14. März 2010
LOHAS - ein Öko-Selbstversuch

LOHAS - ein Öko-Selbstversuch

Das Auto verkaufen, den Fernseher abschalten, Bambusunterwäsche tragen: Funktioniert das? PETRA-Mitarbeiterin Heike Predikant folgte zwei Wochen lang ihrem Neujahrsvorsatz, eine moderne Umweltschützerin zu werden. Ein Experiment mit nachhaltigen Folgen.

LOHAS - ein Öko-Selbstversuch
© Jalag Syndication
LOHAS - ein Öko-Selbstversuch

Es ist amtlich: Schon morgens beim Frühstück begehe ich die erste Klimasünde. Denn jüngsten Berechnungen zufolge belastet ein Sechserpack Bio-Eier die Atmosphäre mit 1,2 Kilogramm Kohlendioxid. Am liebsten verputze ich immer gleich zwei Eier – doppelt schlimm! Ich gebe zu: Mein schlechtes Gewissen als Klimakillerin wächst seit ein paar Monaten ständig. Zumal Umweltschutz längst zum Dauer-Trend avanciert ist: „Lifestyle of Health and Sustainability“, kurz LOHAS, heißt die neue Ökobewegung, deren Anhänger sich der Gesundheit, Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit verschrieben haben. Und das auf hohem Niveau, weit entfernt vom Müsli- Image der 80er-Jahre-Ökos.

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Ihr Weg zur LOHAS: 1 MODE „Saubere Sachen: Wie man grüne Mode findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt“, Ludwig, 256 S., 16,95 Euro. Shops: nudiejeans.com, fairliebt.com 2 WOHNEN Grüner Hausbau: „Öko- Wohnbuch“, Conran, 272 S., 49,95 Euro. Grüne Möbel und Accessoires z.B. bei zweitsinn.de; grueneerde.de 3 UNTERHALTUNG Dokumentarfilm „Home“ von Naturfotograf Yann Arthus-Bertrand auf home-2009.com. iPhone-App „A real tree“: Pflegen Sie einen virtuellen Baum, dafür wird ein echter gepflanzt 4 INTERNET Selbsttest zum Klimaschutz: gruenes-klima.de / der-grune-klima-test.de. Googeln im Energiesparmodus mit blackle.com: Der schwarze Hintergrund verbraucht weniger Strom 5 LIFESTYLE Mehr Tipps und Adressen zu LOHAS u.a. bei utopia.de und lohas.de.

Ein echter LOHAS-Jünger sieht sich als „moralischen Hedonisten“, der auf nichts verzichten, sondern das Leben genießen will, mit allem Luxus – aber eben nicht auf Kosten der Natur. Zwar trenne ich längst meinen Müll, besitze eine Waschmaschine mit Sparprogramm und benutze Recyclingpapier, trotzdem muss ich mich fragen: Wie umweltbewusst lebe ich wirklich? Glaube ich den einschlägigen Online- Tests, sieht meine persönliche Ökobilanz niederschmetternd aus. Mit einem Anflug von Schuldgefühlen klicke ich mich durch die Selbsttest-Resultate und lese dort Aussagen wie:„Umweltschutz schön und gut. Aber wenn es unbequem wird, ist es um Ihr Engagement schlecht bestellt.“ Um nicht nur mich und mein Image zu retten, sondern auch unseren Planeten, sehe ich nur eine Chance: Auch ich werde eine echte LOHAS –Frau. Ab sofort werde ich anders einkaufen, mich anders ernähren, kleiden und fortbewegen. Und obendrein meine Wohnung in ein Biotop und den inneren Schweinehund in einen Umweltengel verwandeln.

Meine erste grüne Tat kostet mich künftig 19 Euro im Monat und wird mit einem Ausweis besiegelt: Ab sofort bin ich Mitglied der Handels-Initiative Hamburger Warenwirtschaften (www.warenwirtschaften.de). Im angeschlossenen Bio-Supermarkt bekomme ich alle Produkte zum Selbstkostenpreis. Obst, Gemüse, Fleisch, Milch- und Backwaren: Alles stammt von regionalen Händlern und Höfen, lange Transportwege fallen weg. Kaum habe ich mich angemeldet, breitet sich ein wohliges Zugehörigkeitsgefühl in mir aus, wie damals als Kind, als ich der Gruppe „Robin Hood Niederbayern“ beitrat und noch fest daran glaubte, die Guten würden eines Tages die Welt regieren.

Die neuen Genießer lieben den Luxus – aber bitte in Grün!

