5. Mai 2016
Intimität - Schlüssel zum Glück

Intimität - Schlüssel zum Glück

Mehr Nähe, besserer Sex, intensives Begehren, und das am besten auf ewig? PETRA-Autorin Friederike Schön erfuhr, dass Intimität DAS Werkzeug ist, um als Paar auf Dauer wirklich glücklich zu werden. Und dass es sich lohnt, diese Form der Verbundenheit zu pflegen

Intimität schaffen
© Westend61/Corbis
Intimität schaffen

Intimität – was bedeutet das?

Unter Intimität verstehen wir einen Zustand von tiefer Vertrautheit und Verbundenheit. Es gibt aber auch die körperliche Intimität, bei der Berührungen zwischen (meist) zwei Personen im Vordergrund stehen. Aber was ist wichtiger? Die emotionale oder körperliche sexuelle Intimität? Die Antwort muss jeder sich selbst überlegen. Tendenziell sind es wohl eher die Frauen, welche sagen würden, dass die emotionale Intimität wichtiger ist. Es gibt jedoch auch viele von uns, die das Bedürfnis nach Nähe und Intimität in einer Beziehung durch Körperkontakt brauchen. Sei es nur kuscheln oder Umarmungen. Hier können wir auch noch mal zwischen körperlicher und sexueller Intimität unterscheiden. Körperkontakt bedeutet schließlich nicht automatisch gleich Sexualität.

Christo und Jeanne-Claude – ein Künstlerehepaar voller Intimität

Die beiden waren unzertrennlich. Ausgerechnet ihre enorme Streitlust vermisse er am meisten, hat der Verhüllungskünstler Christo mal in einem Interview über seine Jeanne-Claude gesagt. Ein Dokumentarfilm über das berühmte Paar belegt es: Sogar vor der Kamera stritten sie. Nie respektlos, aber heftig. Sie liebten sich, aber sie schonten einander auch nicht, wenn’s drauf ankam. Trotz vieler Meinungsverschiedenheiten bildeten sie ein perfektes Team. Offensichtlich war nicht gerade ständige Harmonie das Rezept für diese große Liebe, die 52 Jahre dauerte, sondern eine besondere Form der Nähe und Verbundenheit: Intimität.

Nähe ist nicht gleich Intimität

In der Liebe wünschen wir uns häufig mehr Nähe, mehr von diesem Wirgefühl – in den ersten Monaten gab es ja so wahnsinnig viel davon und meinen in Wahrheit Intimität. Bloße Nähe hat man auch mit dem Sitznachbarn im Bus oder im Kino, beim Arzt oder Friseur. Wir lassen viele nah an uns heran. Selbst vor dem Fernseher sind wir uns als Paar sehr nah, wenn er uns etwas mechanisch den Nacken krault, weil er in Gedanken hinterm Steuer des Aston Martin sitzt, den Daniel Craig mal wieder in rasendem Tempo durch enge Gassen steuert. Man sitzt eng beieinander – aber intim zu sein heißt eben etwas anderes.

Intimität in der Partnerschaft

„Intimität ist eigentlich etwas ganz Alltägliches, denn es bedeutet schlicht, dem anderen seine innersten Gedanken und Gefühle zu offenbaren, sich ihm zu zeigen“, sagt der Paartherapeut Dr. Tobias Ruland („Die Psychologie der Intimität“, Klett-Cotta Verlag, 268 Seiten, 16,95 €). Ohne Zensur, ohne Einschränkung. So selbstverständlich und unbefangen wie ein Kind, das fröhlich brabbelnd in die Arme seiner Mama krabbelt, mit einer Riesenportion Urvertrauen und Zuversicht.

Es gibt aber auch Paare, die eine Beziehung ohne Intimität führen. In diesem Fall ist es ein eher freundschaftliches Verhältnis und ähnelt einer Wohngemeinschaft. Das Paar lebt zusammen, fährt gemeinsam in den Urlaub und führt gute Gespräche, ohne eine gewisse intime Grenze zu übertreten.

