24. September 2010
Wie finde ich zu mir selbst?

Wie finde ich zu mir selbst?

Als Buch war „Eat Pray Love“ ein Welterfolg, jetzt kommt die Verfilmung mit Julia Roberts in die Kinos. Was ist dran an dem Hype? Wir haben die Selbstfindungsbibel unter die Lupe genommen – und Erstaunliches herausgefunden

Julia Roberts und Javier Bardem
© Sony Pictures
Julia Roberts und Javier Bardem

So aufgekratzt hatte man die sonst so coole Talkshow-Queen Oprah Winfrey selten gesehen. Nicht Madonna oder Obama waren der Grund für ihre „Oh! My! God!“-Schnappatmung, sondern der Besuch von Elizabeth Gilbert, Autorin von „Eat Pray Love“. Laut Winfrey die „Ikone der modernen Frau“. Zum Beweis hatte sie Dutzende Frauen geladen, die schwärmten, wie Gilberts Lektüre ihr Leben veränderte: Eine hatte ihr ungeliebtes Jura-Studium geschmissen, die nächste in einem Ashram ihre göttliche Seite entdeckt, eine andere sich mit einem Fallschirm todesmutig aus einem Flieger gestürzt... Eines hatten alle gemeinsam: Sie waren das erste Mal im Leben ihrem Herzen gefolgt.
Nun wurde der Bestseller, der auch Hollywoodstars wie Gwyneth Paltrow oder Scarlett Johansson zu Verzückungsschreien hinriss, mit Julia Roberts und Javier Bardém verfilmt – hübsch anzusehen in bunten Kulissen. Worum es nun überhaupt geht? Schriftstellerin trennt sich von Mann, bittere Scheidung und eine Amour Fou geben ihr den Rest, und sie begibt sich ein Jahr lang auf Reisen, um wieder zu sich selbst zu finden. In Italien huldigt sie der Kunst des Genießens (Pasta! Gelato!), in Indien der Hingabe (beim Beten im Ashram), und auf Bali findet sie schließlich die ultimative Zufriedenheit (und einen feschen Brasilianer).
So leicht verdaulich der Inhalt, so groß der Erfolg: Sieben Millionen Mal verkaufte sich die luftige Esoterik-Lektüre, es gibt eine eigene Duftlinie, und einer der Schauplätze, das balinesische Dorf Ubud, wurde zum (überlaufenen) Epizentrum des Selbstfindungs-Tourismus. Elizabeth Gilbert trifft eben ein Lebensgefühl, das in unserer materiell verwöhnten Generation fast jeder kennt: Irgendwas müsste ich in meinem Leben ändern. Ein Gedanke, der sexy ist, uns aber vor ein Rätsel stellt: Wie packe ich das an?
Deswegen haben wir für Sie kluge Zitate und Lektionen aus „Eat Pray Love“ gefischt, die auch ganz ohne Weltreise funktionieren.

Auf dem Weg zu sich selbst
© Sony Pictures
Alles auf Anfang: Hinter Elizabeth (Julia Roberts) liegt eine bittere Scheidung, als sie beschließt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen

FINDE DEIN EIGENES LEBEN!

S. 142: „Es sei besser, sein eigenes Schicksal unvollkommen zu leben, behauptet die Bhagavadgita, jener altindische yogische Text, als das Leben eines anderen auf vollkommene Weise nachzuahmen. Nun habe ich also begonnen, mein eigenes Leben zu leben.“
Manchmal gehen wir lieber den bequemen Weg. Einer, der schon angenehm plattgelatscht ist. Alle unsere Freundinnen kriegen plötzlich Kinder? Hm. Man will ja nicht die Letzte sein ...
So fühlte sich auch die Autorin Gilbert, schon Ewigkeiten mit ihrem Mann zusammen, ein teures Haus an der Hacke, aber einen Klumpen im Magen beim Gedanken, auch noch den letzten konsequenten Schritt zu gehen: Kinder? Oh Gott. Wo bin ich hier hineingeraten? Oft scheint die Vollbremsung viel zu folgenschwer. Wir reden uns ein, wir könnten es bereuen, den klar vorgezeichneten Weg zu verlassen, und machen uns lieber weiter was vor.
Die Psychologin Lydia Lange vom Max-Planck-Institut in Berlin fand aber heraus: Menschen bereuen in der Rückschau nicht ihre Dummheiten oder Fehler. Verpasste Chancen belasten unsere Psyche viel stärker. „Durch Passivität kann man Reue also nicht vermeiden, sondern auf Dauer schürt man sie geradezu“, so Lange.

