27. Februar 2012
Freundschaften mit Paaren

Freundschaften mit Paaren

Freundschaften mit anderen Paaren könnten theoretisch eines der Highlights im Beziehungsalltag sein. Warum sind sie in der Praxis dann nur oft so schrecklich kompliziert?

© Frauke Ditting

Draußen prasselt der Regen mit Macht an die Fensterscheiben. Drinnen sitze ich und hadere mit meinem Schicksal. Wenn es nicht seit zwei Tagen so schütten würde, müsste ich auch nicht in dieser scheinbar nicht mehr enden wollenden Spieleabend-Hölle sitzen und zwei Pärchen dabei zusehen, wie sie sich abwechselnd selbst zerfleischen oder einander mit niedlichen Kosenamen ihre Zuneigung bekunden. Meinen Freund und mich schließe ich da natürlich nicht mit ein. Wie denn auch?! Da bin ich schließlich parteiisch. Außerdem sind wir total normal und haben uns in unserer Beziehung überhaupt nicht verändert. Also, zumindest nicht so, dass es uns aufgefallen wäre …

Aber zurück zum Spieleabend-Horror. Das Schlimmste daran ist, dass ich mir diese Situation selbst eingebrockt habe. Sie war praktisch meine Idee. Drei Pärchen, ein ganzes Wochenende lang in einem hübschen Bungalow in Holland. Ist doch super! Zusammen am Strand spazieren gehen, Sonnenuntergänge angucken und sich ordentlich Prosecco und Bier hinter die Binde kippen. Ganz ohne Eifersüchteleien oder dieses seltsame Unbehagen, das einen manchmal überfällt, wenn man einen seiner Single-Freunde zu so einem Anlass geladen hat. Was ich bei diesem super Plan nicht bedacht habe, ist zum einen das schlechte Wetter und zum anderen die Tatsache, dass sich manche liebenswerten Individuen, sobald sie sich in einer romantischen Zweierkonstellation befinden, zu ganz merkwürdigen Wesen weiterentwickeln, die man so bislang noch nicht gekannt hat.

Aus der betont unabhängigen und emanzipierten Freundin wird im Beisein ihres nicht minder emanzipiert wirkenden Lebensgefährten zum Beispiel ein fürsorgliches Mütterchen. Alle 15 Minuten springt sie hektisch auf, um ihrem Liebsten das Glas aufzufüllen oder ihm einfach nur über den Kopf zu streichen. Vielleicht gibt es Menschen, die das süß finden, ich find’s merkwürdig. Genauso merkwürdig, wie die Tatsache, dass der beste Freund meines Freundes seine bessere Hälfte bei jedem gelungenen Spielzug zur Belohnung eine gefühlte Ewigkeit lang leidenschaftlich abknutscht und anfeuert, als hätte sie gerade den Nobelpreis für Physik eingeheimst. Ich finde, man kann Nähe und Partnerschaft auch übertreiben.

Psychologen hingegen beurteilen dieses Phänomen weitaus wohlwollender. Wie auch andere Menschen, die viel Zeit miteinander verbringen, entwickeln Paare schnell ihre ganz eigene Dynamik. Ohne es wirklich zu merken, spielen sie sich aufeinander ein und finden ihre ganz persönliche Art der Kommunikation. Das mag auf Außenstehende manchmal befremdlich wirken, für die Beziehung des Paares aber ist dieses Verhalten unerlässlich, wenn sie von Dauer sein soll. Und man kann sogar als Außenstehender davon profitieren. Wie? Na, indem man mit seinem Partner über seine Beobachtungen spricht. Also praktisch Feldforschung am lebenden Objekt betreibt. Da kann man sich genüsslich zurücklehnen, andere Paare beobachten und hinterher diskutieren, was die denn nun ganz toll oder eher weniger gut gemacht haben.

Mein Freund und ich wissen seit diesem Wochenende in Holland zumindest, dass Pupsi-Hase und Schnatterchen nicht ganz die richtigen Kosenamen für uns wären. Wir haben uns allerdings gefragt, ob wir nicht auch öfter Händchen halten und mit einem Glas Rotwein in der anderen Hand gemeinsam Sonnenuntergänge betrachten sollten. Nach reiflicher Überlegung sind wir aber zu dem Schluss gekommen, dass das in etwa so gut zu uns passt, wie ein Superman-Anzug zu meiner Oma.

