1. Mai 2011
Die nette Seite des Neids

Die nette Seite des Neids

Niemand ist frei von dem fiesen Gefühl – und das ist auch gar nicht schlimm. PETRA-Autorin Katja Bosse zeigt, wie man aus Missgunst Motivation zieht und giftige Gedanken in positive Power verwandelt.

© thinkstock

Es ist so ein dumpfes Gefühl in der Magengegend. Ein diffuses Unwohlsein. Ein Anflug von schlechter Laune, die einfach nicht verfliegen will. Warum kriegt er jetzt das Kompliment und ich nicht? Ich hab ein ganzes Jahr in Paris verbracht, Vokabeln gepaukt und Franzosen geknutscht – und kaum kehre ich mit meinem Mann in die Stadt der Liebe zurück, schwärmen alle von seiner fantastischen Aussprache. Pardon?! Mit seinem Schulfranzösisch schafft er es doch gerade so, sich einen Croque Monsieur zu bestellen.

Manchmal pikst es auch, das Neid- Monster, es kann sogar beißen. Da schleppe ich mich ins Fitnessstudio, absolviere tapfer mein Po-Programm – und wer tänzelt im Slim-Sportdress an mir vorbei? Die Sit-up-Queen mit ihrem knackigen Angeberkörper und dem ätzend freundlichen Lächeln. Schnell verstecke ich mein schwitziges Antlitz hinter einem Klatschblatt. Nicht, dass sie meinen bewundernden Blick bemerkt. Sie ist nämlich leider kein bräsiges und hochnäsiges Fitness-Frauchen, sondern einfach nur beneidenswert sportlich. Und das wäre ich auch schrecklich gern.

Gelegentlich trampelt das bockige Rumpelstilzchen auch quer durch meinen Kopf und stänkert rum: „Ungerecht! Ungerecht! Ungerecht!“ Besonders dann, wenn ich versuche, es einzusperren. Es gibt schließlich keinen triftigen Grund, meiner Freundin ihre Freiheit zu missgönnen. Aber kaum fängt sie an, mir von Reitwochenenden an der Küste von Cornwall, Skihütten - sausen in den Alpen und einem verrückten Trip nach Vegas vorzuschwärmen, beginnt das Ungetüm in mir zu nagen. Denn während sich bei ihr alles ach so spontan ergibt, gehe ich höchstens mal kurz entschlossen ins Kino – oder ins Kinderwunderbadeland, weil es das ganze Wochen ende regnet und wir nicht auf den Spielplatz können.

Neidgefühle sind ganz normal

Wenn ich genauer darüber nachdenke, gibt es nur wenige Leute, die ich um nichts beneiden würde. Ich bin neidisch auf meine Freundin, die sich ein sterneverdächtiges Menü aus dem Ärmel schüttelt, während ich mich grundsätzlich ans Kochbuch kralle – nur, um statt einer Prise Salz nicht versehentlich eine Messerspitze zu nehmen. Meinen Vater beneide ich um sein unerschöpfliches Allgemeinwissen – mich wird wohl nie jemand zum Telefonjoker küren. Und unsere Nachbarn beneide ich schlicht und ergreifend um ihr großes Auto, das ihnen selbst vor einem zweiwöchigen Urlaub samt Kühlbox und Kuscheltieren noch Beinfreiheit und Rückblick gestattet. Bin ich jetzt eine missgünstige Mutti? Ein Neidhammel? Unzufrieden und ungerecht? Dabei finde ich mein Leben doch prima – und meine Mitmenschen meistens auch.

„Neidgefühle sind ganz normal“, sagt Martina Frisch, Life- und Jobcoach aus Hamburg. „Weil wir uns permanent vergleichen und am liebsten nach dem streben, was wir an anderen bewundern.“ Aber sind solche Empfindungen nicht auch ganz schön fies? Zumal, wenn sie sich gegen jemanden richten, der mir lieb und wertvoll ist? Oder der zumindest nichts dafür kann, dass er hat, was ich begehre? „Die Emotion wird gern tabuisiert, obwohl wir in einer regelrechten Neidgesellschaft leben“, sagt Frisch. Schon als Kind wurde uns auf die Finger geklopft, wenn wir der Sandkastenfreundin das Spielzeug neideten. „Leider wurde den wenigsten beigebracht, wie man mit dem Gefühl richtig umgeht.“ Und so schämen wir uns lieber still, statt unseren Neid offen zuzugeben und der Person ein ehrliches Kompliment auszusprechen: für das, was sie Tolles hat, kann oder tut. Je nach Charakter, Neidgrad und Tagesform reagieren wir stattdessen empört, traurig oder gar feindselig. Frauen verfallen in Depri-Stimmung; Männer ärgern sich über sich selbst.