Geniesse jeden Augenblick
© Sony Pictures
Ein Bild für die Götter: drei Schwestern im Genuss-Rausch

SEI GUT ZU DIR SELBST

S. 120: „Natürlich nehme ich Tag für Tag zu. Mit diesen Unmengen an Käse und Pasta, Brot, Wein, Schokolade und Pizza, die ich hier in Italien täglich verdrücke, mute ich meinem Körper einiges zu. Dennoch erblicke ich, als ich mich im Spiegel der besten Pizzeria Neapels betrachte, strahlende Augen, reine Haut, ein glückliches und gesundes Gesicht. So ein Gesicht habe ich lange nicht mehr an mir gesehen.“
Die Botschaft ist simpel: Hat deine Seele Verlangen, gib ihr nach – es wird deinem Körper guttun. Studien besagen, dass 25 Prozent der Bevölkerung gar nicht mehr genussfähig sind – die meisten von uns haben es schlicht verlernt. Stattdessen sind wir Weltmeister in Disziplin und Pflichterfüllung. Das mag uns großartige Jobs einbringen und Anerkennung für einen fabelhaft schlanken Körper. Nur bleibt das Gefühl der Seligkeit auf der Strecke. Wie es der Geschmack von Schoko-Eis auslösen kann – oder andere Dinge, die uns Spaß bereiten, aber nicht logisch zu rechtfertigen sind. Das gilt auch für Elizabeth Gilberts Wunsch: Italienisch lernen. Nicht, weil sie es in ihrem Alltag gebrauchen könnte. Sondern einfach, weil die Sprache „so schön wie Rosen“ ist. Deswegen reist sie nach Italien, lernt die Sprache – und verliebt sich in Pasta und Vino, ein paar Extra-Pfunde inklusive. Was auch immer es sein mag, das Ihren Akku wieder auflädt: Sie dürfen, erlauben Sie es sich! Simple Frage: Worauf haben Sie Lust? Psychologen gehen von vier Genusstypen aus: die Couchgenießer (36 %), die Geschmacksgenießer (27 %), die Erlebnisgenießer (17 %) und die Alltagsgenießer (17 %). Was sind Sie?

Jeder Augenblick zählt
© Sony Pictures
Da wollen wir auch hin. Jetzt und sofort!

LERNE, DEN AUGENBLICK ZU GENIESSEN

S. 194: „Wann immer meine Freundin Susan einen schönen Ort erblickt, ruft sie geradezu panisch aus: ,Wie schön es hier ist! Irgendwann muss ich noch mal hierher kommen.‘ Und es erfordert all meine Überredungskünste, sie davon zu überzeugen, dass sie bereits da ist.“
Unser Gehirn arbeitet meist so gewissenhaft wie die Schaltzentrale eines Atomkraftwerks. Dummerweise ist es der Gegenwart dabei häufig entweder einen Schritt voraus oder hinkt hinterher. Buddhisten nennen das „Monkey Mind“, ein Bewusstsein, das sich wie ein Affe von Ast zu Ast, von Gedanke zu Gedanke schwingt. Und nicht fähig ist, auch mal halblang zu machen. Folge: Selbst in besonders schönen Momenten funkt unser Hirn gern mal dazwischen: Vergiss ja nicht, dass du morgen dieses unangenehme Gespräch mit deinem Chef hast, okay? Gilbert erlernt mühsam mittels Meditation, ihr „Monkey Mind“ zu beruhigen. Gute Methode, aber nicht jedermanns Sache. Eine Alternative: Musik. Hören wir einen Song, der uns berührt, befreit er Emotionen, die wir zulassen, ohne Ablenkung, selbst wenn es nur für ein paar Minuten ist. Wie eine Art Mini-Meditation. Die reinigende Wirkung von Musik auf die Seele war übrigens schon in der Antike bekannt. (Die Meister für solche Songs? Coldplay natürlich.)