Die Krux: Ohne Intimität außerhalb des Bettes kommt man sich als Paar immer seltener näher. Umgekehrt schürt sie die Lust erst auf lange Sicht. Sex zwischen Liebenden ist etwas sehr Intimes – mit einem Fremden können wir ihn allerdings auch haben. Aber spätestens wenn wir uns verstohlen davonschleichen oder am Morgen danach wahlweise betreten in den Kaffeebecher oder Löcher in die Luft starren und uns nichts mehr zu sagen haben, obwohl wir uns vor Stunden noch so nah waren, ahnen wir zumindest, was hier gefehlt hat.

Können Männer Intimität zeigen?

Theoretisch ist das alles ziemlich simpel. In der Praxis scheitern jedoch viele daran, mit ihrem Partner, also mit dem theoretisch wichtigsten Menschen in ihrem Leben, offen und konstruktiv über ihre Gedanken und Gefühle zu sprechen. Dahinter steckt mehr als die Macht der Gewöhnung, an der sich die Liebe gern abnutzt. „Mit der Zeit sammeln wir viele kleine Verletzungen und schlechte Erfahrungen, die wir miteinander machen“, sagt Ruland. Jedes für sich genommen muss nicht dramatisch sein, aber in der Summe ist es häufig toxisch. Hier eine Zurückweisung, da ein Weghören und dort ein (oft ja nicht mal böse gemeintes) Abbügeln („Ach komm, du streitest dich doch häufig mit deiner Freundin. Früher oder später fallt ihr euch eh wieder in die Arme“). Oder man hat eben noch sein Herz ausgeschüttet und dann: „Hast du was gesagt?“ „Ach, war nicht so wichtig.“ Schwäche zugeben und die Balance zwischen Nähe und Distanz ausloten – auch das ist Intimität.

Frauen fällt es deutlich leichter Gefühle in einer Beziehung zu zeigen und taucht somit in eine viel tiefere Ebene der Intimität ein. Männer hingegen haben häufig einen Schutzmantel, welcher die Gefühle und die Intimität zumindest teilweise unter Verschluss hält. Andererseits kann ein Gespräch in der Partnerschaft für einen Mann ein großer Schritt in Richtung Intimität und starkes Vertrauen sein, während wir Frauen dies als Selbstverständlichkeit sehen.

Was tun, wenn der Partner ein Problem mit Intimität hat?

Probleme mit Intimität kommen laut Psychologen häufig aus der Kindheit, etwa schlechte Erfahrung mit den Eltern oder ähnliches. Aber auch Menschen, die in vergangenen Beziehungen schlecht behandelt wurden, entwickeln manchmal Probleme mit Intimität, da sie Vertrauen verloren haben. Das bedeutet aber nicht, dass diese Personen für immer single bleiben müssen. Auch die Gene und Lebensphase, in der man sich befindet, bestimmen, wie nah wir uns auf andere Menschen einlassen.

Der erste Schritt ist, sich der Beziehungsangst bewusst zu werden. Und herauszufinden, woher es kommt! Wird einem erstmal klar, dass weder der Ex-Partner noch Vater oder Mutter von damals etwas mit dem jetzigen Partner zutun hat, kann sich davon besser differenziert werden. Oft hilft es, in langsamen Schritten mit viel Geduld auf diese Person zuzugehen. Vermitteln Sie das Gefühl von Sicherheit, Akzeptanz und Vertrauen! Der Partner sollte das Gefühl bekommen, dass er sich in dieser Beziehung nicht verbiegen muss, um geliebt zu werden.

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Vertreibt der Alltag die Intimität?

Ganz so geschmeidig läuft es leider im Alltag nicht immer. Bevor man für ein ehrliches Eingeständnis („Ich würde so gerne mal wieder mit dir verreisen“ – „Och nö, zu Hause ist es doch am schönsten“) eine Watsche kassiert, werden künftig Dinge verschwiegen und Probleme abgeblockt. Da wird Schwiegermama heimlich eingeladen, weil der andere das nur genervt kommentiert hätte. Es wird geflunkert und ausgewichen, schleichend entfernt man sich voneinander. „Die Partner ziehen sich immer mehr zurück. Alles nur, um dem Risiko einer Enttäuschung zu entgehen“, weiß Ruland. Zur Intimität gehören Mut und Stärke, vor allem wenn nicht das erhoffte Feedback kommt. Das muss man aushalten.

