3. November 2011
Liebe auf den 5. Blick

Liebe auf den 5. Blick

Das Buch haben wir verschlungen, jetzt läuft „Zwei an einem Tag“ auch im Kino. Und wir suchen wie der Film die Antwort auf die Frage: Warum sehen wir die Liebe nicht, wenn sie uns am nächsten ist?

Zwei an einem Tag
Zwei an einem Tag

Die Liebe macht Zoom. Irgendwann schlägt der Blitz ein – und wir wissen, dass er der eine ist! So stellen wir uns das vor mit der Liebe. Und doch … Sie kann auch leise sein, sich langsam anschleichen. Manchmal bemerken wir sie nicht gleich. Dabei bleibt sie beharrlich, und es kann Jahre dauern, bis wir endlich checken, dass sie uns die ganze Zeit auf den Füßen stand. So oder so ähnlich läuft es bei Emma (Anne Hathaway) und Dexter (Jim Sturgess): Es ist der 15. Juli 1988, als sie nach der Examensfeier eine Nacht miteinander verbringen. Sie lachen, sie küssen sich auch.

Kennenlernen: „Da war was. Aber Liebe? Nein, das hätten wir gemerkt“

Um am nächsten Morgen wieder auseinanderzugehen. Beide spüren: Da war was. Aber Liebe? Nein, nein, das nun nicht … Oder? Von nun begleiten wir Emma und Dexter in Film und Buch über 20 Jahre lang, treffen sie jedes Mal am Jahrestag ihres Kennenlernens. Die beiden werden Freunde, zwischen denen aber immer dieses „Was wäre, wenn …“ schwelt. Es ist die Geschichte einer Freundschaft, die ja so viel mehr sein könnte: Wenn er endlich merkt, wie gut sie für ihn ist. Wenn sie doch mal sagen würde, was sie wirklich fühlt …

Gemeinsam mit Millionen Frauen haben wir im Schein der Nachttischlampe den David-Nicholls-Roman zum Film „Zwei an einem Tag“ verschlungen. Da war sie, die große Liebesgeschichte. Oder besser die Nicht-Liebesgeschichte. Wir fühlten uns bestätigt in der Hoffnung, dass es nach tausendmal Berühren eben doch Zoom machen kann. Den Song haben wir schon mit 16 aus vollem Herzen mitgeschmettert. Weil er so wahr ist – und wir das immer wussten.

Und vielleicht berührt uns die Geschichte auch deshalb so sehr, weil fast jede von uns einen Dexter in ihrem Leben hat. Diesen einen Freund mit der Chance auf mehr. Möglicherweise war er die erste heimliche Liebe, wegen der man sich auf dem Raucherhof rumdrückte und wartete, bis mal ein Lächeln hinabfiel. Vielleicht ist er ein Ex, von dem uns das Leben trennte, das Herz das aber nicht konnte. Oder er ist der typische beste Freund, den wir schon seit Jahren haben, unser Seelenverwandter, dem wir uns oft ganz nah fühlen und mit dem wir wunderbare Barnächte verphilosophieren. Bei dem wir aber gleich nach dem Abschiedsbussi wissen: Seinen Chauvinismus gepaart mit seinen Bartstoppeln im Waschbecken würden wir im wahren Leben echt nicht ertragen. „Die Dinge, für die ich ihn als Freund so liebe, würden mich in einer Beziehung wahnsinnig machen“, sagen wir dann, ändern den Kurs und suchen die Liebe woanders. Unsere Fantasie will eben Geigenklänge und Feuerwerk.

„Wir sind erfüllt von der Idee einer romantischen Liebe. Sie ist zum Ideal geworden und kommt uns ständig in die Quere“, sagt Dr. Ina Schmidt, die philosophische Beraterin und Buchautorin ist („Alles in bester Ordnung. Oder wie man lernt, das Chaos zu lieben“, Ludwig, 19,99 Euro). In ihren „classes“ (Abendkursen) an der „modern life school“ in Hamburg (www.modernlifeschool.de) begegnen ihr immer wieder Menschen, die die Liebe finden möchten. Dass diese nur eine Freundschaft weit entfernt sein könnte, kapieren die wenigsten. So ist die Liebe nicht, schreit es in uns auf. Sie riecht nicht nach gemeinsam durchsumpften Nächten. Sie schmeckt nicht nach getrockneten Tränen. Sie nervt nicht wie tausend gemeinsam geschleppte Umzugskisten. Dr. Schmidt erklärt: „Wir werden nicht müde, Kriterien zu formulieren, die eine gute von einer schlechten Liebe unterscheiden.“

