21. Oktober 2013
Nur k(l)eine Hemmungen

Nur k(l)eine Hemmungen

Porno ist salonfähig geworden, ja angesagt sogar – und niemand verkörpert diesen Trend besser als Pornoqueen Sasha Grey. Ihr Schatz wird sie kennen – und Sie jetzt auch.

Sasha Grey
© Getty Images
Sasha Grey

Erinnern Sie sich noch an die doofen T-Shirts, die vor einigen Jahren in Mode waren? "Pornostar" stand drauf, obwohl die Trägerinnen meist ziemlich brav aus der Wäsche guckten. Das war natürlich Ironie. Heute ist man sich da nicht mehr so sicher. Porno boomt – auch bei Frauen. Mehr als 70 Millionen Mal verkauften sich E.L. James’ Bücher der Trilogie "Shades of Grey", deren Inhalt sich problemlos mit einem Songtitel der Ärzte zusammenfassen lässt: "Manchmal haben Frauen ein kleines bisschen Haue gern."

"Feuchtgebiete" von Charlotte Roche, der "Zotenkönigin von Muschiland" ("Stern"), brach ähnliche Verkaufsrekorde. Selbst in mit Justin-Bieber- und Pferdepostern dekorierten Mädchenzimmern ist Porno inzwischen zu Hause: Egal ob Rihanna oder Lady Gaga – man zeigt, was man hat, und wackelt mit dem Arsch dazu. Doch Sasha Grey schlägt sie alle. Gerade 18 geworden, schreibt das Mädchen aus Sacramento im April 2006 eine Bewerbung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt: "Ich sehne mich nach allen Formen sexueller Perversion. Ich bin bereit, der Stoff zu sein, der jede Fantasie erfüllt." Ein paar Wochen später bekommt sie ihre Chance: Im San Fernando Valley, dem Zentrum der amerikanischen Sex-Industrie, dreht Sasha Grey ihren ersten Porno – eine Orgie mit zwölf Teilnehmern. Schon jetzt tut sie Dinge vor der Kamera, bei denen andere Frauen nicht einmal zuschauen würden. Was treibt dieses Mädchen an, das gerade mal anderthalb Jahre zuvor seine Unschuld verloren hat?

Warum spielen Frauen in Pornos mit?

Die Ärztin Dr. Sharon Mitchell gibt in dem Dokumentarfilm "9 to 5: Days in Porn" eine mögliche Antwort: "Manche Frauen drehen an ihrem 18. Geburtstag den ersten Pornofilm und glauben, das sei die Hintertür zu einer Hollywoodkarriere. Es ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich, dass du die neue Meryl Streep wirst, wenn du deine Filmkarriere mit Schwänzen im Hintern beginnst." Mitchell weiß, wovon sie spricht – sie hat selbst in über 200 Pornos mitgewirkt. Nach einer Vergewaltigung, einer Hepatitis- und diversen anderen Infektionen wechselte sie das Fach. Auch Sasha Grey hat nach 270 Pornos den Beruf gewechselt. Ende September erscheint ihr Romandebüt "Die Juliette Society", über das sie selbst sagt: "Sie müssen sich den Roman wie ,Fight Club‘ vorstellen. Nur dass hier gevögelt und nicht geprügelt wird." Bereits jetzt wird das Buch als Nachfolger von "Shades of Grey" gehandelt, ein großer Hollywoodfilm ist in Planung. Ist Sasha Grey die Julia Roberts des Porno? Eine "Pretty Woman", die mit Charme und Talent aus der Gosse aufsteigt und es tatsächlich nach Hollywood schafft?

Sasha Grey Buch
© Getty Images
Porträt: Autorin Sasha Grey, ihr erstes Buch "Die Juliette Society" erschien am 23.September 2013. 

Es sieht fast danach aus. Schon allein optisch unterscheidet sich die Tochter eines griechischen Einwanderers von anderen Porno-Starlets: kleine Brüste, normale Lippen, weder Dayglow Mascara noch superreflektierendes Lipgloss. Ein reizendes Mädchen von nebenan. Geboren als Marina Ann Hantzis, ändert sie ihren Namen auch nicht in Cumisha, Naughtia, Uschi oder Miss Panther. Anna Karina wollte sie zuerst heißen – wie die französische Schauspielerin und Muse des Regisseurs Jean-Luc Godard. Sie entscheidet sich dann für Sasha Grey – wegen Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" und dem Sänger der Band KMFDM, Sascha Konietzko. Mit zwölf beginnt sie, in Theatergruppen zu spielen, liest Anaïs Nin und Philip Roth, liebt die Filme von Werner Herzog und Lars von Trier. Am College belegt Sasha Grey die Fächer Film, Tanz und Schauspielerei – der Wille zur Kunst ist unbestreitbar da. Der Alltag in der Pornobranche sieht hingegen anders aus. 13.000 Filme werden jedes Jahr in L.A. produziert, die wenigsten davon haben eine Story. Es geht darum, Formen von Sex zu zeigen, die es noch nie zu sehen gab.

Gibt es wirklich keine Tabus?