Statt mich übers Sprachgefühl, die Sportlichkeit und spannende Reisen der anderen zu freuen, stochere ich also beleidigt in meinem Salade niçoise herum, verziehe mich frustriert in die Umkleidekabine und betone, dass mir Las Vegas eh zu viel blinkt. Dabei gefallen mir meine „gelben Seiten“ gar nicht.

„Schämen Sie sich nicht für Ihre Gefühle“, sagt Sozialpsychologe Rolf Haubl, Direktor des Sigmund-Freud- Instituts in Frankfurt am Main, „sondern nutzen Sie das Gefühl lieber als Signal, das Ihnen etwas über Sie selbst verrät.“ Dann könne Neid sogar positiv sein, weil man anfange zu reflektieren: Warum versetzt es mir einen Stich, wenn meine Schwester die Festgesellschaft mit Klaviermusik beglückt? Warum entgleitet mir das Gesicht, wenn eine Kollegin rhetorisch brillant ihr Projekt präsentiert? Wahrscheinlich, weil Sie selbst nicht so musikalisch und wortgewandt sind, es aber gern wären. „Wenn Sie zu dieser Einsicht gelangen, ist schon ein großer Schritt getan“, sagt Haubl, der eine Studie zu „Neid und Neidbewältigung in Deutschland“ durchgeführt hat. Um den nervigen Neid ganz loszuwerden, könne man ihn nun in Motivation umwandeln: „Was müssten Sie denn selbst dafür tun, um diese Fähigkeiten zu erlangen – oder sie noch zu verbessern?“

Nette Nebeneffekte des Neids

Wer sich auf sich selbst besinnt, konkrete Pläne fasst und die beneidete Person als Vorbild akzeptiert, nutzt nette Nebeneffekte des Neids: Selbsterkenntnis, Ansporn und Zielstrebigkeit. „So mancher kommt beim Nachdenken auch zu der Erkenntnis, dass er das, was er neidet, in Wahrheit gar nicht haben will“, sagt der Experte. Ihre Schwägerin macht zwar Karriere und hat ein sattes Plus auf dem Konto – fürs Shopping bleibt ihr aber kaum Zeit. Ihre Freundin hat einen Partner, der den Haushalt schmeißt – ihren Kinderwunsch teilt er trotzdem nicht. Dann doch lieber eine Handtasche weniger haben und einen Handschlag mehr machen, sagen Sie sich vielleicht – und sind dem neidfreien Glück schon ein ganzes Stück näher.

Für andere entwickelt sich aus dem motivierenden Neid eine solche Spirale, dass sie nur noch nach Höherem streben und sich permanent mit Leuten vergleichen, die schöner, erfolgreicher, glücklicher sind. „Man sollte wissen, wann es nicht nur besser, sondern auch mal gut ist“, sagt Haubl, der hierzu das Buch „Neidisch sind immer nur die anderen. Über die Unfähigkeit, zufrieden zu sein“ (Beck, 325 Seiten, 12,95 Euro) geschrieben hat. Wer sich einredet, nur noch glücklich sein zu können, wenn er jemanden übertrumpft, wird dieses Ziel wohl nie erreichen.

Und was ist zu tun, wenn das Ding, das ich will, gar nicht zu bekommen ist? Weil ich eben nie so dicke Haare haben werde, dass das Zopfgummi nur zweimal rumpasst, oder weil mein Chef nicht umsonst beschlossen hat, mir eine Vorgesetzte vor die Nase zu setzen, die er offenbar für fähiger hält? „Dann sollten Sie das akzeptieren – und auf das schauen, was Sie haben, und sich endlich mal wieder für Ihre eigenen Verdienste und Talente auf die Schulter klopfen“, rät Coach Frisch. Neid erwächst meist aus einem Mangelgefühl; wer sich klarmacht, was er in anderen Bereichen schon erreicht hat, wofür er dankbar ist und was richtig gut läuft, kann so ein Manko leicht kompensieren. „Manchmal verlieren wir auch aus dem Blick, dass nicht alle Lebensumstände des Menschen, den wir beneiden, gleich begehrenswert sind“, sagt Frisch.