Die gute Nachricht aber ist: In einer wirklich intimen Beziehung bekommen beide viel öfter, wonach sie sich sehnen. Weil man den anderen einschätzen kann, ihm vertraut und weiß, wie man ihn zu nehmen hat, wenn’s mal schwierig wird.

Phasen der Intimität

In jeder Beziehung durchlaufen wir unterschiedliche Phasen der Intimität. Ganz am Anfang einer Partnerschaft fühlt sich alles noch ganz frisch an und die Verbindung beginnt erst zu wachsen. Von zärtlicher Berührung über Sexualität bis hin zum unendlichen Vertrauen. So können die Phasen der Intimität aussehen:

Phase 1: Die Anziehungskraft

Zu allererst entsteht die Anziehungskraft. Wenn zwei Personen merken, dass gegenseitig Interesse besteht und es einfach funkt, haben wir bereits die erste Phase der Intimität erlangt. Wir können einfach nicht genug von dem Gegenüber bekommen und es gar nicht abwarten ihn zu berühren? Dann reden wir von magischer Anziehungskraft.

Phase 2: Die erste Annäherung

Haben wir unser Gegenüber bereits etwas kennengelernt und die ersten Treffen alleine stehen an, werden wir der Anziehungskraft kaum widerstehen können und uns küssen. Auch die ersten zaghaften Berührungen stehen an – die nächste Phase der Intimität.

Phase 3: Das erste Mal

Das erste Mal mit dem vermeintlich zukünftigen Partner ist und bleibt etwas ganz Besonderes und macht Lust auf mehr. Hier treten wir in die körperlich intimste Phase der Beziehung ein. Schließlich machen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes nackt und geben tiefe Einblicke in unsere Intimsphäre.

Phase 4: Das Vertrauen

Nun kommt eine sehr entscheidende Phase in der Beziehung. Das Vertrauen muss aufgebaut werden. Dies kann Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre dauern. Doch ist es einmal da, ist es eine der schönsten Phasen der Intimität. Denn nur, wenn das Vertrauen da ist, können wir uns wirklich fallen lassen.

Phase 5: Die Zukunft

Haben wir alle diese Phasen durchlaufen, kommt die letzte intimte Phase der Beziehung – die gemeinsame Zukunft. Macht uns die Vorstellung, den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen keine Angst, haben wir alles richtig gemacht.

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Aber was tun, wenn die Intimität abhandenkommt?

Wie viel Intimität braucht eine Beziehung?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass es genau so viel ist, wie beide Partner brauchen. Alles ist in Ordnung, wenn das Paar grundsätzlich aufeinander bezogen ist und sich beide Parteien vertrauen. Für die Menge an Sexualität und anderen Intimitäten gibt es kein Mindest- oder Maximalwert. Jeder ist verschieden. Die Hauptsache ist, dass beide Partner auf einen gemeinsamen Nenner kommen, mit welchem Maß an Intimität sie klarkommen.

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Aber was tun, wenn die Intimität abhandenkommt?

Zunächst sollte man wissen: Das besondere Gefühl der Nähe findet auf mehreren Ebenen statt: auf körperlicher (sexuelle Intimität), emotionaler (gemeinsam erlebte Gefühle) und intellektueller Ebene (damit sind geteilte Ideen und Überzeugungen gemeint: „Wir sehen die Welt und die Dinge ähnlich, und das unterscheidet uns von anderen“); darüber hinaus auf sozialer (gemeinsame Freunde), ästhetischer und freizeitbezogener Ebene (Einrichtung, Hobbys, Reisen etc.). Der Trick ist: Schon zwei „starke Dimensionen“ reichen aus, damit es auf Dauer schön nah bleibt. Paaren, die in den Tücken des Alltags auseinanderdriften, rät der Experte, sich auf ihre starken Ebenen zu besinnen und dort wieder anzusetzen: Sollten wir unsere Freundschaften wieder mehr pflegen? Ein gemeinsames Hobby wiederaufleben lassen – oder ein neues anfangen?