Was man bei derartigen Analysen übrigens tunlichst vermeiden sollte, ist, das andere Paar gleich noch vor Ort und möglichst lautstark auf Beziehungsfehler hinzuweisen. Besonders gern und häufig passiert so etwas nach dem Genuss des ein oder anderen alkoholischen Getränks. Wenn man so richtig gemütlich und immer sentimentaler werdend zusammenhockt und glaubt, endlich mal reinen Tisch machen zu müssen.

Erst kürzlich wies mich der Mann einer guten Freundin in bester Oberlehrermanier darauf hin, dass ich meinen Freund nicht immer so piesacken solle. Diese verbalen Sticheleien, so meinte er, würden unserer Beziehung auf Dauer nur schaden. Ich fand das schrecklich unverschämt. Zum einen natürlich, weil ich mich ein wenig ertappt gefühlt habe. Zum anderen aber auch, weil es ihn irgendwie nichts angeht. Zugegeben neigen mein Freund und ich dazu, uns in der Öffentlichkeit gerne zu necken, aber WIR sind uns danach nie böse. Es ist eher eine Art lieb gewonnenes Ritual, das eben zu uns passt. Sollen die anderen doch wegschauen, so wie wir bei … Ach, lassen wir das.

Es ist schon merkwürdig mit diesen Paarfreundschaften. In der Theorie sind sie eine tolle Sache. Hat man doch einen ähnlichen Hintergrund und damit auch mehr Verständnis für eventuelle Verhaltensänderungen. Andere Paare verstehen zum Beispiel viel besser als Single- Freunde, warum man sich so manches Wochenende lieber zu zweit auf dem Sofa einrollt, als bis in die Puppen um die Häuser zu ziehen. Man selbst hat auch nicht so ein schlechtes Gewissen, wenn man bei gemeinsamen Pärchenabenden vor Mitternacht den Heimweg antritt. Man lässt schließlich niemanden allein zurück. Und auch sonst macht es manchmal Spaß, wenn sich Frauen und Männer ganz prima untereinander verbrüdern können. Bei einem Pärchen, das wir kennen, klappt das zum Beispiel ganz hervorragend: Während sich die Herren über Technik und Computer- Dingsbums unterhalten, schnattern wir über den Job, Filme und natürlich auch über (vielleicht) größer werdende Hintern.

Dann wiederum muss man sich in diesen Doppelkonstellationen aber auch mit doppelt so vielen Egos auseinandersetzen wie in „normalen“ Freundschaften. Und um an dieser Stelle mal ehrlich zu sein: Jeder von uns hat mindestens eine Macke. Wenn da dann noch die Macken des Partners, der guten Freundin und ihres Lebensgefährten dazukommen, kann es kompliziert werden. Und das nicht nur, wenn man wegen sintflutartigen Regens zu drei Tagen gemeinsamen Brettspiels verurteilt ist. Ganz schlimm wird es, wenn drei von vier sich gut verstehen, aber einer komplett aus der Reihe tanzt. Was soll man da machen? Der Freundin sagen, dass ihr neuer Traummann ein elender Besserwisser ist und seine Monologe nerven? Besser nicht.

Vielleicht würde es viel mehr helfen, sich stattdessen etwas öfter aus seiner eigenen Pärchenlethargie zu lösen. Statt Pärchenabenden gibt es dann eben mal wieder reine Mädelsrunden. Oder man schält sich doch ab und zu vom gemütlichen Sofa und zieht eine Runde um den Block. Wenn der Partner nicht mitwill, ist das auch nicht schlimm. Zu zweit ist man doch schließlich oft genug. Aber mal so ganz allein mit einer guten Freundin über alles und jeden quatschen – das macht man als Teil eines Pärchen-Duetts gar nicht mehr so oft, oder? Und so wie wir die Macken unseres Partners zwar manchmal nervig, aber meistens eher liebenswert finden, sollten wir vielleicht auch die Eigenheiten anderer Paare beurteilen. Vielleicht hilft das ja …

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