21. März 2013
Die Kunst der guten Entscheidung

Die Kunst der guten Entscheidung

Nie hatten wir so viele Chancen im Leben. Wie im Schuhladen stehen wir vor lauter bunten Optionen und fragen uns, welche die richtige ist. Und hört man besser auf den Kopf oder den Bauch? Ein Wegweiser zur richtigen Wahl

Frau muss sich zwischen Schuhen entscheiden
© Stacey Newman, iStock/Thinkstock
Frau muss sich zwischen Schuhen entscheiden

Mit 36 trifft Giorgio eine Entscheidung: Er gibt seinen gut bezahlten Job in einem Kaufhaus auf, um sich einen Traum zu erfüllen: Modedesigner zu werden. „Das war riskant. Ich konnte weder zeichnen, schneidern noch ein Geschäft führen. Alles, was ich hatte, war mein guter Geschmack“, erinnert er sich. „Aber als die Ängste überwunden waren, durchströmte mich das Glücksgefühl, richtig entschieden zu haben.“ Heute, 42 Jahre später, ist Stardesigner Giorgio Armani prominenter Beweis dafür, wie stark eine einzige kluge Entscheidung das Leben verändern kann.

Was wir jetzt entschließen, ist richtungsweisend

Gerade zwischen 30 und 40 müssen wir Entscheidungen von ungeheurer Tragweite treffen: Will ich heiraten? Zu meinem Partner ziehen? Möchte ich jetzt ein Kind? Oder später oder gar nicht? Soll ich noch einmal studieren? Oder einfach so den Job wechseln? Dabei erscheint das Leben manchmal als ein endloses Herumirren in einem Labyrinth von Möglichkeiten. Frauen können heute so viel entscheiden wie nie zuvor – aber was wie die große Freiheit wirkt, macht nicht unbedingt glücklicher.

Im Gegenteil: „Inmitten einer Welt unbegrenzter Optionen würden wir am liebsten immer und überall alles offenlassen“, schreibt der Psychologe und Bestsellerautor Bas Kast in seinem Buch „Ich weiß nicht, was ich wollen soll“ (Fischer Verlag, 18,99 Euro). Festlegen ist nicht unbedingt unsere Sache: „In der Liebe zum Beispiel soll heute so viel wie möglich so lange wie möglich unverbindlich bleiben. Wenn wir uns doch festlegen und heiraten, ist auch das längst nicht mehr unwiderruflich.“ Überfordert durch ein Zuviel an Freiheit, fällt uns jede Entscheidung zunehmend schwerer. Denn für jedes Festlegen zahlen wir einen hohen Preis: Sobald wir zum Beispiel einen bestimmten Berufsweg einschlagen, schließen wir damit die Türen für viele andere interessante Joboptionen. Und wenn wir uns jetzt für ein Kind entscheiden, schlagen wir der Wahlfreiheit, die ein Leben ohne Kinder mit sich gebracht hätte, die Tür vor der Nase zu. Wie sollen wir da überhaupt eine kluge Wahl treffen?

Gelähmt von der Vielzahl an Möglichkeiten

Psychologen sprechen vom Candy-Shop-Syndrom: Wie ein Kind, das im Süßwarenladen nicht weiß, was es von seinem einen, magischen Euro kaufen will, sind wir gelähmt von der Vielfalt der unzähligen Möglichkeiten. Wenn ich mich für Lakritzschnecken entscheide, entscheide ich mich gegen die roten Bonbons, das Karamell, die Schokolade. „Je mehr Optionen zur Verfügung stehen und je besser und attraktiver diese sind, auf umso mehr muss man verzichten, wenn man sich für eine bestimmte Option entscheidet“, formuliert der Volkswirtschaftler Mathias Binswanger das Problem. „Absurderweise fühlt man sich somit immer ärmer, obwohl man mehr hat.“

Die Tyrannei der Wahl bringt noch ein weiteres Problem mit sich. „Mit der Zahl der Alternativen steigen auch die Erwartungen an die gewählte Alternative“, sagt Bas Kast. Unbewusst sagen wir uns: „Verdammt, für dich, du liebe Himbeermarmelade, habe ich auf 23 andere, teils wirklich gute Marmeladen verzichtet. Ich will also nun sehr hoffen, dass du diesen enormen Verzicht wert bist.“ Alles andere wäre schlicht eine Enttäuschung.

