6. März 2013
Das Glücks-Vitamin D

Das Glücks-Vitamin D

Es soll ja Menschen geben, die sich im Winter eine Taschenlampe vor das Gesicht halten, damit ihr Körper das Glücks-Vitamin D produziert. Ist natürlich Unsinn. Nur Sonnenstrahlen und die richtige Ernährung bringen etwas. Aber brauchen wir wirklich eine Extraportion?

Madonna würde nicht lange fackeln. Schließlich betont die Sängerin immer wieder, dass sie ihren Forever-young-Look regelmäßigen Vitamin-Shots verdankt. Sogar einigen Kollegen verpasste sie schon eine Spritze in den Po, wie zum Beispiel Justin Timberlake der bei gemeinsamen Studioaufnahmen schwächelte. Keine Frage: Würde man Madonna Studien vorlegen, die uns einen kollektiven Vitamin-D-Mangel bescheinigen, würde sie sämtliche Vorräte aufkaufen und die Musikbranche damit eindecken. Schließlich macht der Stoff glücklich, stärkt die Knochen und soll zudem vor Krankheiten schützen. Doch müssen wir tatsächlich zu Ampullen und Pillen greifen, um ausreichend versorgt zu sein – obwohl durch Sonnenlicht bis zu 90 Prozent des benötigten Vitamin D in der Haut gebildet werden und es auch im Essen steckt? Wir haben für Sie alle wichtigen Fakten zusammengetragen.

Allzweckwaffe oder Mode-Vitamin?

Man kennt das ja: Andauernd wird irgendein neuer Gesundheitstrend beworben. Mal ist es der Blutdruck, der mit dem iPhone kontrolliert werden soll, mal eine tropische Superbeere, die angeblich die Pfunde purzeln lässt. Und jetzt ist es eben Vitamin D, das wir zum Glück brauchen. Die Calciferole, wie man die Vitamine der D-Gruppe auch nennt, sind – erwiesenermaßen – notwendig, damit Kalzium und Phosphat in den Knochen eingelagert werden können, und sorgen dadurch für ein belastbares und stabiles Skelett. Wenn nicht genug davon zur Verfügung steht kann es bei Kindern und Jugendlichen zu Knochenverformungen (Rachitis) kommen, bei Erwachsenen zu Knochenerweichung (Osteomalazie) und Knochenschwund (Osteoporose) mit erhöhter Bruchgefahr. Aber zurück zu den guten Nachrichten: Auf der Wirkungsliste des Vitamin D steht ebenso, dass es die Ausschüttung von Glückshormonen ankurbelt und (Winter-)Depressionen vertreibt. Einige Wissenschaftler sind auch der Ansicht, das es unter anderem Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugt.

Von wegen Nordlichter...

„Am besten wäre es, Brot mit Vitamin D anzureichern“, so Michael Amling, Direktor des Instituts für Osteologie und Biomechanik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Seine Studie zeigte, dass bis zu 80 Prozent der Hanseaten ein Defizit an Vitamin D aufweisen. Ein Problem, das hauptsächlich die Norddeutschen betrifft, die noch weniger Sonne abbekommen als der Rest der Republik? Offenbar nicht. Auch bei mehr als der Hälfte aller Frauen und Männer, die an einer bevölkerungsrepräsentativen Untersuchung des Robert Koch-Instituts teilnahmen, lag der Vitamin-D-Blutspiegel unter der wünschenswerten Konzentration von 50 Nanomol pro Liter. Und: Im Winter lagen die Werte deutlich niedriger als im Sommer. In unseren Breiten steht die Sonne in der kalten Jahreszeit so tief am Himmel, dass ihre UV-B-Strahlung eine derart weite Strecke durch die Atmosphäre zurücklegen muss, dass kaum etwas davon auf der Erdoberfläche ankommt. An trüben Tagen ist es noch weniger. Nur etwa von April bis September scheint hierzulande die Sonne intensiv genug, um unseren Vitamin D-Bedarf zu decken. Immerhin: Wer sich in den warmen Monaten viel draußen aufhält, den Schreibtischstuhl, sooft es geht, gegen eine Sonnenliege tauscht oder häufig in tropische Gefilde reist, kann das Vitamin speichern und im Winter von den Vorräten zehren. Die Faustregel: Mehrmals wöchentlich circa 20 Prozent der Körperoberfläche, etwa Gesicht, Handrücken und Unterarme, ein paar Minuten der Sonne aussetzen.

Wer braucht es nun wirklich?

Eigentlich wissen wir ja, dass das Internet uns nur nervös macht, wenn man etwas zum Thema Gesundheit recherchiert. Googelt man trotzdem mal zum Thema „Vitamin-D-Mangel“, ploppen beunruhigende Schlagzeilen auf: „Verbreitet und gefährlich“, „Der unterschätzte Schutzschild“, „Vergiss nicht die Sonnenvitamine!“ Also doch was tun? Darüber herrscht Uneinigkeit, die einen sagen Ja, die anderen Jein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung jedenfalls hat aufgrund der Datenlage – nach internationalen Kriterien sind rund 60 Prozent aller Deutschen „unzureichend“ mit Vitamin D versorgt – eine neue Empfehlung herausgegeben: Erwachsene und Kinder ab einem Jahr sollen demnach 20 Mikrogramm Vitamin D pro Tag aufnehmen statt wie bisher fünf – sofern der Körper es nicht selbst herstellt. Der Schätzwert für Säuglinge liegt bei zehn Mikrogramm pro Tag, das entspricht einer Vitamin-D-Tablette zur Rachitisprophylaxe. D3-Präparate zum Einnehmen empfehlen Experten vor allem jenen, die wenig im Freien sind, kranken und älteren Menschen, die rund viermal weniger hauteigenes Vitamin D produzieren als jüngere. Ob man von einem Mangel betroffen ist, kann nur ein Bluttest mit Sicherheit klären. Und bevor Pillen geschluckt werden, Rücksprache mit dem Arzt halten (hoch dosierte Präparate sind ohnehin verschreibungspflichtig). Eine Überdosierung von Vitamin D kann zu einer Verkalkung von Blutgefäßen und Organen führen. Ein Solariumbesuch wäre übrigens keine Lösung: Im Sonnenstudio gibt es wenig bis keine UV-B-Strahlung, und abgesehen davon ist das Bräunen dort gesundheitsschädlich.

Sonne kann man doch essen

Die reichhaltigsten Lieferanten für Vitamin D: Seefische wie Hering, Lachs oder Thunfisch, Kalbfleisch, Innereien wie Leber, vollfetter Käse, Sahne, Butter und Eier. Da es sich um einen Nährstoff handelt, der fettlöslich ist, gibt es nur wenige pflanzliche Lebensmittel, die größere Mengen davon enthalten. Dazu gehören Steinpilze, Champignons, Pfifferlinge und Avocados. Für Vegetarier hält beispielsweise die Tierschutzorganisation Peta auf ihrer Website (peta.de) Tipps bereit, was auf den Teller kommen sollte. Übrigens: Die einzige Bevölkerungsgruppe, die durch Nahrung ihren Vitamin-D-Bedarf decken kann (weil sie so viel Fisch isst), sind die Inuit, die im arktischen Zentral- und Nordostkanada sowie auf Grönland leben, wo sich die Sonne nur selten blicken lässt. Und wenn Madonna das erfährt, wird sie sich wahrscheinlich nur noch von Fischbrötchen ernähren ...

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