13. März 2010
Ich liebe Deine Macke!

Ich liebe Deine Macke!

Jeder kennt sie, jeder hat sie: ein paar Ticks oder Spleens. Und das ist gut so! Denn unsere Eigenheiten machen uns sympathisch – und unverwechselbar

© Photo by Sebastian Voortman from Pexels

Okay, es ist ein bisschen albern. Dessen ist sich Michaela bewusst. Dennoch kann sie nicht anders: Beim Autofahren bildet sie bei jedem Kennzeichen, das sie sieht, die Quersumme der Ziffern. Lässt sich das Ergebnis durch zwei teilen, wertet sie das als gutes Omen. Eine Häufung ungerader Zahlen aber kann Michaela gehörig die Laune verhageln.
Logisch, dass sie dann keinen Parkplatz findet. Nur ihre beste Freundin Sarah weiß von dem merkwürdigen Nummernschild- Aberglauben. „Du spinnst“, sagt Sarah regelmäßig, wenn sie auf dem Beifahrersitz Michaela Zahlen deklamieren hört. „Kann schon sein“, antwortet Michaela meist. Dann lachen beide – und Sarah schüttelt den Kopf über Michaelas ... ja, über was eigentlich? Ist es ein Spleen? Eine Spinnerei? Eine Laufmasche in Michaelas Hirnstruktur?

„Du und deine Autonummern – da hast du wirklich eine Macke!“ Fast klingt es wie ein Kompliment. Und Michaela weiß, dass sie sich für ihre Zahlenspiele nicht schämen muss. Jedenfalls nicht vor ihrer besten Freundin. Jeder kennt jemanden, der Dinge auf eine ganz besondere, ungewöhnliche Art erledigt – und die meisten beobachten so ein Verhalten auch an sich selbst: Das Butterbrot immer so belegen, dass die Schinkenscheibe auf allen Seiten exakt gleich weit überlappt – sonst schmeckt es nicht.

Plastiktüten aus dem Supermark nicht nur sammeln, sondern auch nach Farbton sortierenund auf Kante gefaltet stapeln – wer weiß, wofür man die noch braucht. Briefmarken auf den Kopf gestellt auf Umschläge kleben – weil es vielleicht eines Tages Glück bringt. „Logisch“ ist so etwas beileibe nicht. „Effektiv“ schon gar nicht. Auch deshalb trauen sich nur die wenigsten, solche kleinen Absurditäten preiszugeben. So groß die Angst, als „nicht normal“ zu gelten, so vielfältig der anwendbare Schimpfwörterkatalog: Freak! Nerd! Messie! Esoteriktante! Zwangscharakter! Irre!

Wenn das Handy im Kühlschrank liegt

Denn schließlich sollen (wollen?) wir doch in jeder Lebenslage souverän, geschmeidig, nonchalant durchs Leben gleiten. Gefühlte 100 Millionen Ratgeberbücher erklären uns, wie wir „besser, schneller, effektiver“ lieben, arbeiten – letztlich: funktionieren. Doch so glatt und reibungslos läuft das Leben eben nicht – glücklicherweise! „Take it easy – kleine Macken hat doch jeder“, sagt auch Diplom-Psychologin Marion Sonnenmoser in ihrem gleichnamigen Buch (Herder, 160 S., 8,95 €).

Und liefert zahlreiche beruhigende Erklärungen für vermeintliche „Fehler“. Anders gesagt: Nicht jeder individuelle Tick deutet gleich auf eine schwerwiegende Störung hin. Oft handelt es sich bloß um eine Dosis Menschlichkeit, für die wir meist auch Verständnis aufbringen, jedenfalls, wenn wir den anderen Menschen mögen, schätzen, lieben – und zwar trotz oder geradewegen seiner Macken, die ihn ja auch zu einer unverwechselbaren Persönlichkeit machen. Ein Beispiel: Angenommen, Sie müssen vor einer Abendeinladung – trotz des notorisch drängenden Gatten – schweißgebadet immer 15 bis 22 verschiedene Outfits anprobieren, dann sind Sie nicht etwa Opfer einer Kleiderschrank-Neurose! Sondern haben einfach nur zu viel – oder zuwenig – Auswahl in Ihrer Garderobe.

Das fanden US-Psychologen des Dartmouth College heraus. Leider wurde die optimale Anzahl Kleidungsstücke für die schnelle Entscheidungsfindung nicht erforscht. Doch in der Tendenz half es – sowohl dem überforderten Gehirn der Betroffenen als auch dem Nervenkostüm der Umwelt–, wenn„mittelviel“zur Auswahl stand. Auch falls Sie glauben, bereits mit 30 an Demenz zu leiden, weil Sie Ihr Handy ständig verlegen und es beim Suchanruf vom Festnetz plötzlich aus dem Kühlschrank bimmeln hören, seien Sie beruhigt: Besonders in Stress-Situationen führen wir Handlungen oft automatisiert durch.