Und enttäuscht sind wir, wenn wir die falsche Wahl getroffen haben. Wir fangen an zu grübeln: Warum habe ich mich – von den unzähligen Ferienorten, die es gibt – ausgerechnet für dieses Hotel auf dieser (verregneten) Insel entschieden? „Je mehr Optionen sich bieten, desto mehr Hätte-ich-Dochs lassen sich finden. Und mit jedem Hätte-ich-Doch wird die Reue größer und die Zufriedenheit mit der getroffenen Wahl kleiner“, schreibt der US-Psychologe Barry Schwartz. „Es mag zwar ärgerlich sein, in eine Bank zu gehen und festzustellen, dass nur eine Kasse offen ist und eine lange Schlange davorsteht. Aber es gibt keinen Anlass zum Bedauern. Doch was, wenn es zwei lange Schlangen gibt und wir wählen die falsche?“

Vielleicht könnte man Entscheidungen auch realisierbare Wünsche nennen – im Guten wie im Schlechten. Apple-Gründer Steve Jobs schrieb einmal: „In dem Moment, in dem du Verantwortung für deine Träume übernehmen kannst und dafür haftest, ob du sie verwirklichst oder nicht, wird das Leben ein ganzes Stück härter.“ Giorgio Armani übernahm die Verantwortung für seine Träume – wir tun es oft nicht und überlassen aus lauter Angst, uns festlegen zu müssen, Entscheidungen lieber anderen – oder der Zeit.

Ein Fehler, meint der Psychiater und Schriftsteller François Lelord und sagt: „Der Mangel an Entscheidungskraft führt uns zwangsläufig in eine tiefe Unzufriedenheit: Man wollte alles und hat am Ende nichts bekommen – und das Leben gleitet an uns vorüber.“ Es war genau dieses Gefühl, was den Franzosen vor 14 Jahren dazu bewog, seine gut laufende Praxis in Paris zu schließen, um Bücher zu schreiben. Wie Armani riskierte er alles, hätte scheitern können, wurde aber ein weltberühmter Bestsellerautor (u. a. „Hectors Reise“). „Ich hatte Glück, aber das fällt uns in der Komfortzone nicht in den Schoß“, sagt er.

Komfortzone, das ist der Bereich, in dem alles so vertraut scheint, dass selbst Probleme etwas Anheimelndes haben. Den Mut zu finden, diese Komfortzone zu verlassen und ins Ungewisse zu gehen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gute Entscheidung. „Es gibt kein Glück ohne Restrisiko, weil niemand alle denkbaren Konsequenzen abschätzen kann. Bedeutende, riskante Entscheidungen sind stets Sache des Gefühls. Die innere Stimme muss sagen: ,Das ist der richtige Weg. Trau dich – tu es.‘

Auf den Bauch hören, aber klar denken - das geht

Nur Entscheidungen aus Liebe und Leidenschaft – für einen Partner, ein Land, eine Tätigkeit – versetzen uns in die Lage, Ängste zu überwinden.“ François Lelord kennt zwei Regeln für eine gute Entscheidung. Erstens: Höre auf dein Gefühl, deine Intuition. Wobei das keine Herzensangelegenheit ist, sondern Kopfsache: Unser Gefühl ist die Summe einer gigantischen unbewussten Rechenleistung des Gehirns – und die beste Richtschnur für Entscheidungen. Der unbewusste Teil unseres Gehirns verarbeitet Informationen etwa 300.000-mal schneller als unser Bewusstsein. Zweitens: Bei weitreichenden Entscheidungen höre erst recht auf dein Gefühl, schlafe aber ein paar Nächte darüber, und wenn die Zeichen unverändert bleiben, dann vertraue ihnen auch.

Das Geheimnis guten Entscheidens besteht also darin, Verstand und Gefühl gleichermaßen mitreden zu lassen: Mit dem Verstand können wir uns zum Beispiel Situationen vorstellen, zu denen die Optionen führen könnten. Und wir können abwägen, wie wir uns in diesen Situationen fühlen würden. Deshalb lautet eine weitere wichtige Entscheidungsregel: Konsequenzen bedenken. Was kann schlimmstenfalls passieren? Und wie schaffe ich es, mit eventuell eintretenden Schwierigkeiten umzugehen? Okay, es gibt kein Glück ohne Restrisiko – aber kann ich mit diesem Risiko gut leben?

Scheinbare Zwänge ignorieren

Eine andere Regel lautet: Was gestern war, darf eine Entscheidung nicht stören. „Wir haben schon so viel Geld in die bislang erfolglose Kampagne investiert, wenn wir sie jetzt stoppen, war alles für die Katz.“ Wirtschaftsexperten sprechen in diesem Fall von einer Kostentäuschung, die häufig zu verheerenden Entscheidungsfehlern führt. Rational entscheiden bedeutet, dass wir die aufgelaufenen Kosten ignorieren. Egal, was wir bereits in einen Job oder in eine Beziehung investierten, es zählt nur das Jetzt und unsere Entscheidung für die Zukunft.

