14. März 2010
Die Päpstin: Interview mit Johanna Wokalek

Die Päpstin: Interview mit Johanna Wokalek

Diese Frau behauptet sich im letzten Männerberuf: Johanna Wokalek spielt in der Bestseller-Verfilmung „Die Päpstin“. Höllisch gut und himmlisch intensiv. Das PETRA-Interview, von ihr persönlich abgesegnet.

© Filmbilder

Zitat

»Ich gebe zu: Meinen langen Haaren habe ich hinterhergeweint.«

Johanna Wokalek bekam als „Päpstin“ einen Topfschnitt – inklusive Tonsur.

Johanna Wokalek ist eine Alpha-Frau. Nein, keine, die nach vorne prescht und laut polternd Wertschätzung einfordert. Hat sie auch nicht nötig, denn die gebürtige Freiburgerin, die zu Deutschlands besten Schauspielerinnen zählt, kann entspannt auf ihre subtile, machtvolle Präsenz setzen. Im letzten Jahr dominierte die 34- Jährige mit erschreckender Intensität als Gudrun Ensslin das Ensemble von „Der Baader Meinhof Komplex“. Jetzt spielt sie keine(n) Geringe(n) als den Pontifex.

Ja, wir sind „Die Päpstin“– und was für eine! Unter der Regie von Sönke Wortmann geht Johanna Wokalek in der tollen Verfilmung von Donna W. Cross’ Bestseller auf eine beschwerliche Reise durchs frühmittelalterliche Europa. Ihre Filmfigur tarnt sich als Mann, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Und da ja alle Wege nach Rom führen, landet sie im Epizentrum der Macht, dem Vatikan. Die Anreise zum PETRA-Interview verlief deutlich komfortabler und weniger zeitintensiv: Johanna Wokalek, die seit Jahren am Wiener Burgtheater spielt, empfing uns in einem Berliner Nobelhotel.

PETRA: Als „Die Päpstin“ tragen Sie Tonsur. Jetzt sind die Haare wieder da

Zum Glück! Ich habe den Maskenbildner im Vorfeld gefragt, ob man das nicht anders lösen kann. Aber wir haben so lange in Marokko gedreht, da steht sogar im Oktober die Sonne senkrecht, da wäre es mühselig gewesen, ständig eine Tonsur anzukleben. Deshalb kam der große Schertag. Bis dahin hatte ich eigentlich immer lange Haare. Die kurzen Haare haben mir geholfen, ein Gefühl zu bekommen für das „Mann-sein“.

© Filmbilder
Machtspiel Als Gudrun Ensslin mit Moritz Bleibtreu in „Der Baader Meinhof Komplex“ 


Wie fühlte es sich an, eine Frau zu spielen, die so tun muss, als sei sie ein Kerl?

Es ist ja keine klassische Hosenrolle. Die Kutte ähnelt eher einem körperfernen Kleid. Natürlich musste ich anders gehen, aber als so großen Unterschied habe ich es nicht empfunden.

„Die Päpstin“ wurde auf Englisch gedreht, mit John Goodman als Co-Star und Papst-„Vorgänger“. Wie viel Hollywood erlebten Sie am Set in Marokko?

Irgendwann hieß es: Jetzt kommt John Goodman. Es wurde sehr nett. Wir waren in Apartments untergebracht, ich klopfte bei ihm, und dann stand dieser riesige Mann vor mir, guckte an mir runter und meinte: „Da ist der kleine Papst, hier ist der Große.“ Und dann nahm er noch seine Mütze runter und sagte: „Guck dir mal meine große Tonsur an“, und ich hab meine kleine gezeigt. Der Dreh war für mich wirklich sehr schön!

Wie war es, am Set allein unter Männern zu sein?

Ich fand es sehr angenehm, aber danach habe ich gedacht: Jetzt ist auch mal gut, jetzt mal wieder ein Kleid oder einen Rock.

Fänden Sie es reizvoll, im Mittelalter zu leben?

Nein, auf keinen Fall. Schon gar nicht als Frau. Ein Mädchen, das damals lesen und schreiben lernen wollte, musste sich regelrecht widersetzen.

Johanna, die lustigerweise denselben Vornamen trägt wie Sie, legt ja die ganz große Karriere hin.

Karriere ist das falsche Wort, sie ist am höchsten Punkt ihres Weges. Sie wird ja zum Papst gewählt, das ist keine bewusste strategische Entscheidung.

© Filmbilder
Zehenspiel Til Schweigers Liebesfilm „Barfuss“ machte Theaterstar Johanna Wokalek 2005 bekannt


Sie selbst zählen zu den begabtesten Schauspielerinnen Ihrer Generation. Wo sehen Sie noch Herausforderungen?

Natürlich habe ich schon einige Sachen für mich entdeckt, die muss ich nicht mehrerforschen. Mein Wunsch ist, dass alles lebendig bleibt. Ich denke nicht: Was kann ich jetzt noch Interessantes machen, sondern eher, was will ich nicht mehr machen? Wenn ich mich zwischen Theater und Film entscheiden müsste – ich könnte nicht wählen. Ich brauche den Wechsel. Die Theaterarbeit ist eine Stütze und bietet Halt. Beim Film verbringt man eine nahe Zeit miteinander, dann sind alle weg, es kommt ein Loch. Das ist beim Theater anders. Das Burgtheater steht da, steht da schonlange – und wird hoffentlich noch lange da stehen. Für mich ist das eine wichtige Konstante, persönlich und künstlerisch.

Es heißt, Wien sei inzwischen zu Ihrer ersten Heimat geworden.

Ich bin sehr glücklich, dass ich dort leben kann. Wenn ich lange weg war und vom Flughafen zu meiner Wohnung fahre, dann merke ich das und sage mir: Ach, hier bin ich zu Hause. Wien ist auch ein Rückzugsort für mich.

Erbitten denn keine neugierigen Hauptstädter an der Supermarktkasse ein Autogramm von Ihnen?

Natürlich kennen einen die Leute dort, Wien ist ja eine Theater-Stadt. Manchmal werde ich auch angesprochen, aber es bleibt alles in einem netten Rahmen.

Sie sagen auf der Bühne seitenlange Monologe auf. Da vermutet man schnell: Die ist vergeistigt. Stimmt das? Oder sind Sie eher praktisch veranlagt?

Als Mädchen habe ich, wenn was Handwerkliches zu machen war, daneben gestanden und assistiert. Ich hoffe, ich stell mich nicht zu blöd an, aber an einem Auto rumzutüfteln, wär nicht meins.

Und wenn Sie im Wagen sitzen – kommen Sie unkompliziert von A nach B?

Ich kann mich gut orientieren. Mehr übers Sehen, weniger über die Straßen. Ich merk mir innerlich die Richtung, und dann komm ich wieder hin.




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