16. Oktober 2012
Das neue Treueverständnis

Das neue Treueverständnis

Wir zwei für immer – gilt das noch? Schon, wenn es nur nicht so schwer wäre. Aber müssen wir gleich alles hinschmeißen, bloß weil einer mal fremdgeknutscht hat?

Fremdgehen
© Brand X Pictures/Thinkstock
Fremdgehen

Glaub mir, es hatte nichts mit dir zu tun.“ Ein Satz nur – schon strauchelt die Liebe und stürzt wie ein Boxer beim Knock-out. Weil’s dumm gelaufen ist. Und irgend so eine „Ich-bin-doch-noch-sexy-Affäre“ oder blöder noch, ein „Es-war-die-Stimmung-Ausrutscher“ dazwischenkam. Passiert! Da sitzen wir nun, beichten – und heulen. Weil wir lieben und diese Liebe bleiben soll wie sie immer war. Schade nur, dass wir diese Chance in der Sekunde vertun, in der wir den Mund aufmachen. So viel zu unserer Entschuldigung: Wer wie wir mit „...sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage" groß geworden ist, glaubt an die Liebe, glaubt an die Treue und will loyal und ehrlich sein. Wir hatten bislang nicht die Chance auf ein Beziehungsideal, das den Anforderungen 2.0 wirklich noch gewachsen wäre. Weil treu sein schwierig geworden ist in Zeiten von Seitensprungportalen, Handys oder Geschäftsreisen, die länger als sieben Stunden dauern.

In unserem Liebesleben lief die Sache doch bislang so: Wir sprachen es zwar nie explizit aus, wenn wir uns verliebten. Aber irgendwie waren wir uns stillschweigend einig: Wir wollten uns treu sein. Spätestens nach ein, zwei gemeinsamen Jahren fing die Realität uns ein. All die anderen da draußen waren nicht mehr länger eine farblose Masse. Man sah sie wieder: den Kollegen, der neulich mal so ein nettes Kompliment gemacht hat. Oder den Typen im Sportstudio mit dem nicht zu verachtenden Sixpack. Drei von vier Frauen waren bereits in einer festen Beziehung untreu. Warum? Weil die Gelegenheiten zunehmen und die Ausdauer ab. Seite an Seite durch ein Tal zu gehen – müssen wir uns das noch geben? Mies drauf sein? Mit jemandem leiden? Etwas aushalten? Da winkt eine neue nette Versuchung, und wir lassen uns drauf ein.

Gerade wir, die modernen, erwachsenen, selbstbestimmten Frauen. Und dann folgt meist der Katzenjammer und das bittermiese Gewissen. „Und dieses schlechte Gewissen haben wir vor allem wegen der furchtbaren Angst, erwischt zu werden und dadurch die Partnerschaft zu riskieren“, sagt Diplompsychologin und Paarberaterin Lisa Fischbach („Treue ist auch keine Lösung“, Pendo, 17,99 Euro). „Das will aber kaum einer, es geht mehr um die Lust auf Fremdes neben dem Bedürfnis nach Sicherheit.“ Wenn wir mit Sicherheit wüssten, dass nichts herauskommen kann, würden wahrscheinlich noch viel mehr Menschen fremdgehen und noch weniger nach dem Gewissen fragen.

PETRA Umfrage:

Ist ein Seitensprung Grund, eine Beziehung zu beenden?

ja: 36 %

nein: 64 %

Und was passiert mit unserer Liebe nach dem Seitensprung? Eigentlich waren wir doch ganz glücklich – und wir waren uns so sicher! Wenn wir uns erleichtern und „beichten“, dürfte die Liebe baden gehen. „Weil für den Betrogenen alles zerbricht, woran er geglaubt hat“, sagt Lisa Fischbach. Dabei ist laut einer neuen PETRA-Umfrage ein Seitensprung für 64 Prozent der Frauen zwischen 29 und 39 überhaupt kein Grund mehr, eine Beziehung hinzuschmeißen. Und ein Festhalten dürfte sogar funktionieren, wenn wir die Größe haben, unseren Fehltritt mit uns alleine abzumachen. Beichten ist nämlich nicht ehrlich, sondern eigentlich eine Frechheit. Geben wir da nicht bloß unser eigenes mieses Gefühl weiter? Frei nach dem Motto: „Hier ist mein schlechtes Gewissen. Nimm es mir ab, und entscheide selbst, was wir jetzt machen.“