Freunde werden: „Alles fühlt sich so vertraut an. So ist Liebe auch nicht“

Kann denn aus Freundschaft Liebe werden, nur weil man anders drüber denkt? Schon, aber es ist schwieriger. „In der Liebe sind das Wagnis und die Suche nach Sicherheit im besten Fall halbwegs im Gleichgewicht“, sagt Dr. Ina Schmidt. Bei Freunden, die vielleicht mehr voneinander wollen, sieht das etwas anders aus.„Meistens haben wir da eher das Gefühl, von einem Extrem ins andere zu taumeln.“ Von vollkommen nah bis kilometerweit entfernt. Weil keiner weiß, was der andere wirklich denkt – über die Option Liebe. Und weil der Zeitpunkt oft nicht stimmt.

So geht es auch Emma und Dexter. Sie verpassen die Liebe wieder und wieder. Jahrelang. Und auch das kennen wir nur zu gut. Dieses Gefühl, den richtigen Moment mal wieder überspielt zu haben, in dem wir plötzlich zu laut auflachen oder das Licht einfach anknipsen. Und dann tut es doppelt weh, wenn dieser „beste Freund“ auf einmal vor uns sitzt und sagt: „Jetzt hab ich sie gefunden: Ich heirate.“ Oder: „Du glaubst es nicht: Ich werde Vater.“ Diese Worte treffen uns direkt ins Herz. Und das wird gleich ein bisschen einsamer. Weil wir spätestens jetzt aufhören müssen, zu träumen. In dieser Sekunde geht eine Option flöten. Die Chance auf ein Leben, das man auch hätte führen können, Seite an Seite mit dem besten Freund. Vielleicht wäre es einfacher geworden, weil uns niemand so gut kennt … Und dann ist da noch die Angst um die Zukunft. Was wird sie ändern, die neue Frau in seinem Leben? Werden wir je den Richtigen finden und dann so glücklich aussehen wie er jetzt gerade?

Beim 5. Blick: „Waren wir blind? Riskieren wir es doch einfach!“

Vielleicht sollten wir es also doch wagen? Nächte, Monate, ach … Jahre Zeit, drüber nachzudenken, hatten wir ja. Selbst wenn der Preis hoch ist. Denn klappt’s nicht, verlieren wir die Illusion, dass er es hätte sein können. Ganz real verlieren wir einen Freund. Die Statistik jedoch macht schon mal Mut. In einer Studie des Onlinevermittlers „parship“ gaben mehr als 75 Prozent von 1000 Männern und Frauen an, sich erst nach einer gewissen Zeit verliebt zu haben. Und die Chancen für die Liebe stehen dann sogar besser. „Die romantische Liebe ist so etwas wie eine Momentaufnahme, aber nicht der Dauerzustand in einer 20-jährigen Ehe“, sagt Dr. Ina Schmidt. „Und es ist auch nicht das Einswerden. Es sind die Unterschiedlichkeit zwischen einem Mann und einer Frau, die es in der Liebe zu erhalten gilt. Hier sind zwei Menschen zusammen, die, was sie auch tun, immer anders sind und anders bleiben werden.“ Es könnte ein bisschen leichter sein, den anderen wirklich zu akzeptieren, wie er ist, wenn man ihn schon lange und gut kennt. Das stimmt sicher. Und dennoch: Irgendwann müssen beide zeitgleich an den Punkt kommen, an dem sie dasselbe voneinander wollen: und zwar, es ernsthaft miteinander versuchen. Dann macht es auch Zoom. Vieleicht leiser. Oder aber viel lauter, wer weiß das schon. Dr. Ina Schmidt bringt es auf eine schöne Formel: „Die Liebe ist immer ein Wagnis, ein Abenteuer, ein Risiko. Ihr liegt ein Geheimnis zugrunde, dem wir allzu gern auf den Grund gehen würden. Gerade in einer Welt, in der alles wissenschaftlich beurteilt wird, bleibt die Liebe etwas, das sich diesen Kriterien leise lächelnd entzieht. Das macht sie so anziehend, großartig und herrlich rebellisch. Aber eben auch unheimlich und beunruhigend. Sie ist ein Versprechen, eine Möglichkeit, von der wir nicht wissen, was sie am Ende mit uns macht.“ Aber riskieren müssen wir’s. Sonst wird noch tausendmal nichts passieren …