NUR WER LOSLÄSST, KANN FREI SEIN

S. 219: „Du kannst einfach nicht akzeptieren, dass dieser Beziehung nur eine kurze Haltbarkeit beschieden war. Du bist wie ein Hund auf der Müllkippe – du leckst an einer leeren Konservenbüchse und versuchst, doch noch was Nahrhaftes in ihr zu finden. Aber wenn du nicht aufpasst, klemmst du dir dabei die Schnauze ein und machst dich unglücklich für den Rest deines Lebens. Also lass es.“
Diese Standpauke bekommt Gilbert von ihrem Ashram-Kumpel Richard, der nicht mehr mit ansehen kann, wie Gilbert ihrer verflossenen Liebe nachhängt, obwohl Hopfen und Malz verloren sind. Kennt jeder, der schon mal schlimmen Liebeskummer hatte: Es fällt schwer zu akzeptieren, dass man langsam mal mit seinem Leben weitermachen sollte – ohne denjenigen, der einem das Herz gebrochen hat. Gilt auch für alle anderen Sorten von Kummer. Denn etwas „Nahhaftes“, wie Richard es ausdrückt, finden wir an solchen negativen Gefühlen kaum. Gilbert kriegt irgendwann die Kurve und kann loslassen, nachdem sie ihren Ex-Lieben vergibt – symbolisch und nur in ihrem Kopf. Klingt pathetisch, ist aber tatsächlich die einzige Chance, sich freizustrampeln, denn damit verabschieden wir uns aus der Opferrolle. Forscher der Universität Wisconsin haben übrigens herausgefunden, dass Menschen, die verzeihen, generell glücklicher und körperlich gesünder sind. Und Psychologe Martin Tomasik von der Uni Jena, der 800 Menschen zu ihrer Lebenszufriedenheit befragte, fand heraus: Denen, die unerreichbare Ziele loslassen, anstatt sie weiterzuverfolgen, geht es besser. „Wer in einer miesen Lage aufgibt, ist besser dran, egal ob im Beruf oder in der Familie.“

NIMM DIE SACHE SELBST IN DIE HAND

S. 447: „Nicht ein Prinz hat mich gerettet, ich selbst habe es getan.“
Okay, das musste Gilbert wohl am Ende ihrer Geschichte betonen, weil ihr Happy End mit Felipe sonst zu sehr nach Ober-Schnulze gerochen hätte. Trotzdem wahr: Nur wenn du dich selber aus dem Dreck ziehst, hat dein Glück Bestand. Und fällt nicht mit der nächsten Trennung in sich zusammen wie ein Soufflé im Luftzug. Soziologen wissen, dass wir Frauen super darin sind, unsere Bestätigung vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen zu suchen. Bekommen wir nicht genug, ähneln wir Drogenabhängigen auf der Suche nach neuem Stoff, der mehr berauscht – und flüchten uns in die Arme des Nächsten. Problem: Für die Entwicklung unserer Persönlichkeit ist diese Liebesbedürftigkeit eine Nullnummer. Wer einmal länger Single war, wird hinterher wahrscheinlich sagen, dass er in dieser Phase am meisten über sich gelernt hat. Dieses Selbstbewusstsein, das wir ganz allein aus uns selbst, dem Vertrauen auf das, was wir sind und tun, ziehen, macht uns lustigerweise dann auch ungemein sexy für andere. Ob wir Selbstbewusstsein auf einer spirituellen Welt-Tour lernen oder dabei, wenn wir uns heute Abend zur Pizza auch noch ein bis zwei Crème brulées reinziehen, ist egal. Das Leben ist ja irgendwie immer eine Reise.

Lade weitere Inhalte ...