Das kommt mir bekannt vor: Es gibt durchaus Tage, da beglückwünsche ich innerlich die Frau an der Supermarkt-Kasse: Weil sie ihren Kopf auch mal abschalten kann, wenn sie Ware für Ware über den Scanner zieht – während ich mir Wort für Wort aus dem Hirn saugen muss und mich vor lauter Ehrgeiz in meinem Job überfordert fühle. Dabei lasse ich ungerechterweise außer Betracht, dass ich dieser Tätigkeit weder täglich nachgehen, noch bis 23 Uhr arbeiten oder von fiesen Filialleitern gemobbt werden möchte. „Verklären Sie die Situation nicht und versuchen Sie stattdessen, den Blick für das Ganze zu wahren“, rät Martina Frisch. „Zu der Erkenntnis, das Leben tauschen zu wollen, kommen Sie dann höchstwahrscheinlich nicht.“ Stimmt. So gesehen, würde ich meine geliebte Altbauwohnung auch nie für volleres Haar eintauschen, meine Gelassenheit nicht für den perfekten Nasallaut und meine kleine Familie für kein Geld der Welt.

9 Neid No Gos

Egal, ob akuter Neidanfall oder fieses Gefühl im Unterbewusstsein – lassen Sie sich nicht zu diesen Untaten verleiten

  1. Die Fassung verlieren: Brüllen, beleidigen, heulen – ehe Sie die Kontrolle verlieren, lieber kurz den Raum verlassen und runterkühlen. Sonst droht Schlimmeres.
  2. Läster-Schwestern suchen: Wer schlecht redet und stänkert, gerät leicht an jemanden, der’s petzt. Anders abreagieren.
  3. In das Gefühl reinsteigern: Neid ist ein Gift, das in erster Linie Ihnen selbst schadet. Muss man sich das antun?
  4. Den beneideten demontieren: Ihre Chefin hat den Vorgesetzten bewusst ausgewählt. Versuchen Sie ihn anzuschwärzen, kriegen Sie die Stelle trotzdem nicht.
  5. Sich fürs Neiden verurteilen: Erkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Nutzen Sie das Wissen um Ihre Gefühle und ändern Sie etwas im eigenen Leben.
  6. Es anderen miesmachen: Nur, weil Sie es nicht haben, ist es trotzdem toll. Gönnen Sie – das tut auch gut.
  7. Den Kontakt abbrechen: Sich zu verkriechen, lindert Ihren Neid nicht. Lieber drüber reden.
  8. Gekränkt rumzicken: Ausreden und Funkstille sind albern und kindisch. Ersparen Sie sich das.
  9. Schmallipping werden: Sieht hässlich aus und ist mies fürs Karma. Lächeln!

Hilfe, ich werde beneidet

Nicht nur Sie missgönnen mal – auch Freunde, Kollegen oder Verwandte neigen manchmal zu Neid. Was Sie tun können, wenn Sie der Auslöser dafür sind

FREUNDLICH BLEIBEN
Bewahren Sie die Contenance, auch wenn Ihnen ein Neider noch so dumm kommt. Man sollte ihm keinerlei Gründe bieten, um das „Feindbild“ weiter zu schüren. Versuchen Sie, sein blödes Verhalten als Kompliment aufzufassen und sich über Ihren Erfolg zu freuen.

FEINGEFÜHL ZEIGEN
Wird eine Freundin von Neid geplagt – zum Beispiel, weil Sie schwanger oder in einer neuen Beziehung sind –, gehen Sie sensibel vor. Sie müssen das Thema ja nicht meiden; aber auch nicht ständig schwärmen. Den Kontakt aber unbedingt halten.

AUSSPRACHE ANLEIERN
Belastet Neid die ganze Beziehung, darf man denjenigen darauf ansprechen. Äußern Sie Ihr Bedauern darüber, dass etwas zwischen Ihnen steht. Und fragen Sie vorsichtig nach, was es sein könnte. Wer allzu sehr bohrt, riskiert einen Bruch.

SCHULDGEFÜHLE KILLEN
So leid es Ihnen vielleicht auch tut, dass jemand gern hätte, was Sie schon besitzen: Sie sind nicht verantwortlich für diesen Zustand. Helfen Sie demjenigen lieber zu erkennen, was ihn selbst auszeichnet und beneidenswert macht.

NEID NICHT UNNÖTIG SCHÜREN
Klar darf man stolz sein auf Erfolge und sich am eigenen Glück erfreuen. Wer sich allzu sehr damit profiliert und absichtlich Missgunst schürt, sollte allerdings reflektieren, was hinter diesem Bedürfnis steckt – und ob sein Verhalten wirklich nottut.

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