9. Juli 2012
Handy oder Liebesleben?

Handy oder Liebesleben?

Wen starren wir ständig an? Von wem können wir die Finger nicht lassen? Nein, wir meinen leider nicht unseren Liebsten – sondern unser Handy. Zwei Autoren beschreiben, wie sich die neue Technik auf ihr Liebesleben auswirkt.

Handy oder Liebe
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Handy oder Liebe

PETRA-AUTOR MARC BAUMANN STAUNT IMMER WIEDER, WAS EIN SMARTPHONE SO ALLES KANN. INKLUSIVE EINE BEZIEHUNG ZU GEFÄHRDEN – ZUM BEISPIEL DIE EIGENE

Es war Liebe auf den ersten Blick, im Herbst 2008. Kennengelernt hatten wir uns über einen Freund, und ehrlich gesagt, hat mich erst mal das Äußerliche gereizt: so elegant, so schlank, so schön anzufassen. Seitdem waren wir keinen Tag getrennt. Meine Zuneigung wächst noch immer – mit jedem neuen Modell und jeder neuen App. Meine Freundin behauptet, ich wäre mehr in mein iPhone verliebt als in sie. Das sagt sie immer dann, wenn wir uns streiten, weil ich angeblich „in jeder freien Sekunde auf das bescheuerte Telefon starre“. Seit Februar zanken wir uns seltener – seit meine Freundin ebenfalls ein iPhone besitzt. Nun kommt der Vorwurf schon mal von mir: „Leg das Gerät doch mal fünf Minuten weg!“

Unser Problem ist neu, eine Beziehungskrise 2.0. Meine Mutter versteht gar nicht, wie sich so ein unwichtiges Handy zwischen ein Paar drängen kann, aber sie weiß auch nicht, was „Twitter“ oder „Instagram“ oder „Pinterest“ ist (Foto-Plattformen) – und wie gut man damit Zeit verbringen kann. Nach dem Aufstehen schnell die Wetter-App gecheckt, erste Arbeitsmails und den iPhone-Kalender. Abends daheim sehe ich nach, was meine Freunde auf Facebook erzählen, lese auf Twitter den Artikel über Syrien und beende den Tag mit einem Sieg über Borussia Dortmund in der Fußball-App. Und meine Freundin? Ist früh schlafen gegangen.

Eifersüchtig auf's iPhone

Was kann ich dafür, dass mein iPhone so verdammt praktisch ist? Aus dem Blickwinkel meiner Liebsten starre ich abends immer nur auf diesen kleinen Bildschirm – und zugegeben, im blauen Licht des Displays sieht man tatsächlich behämmert aus: stumpfer, unbewegter Blick, der Körper verkümmert zur Haltevorrichtung, nur die Augen blinzeln und die Finger tippen oder wischen hektisch herum. Dabei kann das, was ich dort mache, durchaus kreativ oder sogar romantisch sein. Wenn ich meiner Freundin die tolle Halskette einer dänischen Goldschmiedin zum Valentinstag bestelle, oder ich im Netz das neue Album ihrer Lieblingsband herunterlade. Wenn ich das Foto von uns beiden am Meer auf Facebook teile, oder ich ihr nur eben ein lustiges Youtube-Video zeigen will. Bei all dem denke ich an meine Freundin – und wirke wahrscheinlich auf sie, die zehn Zentimeter entfernt von mir sitzt, doch unerreichbar weit weg. Wenn ein Piepston das Eintreffen einer SMS verkündet und ich kurz darauf lächele: War das dann nur ein Kommentar eines Freundes zum Champions-League-Halbfinale? Oder steckt dahinter eine andere Frau? „Diana“, mit der ich laut meiner Facebookseite seit gestern befreundet bin? So ein Smartphone kann eifersüchtiger machen als die hübscheste Praktikantin. Dabei verschicke ich nur den Link zu einer Unterschriftenliste gegen Tierversuche. Das Smartphone macht uns nicht per se zu schlechten Menschen, aber zu schlechteren Zuhörern. Gerade in einer Langezeitbeziehung ist das gefährlich.

In einer Beziehung passiert aber nicht sekündlich etwas Neues, gerade das Bekannte und Vertraute ist schön. In einer guten Beziehung erzählt man sich mehr als die schnelle Statusmeldung. 140 Zeichen – wie auf Twitter – reichen nicht, um seine Gefühle kundzutun. Nach sieben gemeinsamen Jahren bedeutet Beziehung auch Beziehungsarbeit, die kleine Umarmung, der spontane Kuss, das unerwartete Kompliment. Lauter schöne Dinge, die Aufmerksamkeit erfordern – wie das Smartphone. Jede noch so kurze Kurzmitteilung verschlingt Zeit, die ich woanders einsparen muss. Meine Freundin hat mich erst gebeten, mein iPhone abends auszulassen, später sogar mit dem Ende der Beziehung gedroht. Die Frage „Wen liebst du mehr: das Handy oder mich?“ würde kein vernünftiger Mensch mit „Das Handy, tschüß“ beantworten. Aber der völlige Verzicht erscheint mir ebenso unvernünftig. Zum Beispiel halte ich den Kontakt zu guten Freunden in England nur per Facebook aufrecht. „Schreib doch einen Brief“, sagt meine Freundin. „Meinst du das ernst?“, frage ich zurück. Aber es stimmt, ich könnte geschätzt 80 Prozent meines Smartphone-Konsums einsparen, ohne das mein Leben davon beeinträchtigt wäre.