Wir entlasten uns, um den Mann an unserer Seite mit der Wucht unseres Geständnisses aus den Schuhen zu hauen. Und das alles nennen wir dann Loyaliät und Ehrlichkeit. Wahre Liebe geht anders, oder? Wir selbst wissen doch am besten, warum wir vom Weg abgekommen sind. „Die meisten Frauen sind in ihren Beziehungen ganz zufrieden. Oft ist es einfach der Reiz des Neuen, die Suche nach frischer Zuwendung oder die Sehnsucht, sich selbst mal wieder anders zu spüren“, weiß Lisa Fischbach. Kein Drama eigentlich. So sagen in unserer exklusiven PETRA-Umfrage auch nur elf Prozent der Frauen, sie würden den Schlussstrich unter eine Liebe ziehen, wenn sie selbst fremdgegangen wären. Nur so wenige bekommen also mit einer Affäre oder einer Gelegenheitsnacht (endlich) mal vor Augen geführt, dass sie in ihrer bestehenden Liebe etwas schmerzlich vermissen und sich darum auch trennen sollten.

Ganz anders sieht die Sache für uns aus, wenn unsere Männer auswärts kuscheln. Kriegten wir davon Wind, würden 89 Prozent aller Frauen schon eher die Biege machen. Der Grund: Erfahren wir von seiner Liaison, Affäre oder auch Gelegenheitsknutscherei, gehen wir ganz klar davon aus, der Partner müsse ja kreuzunglücklich sein. Sofort springt bei uns das Kopfkino an. Die andere Frau ist mit Sicherheit schöner, schlanker, witziger. Und er liebt sie rasender, zärtlicher, leidenschaftlicher. Hals über Kopf wird er morgen alles mit ihr haben: Ehering, Familie, Ferienhaus. Erwischen wir ihn, ticken die meisten von uns noch immer so: Lieber gehen als verletzt werden. Lieber den Mann verlassen, als das eigene Ideal von der Treue mal zu überdenken. Unser jetziges Treueverständnis ist ein Auslaufmodell. Wie das 18-Liter-Auto, das immer noch Sportwagenverrückte kaufen werden, obwohl man es eigentlich gar nicht mehr produzieren sollte.

Flexibilität ist ein Wert, der heute zählt. Gerade noch in Bochum am Schreibtisch gesessen und morgen schon nach Barcelona umgezogen. Wir haben immer mehr Kontakte, mehr Cliquen, mehr Freunde, mehr Möglichkeiten und fühlen uns wirklich stark und selbstbestimmt dabei. Aber in Sachen Treue, da kleben wir wie Pattex an dem Muster, an dem schon unsere Eltern scheiterten. Warum modernisieren wir dieses verstaubte Treuebild nicht? „Weil unser Treue-Ideal tiefe Wurzeln hat und jeden Einzelnen von uns 20, 30, 40 Jahre und die Gesellschaft sogar jahrhundertelang prägte. Das streift man nicht mal so eben ab.

Wenn wir morgen im Straßenverkehr alle bei Rot an der Ampel Gas geben und bei Grün stehen bleiben, funktioniert das auch nicht. Da gäbe es viele Tote. Wir brauchen Geduld und Freiheit zum Umdenken“, so Lisa Fischbach. Wie könnte sie aussehen, diese Treue der Zukunft? Das meiste spielt sich in uns ab. Das sieht man gar nicht. Aber man spürt es, wenn man einem Paar begegnet, das ganz tief drinnen fest verbunden ist. Das ist dann so eine Liebe, der fremde Küsse, Ferienfehltritte und sogar echte Affären nicht wirklich etwas anhaben können. Was diese scheinbar unzerstörbaren Paare trägt, ist ein starkes loyales Bekenntnis zum anderen. Das gilt, egal, wer da des Weges kommt. Heißt Lieben nicht vor allem, den anderen vor Schaden zu bewahren und ihm möglichst nicht wehzutun? Sollten wir schon darum mit unseren Fremd-Liebeleien als Allerletztes zu unseren Partnern laufen? Versuchen wir es doch mal mit der Haltung: „Ich bin immer für dich da. Aber ich gehöre mir selbst.“ Sagen wir, Liebe und Treue muss nicht an körperliche Exklusivität gebunden sein. „Das Wichtigste in einer Partnerschaft, die sich öffnen will, sind Gespräche und Einvernehmlichkeit. Es gilt das, was beide wollen. Das muss der gemeinsame Nenner sein“, sagt Lisa Fischbach.

Und das heißt jetzt nicht, dass wir in Zukunft gedankenlos in der Gegend herumknutschen, nur weil wir ja jetzt offen, liberal und mit neuem Treueverständnis lieben. Das tun Paare, die loyal und innerlich fest zueinanderstehen, ohnehin nicht. Nur: Wenn es dann doch passiert, wird es uns nicht mehr so aus den Schuhen hauen. Und wenn wir selbst es dann noch waren, die vom Weg abgekommen sind, stimmt der Satz vom Anfang sogar. „Es hatte nichts mit dir zu tun, Schatz. Sondern nur mit mir selbst.“

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