10. Oktober 2011
Warum wir fremdgehen

Warum wir fremdgehen

Es ist nicht so, wie du denkst, Schatz! Und eigentlich wollten wir diese Affäre doch auch gar nicht – weil sie uns Frauen einfach nur durcheinanderbringt. Warum wir fremdgehen und wie wir trotzdem auf dem richtigen Weg bleiben - ein Erklärungsversuch.

© Photo by Marcelo Matarazzo on Unsplash

Es lief ein Song von Simple Minds und ich war 17. Am nächsten Morgen sah ich im Spiegel das Gesicht einer Betrügerin. Ich hatte Jörg geküsst, dabei war ich doch mit Matthias zusammen. Dem beichtete ich alles unter Tränen. Es wurden die letzten Tränen meiner ersten Liebe. Und ich bekam eine Ahnung davon, dass es nicht leicht werden würde, dieses „Du und ich für immer“-Ding …

Zehn Jahre später steckte meine Beziehung zu Nick in einer Sackgasse. Wir führten eine Fernbeziehung, sahen uns nur am Wochenende und spätestens Samstagmorgen nervte mich schon seine Art, ins Brötchen zu beißen. Da lernte ich Jan kennen. Der kaute selbst Chickenwings noch so, dass ich es anziehend fand. Ein halbes Jahr später trennte ich mich von Nick. Er weiß bis heute nichts von Jan. Ich aber weiß seit dieser Zeit – es kann jedem passieren, und schon bist du die Lügnerin, die du nie sein wolltest.

Nach Umfragen von Forschern auf der ganzen Welt, geht jeder Zweite irgendwann fremd. Zu denen gehöre ich also auch. Untreue, könnte ich jetzt entschuldigen, steckt vielleicht in jedem von uns. Klar träume ich von einem „nur du bis ans Ende der Zeit“. Aber ich habe auch schon versagt, als es drauf ankam. Ist der Anspruch nicht auch idiotisch, fragte ich mich immer an diesem Punkt. Schließlich gibt es kein einziges Lebewesen, das seine gesamte Existenz in einer monogamen Partnerschaft verbringt. Sogar Schwäne, die bislang als besonders treu galten, jubeln ihren ahnungslosen Partnern immer wieder Kuckuckskinder unter. Ja und nicht nur Männer, auch wir Frauen können die „Es ist halt die Biologie“-Karte als Entschuldigung ziehen: Denn – auch das weiß die Wissenschaft – je öfter wir uns mit möglichst unterschiedlichen Männern paaren, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir gesunde Kinder bekommen. Besonders umtriebig werden wir, sobald es im Job gut läuft. Oder wir gerade gar keinen haben.

Wie meine Freundin Mareike vor ein paar Jahren. Sie hockte vormittags allein im Reihenhaus in der Vorstadt. Ihr treusorgender und gut verdienender Mann war in der Firma, der Sohn in der Kita. Und der Thorsten aus dem Sportstudio in ihrem Ehebett. Nie habe ich eine Freundin trösten müssen, die sich so mies gefühlt hat. Nicht nur, weil sie da gerade ihren Mann betrog. Sondern weil sie sich selbst verraten hatte. Und dazu ihre Ideale von der Liebe, auf die sie im Designerbrautkleid nur fünf Jahre zuvor geschworen hatte.

Mareike war, wie die meisten von uns, dem Märchen der unentwegt leidenschaftlichen Liebe aufgesessen. Klar, wer wie wir mit Dornröschen und Rapunzel aufwächst, hat eigentlich gar keine Chance mehr auf ein realistisches Gefühlsleben. Und ist anfällig, wenn die Leidenschaft im Alltag irgendwo im Keller hinten in einer Schublade verschwindet, weil Kredite und Kinderkrankheiten gerade wichtiger sind. Aber die Sehnsucht lässt sich da nicht verstecken. Kommt dann die Gelegenheit, fragen wir Frauen uns: Ob es noch mal kribbelt? Ob ich mich danach nicht unwiderstehlich und großartig fühle? Ob es überhaupt einer mitkriegt?

Wir stecken aktuell in einem Dilemma, das für uns selbst wohl am schwierigsten auszuhalten ist. Denn seit der Mann als Versorger ausgedient hat, ist Leidenschaft der Gradmesser einer guten Beziehung geworden. Und die ebbt einfach irgendwann ab. Warum das Feuer also nicht mit einer Affäre wieder zum Lodern bringen? Vielleicht weil all das zwar Erklärungen sind – aber keine Freifahrscheine. Weil wir doch nicht nur triebgesteuert sein können. Weil wir große Mädchen geworden sind, die vor dem Sex das Gehirn durchaus dazuschalten können. Und weil am Ende meistens der große Katzenjammer kommt. Denn anders als bei Tieren heißt die Zweisamkeit bei uns Liebe, und es sind Gefühle im Spiel – auf beiden Seiten. Und so ein Betrug hinterlässt schlimmere Spuren als ein paar Kratzer am Ego. Neulich habe ich gelesen, dass Betrogene ähnliche Symptome aufweisen wie Menschen, die misshandelt worden sind oder im Krieg grauenvolle Dinge erlebt haben. Ich glaube, dass das stimmt. Ganz schön viel verbrannte Erde für ein bisschen Spaß.

Denn was ist Fremdgehen eigentlich? Eine dreiste Lüge. Es ist nämlich nicht der Sex mit einem anderen, der an uns kleben bleibt wie ein lästiger Versicherungsvertreter. Es ist vielmehr das miese Gefühl, jemanden zu belügen, von dem man weiß, dass er einem doch vertraut. Dan Savage, Amerikas Sexkolumnist Nummer eins, sieht den einzigen Ausweg in absoluter Offenheit. Und rät: reden, reden, reden. Es kann ja sein, dass beide Partner nicht viel von sexueller Treue halten. Dann ist vielleicht eine offene Beziehung die beste Lösung. Aber auch das will ja mal besprochen werden, da hat Mr. Savage schon recht.

Mareike hat irgendwann mit ihrem Mann geredet. Über ihre Wünsche an die Liebe. Und dann wechselte sie das Sportstudio. Wie bei ihr ist der Seitensprung oft auch einfach ein Warnsignal, dass etwas mit dem Partner nicht rund läuft. Doch anstatt es anzusprechen, lassen wir uns verführen. Und plötzlich stehen wir da vor einem riesigen Berg verwirrter Emotionen, der sich nicht mehr still und heimlich zur Seite schieben lässt.

Dabei sollten wir auf der Hut sein. Denn Männer kommen einem Betrug 75 Prozent Mal häufiger auf die Spur als wir selbst. Warum? Weil sie von Natur aus misstrauischer sind, uns Frauen den Verdacht auf den Kopf zusagen –und richtig liegen. Tja, und dann? Trennen, bleiben oder einfach weitermachen? Da gibt es kein richtig und falsch. Meine Beziehungen damals waren nach dem Seitensprung früher oder später vorbei. Wohl weil ich es schon schlimm genug fand, die Liebe zu hintergehen. Aber mich selbst bescheißen, das konnte ich dann doch nicht.

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