Gibt es Smartphonesucht?

Der Psychologe Wilhelm Hoffman hat in einer Studie mit 200 Handybesitzern aus Würzburg herausgefunden, dass das Verlangen, online zu sein, bei Menschen häufiger und ausgeprägter sein kann als der Drang zu den klassischen Süchten wie Zigaretten oder Alkohol – und wichtiger als Sex. Internetsucht ist wissenschaftlich bewiesen, über Smartphonesucht habe ich noch nichts gelesen, aber es spricht alles dafür. Auf Twitter schrieb jemand neulich: „iPhone vergessen, was soll ich jetzt auf dem Klo lesen?“ Vielleicht sollte ich es wie Christoph Koch oder Alex Rühle machen, zwei Autoren, die Bücher über den Selbstversuch geschrieben haben, für eine gewisse Zeit „offline“ zu leben. Beide haben einfach mal den Stecker gezogen. Aus. Es hat ihnen gut getan, schreiben sie. Beide sind heute wieder „online“, ganz ohne ging es nicht. Muss es auch nicht, meine Freundin hat nie verlangt, dass ich mein Telefon aus dem Fenster werfe. (Mit Schutzhülle würde es ohnehin überleben.) Sie möchte nur nicht die Nummer zwei auf dem Sofa sein. Ich übrigens auch nicht.

PETRA-AUTORIN VERENA CARL EMPFAND DAS SMARTPHONE AUCH ALS KILLER FÜR DIE LEIDENSCHAFT. BIS SIE EINE BEZIEHUNGS-APP AUSPROBIERTE – UND STAUNTE

In langen Beziehungen gibt es drei Phasen schlafloser Nächte. In der ersten liegt man alleine wach und grübelt, wie ER die SMS um 23.42 Uhr wohl gemeint hat: „War schön heute Abend“ – warum nur schön, was heißt überhaupt „war“, hat das fehlende Satzzeichen etwas zu bedeuten, und wenn ja, was? Die zweite Phase kommt gleich danach, weil man zu zweit besseres zu tun hat als zu schlafen. Die dritte folgt ein paar Jahre später: weil beide iPhones neben dem Bett beharrlich Signale geben, wenn ein Kommentar zu einer Facebook-Statusmeldung eintrudelt. Auch nachts um 3.55 Uhr.

Es stimmt, was Kollege Baumann schreibt: Auch mein Mann hat häufiger sein iPad auf dem Schoß als mich. Und das mag nicht nur daran liegen, dass ich zwölf Jahre und zwei Schwangerschaften nach unserem ersten Date etwas schwerknochiger geworden bin. Bei dem Satz „Wir müssen reden“ ducken sich die meisten Männer eher noch etwas tiefer hinter dem Monitor. Ob der Hamburger Paartherapeut Christian Hemschemeier uns aus der Liebeskrise helfen kann? Der macht nicht nur gerne was mit Menschen, sondern auch mit Technik, und er hat eine App namens „Paarberatung“ programmiert. Zunächst bin ich skeptisch: Mag ja sein, dass ein Phone smart genug ist, um sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden – aber im Labyrinth der Seele? „Eine Therapie kann das natürlich nicht ersetzen. Es ist eher ein Anstoß für Paare, bei denen es nicht ganz rund läuft“, betont Hemschemeier. Na denn: 2,39 Euro sollte der Versuch mir wert sein.

Kommunikation mal wieder analog

Am Samstagabend mache ich einen Vorstoß: „Guck mal, ich hab da was im App-Store gefunden!“ Ein neues Spiel – so lässt sich mein Liebster gerne zum Psycho-Talk verführen. Die virtuelle Beratung hat es aber in sich. Schon das gemeinsame Markieren der Antworten im Beziehungsfragebogen wird spannend. So vertraut wir uns sind, haben wir doch nicht den gleichen Blick auf unsere Ehe. Etwa hier: „Empfinden Sie Ihre Beziehung als leidenschaftlich, in welcher Hinsicht auch immer?“ Nein, sage ich. Mein Mann sieht das anders: Auch wenn Erotik gerade zu kurz kommt, umarmen wir uns häufig und können leidenschaftlich diskutieren. Auch die Fragen zu unseren Biografien verblüffen: Offensichtlich wissen wir doch noch nicht alles voneinander. Etwa, als ich von den gescheiterten Beziehungen meiner Eltern erzähle. Ein Grund für meinen Hang zur Harmonie? Abendfüllendes Thema. Von der Fragebogenauswertung wischen wir uns weiter zu einer Liste mit Übungen, abgestimmt auf die Probleme des Paares. Uns empfiehlt der virtuelle Liebesberater zum Beispiel, unsere Beziehung als Fluss aufzumalen, von der Quelle bis heute. Total analog, mit Bleistift und Papier. Mein Mann versieht den Fluss mit kleinen Randzeichnungen: die Stromschnelle aus dem Jahr 2000, als ich kurz nach unserem Kennenlernen dachte, ich sei schwanger; der kleine Hund am Strand von Rügen 2003, als wir uns gegenseitig einen Heiratsantrag machten. Als wir im Jahr 2006 angekommen sind, entkorken wir die zweite Flasche Wein auf die Geburt unseres ersten Kindes und spüren: Da kommt tatsächlich etwas in Fluss zwischen uns. In dieser Nacht schlafen wir wenig. Am iPhone liegt es nicht.

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