"Es ist wahr, ich würde Dinge tun, die man möglicherweise niemandem zeigen kann", sagt Sasha Grey in einer großen Reportage des "Los Angeles Magazine": "schlagen, pinkeln, spucken, kotzen." Während sie ihre Wunschliste herunterspult, schaut sie züchtig und nachdenklich. "Aber keine Scheiße", schiebt sie ihr einziges Tabu hinterher. Etwa 400 Dollar gibt es für einen Blowjob, 1400 Dollar für eine Doppel-Penetration, und wer sich einer gespielten Vergewaltigung oder einem Gang Bang aussetzt, kann 5000 Dollar mitnehmen. Aber will man das? Selbst falls die Kasse stimmt: Wie viel Brutalität, Entwürdigung und Ekel kann eine Frau aushalten, ohne sich und ihre Gefühle zu verlieren? Sasha Grey hatte es nie leicht – Scheidungskind, zwei Väter, vier verschiedene Schulen, abgebrochenes College, Jobs als Kellnerin –, trotzdem erfüllt sie auch im abseitigsten Porno nicht das Klischee des Opfers. "Du musst deinen Namen zur Marke machen, daran glaube ich", sagt sie. Und nach einer kleinen Pause: "Doch irgendwann brennt man aus." Nur selten kommt vorher ein Ritter in weißer Rüstung angeritten und holt einen aus dem schmuddeligen San Fernando Valley ins glamouröse Hollywood. Aber genau das ist Sasha Grey 2009 passiert.

Stephen Soderbergh, Regisseur von Filmen wie "Ocean’s Eleven" und "Traffic", hatte im "Los Angeles Magazine" die Story über Sasha gelesen und gab ihr die Hauptrolle in "Girlfriend Experience". Ein ambitioniertes Drama über eine Edelnutte, die für viel Geld die Freundin reicher und mächtiger Männer mimt. Trotzdem gibt es keine einzige Sexszene. Kritiker loben den Film, und auch sonst gerät nun einiges in Bewegung. Die Grenzen zwischen Porno und Pop verschwimmen zusehends – niemand verkörpert das so perfekt wie Sasha Grey.

Sasha Grey - vom Pornostar zur Marke

Mit ihrer Band aTelecine spielt sie finsterharten Industrial, als DJ legt sie Platten aus ihrer bemerkenswert eigenwilligen Sammlung auf. Das Mädchen mit dem Mona-Lisa-Lächeln ist in Videos von Eminem und The Roots zu sehen oder schmückt ein Cover der Smashing Pumpkins. In der siebten Staffel der TV-Serie "Entourage" spielt sie über mehrere Episoden sogar sich selbst – einen coolen Pornostar namens Sasha Grey, dem alle Jungs aus Hollywood zu Füßen liegen. Als vor zwei Jahren dann der Bildband "Neü Sex" erscheint – mit erotischen, aber nicht pornografischen Fotos –, ist Sasha Grey endgültig in der Kultur-Schickeria angekommen. Auf einer Podiumsdiskussion in Frankfurt spricht sie mit der feministischen Musikerin Peaches und dem Pop-Professor Diedrich Diederichsen über Pop-Theorie und Selbstinszenierung. Aus den kalifornischen Sweatshops der Sex-Industrie auf die Bühne der kritischen Intelligenz – ein weiter Weg.

"Frauen können genauso pervers sein wie Männer"

Warum sie so viele Pornos gedreht hat, will einer der Zuhörer wissen. Sasha Grey antwortet mit ihrem rätselhaften Lächeln: "Ich wollte zeigen, dass Frauen genauso pervers sein können wie Männer." Unter einer Woge von Applaus geht die Antwort fast unter. "Die Juliette Society" wird vermutlich keinen Literaturpreis bekommen. Dazu ist der Roman etwas zu geschwätzig und die Story zu verworren. Aber Sasha Grey hat gezeigt, dass man es auch als "Pornostar" weit bringen kann – wenn man nicht doof ist und weiß, was man will.

Porno-Tipps für Frauen

Die besten Tipps für alle Frauen, die es wirklich wissen wollen:

  • Cabaret Desire Erika Lust ist die weltweit erfolgreichste Regisseurin von Pornos für Frauen. Ihr jüngster Film besteht aus geschmackvoll gefilmten Episoden, der Schärfegrad ist auch für Einsteigerinnen geeignet.
  • 9:5: Days in Porn Jens Hoffmann wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Sex-Industrie. Über mehrere Monate begleitet er Pornostars und Produzenten durch ihren Alltag. Sehenswert.
  • Bitchism – Emanzipation, Integration, Masturbation Lady Bitch Ray weiß, wie man mit schmutzigen Worten umgeht. Schließlich ist sie Rapperin und als Dr. Reyhan Sahin auch promovierte Sprachwissenschaftlerin. "Bitchism" ist lustig, obszön und ausgesprochen feministisch.
  • Lass mich deine Sklavin sein Die Romane von Rachel Kramer Bussel gelten als heißere Varianten von "Shades of Grey". Auch hier geht es um die Freuden weiblicher Unterwerfung, natürlich nur, um die eigene Lust zu steigern.
  • Forhertube.com Kostenlose Porno-Clips – "for women only". Wie so oft im Internet kann man da auch schon mal ganz woanders landen. Aber, hey, dafür ist es umsonst. Die Auswahl ist okay und nicht zu harmlos.

Unsere Buch-Tipps: Die besten erotischen Romane

Lade weitere Inhalte ...