weil wir aber gern gefallen, lässt uns der Gedanke nicht mehr los. Mein Mann zum Beispiel findet es attraktiv, wenn Frauen viel Sport treiben. Nicht nur, weil straff gleich sexy ist. Sondern auch, weil er findet, dass man das seiner Gesundheit schuldig ist. So weit, so super. Nicht so super finde ich es, wenn er mich mit Freundinnen zum Laufen verabredet und dauernd dazu animiert, endlich eine Mitgliedschaft in Vereinen für Fitte zu unterschreiben.

Sicher, ich wäre durchaus gern sportlicher. Aber weder finde ich, dass ich es zwingend nötig hätte, dreimal die Woche zum Hüpfen und Hantelnheben zu gehen, noch macht mir der Gedanke Freude, ständig zum Sprint anzusetzen – das tue ich im stressigen Alltag schon oft genug. Ich schmeiße mich also auch gern mal in die schicke Sportklamotte, weil’s so auf dem Sofa gemütlicher ist – und belasse es mit dem Anders-sein-Wollen in diesem Fall beim bloßen Spruch. „Dass der Impuls nur von außen kam, ist eine ebenso hilfreiche Erkenntnis“, so die Psychologin. „Der Wunsch nach Änderung wird sich relativieren, wenn sich herausstellt, dass das Herz bei der Realisierung nicht hüpft.“ Dann war der nette Gedanke daran, so aktiv wie die kraxelnde Kollegin und so risikofreudig wie der beste Kumpel zu sein, vielleicht größer als das echte Bedürfnis nach Veränderung im wahren Leben. Im Idealfall nutzt man den Antrieb zum Anderssein sowieso lieber dazu, Stärken zu stärken – und sich mit einigen Anteilen seiner Persönlichkeit schlicht und ergreifend auszusöhnen.

Was nützt es, wenn Sie krampfhaft versuchen, so witzig, präsent und geschwätzig wie die Frau von der Party neulich zu sein – wenn Sie selbst eigentlich viel lieber leise sind. Dafür ruhen Sie in sich und verbreiten Wohlfühlstimmung, während die andere noch einen draufsetzt. Das zu erkennen, ist so viel wert. Ihre „Jury“ schätzt sie dafür. Und es spricht nichts dagegen, trotz alledem daran zu feilen, seinen Standpunkt im Job künftig selbstbewusster zu vertreten, oder seine Bedürfnisse in der Beziehung nicht immer hintanzustellen. Vielleicht sogar durch ein Seminar. Oder indem Sie in weniger wichtigen Momenten stetig üben, andere auf sich aufmerksam zu machen, wenn Sie sich sonst übersehen fühlen. „Das Leben unterliegt sowieso einer immerwährenden Entwicklung“, sagt Karin Krümmel.

An Veränderungen kommt keiner vorbei. Und wenn sie besonders dringlich sind, sollte man nicht darauf warten, dass sie von alleine geschehen. Aber Spaß müssen sie machen – spätestens, wenn erste Erfolge sichtbar sind und Sie die Waage küssen könnten, den Chef mit einem schlagfertigen Spruch überraschen oder vollkommen lässig den Raum betreten. Was mich angeht: Ich werde der Meinung anderer sicherlich nie ganz gleichgültig gegenüberstehen. Will ich auch gar nicht. Ich fühle mich nun mal wohler, wenn ich mit meinen Ansichten nicht ganz allein dastehe. Ich bin motivierter, wenn ich hin und wieder ein Lob erhasche. Und freue mich, wenn ich anderen einen Gefallen tun kann. Aber mich in Gelassenheit üben, Kritik an-, statt übel nehmen, mir Freiräume verschaffen – das werde ich gern und ausdauernd trainieren. Ist zwar keine sportliche Disziplin – sorry, mein Lieberaber immerhin etwas!

Ich will so bleiben, wie ich bin

SIE WOLLEN GAR NICHT ANDERS SEIN? SCHÖN! DANN BRINGEN SIE IHRE TOLLEN SEITEN DOCH NOCH ETWAS MEHR ZUM GLÄNZEN – ZUM BEISPIEL SO:

EIGENLOB SAMMELN Sie leiden nicht an Selbstüberschätzung, nur weil Sie wissen, was toll ist an Ihnen. Schreiben Sie alles, was Ihnen einfällt, auf Zettelchen und gucken Sie rein, wenn Sie schlecht drauf sind: kleine Erfolge, die beste Tat des Tages, Komplimente anderer, Dinge, auf die Sie stolz sind ...

ZUR MARKE WERDEN Was können Sie besonders gut? Was unterscheidet Sie von anderen? Machen Sie diese Eigenschaften zum Markenzeichen und versuchen Sie, sie weiter auszubauen. Dann werden Sie noch besser wahrgenommen und treten selbstbewusster auf.

ZU FEHLERN STEHEN Nehmen Sie Ihre Schwächen mit Humor und lernen Sie aus Fehlern. Das macht Sie viel sympathischer als eine ewig perfekte Person. Auch eine Macke ist liebenswert – solange Sie mit sich im Reinen sind.

Anders werden – so gelingt’s!

DER WEG IST DAS ZIEL: FÜNF STRATEGIEN, MIT DENEN SIE HINDERNISSE ENDLICH BEWÄLTIGEN

1. DAVON TRÄUMEN Malen Sie sich in bunten Bildern aus, wie es sein wird, wenn sie anders sind. Was wollen Sie dann tun? Wie wird es sich anfühlen? Genießen Sie diese Gedankenspiele. Es gibt keinen besseren Film als den im eigenen Kopfkino!

2. DARÜBER REDEN Machen Sie andere Menschen zu Zeugen Ihres persönlichen Plans. Wenn Sie von Ihren Wünschen erzählen, merken Sie schneller, ob alles schlüssig ist – und Sie ziehen Ihr Ding eher durch. Es lohnt sich, dranzubleiben!

3. MUTIG SEIN Beruhigen Sie Ihren inneren Angsthasen damit, dass der Weg sich lohnt und alles wohl überlegt und durchdacht ist. Damit wir die Komfortzone verlassen, muss das Ziel schließlich so reizvoll wie möglich sein.

4. VERBÜNDETE FINDEN Manchmal wollen andere genauso anders sein wie Sie. Dann schließen Sie sich zusammen, tauschen Sie sich regelmäßig aus und helfen Sie einander beim Durchhalten.

5. ETAPPENSIEGE FEIERN Markieren Sie Zwischenziele, denn sie sind der beste Beweis dafür, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Und für erste Erfolge dürfen Sie sich natürlich belohnen.

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