21. März 2010
Vampire - Die neuen Sexsymbole

Vampire - Die neuen Sexsymbole

Erinnern Sie sich? Früher galten Vampire als böse, blutleere Gestalten, die das Licht scheuten. Doch plötzlich sind die Untoten in Büchern, Kino und TV Sexsymbole, die alle anderen blass aussehen lassen. Warum nur sind Blutsauger so angesagt?

Schon angebissen? 1
© Filmbilder
Schon angebissen? 1

Sex sells – aber kein Sex verkauft sich noch besser! Das gilt zumindest für den Mega-Erfolg der „Bis(s)“- Vampirsaga. Erotisch gesehen passiert in der Bestseller-Reihe der US-Kultautorin Stephenie Meyer wenig Handfestes. Die 35-Jährige, die mit ihren Vampir-Epen über Nacht zum Shootingstar wurde, schafft das Kunststück, ein fast 1.800 Seiten langes Vorspiel zu beschreiben. Vier Bände handeln von dem Spaß, den Vampir Edward und seine große Liebe Bella nicht haben. Das zieht: Über 40 Millionen Bücher wurden bislang weltweit verkauft, „Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen“, die Verfilmung von Teil eins, führte monatelang die Kino-Charts an.

Literaturkritiker, Psychologen und sonstige Auskenner zerbrechen sich verzweifelt den Kopf, was die Faszination dieser Liebesgeschichte ausmacht. Und können den herrlich emotionalen Schauder, der den Zuschauer ergreift, wenn er oder sie leidenschaftlich über den anderen herzufallen droht, letztlich immer nur ansatzweise erklären. Allenfalls der Grund, warum sie „es“ nicht tun, findet sich leicht: Edward ist ein Vampir, Bella ein Mensch. Hätten sie Sex, würden seine animalischen Triebe mit ihm durchknallen, er würde sie beißen – und zum Vampir machen. Aber da Edward, der sexy Dracula des 21. Jahrhunderts mit James Dean-Frisur, Hipster-Klamotte und melancholischen Augen, seine Bella aufrichtig liebt, möchte er ihr die zermürbende Existenz als Untote heldenhaft ersparen. Und tut den ganzen Film deshalb nichts anderes, als sich sexuell zu kasteien. Aber: Dürfen die beiden im vierten Teil doch endlich übereinander herfallen, zerlegen sie gleich das Mobiliar. Schnappatmende Schlussfolgerung des Publikums: Sex ist wie ein Rockkonzert, animalisch, unberechenbar. Faszinierend!

Bücher: Schluss mit Niedlichkeit à la „Harry Potter“! Die „Bis(s)“- Romane von Stephenie Meyer haben den dezenten Sex-Appeal in die Bestsellerlisten zurückgebracht. Spannend, wenn man bedenkt, dass Meyer eigentlich erzkonservative Mormonin ist…

Popstars im Gruselkabinett

Allerdings nur, wenn man sich wahrhaftig liebt. Vermutlich ist es das, was den Film und die Bücher so erfolgreich macht: Die blütenweiße, unsterbliche Liebe, übersetzt ins blutige und erotisch aufgeladene Panorama des Horrorfilms – ein genialer Kontrast. „Die meisten Ungeheuer sind abstoßend und hässlich: Zombies, Werwölfe, Mutanten. Vampire sind die Ausnahme von dieser Regel“, begründet Autorin Stephenie Meyer ihre Helden-Wahl. „Sie sind die Popstars im Gruselkabinett: attraktiv, klug, cool und wohlhabend. Aber sie wollen dich töten. Und wir wollen sein wie sie, doch was sie wollen, fürchten wir. Diese Kombination bietet Stoff für endlos viele Geschichten.“ Auch der selbst ernannte „Vampirologe“ Friedhelm Schneidewind weiß: „Vampire verkörpern ewige Treue und Liebe, denn sie altern nicht. Außerdem haben sie Superkräfte, was Sex auf hohem Niveau verspricht.“ Der unwiderstehliche Sex-Appeal der bleichen Blutsauger beschert uns in regelmäßigen Abständen neue Kassenknüller: Unvergessen sind Brad Pitt und Tom Cruise als anämische und philosophierende Playboys in „Interview mit einem Vampir.

