2. Juli 2016
Lieben lernen: Liebe auf den zweiten Blick

Lieben lernen: Liebe auf den zweiten Blick

Liebe auf den zweiten Blick ist die bessere. Und es lohnt sich, länger hinzusehen, bevor Sie beim nächsten Mal vorschnell einen Mann aussortieren. Warum, lesen Sie hier. Ein Rat unserer Autorin Friederike Schön.

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© svetikd/iStock
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Nicht so die Liebe auf den ersten Blick

Die Franzosen nennen es dramatisch „Coup de foudre“, wenn der Blitz plötzlich einschlägt. Wenn Amors Pfeil trifft. Diese Begegnungen, die einem den Atem stocken lassen – an der Kühltruhe im Supermarkt vor dem Spinat, in der Schlange sonntags beim Bäcker (später wird er sagen: „Deine Haare sahen noch so schön bettverwuschelt aus“) oder im Zug, wenn die Stimme des Fremden, der nach dem freien Platz fragt, unter der Haut kribbelt. Wenn beide schon in den ersten Sekunden wissen: Das ist es! Die hoffnungslosen Romantiker unter uns hören es sicher nicht gern: Neue Studien enthüllen, dass die spontane, scheinbar schicksalhafte Liebe zu den seltenen Gewächsen im Garten der Leidenschaft gehört. Laut einer israelischen Studie sind es gerade mal elf Prozent, die sich blitzverlieben. Eine britische Online-Befragung ergab, dass immerhin 20 Prozent der Männer, aber nur 13 Prozent der Frauen schlagartig von der Liebe getroffen wurden. Das Gros braucht etwas länger, bis der Funke so richtig überspringt. Und trotzdem liegen wir immer wieder krass daneben? Vergucken uns in jemanden, um dann böse hinzufallen. Küssen den Frosch, der sich partout nicht verwandeln will – oder den auf den ersten Blick hübschen Prinzen, der sich als hässlicher Kröterich entpuppt.

Die Antwort kommt direkt aus dem Forschungslabor. Seit vielen Jahren hat Randall Colvin, US-Sozialpsychologe an der Northeastern University in Boston, erforscht, wie wir andere beurteilen, wie wir in Menschen lesen und uns ein Bild von ihnen machen. Er fand heraus, dass wir eigentlich ziemlich gute Menschenkenner sind. So stellte er fest, dass man weniger als eine Minute braucht, um wichtige Persönlichkeitsmerkmale eines Gegenübers richtig einzuschätzen. Vertrauenswürdig, entspannt, extrovertiert, nahbar. Spontan oder zurückhaltend. Alpha-Männchen oder Lebemann. Unser innerer Menschenscanner arbeitet so zuverlässig wie ein Uhrwerk. Und so schnell wie ein Supercomputer.

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Moderne Liebessuche

Ausgerechnet in der Liebe jedoch, stellte der Forscher fest, stürzt das System leider gern mal ab. Besonders in Zeiten der virtuellen Partnersuche neigen wir ja dazu, noch schneller zu entscheiden. Mit einem Wisch nach links oder rechts sortieren wir Kandidaten ein oder aus. Ohne genau zu wissen, was wir da eigentlich tun und warum. Colvin selbst sortierte, als er nach seiner Scheidung im Internet nach einer neuen Liebe suchte, eine Frau spontan aus. „Sie schien mir oberflächlich, wirkte so selbstverliebt und glamourös, als käme sie direkt vom Set von ,Sex and the City’.“ Dafür traf er andere Frauen, die seinem Typ entsprachen. Allerdings wurde nichts daraus. Er hatte sie schon fast vergessen, da landete eine E-Mail der oberflächlichen Schönheit in seinem Posteingang. „Sie schrieb ganz zauberhaft, und ich wusste sofort, dass ich in meiner Einschätzung total danebengelegen hatte.“ Inzwischen sind die beiden verheiratet. „Wir sehen eine Menge auf den ersten Blick, aber ausgerechnet das, was für die Liebe entscheidend ist, nehmen wir oft nicht wahr“, so Colvins Fazit.

