11. November 2014
Vergessen Sie den 100-prozentigen Einsatz - 80 tun es auch

Vergessen Sie den 100-prozentigen Einsatz - 80 tun es auch

Wer denkt, er müsse ständig 100 Prozent geben, irrt (und powert sich auf Dauer aus). 80 Prozent Einsatz tun es auch, um erfolgreich UND zufrieden zu sein. Wir haben acht gute Gründe, ein bisschen lockerer zu lassen, und zwei Situationen, in denen man Vollgas geben sollte

Stress vergessen
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Stress vergessen

Schlaf? Davon brauche ich nur sehr wenig.“ Wenn Yahoo-Vorstandsvorsitzende Marissa Mayer über ihr Arbeitsbeziehungsweise Ruhepensum spricht, wird schnell klar: Diese Frau gibt immer alles – und wenn es darauf ankommt, wahrscheinlich noch ein bisschen mehr. Damit passt sie hervorragend in unser aktuelles Bild einer Leistungsgesellschaft, deren Streben nach Erfolg einen Hauptteil des täglichen Lebens ausmacht. Schon in der Schule und später im Studium lernen wir, dass nur die ganz Fleißigen irgendwann an ihr ersehntes Ziel kommen. Wer sich auf die faule Haut legt, wird abgehängt und verliert den Anschluss. Deshalb schicken übereifrige Eltern ihre Kleinkinder schon zum Chinesischunterricht, und wir selbst arbeiten bis zum Umfallen, um wenigstens ein bisschen so erfolgreich zu sein wie Frau Mayer.

Alles Blödsinn! Zum einen hat dieser Leistungswahn ziemlich starke Nebenwirkungen. Schon ein Viertel der bis zu 18-Jährigen reagiert beispielsweise auf den hohen Druck mit psychosomatischen Problemen bis hin zu Depressionen. Bei den bis zu 30-Jährigen ist es sogar knapp ein Drittel. Zum anderen bedarf es gar nicht unzähliger Überstunden, um wirklich erfolgreich zu sein. 80 Prozent tun es auch. Glauben Sie nicht? Stimmt aber! Waldkita-Kinder zum Beispiel hecheln Studien zufolge ihren Altersgenossen, die in derselben Zeit mit Chinesischoder Englischvokabeln gefüttert wurden, in der Schule nicht einen Deut hinterher. Eher im Gegenteil. Aber auch für uns Erwachsene gibt es genug Gründe, öfter die Füße hochzulegen und einen Gang zurückzuschalten. Werfen Sie einfach mal einen Blick auf unsere acht Relax-Formeln für einen erfolgreichen, aber stressfreien Alltag.

1 WER WENIGER ERWARTET, HÄLT LÄNGER DURCH

Wer immer 110 Prozent geben will, tut das meistens aus einem Grund: Perfektionismus. Doch was in unserer Gesellschaft häufig als durch und durch positive Charaktereigenschaft gehandelt wird, hat einen großen Nachteil. Perfektionisten sind immense Energieverschwender. Zwar erzielen sie oft tolle Ergebnisse, nur leider kosten sie diese meistens unverhältnismäßig viel Kraft. Anstatt also auch die nächste Nacht zu opfern, um noch die letzten fünf Prozent rauszukitzeln, ist es völlig in Ordnung, ein unperfektes Ergebnis abzuliefern. Und das muss nicht mal schlechter sein. Eines der größten Probleme von Perfektionisten ist nämlich die diffuse Angst, etwas falsch zu machen. Die führt schnell dazu, frustriert aufzugeben, wenn etwas nicht so klappt, wie man es sich vorstellt. In so einer Situation ist es am besten, die Arbeit nicht nach den eigenen Ansprüchen, sondern nach denen des Vorgesetzten oder Kunden zu richten. Merken diese nie oder nur selten, wie viel Aufwand in ein Projekt investiert wurde, ist das der ideale Zeitpunkt, um sich auf eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung einzulassen. Wichtig ist, dass Sie am Ende schwarze Zahlen schreiben.

2 VON DER ARBEITSBIENE ZUR KÖNIGIN? DENKSTE!

Das mag jetzt oberflächlich klingen, entspricht aber leider der (Arbeits-)Realität: Viel wichtiger als die Leistung ist die Selbstdarstellung. Laut Studien kommt es bei der Beurteilung von Mitarbeitern nur zu 10 Prozent auf die Leistung an, aber zu 60 Prozent auf den Bekanntheitsgrad im Unternehmen. Schalten Sie also ruhig mal den Arbeitsbienen-Modus aus und setzen Sie auf ein gutes Netzwerk. Anstatt sich immer nur hinter Ihrem Schreibtisch zu verstecken, sollten Sie sich ruhig auf den ein oder anderen Plausch mit Kollegen einlassen. Dazu gehört manchmal auch ein gemeinsames Mittagessen oder sogar ein Feierabend-Bier. Das steigert nicht nur Ihren Bekanntheitsgrad, sondern auch Ihr Wohlbefinden. Und Menschen mit guten Kontakten zu ihren Kollegen sind nachweislich glücklicher und sogar produktiver – ganz ohne Überstunden.

