13. November 2013
Wie viel Neugier verträgt die Liebe?

Wie viel Neugier verträgt die Liebe?

Staaten spähen ihre Bürger aus – und wir? Regen uns auf. Aber heimlich mal in sein Telefon gucken ist okay? Wie genau nehmen wir es mit der Privatsphäre in unseren Beziehungen? PETRA-Autorin Yvonne Adamek über den Kampf zwischen Vertrauen und Vertrauensbruch…

Paar Neugier
© Goodshoot/ Thinkstock
Paar Neugier

Das Telefon piepst. Schon wieder! Und er? Tippt und tippt und tippt. Wie soll man sich denn dabei noch auf sein Buch konzentrieren? Spukt doch bei jedem Satz, den man zu lesen versucht, nur noch die eine Frage im Kopf herum: "Wem schreibt er da eigentlich?" Um darauf eine Antwort zu finden, gibt es genau zwei Möglichkeiten: 1. Sie können Ihren Partner einfach fragen. 2. Sie versuchen, unbemerkt einen Blick auf sein Telefon zu erhaschen.

Warum sind wir versucht zu schnüffeln?

Gut, man könnte die Situation auch einfach ignorieren. Aber wenn wir einmal ehrlich sind, ist das keine wirkliche Option. Am effektivsten ist natürlich die direkte Frage. Auch wenn so ein neugieriges "Duhuuu, wem schreibst du da?" vielleicht ein genervtes Augenrollen als Antwort nach sich zieht, ist es dennoch die einzige Möglichkeit, schlechten Schwingungen vorzubeugen. Sie wissen schon, dieses mulmige Gefühl, das durch den Raum wabert, weil man sich einbildet, dass sich der andere gerade merkwürdig verhält. Wenn er zum Beispiel mit fettem Grinsen im Gesicht permanent SMS beantwortet. Hat man dann kurz vorher vielleicht auch noch gesehen, dass er auf Facebook jetzt mit einer gewissen Kathrin Soundso befreundet ist, liegt es eigentlich schon auf der Hand: Da muss etwas im Busch sein. Trotzdem haben Sie sich immer noch nicht getraut zu fragen. Schließlich möchte man ja auch nicht als Zicke mit übertriebenem Kontrollzwang gelten. Während Sie noch mit sich hadern, verlässt er plötzlich das Zimmer. Und sein Handy? Liegt mitten auf dem Tisch. Keine Tastensperre, kein Geheimcode. Jetzt könnte man doch schnell mal einen kurzen Blick riskieren. Nur, um sich selbst zu beruhigen. Er wird es ja nie erfahren, oder?

Psychologie:

In einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut forsa exklusiv für Petra unter Frauen zwischen 25 und 40 durchgeführt hat, gaben 35 Prozent zu, bereits einmal im Handy oder E-Mail-Postfach des Partners geschnüffelt zu haben. Und das, obwohl 51 Prozent dieser Damen es ganz und gar nicht in Ordnung fänden, wenn ihr Partner dasselbe tun würde. Sicher, ein spontaner Blick ins Telefon oder vielleicht sogar ins E-Mail-Postfach, lässt sich schnell mit einer gewissen Willensschwäche begründen, die uns Menschen nun mal anhaftet. Aber moralisch vertretbar wird der Blick dadurch noch lange nicht. Denn wie man es auch dreht und wendet: Ungefragt die Post des Partners zu durchstöbern – egal, ob E-Mail, SMS oder Brief – ist und bleibt ein Vertrauensbruch.

Frau auf Sofa
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Ehrlichkeit in der Beziehung: Wie offen müssen wir mit unserem Partner sein?

Vertrauen als Basis der Beziehung

Das gilt übrigens auch, wenn man das Passwort des Partners kennt, was immerhin auf 39 Prozent der Befragten zutrifft. Allerdings haben sich ganze 59 Prozent dieser Frauen ihr Insiderwissen auch schon einmal zunutze gemacht, um dem Partner hinterherzuspionieren. Es ist schon so eine Sache mit den Geheimnissen und dem Vertrauen in Partnerschaften. "Vertrauen ist die Grundlage jeder funktionierenden Partnerschaft", erklärt Dr. Stefan Woinoff, Psychotherapeut und Autor ("Er steht auf dich! Sei du selbst, und er wird sich verlieben", Mosaik Verlag, 288 Seiten, 18,50 Euro). Nur leider schleifen sich in langen Partnerschaften gewisse Verhaltensweisen und Nachlässigkeiten ein. Und spätestens nach drei Jahren glänzt nicht mehr alles so rosarot wie zu Beginn. Dafür robben sich Unsicherheiten und Zweifel heran. "Liebt er mich eigentlich noch?" oder "Hat er vielleicht eine andere?" sind typische Fragen, die uns dann beschäftigen.

Vertrauen in Zeiten von Facebook

Und schon machen uns Kleinigkeiten wie Handynachrichten oder neue Facebook-Bekannte misstrauisch. Durchsuchten früher Generationen von Ehefrauen bei einem aufkeimenden Verdacht noch die Anzugtaschen und Aktenkoffer ihrer Männer, brauchen wir heute meistens nur seine Facebook-Seite aufzurufen, um Ungereimtheiten zu beobachten. In der Timeline tauchen sämtliche Aktivitäten des Partners auf. Kommentare, neue Freundschaften, wer oder was ihm gefällt – nichts bleibt uns verborgen. Und hat er bestimmte Privatsphäre-Einstellungen, die uns am Spionieren hindern, macht ihn das noch viel verdächtiger.