Und noch ein Denkfehler: Oft glauben wir, uns schnell entscheiden zu müssen, weil die Zeit knapp ist – oder das Gewollte nicht in Massen vorhanden. „Rara sunt cara“, sagten die Römer. Was so viel heißt wie: „Seltenes ist wertvoll.“ Offensichtlich ist der Knappheitsirrtum so alt wie die Menschheit. „Nur solange der Vorrat reicht“, heißt es in der Werbung. „Nur noch heute“, schreit ein Plakat und signalisiert zeitliche Knappheit. Und Galeristen wissen, dass sie mehr verkaufen, wenn sie unter die Mehrzahl der Bilder einen roten Punkt setzen, was bedeutet: Das meiste ist schon weg. Unsere typische Reaktion auf Knappheit ist der Verlust des klaren Denkens. Wir sollten deshalb eine Sache nur anhand des Preises und des Nutzens beurteilen.

Vertrauen wir auf unsere Träume

Über Alternativen nachdenken – so viel Zeit sollten wir uns selbst für eine Spontan-Entscheidung nehmen. In Anbetracht der zahlreichen Möglichkeiten, die sich uns bieten, sehen wir oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Deshalb: Immer über mehr Wege zum Ziel nach- denken. Da die für Logik und Vernunft zuständigen Hirnareale vergleichs- weise wenig Arbeitsspeicher haben, funktionieren sie langsam. Faustregel: 20 Minuten braucht eine gute Vernunft- Entscheidung.

Aber mal ganz abgesehen von der Vernunft: Unsere Träume sollten bei Entscheidungen unser wichtigster Kompass sein. Nur mit dem Wesentlichen im Blick können wir uns konkreten Zielen widmen. Dabei geht es gar nicht so sehr um falsche oder richtige Entscheidungen – wichtig ist vor allem, im Leben überhaupt die Weichen umzustellen. Langzeitstudien ergaben: Was alle Befragten am meisten bedauern, ist, gar keine Entscheidung getroffen zu haben. Statt also mit einem Entschluss zu hadern, der nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt hat, sollten wir uns noch einmal vor Augen führen, warum wir so entschieden haben. Bringt es uns unseren Träumen langfristig näher – auch wenn wir gerade noch einen Umweg nehmen? Dann haben wir das schon richtig gemacht. Und wenn nicht? Dann kommt eine neue Chance, zu der wir nur „Ja“ sagen müssen.

Wie wir uns viel LEICHTER entscheiden

AUF DIE EIGENE ERFAHRUNG VERTRAUEN: Gerade im Job kennen wir dieses Gefühl im Bauch, das uns sagt:„ Komm, mach das jetzt, das ist richtig.“ Oft trauen wir uns doch nicht, weil wir denken, so einfach kann eine richtige Entscheidung nicht sein. Kann sie doch, fand der Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman in einer Studie heraus. Seine Erkenntnis: Wer mehr als fünf Jahre Erfahrung in einem Bereich hat, liegt mit spontanen Gefühlsentscheidungen in 70 Prozent aller Fälle richtig. Intuition stellt sich also als trainierbare Begabung dar, die mit dem Erfahrungsschatz steigt.

IN DAS INVESTIEREN, WAS WIR KENNEN: Halte dich an das, was du kennst, und du liegst richtig, lautet eine Regel des Psychologen Gerd Gigerenzer. Eine Regel, die sich auch an der Börse bestätigt: In Versuchen konnte Gigerenzer nachweisen, dass Laien besser abschneiden als Profis, wenn sie die Aktien der Firmen kaufen, die sie kennen. „Das Gehirn kalkuliert, ohne dass uns das bewusst wird. Wenn Probanden aus Halbwissen Entscheidungen treffen, sind nicht nur Areale für das Wiedererkennen aktiv, sondern auch solche, die abstrakte Informationen verarbeiten.“

BEIM EINKAUFEN KLEINE LÄDEN BEVORZUGEN: Psychologen von der Columbia University in New York kommen in einem Marmeladen-Versuch zu einem verblüffenden Ergebnis: Während 30 Prozent der Leute, denen nur sechs Marmeladen bei einer Kostprobe zur Auswahl gestellt wurden, ein Glas kauften, entschieden sich bei einem Tisch mit 24 Sorten nur drei Prozent, also gerade mal ein Zehntel, zum Kauf einer Sorte. Das Forscher-Fazit: Wer beim Einkaufen leichter entscheiden will, sollte Shoppingmalls fernbleiben. Weniger Auswahl erleichtert uns zu finden, was wir wirklich mögen. Das kennen wir alle aus unserem Lieblingsladen...

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