Können wir auch gar nicht, denn unser Beuteschema umfasst viel mehr als das, was wir sehen: Es sind nicht nur die äußerlichen Merkmale, wie man heute weiß. „Im Beuteschema bündeln sich all unsere früheren Beziehungserfahrungen. Meist hat es mit der Ursprungsfamilie und dabei mit dem eigenen Vater zu tun, bei Männern mit der Mutter“, erklärt die Hamburger Psychologin Julia Peirano. „Wir neigen dazu, unsere alten Muster zu wiederholen, negative wie positive.“ Durchbrechen lässt sich das, indem man am Anfang „nicht nur auf das Geräusch der Schmetterlingsflügel im Bauch hört, sondern auch den Kopf einschaltet“. Um die eigene Betriebsblindheit zu überwinden, solle man in der Kennenlernzeit trotz aller Euphorie aufmerksam sein und ein paar Tests durchführen.

„Eine gute Frage ist: Wie verstehst du dich eigentlich mit deinen Eltern? Denn das Elternhaus ist die Schule der Liebe“, sagt Peirano. Aufmerksames Zuhören und hin und wieder geschickt eingestreute Fragen als Schlüssel: Erzählt er von seiner Ex, sollte man lieber genau hin- anstatt genervt weghören, vor allem auf das, was zwischen den Zeilen gesagt wird. Da erfährt man nämlich, was ihm in einer Beziehung wichtig ist, was bisher gefehlt hat oder wie gut er sich in der Vergangenheit binden konnte. „Testen Sie: Ist er für mich da, wenn ich Hilfe brauche oder krank bin? Meldet er sich regelmäßig, oder spielt er bloß Spielchen mit mir?“

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Beziehungspersönlichkeit

Gerade für die Liebe ist die Beziehungspersönlichkeit die entscheidende – und die will erst entdeckt werden. Tatsächlich gibt es Menschen, die sich völlig anders verhalten, wenn sie zu Hause allein mit ihrem Partner sind – Dr. Jekyll und Mr. Hyde lassen grüßen. „Eine Frau, die aufmerksam und liebevoll mit ihren Freundinnen umgeht, zickt ihren Partner daheim bei jeder Gelegenheit an und diktiert ihm, wie er die Karotten schneiden soll. Die toughe Geschäftsführerin ist zu Hause anlehnungsbedürftig und passt sich ihrem Partner an bis zur Selbstaufgabe“, weiß Peirano aus der Praxis. Der im Büro steif auftretende Controller kann in der Zweisamkeit ein Beziehungs-Ich offenbaren, das man am liebsten sofort vor den Altar zerren würde. Weil er da fünfe gerade sein lässt und immer für spontane Einfälle und Aktionen zu haben ist.

Wäre doch schade, wenn einem der Traummann durch die Lappen geht, weil der erste Eindruck täuscht, oder? John Eastwick von der Northwestern University im US-Staat Illinois legt noch eine Schippe drauf: Der Psychologe fand heraus, dass Menschen, die sich zum Beispiel in einer Bar treffen, ziemlich schnell darin übereinkommen, wen sie attraktiv finden und wen eher nicht. Vor allem ähnlich gut aussehende Menschen fänden schnell zusammen. Trifft die gleiche Gruppe jedoch öfter aufeinander, verändern sich die Konstellationen. „Je besser sich die Teilnehmer kennenlernen und je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr verschiebt sich, wer wen attraktiv und interessant findet“, berichtet Eastwick.

Dass wahre Liebe eher selten auf den ersten Blick entsteht, mag enttäuschen, macht aus Sicht von Evolutionsforschern aber Sinn: Wir reagieren instinktiv zögerlich, bevor wir uns einem Fremden öffnen – in der Frühzeit eine wichtige Überlebensfunktion. Bis heute haben diese Verhaltensmuster in unseren Genen überlebt, obwohl wir keinen treu ergebenen Mann mehr brauchen, um uns vor Säbelzahntigern zu beschützen. Erst mal die Lage checken. Oder, wie Oma immer sagte, den anderen auf Herz und Nieren prüfen. Probanden, denen man Fotos von potenziellen Partnern zeigte, wählten in Experimenten diejenigen aus, die ihnen öfter gezeigt wurden. Je öfter man jemanden sieht, desto sympathischer wird er einem, weil vertrauter.

(Ver-)Lieben braucht Vertrauen. Noch ein guter Grund, zweimal hinzusehen – und sich langsam, aber dafür richtig zu verlieben.

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