20. Juli 2011
Porträt: Sean Penn

Porträt: Sean Penn

Er trinkt, er raucht, er prügelt sich und tritt unmissverständlich für seine Ziele ein. Sean Penn ist der letzte Cowboy Hollywoods. Ist das der Grund, warum die Frauen auf ihn fliegen?

Sean Penn
© Getty Images
Sean Penn

Wenn Sean Penn im August seinen 51. Geburtstag feiert, wird niemand rufen: „Ach nee, wirklich? Der sieht aber viel jünger aus.“ Falten in seinem Gesicht erzählen, dass er oft die Stirn runzelt und den Hollywood-Jugendwahn ganz schön beknackt findet. Die grauen Strähnen im Haar verleihen ihm eine gewisse Würde. Und doch wirkt er immer noch wie jemand, den man besser nicht blöd von der Seite anquatschen sollte. Mit Kabbala-Wasser und anderem Eso-Schnickschnack hat Sean Penn auch nichts am Hut, seine Diät besteht aus Whiskey und Kippen. Wahrscheinlich müsste man ihn, falls er mal zu Besuch käme, erst eine Weile zum Auslüften auf den Balkon stellen.

Trotzdem hat er geschafft, dass die bildhübsche, hochtalentierte und vor allem gerade mal 26-jährige Scarlett Johansson mit Sack und Pack in sein Haus in Malibu gezogen ist. Als sie geboren wurde, bandelte Sean Penn gerade mit Madonna an. Wenn er Scarlett also heute über die wilden Achtziger berichtet, könnte das für sie ein bisschen nach „Opa erzählt aus dem Krieg“ klingen. Aber auch das wird ihr egal sein, weil Sean Penn nichts von seiner Strahlkraft verloren hat. Eine repräsentative Umfrage in der PETRA-Redaktion ergab: Zehn Kolleginnen würden sofort nachrücken, falls Frau Johansson es sich anders überlegen sollte. Was finden wir Frauen nur an diesem Typen? Er ist schließlich nicht mal ein Garant für heitere Kinoabende. Im Gegenteil. Nach neunzig Minuten mit Sean Penn kommt man meistens verstört oder verheult aus der Vorstellung. Und muss ganz viel reden. Über die Todesstrafe („Dead Men Walking“), Kriegsverbrechen („Die Verdammten des Krieges“) oder Selbstjustiz („Mystic River“). In seinem neuen Film „The Tree Of Life“ (Start: 16.6.) spielt er einen Mann, der erst seine traumatische Beziehung zum Vater (in Rückblenden gespielt von Brad Pitt) aufarbeiten muss, um glücklich zu werden. Schwieriger Stoff. Trotzdem werden wir wieder wie festgetackert in den Kinosesseln sitzen.

Er hat die Kurve bekommen

Mögen wir es vielleicht, dass Penn mit den Jahren – scheinbar zumindest – milder geworden ist, dass ein wilder Rebell zur Besinnung kommt? Früher ließ er Paparazzi an den Füßen vom Balkon baumeln, heute baut er Krankenhäuser in Haiti. Verglichen mit dem gestörten Charlie Sheen, seinem Kumpel aus Kindertagen, hat Sean Penn also die Kurve gekriegt. Und erscheint auf einmal ordentlich gekämmt bei Hollywood-Events, die er jahrelang gemieden hat. Bevor die Damenwelt jetzt aufjubelt („Yes! Männer können sich doch ändern!“), müssen wir Sie leider (oder zum Glück) enttäuschen. Sean Penn ist immer noch ein Bad Boy, er hat es nur nicht mehr nötig, sich danebenzubenehmen. Kürzlich irritierte er die Gäste (darunter auch US-Präsident Obama) eines edlen Dinners in Washington, weil er während des Essens für ein Stündchen mit Scarlett Johansson verschwand. Als Penn wieder auftauchte, hing seine Krawatte zwar ein wenig schief, aber ein Skandal? Also bitte schön, es wurde ja noch nicht einmal jemand verhaftet.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint: Es steckt immer noch eine Menge Rebell in Sean Penn. Während er früher die Faust ausfuhr, hat er heute andere Mittel, um seiner Empörung Luft zu machen. Bestes Beispiel: sein Protest gegen die Bush-Regierung. Er flog nach Bagdad und traf sich dort mit Politikern, um gegen die Ungerechtigkeit des Irak-Kriegs zu demonstrieren. Später schaltete er für 56 000 Dollar eine einseitige Anzeige in der „Washington Post“, um die Verfehlungen von Bush & Co anzuprangern. Nachdem der Wirbelsturm Katrina über New Orleans hinweggefegt war, reiste Penn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ins Krisengebiet und zog eigenhändig Opfer aus dem Wasser. Und schimpfte wieder auf die Regierung, die viel zu spät Hilfe geschickt hatte. Für diese Hauruck-Aktionen musste Sean Penn auch Kritik einstecken, die US-Medien nannten ihn naiv. Aber die Menschen lieben ihn, weil er authentisch wirkt und eben nicht nur schnell aus Publicity-Gründen ein Waisenkind in die Kamera hält.

Es sind aber vor allem seine Filme, mit denen er als Schauspieler, Autor und Regisseur immer an der amerikanischen Hochglanzfassade kratzt. Penn verleiht Verlierern und Außenseitern ein Gesicht. Er versucht nicht, sie menschlich zu machen, er gibt ihnen nur eine erschreckende Präsenz. „Sean holt für eine Rolle alles aus sich raus“, erklärte einmal sein Freund Dennis Hopper, „wir können direkt in ihn hineinblicken. Aber danach macht er wieder dicht. Er muss seine Ecken und Kanten schützen. Das ist der Grund, warum er immer so unnahbar erscheint.“ Schon unzählige Male hat Sean Penn behauptet, die Schauspielerei an den Nagel hängen zu wollen. Aber dann kommt wieder eine Drehbuchfigur, die ihn reizt, weil sie die Welt ein bisschen verändern könnte.

