29. November 2011
Porträt: Michael Fassbender

Porträt: Michael Fassbender

Michael Fassbender hat es geschafft: Der Deutsch-Ire gehört mittlerweile zu den gefragtesten Schauspielern in der Traumfabrik. Höchste Zeit, ihn endlich näher kennenzulernen.

© Getty Images

Das war knapp: Michael Fassbenders Karriere verlief so schleppend, dass er hinschmeißen und eine Kneipe eröffnen wollte. Gut, dann wäre er eben Londons attraktivster Barmann geworden, aber so haben wir mehr von ihm. Endlich hat er sich die Aufmerksamkeit erkämpft, die er verdient, und wird als „Hollywoods neue Allzweckwaffe“ gehandelt.

Wenn er lacht – so wie bei unserem Treffen in Venedig, wo er in diesem Jahr zum besten Schauspieler gekürt wurde –, zeigt er Zähne wie ein Krokodil. Seine Augen sind blau, aber eben nicht einfach blau: Sein Blick wechselt von stechendem Eisblau zu tiefem Veilchenblau; dazu diese Denkerfurche zwischen den Brauen. Fassbender ist hot, aber eben nicht auf diese vordergründige Weise. Und er mag unbequeme Filme, die unter die Haut gehen. Welche mit echten Menschen. „Ich will nicht nur ihre Kleider tragen, sondern in ihre Haut schlüpfen“, sagt Fassbender. Das tut er bis zur Selbstaufgabe, bis zur Unkenntlichkeit. Nur so ist auch zu erklären, dass er nicht längst ein Star ist.

In „Hunger“ beispielsweise: Da spielte er 2008 einen IRA-Kämpfer im Fastenstreik. Für die Rolle verlor Fassbender, der ohnehin kein Gramm Fett am Körper hat, 20 Kilo. Er wurde mit Kritikerpreisen überschüttet, aber ein Publikumshit war das harte Gefängnisdrama natürlich nicht. Und seine prächtigen Muskeln waren nach der Radikaltortur auch zum Teufel – die hatte er sich extra für das Schlachtenspektakel „300“ ein Jahr zuvor antrainiert. Mit dem wurde übrigens nicht er, sondern Kollege Gerard Butler berühmt. Aber woher kennt man Michael Fassbender dann? Am ehesten aus „Inglourious Basterds“ von 2009. Quentin Tarantino engagierte ihn, weil er Deutsch spricht. Eigentlich sollte er für die Rolle des SS- Generals Landa vorsprechen. Doch als er ankam, hatte Tarantino sich bereits für Christoph Waltz entschieden. Trotzdem ist Fassbender als britischer Offizier, der sich in einer Kellerbar voller Nazis verplappert, im Gedächtnis geblieben – und es ging ab mit der Karriere.

Ein langer Weg. Fassbender wurde vor 34 Jahren in Heidelberg geboren, sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Irin. Als er zwei war, zog die Familie ins südirische Killarney: Michael ging fischen und schrubbte Töpfe im Restaurant seiner Eltern. Sein Spieltrieb beschränkte sich auf Outdoor-Abenteuer, die Berufung ließ auf sich warten. „Mit 17 wusste ich nicht, was aus mir werden sollte.“ Über einen Schulworkshop entdeckte er dann das Theater, er zog nach London, ging auf die Schauspielschule, die er kurz vor dem Abschluss geschmissen hat. „Ich bin eben ein Versager“, witzelt er. „Ich habe nichts Ordentliches gelernt.“ Nach seiner ersten großen TV-Rolle war Michael ein Jahr arbeitslos und wusste nicht, wohin mit sich. Statt der Bar kam dann „300“…

Ein Leben mit ihm sei langweilig, behauptet Michael Fassbender. Denn es bestehe in erster Linie aus eiserner Disziplin, abgesehen von seiner Leidenschaft für Zigaretten und Motorräder. „Du musst hart arbeiten, so einfach ist das. Tiger Woods ist Tiger Woods, weil er hundertmal am Tag seinen Abschlag übt.“ Also liest Fassbender seine Drehbücher, bis er sie im Schlaf kann. Diese Arbeitseinstellung hat er vom Vater, gelegentlich durchkreuzt vom „Party-Gen“ der Mutter: „Meine deutsche Hälfte will alles unter Kontrolle halten, die irische wirft alles über den Haufen.“

Obwohl Fassbender nach wie vor in London lebt, muss er jetzt immer häufiger nach Los Angeles. „Und jedes Mal versuche ich, etwas Farbe zu kriegen. Klappt aber nicht.“ Der helle Teint ist ebenso hartnäckig wie die Fotografen, die ihn plötzlich umschwirren. Und die Fans, die im Internet beklagen, dass wieder ein Traummann vom Markt ist. Beim Dreh von „X-Men: Erste Entscheidung“ (jetzt auf DVD) hat sich Michael nämlich in Zoë Kravitz verliebt – genau: Lennys Tochter, gerade 22. Na ja, gucken werden wir ja noch dürfen – in der nächsten Zeit geht das zum Glück gleich dreimal: Fassbender als verklemmter C. G. Jung in „Eine dunkle Begierde“ mit Pomade und Brille, als Sexsüchtiger in „Shame“. Besonders genial aber ist er als Mr. Rochester in „Jane Eyre“: finster, geheimnisvoll, unwiderstehlich. Ja, unser (halber) Mann in Hollywood kann sehr verführerisch sein, das sieht er ein – er weiß aber auch: „Jetzt bin ich vielleicht heiß, nur in drei Monaten kommt doch schon der Nächste um die Ecke. Ich will einfach bloß weiterarbeiten. Ich kann nicht aufhören!“ Ein Glück für uns.

Michael Fassbender im Kino
Kürzlich wirbelte er als Magneto in „X-Men: Erste Entscheidung“ über die Leinwand, derzeit ist Fassbender gleich mit zwei Filmen im Kino, z. b. dem Psychodrama „Eine dunkle Begierde“ und dem Klassiker „Jane Eyre“

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