6. Januar 2014
Mein Leben in zwei Ländern

Mein Leben in zwei Ländern

Erst mal klingt das traumhaft. Immer mehr Frauen probieren es aus. Aber fühlt es sich auch so an? Und wie geht das überhaupt? Vier Frauen, ein Trend – und achtmal Heimat.

Frau lebt in den USA und in Paris
© ariwasabi/Maridav, iStockphoto/Thinkstock
Frau lebt in den USA und in Paris

Es war 1990, nach dem Abitur, ich besuchte eine Freundin, die als Au-pair-Mädchen nach Rom gegangen war. Die Liebe zu dieser Stadt traf mich wie ein Blitz. Unser Leben war wie im Film: Tagsüber lief ich mit meiner Freundin durch die Gassen, wir aßen Eis und Pizza und ließen uns von hübschen Italienern hinterherpfeifen. Nachts flitzten wir mit dem Vespa-Roller durch die Straßen und spürten den warmen Wind auf unserer Haut. Wir saßen auf der Piazza Navona, tranken Rotwein, streichelten die streunenden Katzen und machten Straßenmusikern schöne Augen. Um vier Uhr morgens gab es die ersten Cornetti beim Bäcker, dazu den besten Kaffee der Welt. Hier wollte ich leben. Ich stellte mir vor, dass ich in Rom plötzlich eine andere Person wäre: eine von diesen stolzen, schönen Italienerinnen, die sich nachts heimlich mit ihrem Geliebten im Borghese-Park trafen und diese wunderbar melodiöse Sprache sprechen konnten. Doch es kam anders: Ich erhielt einen Studienplatz im Ruhrgebiet. Rom blieb ein schöner, unerfüllter Traum. Wie gern hätte ich beides gehabt: ein Leben in Italien und eines an der deutschen Uni. Doch Anfang der Neunziger gab es noch kein Internet, keine Handys oder Billigfluglinien.

Frau mit nostalgischem Foto
© Brand X Pictures/Thinkstock
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Der Segen internationaler Mobilität

"Heute ist es definitv leichter und preisgünstiger, in zwei Ländern zu leben. Das Reisen ist einfacher geworden, und wir können mit Freunden und Familie auch über große Entfernungen kommunizieren", sagt Isabel Rosales vom GIGA Forschungsinstitut für globale und regionale Studien. Zudem, so die Wissenschaftlerin, gebe es immer mehr Selbstständig und Freiberufler, die in der Wahl ihres Lebens- und Arbeitsortes flexibel seien. Sie pendeln zwischen Aachen und Avignon, Berlin und Barcelona oder Chemnitz und Chicago. An beiden Orten haben sie eine Wohnung, einen Freundeskreis und eine Beschäftigung. "Transnationale Ortspolygamie" nennt der Soziologe Ulrich Beck dieses Phänomen in seinem Buch "Was ist Globalisierung?": "Das eigene Leben ist kein ortseingebundenes mehr, kein gesetztes, kein sesshaftes Leben. Es ist ein Leben auf Reisen, ein Nomadenleben, ein Leben im Auto, im Flugzeug, in der Bahn oder am Telefon, im Internet, ein transnationales Leben."

Frau auf Geschäftsreise
© iStockphoto
Viel unterwegs?: So organisieren Sie Ihren Alltag.

Doppelleben - Stress oder Chance?

Und ein aufreibendes Leben, so scheint es, für das auch wirklich nicht jeder geschaffen ist. Um mit zwei Lebensmittelpunkten glücklich zu werden, sollte man mutig, kontaktfreudig und gut organisiert sein. Und doch ist es verlockend, sich einmal nicht zwischen zwei Optionen entscheiden zu müssen. Das Überangebot an Möglichkeiten, dem wir heute ausgesetzt sind, macht uns doch oftmals nichts als Stress: Wollen wir nun Ärztin werden oder doch lieber Designerin? Kinder haben oder auf Weltreise gehen? Da tut es gut, ausnahmsweise mal zu beidem Ja zu sagen. Wenn wir wollen, können wir in jedem Land andere Facetten von uns ausleben: auf Bali leichter leben als im getakteten Brüssel. In Italien ungehemmter flirten als in Iserlohn. Wer die Chance nutzt, verliert die Angst, etwas zu verpassen, einen Teil von sich ungelebt zu lassen. Ich jedenfalls werde Rom demnächst noch mal einen Besuch abstatten. Mal sehen, was draus wird.

