12. März 2010
Verrat unter Freundinnen

Verrat unter Freundinnen

Sie waren mal beste Freundinnen. Dann der Verrat: Die eine nahm der anderen den Job weg – und den Mann. Nach sieben Jahren Funkstille treffen sie zufällig wieder aufeinander. Kann man der Rivalin vergeben? Eine wahre Geschichte. 

Verrat unter Freundinnen 1
© Jalag Syndication
Verrat unter Freundinnen 1

Es war ein ganz normaler Tag. Ich guckte mir ein Paar Stiefeletten an, probierte drei Schals, wollte dann was trinken. Ich betrat den Coffeeshop und stand – zack! – direkt vor ihr: vor meiner besten Feindin! Sieben Jahre hatten wir nichts voneinander gehört, nun hatte uns das Schicksal einander vis-à-vis gestellt. Susanne sah mir genauso fassungslos in die Augen wie ich ihr, hatte sich aber schneller wieder im Griff. „Das gibt’s ja nicht!“, sagte sie lachend und nahm mich in die Arme. „Hey“, stammelte ich und registrierte, dass sich ihre Umarmung seltsam angenehm anfühlte. Vorsichtig irgendwie.

„Was machst du denn hier, ich dachte, du lebst in New York“, brachte ich mit piepsiger Stimme heraus und hoffte, dass sie nicht mitbekam, wie sehr mich die Situation aufwühlte. Ich wollte cool wirken. Wenigstens das. Nach allem, was sie mir angetan hatte. Seit einem Jahr wäre sie wieder hier, sagte Susanne, und wie lustig sie es fände, dass wir uns begegnen würden. Jetzt wäre sie in Eile, aber „lass uns doch mal treffen!“ Sie drückte mir ihre Visitenkarte in die Hand – und weg war sie. Ich wechselte das Lokal, bestellte statt Kaffee einen Brandy und ließ die letzten sieben Jahre Revue passieren…

Susanne kam als neue Kollegin in das Architekturbüro, in dem ich damals arbeitete. Binnen kürzester Zeit waren wir unzertrennlich, verbrachten jede Mittagspause und viele Abende miteinander. Sie hatte etwas Verwegenes an sich, war tougher als ich. Ein Alphatier, das sich nahm, was es wollte: in der Liebe, im Job, im Leben. Ich bewunderte sie, liebte ihren trockenen Humor und lauschte atemlos den Schilderungen ihrer bizarren sexuellen Abenteuer. Oft mussten wir die Bürotür zumachen,weil die anderen unser Gelächter nervte. Wir vertrauten uns alles an, wirklich alles: die richtige Haarlänge bei Intimrasuren, die besten Dispo-Überziehungs-Tricks, kleine Ängste und große Träume. Ich erzählte damals viel von Martin, meinem Freund, schwärmte von seinen sexuellen Talenten, klagte über seinen Freiheitsdrang und übersah – leider – das gefährliche Glimmen in Susannes Augen. Sie half mir durch die Hügellandschaft unserer Beziehung und baute mich wahlweise mit derben Witzen oder klugen Ratschlägen wieder auf.

Dann stand die Party eines gemeinsamen Freundes an, die ich absagen musste, weil ich mit einer Grippe im Bett lag. „Geh doch mit Martin“, sagte ich zu Susanne am Telefon. Das war der Anfang vom Ende. Am nächsten Morgen beichtete mir erst ein leichenblasser Martin und kurz danach am Telefon eine heulende Susanne, dass sie zusammen im Bett gelandet wären, etwas füreinander empfinden würden und nun auch nicht wüssten, wie es weitergehen solle.



Ich fühlte mich, als hätte Mike Tyson persönlich zugeschlagen. Ein unmenschlicher Schmerz breitete sich in meinem Magen aus, Fassungslosigkeit lähmte mich.Wiekonnten sie mir das antun? Von Susanne war ich noch enttäuschter als von Martin, denn sie war meine Seelenverwandte – hatte ich jedenfalls gedacht. Unsere vielen Gespräche, unsere Nähe – bedeutete ihr das nichts? War Martin, den sie kaum kannte, es ihr wirklich wert, alles aufs Spiel zu setzen?
Verrat unter Freundinnen 2
© Jalag Syndication
Verrat unter Freundinnen 2