Vom „Kaffee für den täglichen Aufstand“ – er wird vom Hamburger Café Libertad Kollektiv aus dem Hochland Mexikos importiert – nehme ich gleich vier Päckchen mit. Schließlich möchte auch ich die zapatistischen Bauern unterstützen, damit sie weiterhin in traditioneller Weise anbauen und auf Kunstdünger verzichten können. Und tatsächlich: Der Kaffee schmeckt köstlich! Die Chips aus Jasmin-Reis allerdings finde ich gewöhnungsbedürftig. Und für den Nackthafer und den hirseähnlichen Amarant muss ich erst mal passende Rezepte suchen. Die verrottbaren Abfallsäckchen, die zertifizierten Putzmittel und Wattepads hingegen kommen gleich zum Einsatz und leisten mir beste Dienste.

Würde ich es allerdings noch genauer nehmen, müsste ich nackt herumlaufen. Denn mein Kleiderschrank weist eine katastrophale Ökobilanz auf. Der Stapel mit Teilen aus Kunstfasern wirkt wie ein Achttausender – imVergleich zu dem Häufchen mit dem Poncho aus organischer Wolle, den handgemachten Sandalen aus Capri und der selbstgestrickten Mütze. Den ganzen Altbestand auf einen Schlag gegen grüne Neuware auszutauschen käme jedoch einer Materialschlacht gleich, die wiederum jeden Ökoaktivisten auf den nächsten Baumtreiben würde. Außerdem bräuchte ich einen Fünfer im Lotto mit Zusatzzahl. Mein Sanierungsplan: Die Sachen auftragen und Mich nach und nach mit GreenFashion eindecken. Als modisches Signal für die Zukunft kaufe ich schon mal ein Oberteil aus Biobaumwolle (100 Prozent!): ein schwarzes Mahnmal in meinem Schrank. Meine kritischen Freunde lästern: Ablasshandel. Karmakonsum. Shoppen fürs gute Gewissen. So nennen sie mein verändertes Kaufverhalten. Seit Neuestem begrüßen sie mich auch noch mit „A-loha“. Doch ich bemühe mich, die anderen eines Besseren zu belehren. Als etwa Florian eine XXLSchublade öffnet und mir stolz seinen Vorrat an herkömmlichen Glühbirnen präsentiert, klappt mein Zeigefinger so schnell hoch wie meine Kinnlade runter. Wie eine strenge, übereifrige Dozentin höre ich mich sagen:„Was willst du mit diesen Dinosauriern? Wenn wir alle Sparlampen verwenden würden, könnten wir bis 2020 soviel Energie einsparen, dass man damit elf Millionen Haushalte versorgen kann. Täglich.“

Meine Freunde begrüßen mich nun mit „ A-loha!“ – sehr witzig

Grundsätzlich geht es den LOHAS eben nicht nur darum, Gutes zu konsumieren, sondern auch Gutes zu tun und zu bewirken. Diese warmen Sätze bete ich mir dann auch mehrmals stumm vor, während dunkle Wolken aufziehen und ich aufs Rad steige, um sprit- und abgasfrei an mein Ziel zu kommen. Dummerweise hat mein Rad im Gegensatz zu meinem Saab kein schützendes Dach. Es fängt an zu regnen, und meine Laune sinkt. Aber nein, ich werde nicht zurückschieben und ins Auto steigen. Ich stelle mein Rad an der nächsten Haltestelle ab, fahre mit der U-Bahn weiter und stelle fest: In öffentlichen Verkehrsmitteln wird einem Zeit geschenkt! Von nun an nehme ich immer LOHAS-Lektüre mit. Nächstes Kapitel: die ökorrekte Wohnung.

Okay, ich wasche wie früher, aber ich füttere den Trockner im Gemeinschaftskeller nicht mehr mit 50-Cent-Stücken. Energie- (und Geld!-)verschwendung, ergo: verboten! Die Wäsche kommt jetzt auf den Ständer, obwohl es zehnmal so lange dauert, bis sie trocken ist. Auch die Heizung drehe ich runter. Jedes Gradweniger spart rund sechs Prozent Energie und etwa 60 Euro Heizkosten jährlich. Und noch was: Computer, Drucker und Lampen sind bei mir jetzt nur noch in Betrieb, wenn ich sie tatsächlich brauche. Seit ich öftermaldenStecker ziehe,weiß ich die Ruhe zu schätzen. Abschalten – in zweifacher Hinsicht!

Nach einer Weile bin ich regelrecht fair-liebt in mein neues, grünes Leben. Apropos „Liebe“: Ob man auch grün lieben kann? Wie flirtet man umweltbewusst? Würde ich meinen Lover tatsächlich mit Pastinakensalat statt argentinischer Rindersteaks beeindrucken? Ihn mit Unterwäsche aus Bambusfasern verführen? Das romantische Wochenende nur mit Ökoticket inklusive Preisaufschlag buchen? Auf ein Bad zu zweit verzichten? Ihm gelegentlich die Fernbedienung wegnehmen? Inzwischen glaube ich: ja! Schließlich gibt es sogar CO2-neutrale Kondome. Sex für den Regenwald – warum nicht? Grün kommt gut! So viel habe ich gelernt.

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