"Zu Hause ist immer da, wo ich gerade bin"

Für ihr eigenes Fashion-Label Hati-Hati (Indonesisch für: Pass auf dich auf) pendelt die Modedesignerin Anna-Maria Meyer, 31, zwischen Hamburg und Bali. "Zweimal im Jahr fliege ich für zehn Wochen nach Bali, um an neuen Entwürfen für meine Modelinie zu arbeiten. Wenn ich danach wieder in meine Wohnung im Hamburger Schanzenviertel zurückkehre, ist es jedes Mal ein Schock, wie laut und trubelig es hier ist. Auf Bali lebe ich viel naturverbundener – in einem alten balinesischen Holzhaus, gemeinsam mit einer Freundin. Mit ihr habe ich einen guten Deal: Ich zahle nur Miete, wenn ich dort bin. So habe ich kaum Fixkosten. Das Leben auf Bali ist einfach. Wir haben kein heißes Wasser, geschweige denn einen Fernseher. Immerhin habe ich mir vor Kurzem eine Klimaanlage geleistet, denn es ist oft unerträglich heiß. Wenn ich auf der Insel bin, passe ich mich dem natürlichen Tagesrhythmus an: Kurz nachdem es dunkel geworden ist, gehe ich ins Bett, dafür stehe ich früh wieder auf. In Hamburg bin ich viel abgekoppelter von der Natur. Dort genieße ich dann das Großstadtleben, die Museen und die Kulturszene. Zum ersten Mal nach Bali kam ich vor sieben Jahren als Urlauberin. Die entspannte Art der Inselbewohner hat mir auf Anhieb gefallen. 2008 habe ich dort in einer Yogaschule gejobbt und erste Kontakte geknüpft: Auf Bali finden sich ja an jeder Ecke Schneidereien und wunderbare Stoffe. Vor zwei Jahren habe ich mich dann entschlossen, ein eigenes Modelabel zu gründen. Auf der Insel arbeite ich eng mit einer Produzentin zusammen. In Hamburg kümmere ich mich vor allem um Buchhaltung, Büro und Organisation. Heimweh? Kenne ich nicht. Zu Hause ist immer dort, wo ich gerade bin. Doch ein Leben lang werde ich mein Vagabundendasein nicht beibehalten. Irgendwann möchte ich sesshaft werden und vielleicht eine Familie haben."

"Es fühlt sich an, als würde ich nur über die Straße gehen"

Die Bestsellerautorin Andrea Maria Schenkel, 51, ("Tannöd") lebt mit ihren drei Kindern, 21, 18, 14, und zwei Hunden in Regensburg. Alle sechs Wochen fliegt sie nach New York zu ihrem neuen Lebenspartner, dem Dozenten James Devitt. "Nach der Trennung von meinem Mann vor drei Jahren bin ich von unserem Bauernhaus in Nittendorf wieder in meine Geburtsstadt Regensburg gezogen. Ich bin einfach ein Stadtmensch. So richtig klar geworden ist mir das in New York, wo mein Freund James Devitt lebt: Ich liebe es, in dieser Megacity herumzufahren und immer neue, faszinierende Entdeckungen zu machen. Auf eine Art habe ich mir in New York sogar ein Stück meiner Kindheit zurückerobert. Mein Vater hat nach dem Krieg für die US-Streitkräfte in Regensburg gearbeitet, sodass meine Eltern überwiegend amerikanische Freunde hatten. Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal in New York aus dem Flieger stieg, war das ein echtes Aha-Erlebnis. Ich habe sofort gedacht: Hier riecht es genauso wie im Büro meines Vaters. Es sind eben die gleichen Putzmittel, die gleichen Teppichkleber wie damals. Wenn ich heute in New York lande, fühlt es immer noch an wie nach Hause zu kommen. Ich bin jedes Mal froh, wieder dort zu sein. Genauso geht es mir, wenn ich nach Regensburg zu meinen Kindern fliege. Mir sind beide Orte so vertraut, als würde ich nur über die Straße gehen. Wirklich ärgerlich, dass dieser riesige Ozean dazwischen liegt. Wenn ich in unserem Reihenhaus in Regensburg bin, widme ich mich voll und ganz meiner Familie. Da ist immer so viel los, dass ich nicht zum Schreiben komme. In New York dagegen arbeite ich sehr diszipliniert. Ich habe mir eine Arbeitswohnung in James‘ Haus gemietet. Ich stehe zeitig auf, gehe die zwei Stockwerke hinunter und setze mich an meine neuen Buchprojekte. Zum Teil haben sie natürlich mit Amerika und dem Leben zwischen zwei Kontinenten zu tun."