Ich verkroch mich bei meiner Schwester, schaltete das Handy ab und vergoss so viele Tränen, dass man locker ein Hallenbad damit hätte füllen können. Susanne sprach tausend Entschuldigungen auf meine Mailbox, schickte mir SMS-Enzyklopädien und stand sogar einmal vor der Tür. Aber sie war zu weit gegangen. Niemals würde ich ihr das verzeihen. Ihr im Job weiter jeden Tag zu begegnen, hätte ich nicht ertragen. Darum kündigte ich. Schon länger hatte ich überlegt, mich selbstständig zu machen – nun blieb mir keine Wahl mehr. Ich brach jeglichen Kontakt zu den beiden ab, flüchtete in die Märtyrer- Rolle und quälte mich mit der „Warum“- Frage: Warum kam Martin nicht zu mir zurück? War Susanne besser im Bett? Auch da tougher, hemmungsloser, dominanter? Tatsächlich griff ich an einem Betrunkenen Abend zum Hörer und fragte Martin genau das. Er legte sofort auf. Und ich fühlte mich noch schlechter, noch zerquetschter.

In den folgenden Monaten stieg Susanne zur Star-Architektin auf, übernahm die Firmen-Dependance in NewYork, ab und an erschien sogar ein Foto von ihr in der Zeitung. Unterdessen rappelte ich mich äußerst mühsam wieder hoch, gründete meine eigene kleine Firma und fantasierte mir in schlaflosen Stunden Aufträge wie den Bau der Hamburger Elbphilharmonie herbei. Kurz: Ich sehnte mich danach, es Susanne und Martin so richtig zu zeigen, und ich träumte davon, eines Tages mit erhobenem Kopf und einem Fernsehteam im Schlepptau an den beiden vorbeizuziehen. Der große Ruhm blieb vorerst aus, aber meine Projekte begannen, mir Spaß zu machen. Ich kehrte ins Leben zurück, und irgendwann balsamierte auch eine neue Liebe mein Herz. Nur manchmal, in stillen Stunden, zuckte der Schmerz wieder auf, wie wenn man Eis an einen empfindlichen Zahn hält. Führte sie das tollere Leben? Machte sie alles richtig? Neid ist ein fieses Gefühl. Es nagt von innen an den Eingeweiden und hinterlässt ätzende Spuren von Zweifel. „Erst wenn du nicht mehr hasst, sondern segnest, bist du frei“ heißt eins der Ratgeberbücher, die ich damals verschlang. Doch ich segnete Susanne nicht. Sie wurde mir einfach irgendwann egal. Ihr Bild und der Schmerz verblassten mehr und mehr – wie ein Schiff, das am Horizont verschwindet.

Und jetzt saß ich hier, sieben Jahre später – und war am Boden meines Brandy- Glases angekommen: Wie lange dauert vergeben? Wann verjährt Schmerz? Zeugt es wirklich von Größe oder Weisheit, jedes Vergehen zu verzeihen? Ist betrügen so schlimm wie lügen? Ich schickte Susanne eine SMS: „Hast du morgen Zeit auf ein Glas Wein? Ich würde mich freuen!“ Die Antwort kam prompt, enthielt einen Bar-Vorschlag, eine Uhrzeit – und einen Smiley.

Showdown: Ich hatte keine Erwartungen, wollte keine Erklärungen, keine Entschuldigungen. Ich wollte mich nur nicht mehr verstecken. Lieber wollte ich mich mit dem Trauma konfrontieren und es endlich ausheilen. Manchmal verlieren Schatten ihren Schrecken, wenn man den Mut hat, das Licht anzuschalten. Dachte ich. Und wie immer, wenn man nichts erwartet, bekommt man alles: Nach zwei Gläsern Wein legte Susanne einen kompletten Seelen-Strip hin. Sie gestand mir, dass sie nicht mehr begreifen könne, was sie damals getan habe. „Heute weiß ich, was das für ein Verrat war.“

Wie eine Ertrinkende sei sie damals durchs Leben getaumelt und habe nach allem gegriffen, was Halt bot: Karriere, Alkohol, Männer – absolut egoistisch. Sie spielte, um zu spielen, folgte dem Reiz des Verbotenen, ohne den geringsten Gedanken an die Konsequenzen, erzählte sie. Dann sei ihr klar geworden, dass sie zu weit gegangen war. Sie litt an ihrer Schuld wie ich an dem Verrat. Während ich meine Wunden leckte, betäubte sie ihren Schmerz mit Arbeit. Und mit Martin. Allerdings nur fünf Monate. Dann lernte er die Frau kennen, mit der er heute verheiratet ist und zwei Kinder hat.

