27. Februar 2012
Porträt: Henning Baum

Porträt: Henning Baum

Der Mann ist ein Phänomen: wöchentlich steigende Einschaltquoten seiner Serie „Der letzte Bulle“, eine facebook-Seite, die vor Beischlafangeboten schier überquillt. Keine Frage, Henning Baum ist Deutschlands neues Sexsymbol – und seit wir ihn getroffen haben, können wir die Begeisterung sogar verstehen.

Henning Baum
© Getty Images
Henning Baum

Cowboystiefel, Jeansjacke und ausgeleierte 501 – Mick Brisgau ist ein Fossil, ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Ein Männertyp, den es eigentlich schon lange nicht mehr gibt. Proll-Klamotte, Vorstadtsprüche und eine Macho-Ideologie, die Alice Schwarzer die Fußnägel hochrollen ließe. Bernd das Brot hat mehr IQ. Und trotzdem stehen alle Frauen auf ihn, explodieren die Einschaltquoten der TV-Serie „Der letzte Bulle“, in der Henning Baum, 39, die Hauptfigur Mick Brisgau verkörpert. Auf der facebook-Seite des Schauspielers reihen sich Kommentare wie diese aneinander: „Mit Henning will ich Sex!“ (schreibt Sabine), „Einfach nur WOW! Der Inbegriff jeglicher Männlichkeit!“ (Tina), „Mit dir hätte ich sofort drei Kinder gemacht!“ (Uschi) oder „Der beste Schauspieler aller Zeiten“ und zudem „Sexiest Man Alive!“

Was ist dran an diesem Mann? Warum bekommen topemanzipierte Frauen angesichts eines 80er-Machos weiche Knie und dieses ganz bestimmte Glimmen in den Augen? Will ich wissen und treffe mich mit ihm. Als ich ihm gegenüberstehe, muss ich zunächst schlicht und ergreifend feststellen: Henning Baum ist tatsächlich umwerfend sexy! Der 1,85-m-Hüne mit den erotischsten Oberarmen seit Erfindung des Bizeps hat Lippen, für die man eine Altersfreigabe bräuchte, Haare, die man sofort durchwuscheln möchte, Augen, die einem direkt in die Seele blicken – und einen Hintern, für den Til Schweiger morden würde. Dazu ist er noch aufmerksam, höflich – und extrem flirty. Mehr geht nicht. Kein Wunder, dass Mick Brisgau eine große Portion davon abkriegt.

Der Typ hier vor mir ist allerdings viel mehr als „nur“ der Bulle mit den verführerischen Muskelpaketen. Der Mann, der ihn spielt, ist dreifacher Familienvater, der seinen Kindern den Fernseher abdreht, die Computer wegsperrt und sie in die Wiesen scheucht, damit sie „sich selbst in der Natur erleben“. Der zu Hause thailändisch kocht („So richtig lecker mit Koriander, Kokosmilch und Thai-Basilikum“) und seit über zehn Jahren mit Ehefrau Corinna verheiratet ist. Der Klassiker liest (momentan „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ von Alexander Solschenizyn) und mit Sokrates-Zitaten um sich wirft. Im Gespräch entpuppt er sich unerwartet als attraktiver Philosoph à la Richard David Precht. Und zwar nicht nur posig Phrasen dreschend, sondern tiefsinnig, intelligent und humorvoll. Er wirft mit Geschichtszahlen und Zitaten um sich, denkt lange nach und sagt dann mit ruhiger Brummbärstimme: „Ruhe ist unabdingbar, damit sich die Mitte nicht verschiebt. Sonst bekommen wir eine Unwucht und verlieren unsere Durchlässigkeit“, oder „Ich will keinen materiellen, sondern inneren, seelischen Wohlstand erlangen.“ Sein Leitspruch steht im 1. Korinther Kapitel 13: „Und hätte ich die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz.“ Denker Baum liebt die Vorstellung, „dass uns ein Zauber umgibt und wir mehr sind als nur Materie“. Henning Baum weiß, was Frauen hören wollen. Diäten findet er unnötig, pralle Hintern schärfer als spitze Rippen, Authentizität erotischer als Make-up, innere Schönheit umwerfender als äußere. Aus dem Mund eines Mannes klingt das wie Perwoll für die Frauen-Seele!

Dabei ist Baum alles andere als weichgespült. Der Box-Fanatiker liebt es, beim Sport seine Grenzen auszutesten, immer noch ein Stück weiterzugehen und sich völlig zu verausgaben („Im Gesicht eines Mannes kann man ablesen, was sich in seiner Seele abspielt – sein Körper ist Abbild dessen, wie er lebt“). Angst ist für den Freigeist ein „Muskel, der trainiert werden muss“. Um sich von seiner Höhenangst nicht einschränken zu lassen, kletterte er als Teenager auf jedes Baugerüst – und schlich nachts durch dunkle Wälder, um „nicht Opfer, sondern Jäger“ und „Teil der Nacht“ zu werden. So viel Mut macht an. Sein Understatement auch. Den riesigen Erfolg des „letzten Bullen“ führt er auf das „professionelle Ensemble“ zurück und versucht, den Rummel um seine Person nicht zu ernst zu nehmen. Er sagt: „Egozentriker sind unangenehme Menschen, die mich langweilen.“

Henning Baum ist noch längst nicht an seiner Leistungsgrenze. Die Rolle des Mick Brisgau erfordert nur einen Bruchteil seines schauspielerischen Talents. Um zu zeigen, was er wirklich kann wartet er auf einen Regisseur, der „ein paar Schippen“ drauflegt. „Ich finde es sehr spannend, was andere für Widersprüche in mir sehen, welches Potenzial, welche Charaktere sie aus mir herausholen wollen.“

Wie sagte Sharon Stone einst so schön: „Meine größte erogene Zone sitzt zwischen den Ohren!“ Unsere auch. Einen guten Körper zu haben ist keine Kunst, den richtigen Geist dazu jedoch schon. Diese ganz bestimmte Mischung aus Feinsinnigkeit, Moral, Wildheit, Alphatier-Ausstrahlung, Intelligenz und Sinnlichkeit ist es, die Henning Baum so umwerfend macht. Was ein Mann im Hirn hat, ist genauso wichtig wie sein Herz und seine Art zu leben. „Baum mit Birne“ – hätten wir auch über diesen Text schreiben können, das hätte zunächst seltsam geklungen. Aber jetzt wissen Sie ja, was wir meinen …

VITA

Henning Baum wurde am 20.9. 1972 in Essen geboren. Nach seiner Schauspielausbildung wirkte er in TV-Serien wie „Polizeiruf 110“, „Alarm für Cobra 11“ und „Bella Block“ mit.

Karriere Für seine Rolle als schwuler Kommissar Leo Kraft in der TV-Serie „Mit Herz und Handschellen“ erhielt er 2004 den Deutschen Filmpreis. Seit 2010 begeistert Baum in der Serie „Der letzte Bulle“ als 80er-Jahre-Polizist, der nach 20 Jahren Koma in der Jetztzeit erwacht. Derzeit zeigt Sat.1 die 3. Staffel.

Privat Baum ist seit über zehn Jahren verheiratet und hat drei Kinder.

Und sonst? Im März beginnen die Dreharbeiten zu einer TV-Satire um Ex-Verteidigungsminister Guttenberg; Baum spielt darin einen Imageberater.

Lade weitere Inhalte ...