Mehr zum Thema: Warum gehen wir fremd?

Es ist schwer geworden, in unserer heutigen Gesellschaft ein Geheimnis zu bewahren. Wenn sich noch nicht einmal Staaten dafür schämen, ihre Bürger abzuhören und deren E-Mails mitzulesen, warum sollte man es dann als Privatperson tun? Und wenn jeder auf Facebook Fotos aus seinen Flitterwochen, Vorlieben, Mittagessensbilder und sein persönliches Lebensmotto postet – was ist dann noch intim? Außerdem hat ein iPhone in den Augen der Mehrheit noch lange nicht denselben privaten Stellenwert wie ein Tagebuch. Da ist es völlig egal, ob die darauf abgespeicherten Bilder und Nachrichten wahrscheinlich mehr über den Besitzer verraten als handschriftliche Gedankenspiele in einem Notizbuch.

Psychologie:

Diese Einstellung mag auch mit der Tatsache zusammenhängen, dass alle ständig und überall mit ihrem Smartphone oder Tablet herumwedeln. Nur einen PC umweht noch ein Hauch von Privatsphäre. Das große Problem der modernen Kommunikation ist leider ihre Zwiespältigkeit. Prophezeien Social-Media-Experten wie der britische Autor David Levy ("Love & Sex with Robots") eine Zukunft ohne Geheimnisse, beobachten Trendforscher wie der Hamburger Kommunikationsdesigner Peter Wippermann einen zunehmenden Rückzug ins Private und einen gesteigerten Respekt vor den Geheimnissen eines jeden Einzelnen. Was im Umgang mit den neuen Medien fehlt, ist also so was wie eine moralische Richtschnur. Daher muss sich unser Partner auch nicht gleich wundern, wenn wir wissen wollen, mit wem er eigentlich so angeregt Kurznachrichten austauscht, während wir danebensitzen. Wahrscheinlich würden wir uns auch bei einem klassischen Telefonat nicht anders verhalten. "Das alles ist noch eine harmlose Form der Neugier, wie sie in jeder Partnerschaft vorkommt", sagt Dr. Stefan Woinoff. "Trotzdem sollten Handy oder Tablet genauso zur Privatsphäre gehören wie Briefe oder Tagebücher." Nur weil der Partner sein Telefon mal vor unserer Nase liegen lässt, ist das noch lange kein Freifahrschein, seinen Posteingang zu durchstöbern. Egal, wie oft es vorher gepiepst hat.

Psychologie:

Außerdem: Was passiert eigentlich, wenn wir etwas finden? Eine unanständige SMS zum Beispiel. Oder noch schlimmer: unanständige Bilder. Manchmal reichen sogar schon Sätze wie "Prima. Dann bis morgen um acht. Freu mich!", um unser Kopfkino in Gang zu bringen. Soll ich mir wirklich die Blöße geben und gestehen, dass ich geluschert habe? Oder doch lieber Stillschweigen bewahren und irgendwie versuchen, mit dem Gelesenen fertigzuwerden? "Die Verdrängungstaktik ist leider selten erfolgreich", meint Dr. Stefan Woinoff. "Meistens kochen die Gefühle nach einer gewissen Zeit wieder hoch. Das kann dann alles noch viel schlimmer machen." So unangenehm es also auch sein mag, nur ein offenes Wort verhilft wirklich zu einer Lösung. "Hat er außerdem tatsächlich eine Affäre, wird er Ihnen Ihre Spähaktion zwar vorwerfen können, aber am Ende wiegt sein Betrug deutlich schwerer." War alles jedoch nur ein riesiges Missverständnis, ist es jetzt vielleicht genau die richtige Situation, endlich ausgiebig darüber zu sprechen, was Privatsphäre für Sie wirklich bedeutet: "Eine insgesamt intakte Beziehung sollte einen derartigen Vertrauensbruch überstehen. Es kann sogar die Chance für einen gemeinsamen Neuanfang sein." Jedes Paar muss seine eigene Balance zwischen Offenheit und Stillschweigen finden. Wichtig ist dabei nur, die Grenzen des anderen zu akzeptieren.

Frau ist schüchtern
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Geheimnisse: Was ist der richtige Umgang mit Geheimnissen?

Klarstellen: Wie viel Privatsphäre will ich?

Letzten Endes braucht jeder Mensch seine Geheimnisse. Wir müssen unserem Partner ganz gewiss nicht alles erzählen. Und er natürlich genauso wenig. Die totale, platte Offenheit kann am Ende sogar liebestötend wirken. "Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint, sind Geheimnisse auch etwas, das eine Beziehung ausmacht", so Dr. Woinoff. Jeder ausgesprochene Gedanke lässt auch immer Platz für Interpretationen. Und wir wissen wahrscheinlich aus eigener Erfahrung, wie schnell wir unserem Partner das Wort im Mund umdrehen können. "So viel Offenheit wie möglich, so viel Verschlossenheit wie nötig" lautet daher die Faustformel unseres Experten. Ach, und wenn beim nächsten Mal das Handy vom Partner irgendwo unbeobachtet herumliegt ... Gehen Sie einfach vorbei! Das kann Ihnen viel Ärger ersparen.

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