FILM-FAZIT: Eine Liebesgeschichte, in die Sie sich verlieben werden! Mitschmunzeln wie bei „Harry und Sally“, mitweinen wie bei „Love Story“ – dieser Film hat definitiv alle Zutaten für einen modernen Kinoklassiker.

ANDREA, 48 & MARTIN, 50
„Hamburg, Paris, Bangkok, Kathmandu – Tausende Kilometer trennen uns nicht“

1975 Hamburg. Er war einer von den großen Jungs. Wow, das fand ich als 13-Jährige natürlich spannend. Auf einer Party in Pelles Kinderzimmer habe ich Martin das erste Mal gesehen. Er war 15, sprach von Anti-AKW-Demos. Er fand mich damals sicher langweilig: schüchtern, wie ich war.

1979 Paris. Herbstferien zu zweit: „Ich mach ein Zimmer für dich klar“, hatte ich versprochen. Ich konnte ja Französisch – er wollte das im Sprachkurs hier lernen. Wir streiften gemeinsam durch die Gassen, wohnten im Einbettzimmer. Wie romantisch es hätte sein können. Doch Knutschen fühlte sich irgendwie falsch an, spürten wir beide. Zurück in Hamburg, traf ich meine erste große Liebe …

1998 Bangkok. Wiedersehen in Asien. Martin kam aus Jakarta, wo er als Geologe arbeitete. Ich machte Urlaub. Auch wenn wir uns in den letzten Jahren meist nur Briefe schrieben, vielleicht alle sechs Monate mal wie hier für einen Tag live trafen – sobald ich ihn erblickte, war das vertraute Gefühl sofort wieder da.

2009 Nepal. Vier Wochen Trekking mit Martin, der seit Jahren in Madrid verheiratet war. Wir schliefen bei Minusgraden in einfachsten Hütten. Und hatten Zeit, uns über Freunde oder die Leere nach dem Tod der Eltern zu unterhalten. Wir verstanden uns ohne Worte – und ohne Anfassen! Martin sagt immer, dass unsere Freundschaft fast wie eine eigenständige Beziehung ist. Irgendwie hat er recht. Unser nächster Nepal-Trip ist gebucht.

VIV, 35 & KEVIN, 33
„Love finally. Wir haben uns 13 Jahre Zeit gelassen – und dann ging alles ganz schnell“

1994 Kevin: Wir kannten uns über Freunde. Als Viv und mein bester Kumpel ein Paar wurden, war ich genervt. Denn er hatte kaum noch Zeit für mich. Auch sie war schlecht auf mich zu sprechen. Weil ich nur Feiern im Kopf hatte, obwohl ich mit ihrer Freundin zusammen war.

1995 Viv: Mein Freund hatte sich von mir getrennt, und ich war am Boden zerstört. Auch Kevin war gerade solo. Wir trafen uns auf Partys, aber als notorischer Herzensbrecher war er tabu für mich. Einmal versuchte er mich abzuschleppen. Wollte ich eine weitere Trophäe in seiner Sammlung sein? Bestimmt nicht!

2007 Viv: Kevin und ich hatten uns aus den Augen verloren. Ich war seit fünf Jahren Single, er fest liiert. Auf der Fahrt zum Junggesellenabschied eines Freundes sahen wir uns und verstanden uns auf Anhieb. Er war erwachsen geworden, charmant, verbindlich. Eine Woche später machte er mit seiner Freundin Schluss und zog kurz darauf bei mir ein.

2011 Kevin: Viv ist genau das, wonach ich so lange gesucht habe. Obwohl sie ja praktisch immer da war. Aber anscheinend brauchten wir die Zeit, um reif füreinander zu werden. Vor zwei Jahren haben wir geheiratet und unseren Sohn bekommen. Unseren Freunden kommt es vor, als seien wir schon ewig ein Paar. Klar, wir kennen uns eben seit 17 Jahren …

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