22. März 2010
Einblick ohne Durchblick - Wird zu viel geröntgt?

Einblick ohne Durchblick - Wird zu viel geröntgt?

Durch radiologische Verfahren werden viele Erkrankungen erst sichtbar. Aber nicht immer sind sie für eine Diagnose erforderlich. 

© Artur Gabrysiak - Fotolia

Dann machen wir mal ein Röntgenbild vom 6er unten rechts“, sagt der Zahnarzt. Was dann passiert, tut nicht weh. Doch sobald einem die Assistentin die schwere Bleischürze umhängt, wird den meisten klar: Röntgenstrahlen sind zwar unsichtbar, aber nicht ungefährlich. Ohne Schutz können Eizellen, Spermien oder die DNA der Körperzellen geschädigt werden. In seltenen Fällen kann die Strahlung sogar Krebs auslösen, die Krankheit bricht erst Jahrzehnte später aus. Die Untersuchungstechnik deshalb strikt zu verteufeln wäre aber falsch. Denn Röntgenbilder retten Leben, machen zum Beispiel Knochenbrüche, Krebsherde und innere Verletzungen sichtbar. „Röntgendiagnostik muss immer mit einer Nutzen- Risiko-Analyse einhergehen, so lautet das oberste Prinzip des Strahlenschutzes“, erklärt Dr. Dr. Reinhard Loose, Radiologe und Chefarzt im Klinikum Nürnberg-Nord. Kritiker unterstellen, dass mancher Arzt jedoch übers Ziel hinausschießt und im Praxisalltag röntgt, obwohl es nicht unbedingt nötig ist – sei es, weil sich die teuren Geräte bezahlt machen müssen oder weil Patienten es erwarten, dass ihre Beschwerden abgebildet werden.

DIE CT-RATE STEIGT

„In Deutschland wird zu viel geröntgt“, stellte auch Umweltminister Sigmar Gabriel 2006 fest. Laut einer Auswertung des Bundesamtes für Strahlenschutz wurden 2004 insgesamt rund 135 Millionen, das heißt 1,7 radiologische Untersuchungen pro Einwohner vorgenommen. Die Top Drei aller geröntgten Körperteile: Zähne, Skelett und Brustkorb. Außerdem stieg die Zahl der Computertomografien (CT) zwischen 1996 und 2004 um 65 Prozent, sie machen mehr als die Hälfte der gesamten Strahlendosis durch Röntgenuntersuchungen aus. „Ärzte, die Patienten ohne medizinischen Grund per CT untersuchen, gehören vor den Kadi“, sagt Reinhard Loose. Kritisch sieht er Praxen, die zum Beispiel mit Vorsorgeuntersuchungen für gestresste Manager werben. „Außer der Mammografie gibt es bislang kein gesetzlich akzeptiertes Screeningverfahren. Ohne individuelle Indikationen dürfen gesunde Patienten nicht auf Darmkrebs, Lungenkrebs oder Erkrankungen der Herzkranzgefäße untersucht werden.“ Der Nutzen im Hinblick auf die Senkung der Herzinfarktrate oder Sterblichkeit an Lungenkrebs gelte zurzeit als noch nicht gesichert. Einzig bei Darmkrebs werde sich die virtuelle Koloskopie mit CT in den folgenden Jahren wohl durchsetzen, so Loose. „Die Vorstufe zum Darmkrebs sind Polypen, und die werden mit einer Endoskopie entdeckt. Die CT-Endoskopie ist mindestens so gut wie die herkömmliche, die Strahlenbelastung beträgt zirka ein Zehntel des normalen CTs.“ Wer eine unauffällige Diagnose habe, der erkranke mit hoher Sicherheit die nächsten zehn Jahre nicht an Darmkrebs. Auch bei Kopfschmerzen wie Migräne ist Röntgendiagnostik wenig sinnvoll, so die Experten der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Die Wahrscheinlichkeit, diese Erkrankungen im Schädelbereich auf diese Art zu entdecken, sei bei Patienten mit normalen neurologischen Befunden und typischer Symptomatik nicht höher als bei Gesunden. Ebenso kann bei vielen Rückenpatienten auf Röntgen verzichtet werden, sofern keine Anzeichen für schwerwiegende Erkrankungen wie Krebs oder Infektionen vorliegen. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen US-Studie der Oregon Health and Science University in Portland, an der mehr als 1800 Patienten teilnahmen. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die nicht geröntgt wurde, verbesserte sich der körperliche und psychische Zustand der Betroffenen nicht, nachdem sie radiologisch untersucht wurden. „Ärzte wollen diagnostische Sicherheit, auch wenn belegt ist, dass sie diese nicht durch Bilder bekommen“, sagt Professor Dr. Michael Kochen, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin. „Wenn es bei den Ärzten nicht ankommt, sollten wir uns an die Patienten richten und ihnen über die Medien sagen: Will euch der Arzt bei Rückenschmerzen sofort röntgen, lehnt es ab.“

Röntgenpass und strahlungsarme Geräte

RÖNTGENPASS ERFRAGEN

Tatsächlich kann man als Patient sein Risiko beeinflussen. Zum einen, indem man dem Arzt beziehungsweise Radiologen zuvor angefertigte Röntgenbilder mitbringt – nicht immer ist eine neue Aufnahme notwendig. Das gilt auch für Patienten, die eine zweite Meinung einholen möchten. Ärzte sind verpflichtet, Kopien oder das Original herauszugeben. Letzteres muss man jedoch spätestens nach sechs Monaten zurückbringen. Fachleute empfehlen außerdem den beim Bundesamt für Strahlenschutz sowie in jeder Praxis und Klinik erhältlichen Röntgenpass. „Der Ausweis dokumentiert, welche Organe wann geröntgt wurden, und soll Doppeluntersuchungen verhindern sowie Vergleichsmöglichkeiten schaffen“, erläutert Reinhard Loose. Allerdings informieren leider immer noch zu wenige Ärzte über diese Möglichkeit.

STRAHLUNGSARME GERÄTE

Zugleich hat die Radiologie große Fortschritte gemacht. Dank leistungsstärkerer Geräte wird kürzer geröntgt und der Patient weniger belastet. „Krankenhäuser röntgen heute zu 80 Prozent digital, große Kliniken sogar zu 100 Prozent“, sagt Reinhard Loose. Die Bilder altern nicht, sind per Computer überall verfügbar und haben für den Patienten Vorteile. Loose: „Es gibt bei der sogenannten Speicherfolie keine Fehlbelichtungen mehr, Wiederholungsaufnahmen entfallen, und dadurch verringert sich auch die Strahlendosis.“ Außerdem habe sich die Festkörperdetektoren- Technik durchgesetzt, mit der man 30 bis 50 Prozent der Dosis spare. Schließlich gilt: Wo es Sinn macht, sollten Ultraschall-Untersuchungen, etwa bei Schilddrüse und Leber, oder Kernspintomografie, wie in der Wirbelsäulendiagnostik, zum Einsatz kommen. Als Massenscreening zum Beispiel in der Brustkrebsfrüherkennung ist die Kernspintomografie allerdings weder sinnvoll noch finanzierbar.

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