10. Juni 2013
Warum wir Horror-Filme lieben

Warum wir Horror-Filme lieben

Grusel! Kreisch! Immer mehr Frauen gucken Horrorfilme, Hollywood setzt auf Schocker mit Starbesetzung. PETRA-Autor Olaf Schneekloth fragte sich, was hinter diesem Trend steckt.

Frau schaut Horrorfilme
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Frau schaut Horrorfilme

Blutig: "Tanz der Teufel" ist ein Splatter-Kultfilm von 1982. Am Drehbuch des Remakes "Evil Dead" (Foto oben) schrieb die Amerikanerin Diablo Cody ("Juno") mit (Start: 16. Mai 2013). Mit eiskaltem, manischem Blick fixiert Nicole Kidman als Evelyn in dem Film "Stoker" ihre Tochter India, dann sprudelt ein Strom hasserfüllter Worte aus ihr heraus... Eine Spinne in Nahaufnahme stakst vorsichtig über einen Fuß, elegant, unbemerkt – und leicht bedrohlich. "Stoker" ist kein Mutter-Tochter-Drama und auch kein Naturfilm über Insekten, sondern ein spannender Horrorthriller, der mit seiner Thematik und seinen betörenden Bildern jeden ansprechen dürfte. Und besonders jede. Genau damit liegt der Film voll im Trend, denn immer mehr Frauen entdecken ihre Leidenschaft für Horror und Nervenkitzel und wollen eben manchmal Blut sehen.

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"Evil Dead": Blutig: "Tanz der Teufel" ist ein Splatter-Kultfilm von 1982. Am Drehbuch des Remakes schrieb die Amerikanerin Diablo Cody ("Juno") mit.

Eine, die das bestens beurteilen kann, ist Frederike Dellert. Sie hat ihr Faible für Gruseliges sogar zum Beruf gemacht: als Programmleiterin des "Fantasy Filmfestes" (fantasyfilmfest.com), das jedes Jahr durch Deutschland tourt. Sie freut sich: "Früher kamen fast ausschließlich Männer. Mittlerweile ist unser Publikum etwa zu 25 bis 30 Prozent weiblich." Eine repräsentative Online-Umfrage der Meinungsplattform "mingle Trend" von 2012 ergab sogar, dass 43 Prozent der Frauen gern Horrorfilme gucken.

Horror auch im TV

Und nicht nur im Kino sitzen immer häufiger weibliche Horrorfans. Auch Erfolgsserien wie die Vampir-Saga "True Blood" zielen mit ihrem Mix aus Sex und Gewalt auf Herz und Bauch der Zuschauerinnen. Da ist es nicht verwunderlich, dass die supergruselige US-Serie "American Horror Story" kürzlich auf dem Frauensender Sixx ihre Free-TV-Premiere feierte, beworben mit dem lasziv von einer Frau gehauchten Slogan "Nie machte das Böse mehr Lust". Anders ausgedrückt: Filme und Serien wie diese füllen die Lücke zwischen sinnlich und übersinnlich, wer kann dazu schon Nein sagen...?

Julianne Moore in "Carrie"
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"Carrie": Übersinnlich: Das Remake des Pubertätsschockers von 1976 drehte Kimberly Pierce ("Boys don't cry") mit Julianne Moore als Mutter (Start: 5. Dez. 2013)

Aber was fasziniert Frauen an Serienkillern, Vampiren und anderen Monstern? Als Recherche genügt ein Gang über den Redaktionsflur. Bei der PETRA gibt es Kolleginnen, die die Zombie-Serie "The Walking Dead" im DVD-Regal stehen haben und gern Horrorfilme sehen – so zum Beispiel Textchefin Wiebke Brauer. Ihr gefällt es, dass die Filme nach festgelegten Genre-Regeln funktionieren, "wie Märchen für Erwachsene". "Spannend und aufregend muss es sein", findet Beate Lamberti, Chefin vom Dienst. Je realistischer, desto besser. Auf Zombie- und Splatterfilme kann sie dagegen verzichten. Beauty-Ressortleiterin Rüyam Altan begeistert sich wiederum für sämtliche Spielarten des Genres, von subtil bis megahart. Sie findet: "Horror ist viel abwechslungsreicher als romantische Komödien." Besonders die unendlich vielen Masken, hinter denen sich das Böse verstecken kann, faszinieren sie. Hinzu kommt der Kick, den man beim Schauen erlebt: "Das ist wie Achterbahnfahren, die Hände werden feucht, das Herz rast, ich liebe es", schwärmt Altan.