Schritt für Schritt zurück zur Intimität

Wichtig ist, sich dabei immer wieder zu fragen: Wobei haben wir uns immer besonders nah gefühlt? Ein zweiter Punkt und Voraussetzung für Intimität: Commitment. Den Begriff aus dem Englischen einfach als Verbindlichkeit oder Verpflichtung zu übersetzen, wäre zu kurz gegriffen. Es geht darum, sich als Team zu verstehen, und zwar in jeder Lebenslage, sowohl beim romantischen Kerzenschein-Dinner als auch bei Meinungsverschiedenheiten. Sonst läuft es darauf hinaus, sich einfach die Meinung zu geigen und das als Offenheit misszuverstehen – augenfällig eher kontraproduktiv.

Letztlich offenbart sich Intimität in vielen großen und kleinen Momenten. Damit sie entstehen können, rät Ruland dazu, Raum dafür zu schaffen und sie gezielt zu kultivieren. Und zwar mithilfe der „Puzzlesteine für mehr Intimität“.
In der Praxis sieht das so aus:

Schritt 1:

Sich bewusst in die Augen sehen. „Sich treffende Blicke sind der Prototyp eines Moments der Begenung, also eines intimen Augenblicks“, erklärt Tobias Ruland, „und die Augen sind das Tor zu unseren Emotionen, weshalb wir den Blick abwenden, wenn uns etwas unangenehm ist.“ Umgekehrt schaffen sie eine enorme Verbindung. Daher: auch im größten Trubel für ein paar Sekunden den Blickkontakt miteinander suchen, so als würde man kurz mit der Fernbedienung einen Film anhalten – bevor man sich wieder vom Chaos aufsaugen lässt (zuzwinkern wäre auch mehr als okay). Für Fortgeschrittene eignet sich die ursprünglich von dem US- amerikanischen Paar- und Sexualtherapeuten David Schnarch entwickelte „Köpfe-auf-Kissen-Übung“: Man liegt oder sitzt sich bequem gegenüber, sieht sich in die Augen und versucht dabei zu entspannen (und, ha!, Sie dürfen auch lchen). Ruland nennt den Effekt „Gedanken spiegeln“. Durch die Entspannung lassen wir zu, offen in unserem Gesicht zu lesen und Gefühle nicht hinter einer Maske zu verstecken.

Schritt 2:

Kreativ sein. Sie müssen nicht zusammen einen van Gogh nachmalen – dazu gehört auch ein Lieblingslied, das gerade läuft, lauter zu drehen und zusammen zu tanzen.

Schritt 3:

Aufmerksames Begrüßen. Klingt banal, wird aber gerne im Laufe der Zeit verschlampt. Dabei wissen wir doch im Grunde um die Wirkung einer festen, innigen Umarmung.

Schritt 4:

Simply the Best: Küssen Sie, schmecken Sie, riechen Sie. Nichts bindet so sehr wie Körperkontakt.

Schritt 5:

Führen Sie einmal pro Woche ein intimes Gespräch. „Die häufig-ste Klage ,Wir haben uns voneinander entfremdet‘ oder ,Ich weiß gar nicht, was mein Partner denkt‘ habe ich von noch keinem Paar gehört, das diese wertvollen Minuten in den Beziehungsalltag integriert hat“, sagt Ruland. So geht’s: Jeder überlegt sich ein Thema, das ihm am Herzen liegt und das mit der Beziehung zu tun haben kann, aber nicht muss. Der andere hört aufmerksam zu. Das übt ungemein darin, sein Inneres zu offenbaren und sich wieder näherzukommen.

Und: Wer Geheimnisse teilt, wird zu Komplizen. Herrschaftswissen verbindet! Und was könnte intimer sein, als gemeinsam unter der Decke zu tuscheln ...?

Was ist der Beziehungskiller?

Kommen zwei Menschen überhaupt nicht auf einen Nenner, wenn es um ihr Bedürfnis nach Intimität geht, ist das leider ein echter Beziehungskiller. Auf Dauer fühlt sich derjenige, dessen Bedürfnis nach Sexualität und Zuwendung höher ist, weniger geschätzt. Der andere sich erdrückt. Meist führt dies zum Ende einer Beziehung. Aber Kopf hoch: Dann hat es zwischen Ihnen beiden einfach nicht richtig gepasst!

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