Sean Penn hat seine Prinzipien. „Es gibt Filme, die uns bloß mit Träumen versorgen. Und es gibt solche, die einen Traum mit uns teilen.“ Für Kollegen, die ihr Gesicht für dümmlichen Schund hinhalten, hat er kein Verständnis. So lästerte er über Nicolas Cage: „Der sollte sich nicht mehr Schauspieler nennen, sondern Darsteller.“ Umso mehr muss es ihn treffen, dass ausgerechnet sein großes Vorbild Robert De Niro putzige Katzenpipi-Komödien wie „Meine Braut, ihr Vater und ich“ dreht. Nach seinem Oscar-Gewinn für die Rolle des homosexuellen Bürgerrechtlers Harvey Milk, konstatierte Penn trocken: „Wer hätte gedacht, dass ich mal als schwuler Posterboy ende – und Robert De Niro als Amerikas erfolgreichster Komödienstar.“

Seine Exfrau Madonna hat ihn mal als „Cowboy“ bezeichnet. Genau das ist Sean Penn. Ein unberechenbarer Einzelgänger, der die Dinge am liebsten selbst in die Hand nimmt. Er ist ein typischer „Guy’s Guy“, ein Mann, der sich am wohlsten fühlt, wenn er mit seinen Kumpels abhängt. In den 80er-Jahren war Sean Penn Teil des „Brat Packs“, der wilden Clique um Charlie Sheen und Emilio Estevez, die durch ihre Partys von sich reden machten.

Sean Penn und Bono
© Getty Images
Sean Penn und Bono

Später freundete sich Penn mit Männern an, die er ausnahmslos bewunderte: Charles Bukowski, Jack Nicholson und Dennis Hopper. „Sean ist die beste Begleitung, die man sich für eine Bergtour wünschen kann“, findet Bono Vox, ein anderer Best Buddy. „Auch wenn er es nicht gern hört: er hat ein riesiges Herz und ein Gehirn von der Größe Alaskas.“

Und die Frauen? Hach, schwieriges Kapitel. Seit Sean Penn Anfang der Achtziger an der Seite von Madonna auftauchte, war klar: Dieser Typ würde in null Komma nichts jede Tür eintreten, seine Herzenslady aus egal welchem Schlamassel retten und mit ihr in den Sonnenuntergang reiten. So weit, so romantisch. Aber richtig alltagstauglich scheint dieser Cowboy nicht zu sein. Die Ehe mit Madonna ging nach vier Jahren Blitzlichtgewitter in die Brüche. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir auch nur eine richtige Unterhaltung geführt hätten“, erklärt Penn. Zu jung waren sie, zu sehr mit ihrer Karriere beschäftigt. Schauspielerin Robin Wright („Forrest Gump“) brachte es immerhin auf 14 Ehejahre. Was sicher daran lag, dass das Paar Hollywood den Rücken kehrte und mit seinen Kindern auf eine Ranch in Nordkalifornien zog. Trotzdem gab es ständig Gerüchte um Penns Frauengeschichten. Nach einer angeblichen Affäre mit Sienna Miller hatte Robin Wright 2010 die Faxen dicke und reichte die Scheidung ein.

„Es ist nicht einfach, ihn zu durchschauen“, sagt Woody Allen über Sean Penn. „Man hat das Gefühl, er könnte jederzeit in die Luft gehen. Männer verehren ihn als Helden und Frauen wollen sich um ihn kümmern.“ Genau wie jetzt eben Scarlett Johansson. Am Wochenende laden sie seine Kinder ein, und sie kocht was Schönes. Wir wagen mal eine Prognose: Auch Scarlett wird es nicht gelingen, den Outlaw zu zähmen. In der Zwischenzeit sitzen in Hamburg-Winterhude ein paar Redakteurinnen geduldig auf gepackten Koffer. Mister Penn, give us a call ...

Einmal Rebell - immer Rebell?

Frauen
1985 Sean Penn und Madonna – die Brangelinas der Achtziger. Sie widmet ihm ihr Album „True Blue“, er macht ihr einen Heiratsantrag, während sie nackt auf einem Hotelbett in Nashville herumhüpft

2011 Heimliche Dates, dann ein Kurzurlaub in Mexiko. Bei der Hochzeit von Reese Whitherspoon erscheinen sie offiziell als Paar: Scar-Jo und Sean Penn.

Filme
1982 Die Rolle des Dauerkiffers Jeff Spicoli in „Fast Times at Ridgemont High“ bringt den Durchbruch.

2009 Den Oscar gibt es für die Rolle des schwulen Polit-Aktivisten Harvey Milk in „Milk“

Social Life
1986 Sean Penn verprügelt einen Fan, der Madonna zu nahe kommt – und landet dafür einen Monat im Knast.

2009 Sean Penn verprügelt einen Paparazzo und muss Schmerzensgeld zahlen. Der Fotograf wiederum spendet das Geld an Sean Penns Hilfe für Haiti. Verrückte Welt.

Freunde
1986 Sean Penn und Bruder Chris sind nicht nur Kollegen, sondern auch beste Freunde. Als Chris Penn 2006 an Herzversagen stirbt, ist Sean schwer getroffen

2011 Hugo Chávez, Präsident von Venezuela, schlägt seinen Freund Sean Penn als neuen Botschafter vor (worauf ihn seine Minister auslachen).

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