3 DENN SIE WISSEN NICHT, WAS SIE TUN

Stress sorgt für Hormonchaos im Körper. Unter seinem Einfluss verlieren wir leicht unsere Ziele und innersten Bedürfnisse aus den Augen. Der Grund: Stress scheint Hirnregionen für zielgerichtetes Verhalten lahmzulegen. Wenn wir permanent überlastet sind, fällt es uns immer schwerer zu unterscheiden, was unsere volle Aufmerksamkeit braucht und was nicht. Gefühle, Empathie, Ideale, Gerechtigkeit, Genuss – all das spielt unter Stress eine untergeordnete Rolle. Bevor Sie also wieder Ihren Partner anmaulen, nur weil Ihr Chef gerade Unmögliches von Ihnen verlangt, halten Sie einen Moment inne und sortieren Sie Ihre Prioritäten. Managementberater haben nämlich festgestellt, dass viele erschöpfte, hart arbeitende Workaholics bis zu 80 Prozent ihrer Arbeitszeit mit eher unnötigen Tätigkeiten füllen: Telefonate, Herumtragen von Unterlagen oder das Herumspielen am Computer gehören zu den bevorzugten Ablenkungsmanövern. Manch eine kommt so auf gerade mal 45 Minuten reine Arbeitszeit, obwohl sie morgens um acht Uhr bis nachts im Büro sitzt. Erledigen Sie besser immer nur eine Aufgabe nach der anderen. Um eine Reihenfolge festzulegen, hilft es, nach zwei Dingen zu fragen: Wie wichtig ist die Aufgabe? Und welche Auswirkungen wird sie vermutlich haben? Auch wenn die Planungsphase etwas Zeit kostet, die tatsächliche Arbeit wird dadurch effektiver – und weniger.

Karriere-Neid
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Dr. Job: Karriere-Neid: Diesmal: Esther F., 34, Chef-Einkäuferin.

4 WILLKOMMEN BEI DEN ANONYMEN THINKAHOLIKERN

Schon mal was von Thinkaholismus gehört? Damit ist diese wunderbare „Was wäre, wenn?“-Spirale im Kopf gemeint, die uns nachts nicht schlafen lässt. Wir Frauen leiden wegen chronischer Selbstunterschätzung leider ganz besonders häufig darunter. Ständig haben wir Angst, dass wir in irgendeinem Lebensbereich nicht sämtlichen Ansprüchen genügen – weder denen von Kollegen noch von Freunden. War ich heute lang genug im Büro? Habe ich gründlich genug geputzt? Aber bevor wir uns jetzt hier alle weiter verrückt machen, summen wir lieber ein Lied: Kennen Sie noch „Alle Leut“? Das Kinderlied besingt, wie jeder nach der Arbeit nach Hause geht, um dort anschließend die Füße hochzulegen und fünfe gerade sein zu lassen – ein simples, aber ziemlich gutes Mantra. Denn nichts ist so schlimm, wie wir es uns im Kopf aus-malen. Haben Sie zum Beispiel schon mal während eines Dinners bei Freunden die Ecken nach Wollmäusen durchsucht oder die Schreibtischzeit ihrer Kollegin gestoppt? Nein? Da liegt doch die Vermutung nahe, dass die Mehrzahl unserer Mitmenschen das genauso wenig tut. Was man dafür deutlich häufiger machen sollte, ist, um Hilfe zu fragen, wenn man nicht weiterweiß, und auch mal einen Fehler zuzugeben. In der Regel freuen sich nämlich sowohl Freunde als auch Kollegen darüber, wenn ihre Expertise gebraucht und geschätzt wird. Manchmal kann Schwächezeigen ziemlich stark sein.

5 JA, JEIN, ICH MEINE NEIN!

Ach ja, der Aktenstapel auf dem Tisch erinnert schon an die Skyline von New York, und trotzdem können wir die nächste vom Chef oder von der Kollegin gestellte Aufgabe nicht ausschlagen. Und das, obwohl wir keinen blassen Schimmer haben, wann wir das noch erledigen sollen. Da hilft nur eins: Werden Sie zum Neinsager. Gut, keiner wird sich freiwillig mit verschränkten Armen vor einen Kollegen, geschweige denn den Chef stellen und sich mit einem Kopfschütteln ein „Nö. Mach ich nicht!“ aus den Lippen pressen. Da hilft die sogenannte „Available-to-promise“-Strategie. Das ist praktisch ein durch die Blume gehauchtes Nein. Soll heißen: Vermitteln Sie Ihrem Gegenüber: Ich höre, was du von mir willst, und bin bereit, es zu tun – aber ich kann es nicht unmittelbar umsetzen. Bieten Sie gleichzeitig einen Lösungsvorschlag an. Vielleicht arbeiten Sie heute ein paar Stunden daran und machen morgen weiter. So signalisieren Sie Bereitschaft und erkaufen sich Zeit. Klappt übrigens auch bei nervigen Schwiegermüttern oder, sagen wir, sehr anspruchsvollen Freundinnen.