Die „Twilight“-Saga hat uns gelehrt, dass gar nichts alles sein kann oder die drei nackten Vamps, denen Keanu Reeves in „Dracula“ willig zum Opfer fiel. Im übertragenen Sinne, so die Ansicht der Experten, steht das Blutsaugen für nichts anderes als den Geschlechtsakt. Sprich: Seine Zähne werden in Ihren Hals gebohrt. Wie schwer es fallen kann, der Anziehungskraft der Vampire zu widerstehen, ist auch Thema von „True Blood“, einer ebenfalls extrem erfolgreichen Blutsauger-Serie aus den USA (seit Mai auch bei uns im Pay-TV auf 13th Street). Darin gibt es jede Menge Vampir-Groupies, die aus völlig freien Stücken Sex mit ihren gefährlichen Angebeteten haben. Umso spannender, wenn einer der Sex-Protze versucht, sich zu beherrschen. „Ich darf bei dir nie die Kontrolle verlieren!“ Mit diesem dramatischen Ausruf stößt der hormonell entbrannte Edward seine Bella von sich. Und ist sich dadurch der ewigen Bewunderung des Zuschauers sicher: In der Überflussgesellschaft auf etwas zu verzichten, das längst Konsumgut ist (Sex), um etwas viel Größeres (unsterbliche Liebe) zu erhalten – das ist geradezu heroisch und erfüllt unsere Sehnsucht nach etwas, das Sinn für die eigene Existenz stiftet.

Der phänomenale Erfolg von Filmreihen wie „Harry Potter“ oder eben „Twilight“ wird erklärt mit dem Bedürfnis nach Fantastischem im Kontrast zur sehr irdischen Wirtschaftskrise. Und so halten die Vampire Einzug in den Mainstream, vom Laufsteg bis zur Bestsellerliste. „Die ,Bis(s)‘-Bücher sind erfolgreich, weil sie nicht desillusionieren. Die Aussage: Egal, wie groß die Unterschiede sind, Liebe überwindet alles!“, sagt Vampirologe Schneidewind. „Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm“, lautet demnach einer der „Twilight“-Kernsätze.

Und weil der Löwe das Gesicht des Briten Robert Pattinson trägt, wollen Frauen neuerdings gern wieder Opferlämmer sein. „Robsessed“ ist der Begriff für diese Obsession, die den 23-Jährigen in die Megastar-Sphäre gebeamt hat. Am 26. November startet „New Moon – Bis(s) zur Mittagsstunde“, Teil zwei der erregenden Vampir-Saga, in den Kinos. Und obwohl jeder Zuschauer weiß, dass außer schmachtender Warterei wieder nichts passiert, wird die Spannung lauter knistern als jede Chipstüte. „Ich stehe dazu, dass Abstinenz spannend sein kann. Das Berühren eines Gesichts, das Streicheln einer Hand sind sagenhaft aufregend“, sagt Autorin Meyer. Weniger ist mehr – das wussten wir ja schon. Aber dass gar nichts alles sein kann, hat uns erst „Twilight“ gelehrt.

Buch-Tipps:

Twilight“-Reihe von Stephenie Meyer, neuester Band: „Bis(s) zum Ende der Nacht“ (Carlsen, 24,90 Euro) Vampir-Saga „Midnight Breed“ von Lara Adrian, aktuell: „Gesandte des Zwielichts“ (Egmont Lyx, 9,95 Euro) Mit Brad Pitt verfilmter Klassiker: „Interview mit einem Vampir“ von Anne Rice (Goldmann, 7,95 Euro).




Lade weitere Inhalte ...