Szenenbild "Stoker"
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"Stoker": Kunstvoll: Der Psychothriller mit Mia Wasikowska (r.) als verstörte 18-Jährige und Nicole Kidman (l.) als ihre Mutter ist ein visuelles Meisterwerk mit sorgfältig dosierten Schockeffekten. (Start: 9. Mai 2013)

Eine Beobachtung, die sich mit der aktuellen Studie "Der Horrorfilm und seine Zuschauerinnen" der Kulturwissenschaftlerin Solveig Wrage deckt. Sie fand heraus, dass gerade dieses Wechselbad der Gefühle einen großen Reiz ausmacht – und dass diese Filme keine heile Welt vorgaukeln. Eine Romanze mit Happy End lässt die Zuschauerin unter Umständen eher unbefriedigt zurück, weil sie irreale Sehnsüchte weckt. Horror funktioniert genau andersherum. Ist der "schreckliche" Film erst einmal überstanden, folgt pure Erleichterung: Gott sei Dank sieht’s in meinem Leben nicht so düster aus.

Den männlichen Beschützer brauchen wir nicht mehr

Außerdem kann man sich völlig gefahrlos, aber dafür lustvoll mit den eigenen Ängsten auseinandersetzen. Genuss aus sicherer Distanz, am liebsten mit Gleichgesinnten – aber ohne Männer. Denn nur so lässt es sich hemmungslos gruseln, zittern, mitgehen, ohne einen aufdringlich "tröstenden" Beschützerarm um die Schultern fürchten zu müssen. Über dieses blöde Klischee sind Frauen nämlich längst hinaus, so Solveig Wrage.

Jessica Chastain in "Mama"
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"Mama": Unheimlich: Annabel (Jessica Chastain) nimmt zwei verwahrloste Mädchen auf. Die besitzergreifende Geistermutti der beiden tobt, dabei ist sie ebenso wenig erziehungsberechtigt. (Start: 18. Apr. 2013)

Filme, die sich für einen Horror-Mädelsabend eignen, gibt es mittlerweile auch mehr als genug. Hollywood hat schon vor Jahren erkannt, dass diese Zielgruppe mit Heldinnen, weiblichen Bösewichten und weiblichen Blickwinkeln bedient werden will. Frauen ausschließlich auf die bloße Opferrolle zu reduzieren – geschenkt! In nächster Zeit toben deshalb viele furchterregende Übermütter ("Mama") und unheimliche Mädchen ("Stoker", "Carrie") über die Leinwand. Ein Underground-Schocker wie "American Mary" verarbeitet das Frauenthema Schönheits-OPs auf sehr einschneidende Weise – und gedreht wurde dieser wirklich eklige Film von Frauen: den kanadischen Zwillingsschwestern Jen and Sylvia Soska. Und am Drehbuch des "Evil Dead"-Remakes sorgte Oscarpreisträgerin Diablo Cody für den Female Touch. Sie verspricht einen "unglaublich gewalttätigen Film". Na dann!

Horror macht schlank - wirklich wahr!

Wer sich so gar nicht für Horror erwärmen kann, den stimmt vielleicht eine Studie der Universität von Westminster um. Dort fand man heraus, dass Gruselschocker beim Abnehmen helfen. Am erfolgreichsten: "Shining" von Stanley Kubrick. Durchschnittlich verbrannten die Testpersonen beim Schauen vor Aufregung so viele Kalorien wie bei einem halbstündigen Spaziergang. Wenn das kein Grund ist, ins Kino zu gehen.

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