Immer wieder hatte ich mich gefragt, warum ich damals nicht souveräner mit der Situation umgehen konnte. Warum ich mir alles wegnehmen ließ und nicht kämpfte? Meine Schwäche konnte ich mir nie verzeihen. Und nun sagte Susanne mir, wie sehr sie die Echtheit meiner Gefühle berührt hatte, auch meine Verletztheit. Ich fühlte mich seltsam rehabilitiert. Nicht nur ihr, sondern auch mir selbst verzeihen zu können – dieses Geschenk machte Susanne mir an diesem Abend. „Jetzt beruhig dich!“ war – möglichst beunruhigt geschrien – unser Running Gag gewesen. Als Susanne diesen Satz nun nach ihrem Geständnis weich lächelnd zum ersten Mal wieder sagte, war es, als ob ein trauriger Film plötzlich mit einem Happy End überrascht. Grinsend stießen wir an und gingen vom Wein zum Armagnac über. Happy und noch lange nicht am Ende.



»Loslassen ist die Devise!«
Neid, Eifersucht, Wut: Wie geht man am besten mit solchen Gefühlen um? Sieben Fragen an die Psychologin Dr. Angelika Faas

Besteht ein Unterschied zwischen Neid und Eifersucht? Auf jeden Fall! Zum Neidgefühl gehört zwar die Seite der Missgunst, doch auch der Same des Ansporns. Eifersucht ist eine Besessenheit, meist vollkommen unproduktiv und oft unbegründet. Neid hat in der Regel konkrete Anlässe, Eifersucht nicht.

Also hat unser Neid auch etwas Gutes? Neid hat in der Tat eine negative und eine positive Seite. Die Schattenseite besteht aus Selbstzweifeln wie: „Was hat sie, was ich nicht habe?“ Oder: „Hätte ich irgendetwas anders machen müssen?“ Daraus kann der Ansporn erwachsen, selbst etwas zu verändern und einen Neuanfang zu wagen, statt auf der Verliererposition zu verharren.

Stichwort „Konkurrenz unter Frauen“: Wie kann man den Neid hier nutzen? Positive Konkurrenz wäre, so zu verfahren wie die Radsport-Teams bei der Tour de France: Einer gibt zwar das Tempo vor – aber nicht, um zu gewinnen, sondern damit die anderen ebenfalls schneller werden. Übersetzt bedeutet das, zu erkennen, dass man zu zweit viel besser ist als allein auf der Überholspur. Dass es nicht darum geht, die andere auszustechen, sondern darum, weibliche Solidarität zu entwickeln und sich gegenseitig als Schrittmacherin zu sehen. Im Idealfall stacheln beide Seiten sich dann zu Höchstleistungen an.

Sollte man versuchen, all die Fähigkeiten, um die man andere beneidet, bei sich selbst zu entwickeln? Nein. Eigenschaften zu kopieren, die einem nicht entsprechen, wäre falsch. Es geht vielmehr darum, sich weiterzuentwickeln: die eigenen Schwächen anerkennen, seine Stärken würdigen und den eigenen Stil finden. Sich selbst akzeptieren, statt jemand anderes sein zu wollen. Motto: Ich bin anders – aber nicht schlechter! Es hilft, sich eigene Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Begeben Sie sich dafür beruflich und privat in ein Umfeld, das diese Eigenschaften würdigt. Das kann zum Beispiel eine Sport-Clique sein.

Ist es sinnvoller, bei einem Verrat um die Ehre zu kämpfen, statt sich in die Opfer-Rolle zurückzuziehen? Nicht unbedingt. Nehmen wir das Beispiel Partnerschaft: Die eine Seite bricht ja nicht einfach so aus einer langjährigen Beziehung aus. Da gab es vermutlich schon vorher Probleme. Wer sich ehrlich damit auseinandersetzt und sich mit seinen Gefühlen wie Trauer undWut beschäftigt, statt sie zu verdrängen, der ist auf einem guten Weg – und lernt viel über sich selbst.

Muss man immer verzeihen? Eine Versöhnung ist erst möglich, wenn man wieder sicheren Boden unter den Füßen hat. Das ist der Fall, wenn man zum Beispiel ohne Trauer und Schmerz alte Fotos angucken kann. Vergeben kann nur, wer die Verletzung wirklich bewältigt hat und wer bereit ist, auch die Perspektive des anderen zu sehen. Ansonsten gilt: Natürlich darf man sich distanzieren, wenn man sich besser damit fühlt!

Wie geht man am besten mit Wut um?
Hass- und Wutgefühle haben oft eine stärkere Bindungskraft als die Freundschaft vorher. Loslassen ist für das eigene Seelenheil das Beste. Entweder durch Versöhnung – oder durch Distanz.
Lade weitere Inhalte ...