Macken würzen den Charakter.

Wenn Sie nun die Milch für den Kaffee aus dem Kühlfach nehmen und dabei telefonieren, kann es passieren, dass hinterher das Handy in der Kühlschranktür landet – und die Milch auf dem Flur-Regal,wo Sie sonst das Mobiltelefon deponieren. Was noch als „normal“ gilt und was nicht mehr, ist oft relativ. Wer etwa morgens notorisch fünf Minuten zu spät am Bahnsteig ankommt, dessen Zug ist (meistens) abgefahren – und das häufige Zuspätkommen im Job kann ernsthafte Konsequenzen nachsichziehen.

Wer aber fünf Minuten zu spät zur Café-Verabredung mit dem wissenschaftlichen Uni-Mitarbeiter erscheint, muss möglicherweise selbst noch warten – das viel zitierte „akademische Viertel“ ist noch nicht ausgereizt. Und wer in Italien fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit auftaucht, steht schnell im Ruf, ein überpünktlicher Pedant zu sein. Aber an manchen Tagen schleichen sich Zweifel ein: Vielleicht ist es doch eine schwere Psychomacke, sonntagabends beim„Tatort“ immergenau 29 Kartoffelchips zu naschen – keinenmehr und keinen weniger (weil man sich am 30. Geburtstag geschworen hat, auf ewig 29 zu bleiben.)

Oder: Handelt es sich bereits um eine ausgewachsene Mikrobenphobie, wenn man sich vor Gläsern ekelt, aus denen zuvor andere getrunken haben? Und: Welcher Gendefekt zwingt manche Leute, aus dem weichen Inneren des Frühstücksbrötchens zwischen den Handflächen kleinematschige Teigkugeln zu rollen? Schwierig wird so etwas nur, wenn die Betroffenen selbst darunter leiden. Wer sich nicht nur einmal vergewissert, ob der Herd wirklich aus ist, sondern zehnmaloder häufiger und dennoch den ganzen Tag ein unruhiges Gefühl mit sich herumträgt, sollte sich psychologisch helfen lassen.

Perfektionismus-Paradox

Aber er oder sie stünde damit absolut nicht allein: Schätzungen zufolge „müssen“ etwa eine Million Deutsche bestimmte Dinge als „Zwangshandlung“ tun,ohne dass sie es wirklich wollen– etwa x-malamTag duschen, bis die Haut spröde wird. Meist lassen sich solche seelischen Verspannungen aber mit einfachen verhaltenstherapeutischen Tricks schnell lösen.

Vielleicht tut es darüber hinaus auch ganz gut zu wissen: Menschen, die sich selbst so nehmen, wie sie sind, auch mit kleinen Unzulänglichkeiten, sind letztlich erfolgreicher! Das kanadische Psychologen- DuoPaul L.Hewitt und Gordon L. Flett fand heraus, dass Perfektionisten oft an ihren eigenen Maßstäben scheitern. Sie verlieren sich in Details, verpassen Deadlines – und schneiden oft deutlich schlechter ab als Menschen, die auch mal fünf gerade sein lassen können.

„Perfektionismus-Paradox“ heißt dieses Phänomen in der Psychologie. Klar, dass eine durchcomputerisierte Leistungsgesellschaft beides begünstigt: den Drang nach aalglatter Perfektion einerseits – und andererseits die kleinen Macken-Nischen, in denen wir uns spüren. Viele leicht schräge Eigenarten haben eine positive Seite. Teedosen sammeln und immer wieder umgruppieren oder nach jedem Regenguss die Fenster putzen: „Jeder Mensch hat das Bestreben, seine Umweltbewältigen zu können“,erklärt der Bamberger Psychologe Dietrich Dörner.

Kleine Rituale wie diese brächten „ein Erfolgserlebnis, das alltägliche Niederlagen ausgleichen und die Kompetenzbilanz wieder ins rechte Lot bringen kann“. So erweisen sich vermeintliche Macken als Balsam für die Seele. „Ich werde dich vermissen, du irre Nudel“, lautete die SMS, die Michaela von Sarah erhielt, als sie zu einem dreimonatigen Segeltörn aufbrach. Es folgte gleich noch eine zweite Nachricht: „PS: Ich zähle so lange die Autos für dich!“ Tja, das ist eben Sarahs Macke: zwanghaft immer noch ein PS dazuzusetzen.

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