Extra-Tipp: Andrea Maria Schenkel im FÜR SIE Interview zu ihrem Roman "Finsterau".

"Was ich gerade brauchte, war immer in der anderen Stadt"

Sechs Jahre lang flog die Violinistin Carolin Widmann, 36, zwischen London und Leipzig hin und her. Jetzt ist sie mit ihrer Familie wieder ganz nach Deutschland gezogen. "Ich habe mein halbes Leben im Ausland verbracht. Nach dem Abitur bin ich zum Studieren nach Boston gegangen und danach für ein Aufbaustudium nach London. Die Stadt hat mir unglaublich gut gefallen, die vielen Theater und das köstliche Essen aus aller Welt. Damals habe ich auch meinen Mann kennengelernt, und wir haben zusammen in einem Haus am Stadtrand gewohnt. Mehr zum Spaß bewarb ich mich an der Musikhochschule in Leipzig für eine Professur. Eigentlich war ich mit 27 viel zu jung, doch zu meiner völligen Überraschung habe ich die Stelle bekommen. Weil ich mein Leben in London nicht Hals über Kopf aufgeben wollte, bin ich von da an gependelt: Alle 14 Tage ging es nach Leipzig. Außerdem spiele ich bis zu 80 Konzerte im Jahr, überall auf der Welt. Das war unglaublich nervenaufreibend: Die Sachen, die ich gebraucht hätte, waren immer gerade in der anderen Stadt. Vom Zeitaufwand und den Kosten ganz zu schweigen. Vor zwei Jahren hat mein Mann dann dieses Haus im Internet entdeckt. "Schau dir das mal an", sagte er und hielt mir ein Bild unter die Nase. Ich hab sofort gewusst: Das ist es. Ein altes Haus in Leipzig, in dem noch alles original erhalten war, von den alten Fenstern bis hin zu den Türgriffen. Wir haben es zwei Jahre lang selbst renoviert – das war extrem anstrengend, aber die Aussicht, bald ein richtiges Zuhause zu haben, hat uns angespornt. Ich habe das Gefühl, dass hier gerade starke Wurzeln entstehen und ich eine Heimat gefunden habe."

"Ich buche immer One-Way, man weiss nie, was kommt"

Heute Paris, morgen Berlin und übermorgen Los Angeles: Moderatorin Katharina Kowalewski, 27, lebt ein echtes Kosmopoliten-Leben "Mode und Film sind meine beiden großen Leidenschaften. Ich habe das Glück, beidem nachgehen zu können – in Berlin und Paris. In die französische Hauptstadt bin ich vor sieben Jahren zum Studieren gekommen. Nach und nach habe ich immer mehr Jobs in Berlin gemacht, zum Beispiel als Moderatorin auf der Fashion Week. Eine Zeit lang bin ich dort bei Freunden untergeschlüpft, doch das war keine Dauerlösung. Seit letztem Sommer habe ich in Berlin eine Wohnung und fühle mich in beiden Städten zu Hause. Auch in New York und Los Angeles bin ich häufig. Das Fernweh liegt mir im Blut. Schon als Kind habe ich die Bücher von Astrid Lindgren verschlungen: "Kati in Italien", "Kati in Amerika", "Kati in Paris". Ich konnte es kaum erwarten, endlich in die weite Welt aufzubrechen. Die meisten meiner Freunde sind genau wie ich viel unterwegs, und so treffen wir uns mal hier, mal dort. Wenn ich weiß, dass ich längere Zeit an einem Ort sein werde, vermiete ich die andere Wohnung an Freunde oder Bekannte. Mit Fremden habe ich leider keine guten Erfahrungen gemacht. Manchmal bin ich gerade erst in der einen Stadt angekommen und werde ganz kurzfristig in der anderen engagiert. Daher buche ich inzwischen nur noch One-Way-Flüge, um flexibel zu bleiben. Dieses spontane Leben passt gut zu mir, ich mag es gern, wenn nicht alles im Voraus geplant ist. Und es ist unkomplizierter, als man denkt, wenn man sich davon frei macht, viel besitzen zu wollen. Ich möchte lieber unabhängig sein und machen, was ich will und wo ich will."

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