Erinnern Sie sich noch an diese Mitschülerin in Ihrer Klasse, die bei jeder Frage des Lehrers bohrend ihren Finger in die Luft streckte und darum bettelte, dranzukommen? Ihre Hausaufgaben waren immer ein bisschen genauer als gefordert. Fanden Sie die sympathisch? Nein? Im Job ist es nicht anders als in der Schule. Fleiß ist okay, aber übertriebener Eifer wirkt angestrengt. Gerade wenn man neu im Job ist, möchte man sich beweisen. Tun Sie dies jedoch besonnen. Versuchen Sie zunächst, die sozialen Strukturen Ihres Unternehmens zu verstehen. Und suchen Sie sich Verbündete. Im Team fällt vieles leichter. Gute Kollegen können Ihnen außerdem helfen, Ihre Aufgaben besser und schneller zu erledigen, und gleichzeitig ein gutes Wort für Sie einlegen, wenn es einmal brenzlig wird.

7 UNTERM STRICH ZÄHL ICH!

Jeder sechste Deutsche arbeitet 48 Stunden pro Woche oder mehr. 52 Prozent klagen laut Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin über zu hohen Termin- und Leistungsdruck, der nicht zuletzt in einem Burnout enden kann. Marissa Mayer (Sie erinnern sich? Die Top- Managerin vom Anfang) gönnt sich deshalb alle vier Monate genau eine Woche Urlaub. Damit kommt sie auf schmale 21 arbeitsfreie Tage im ganzen Jahr? Viel zu wenig, finden wir. Mindestens eine längere Pause von 14 bis 21 Tagen am Stück sollte schon drin sein, um die Akkus wieder aufzuladen. Und für zwischendurch? Kleine Fluchten mit guten Freunden können wahre Wunder bewirken: Studien belegen, dass Menschen mit guten sozialen Kontakten seltener krank werden, selbstbewusster sind und länger leben. Hingegen ist ein Einsiedlerdasein so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag. Dann lieber ein Glas Sekt mit den Mädels.

8 WAS FÜR EINE SCHLAMPEREI!

Endlich Feierabend! Aber anstatt zu entspannen, machen Sie mit vollem Einsatz weiter: Küche putzen, Mama anrufen und dann noch zum Yoga oder zum Pilates. Jede Stunde eines Tages wird so restlos ausgereizt, dass er immer schneller vergeht. Und Momente, die wir eigentlich genießen sollten, ziehen ungeachtet an uns vorbei. Drücken Sie auf die Bremse, indem Sie jede Woche einen „Schludertag“ einlegen. Versuchen Sie, an diesem Tag so viele Dinge wie möglich liegen zu lassen. Leben Sie bewusst unperfekt und geben Sie dringende Aufgaben ruhig an Ihren Partner weiter. So können Sie, während Sie entspannen, gleich die Aufgabenverteilung zu Hause neu sortieren.

UND ZWEI GRÜNDE, 100% ZU GEBEN!

Den einen oder keinen!

Sie wollen nichts so sehr wie diesen Job, diesen Auftrag oder schlicht diesen einen Moment des Erfolgs? Dann geben Sie alles, was Sie haben und vielleicht noch ein bisschen mehr. Es gibt einfach Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt. Fragen Sie Sebastian Schweinsteiger oder jeden anderen Spieler der deutschen Nationalelf. Wichtig ist nur, dass Sie wissen, dass es sich um einen temporären Zustand handelt. Wer alles gibt, braucht auch Ruhephasen, um nicht am Stress zu zerbrechen.

Tod durch Langeweile

Chronische Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Depressionen: Unterforderung und Langeweile im Job können krank machen. Der sogenannte Bore-out entsteht durch zu wenige oder falsche Aufgaben. Umfragen zufolge leiden fast 67 Prozent der Arbeitnehmer unter chronischer Unterforderung. Bevor Sie also Ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, zeigen Sie lieber Eigeninitiative. Fordern Sie von Ihrem Chef aktiv neue Aufgaben ein. Sollte Ihnen das immer noch nicht reichen, dann versuchen Sie auch ungefragt, neue Dinge zu erarbeiten. Hauptsache ist, Sie ergeben sich nicht der Langeweile.

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