12. Juni 2013
Brauchen wir die Ehe noch?

Brauchen wir die Ehe noch?

Was sind wir nicht weltoffen und modern – aber wenn es um die Liebe geht, halten wir uns mehrheitlich an ein Modell, das es schon Hunderte Jahre gibt. Aber macht die Heirat die Liebe denn besser? Wie sie unsere Gefühle wirklich verändert – und was Psychologen sagen.

Hochzeitstorte
© iStockphoto/Thinkstock
Hochzeitstorte

Der Mann, den ich geheiratet habe, nimmt seinen Ehering ab, wenn er zum Sport geht. Er sagt, der würde stören, wenn er mit Gewichten herumhantiert. Ich bin nie in dem Studio gewesen, deshalb weiß ich auch nicht, wie viele schöne Frauen dort so trainieren. Vermutlich viele. Die denken dann, er sei noch zu haben. Und das stört mich dann ein kleines bisschen. Schließlich trägt der Ring ein Versprechen: dass wir uns immer lieben und füreinander da sein möchten – und das der Welt auch zeigen wollen. Und sei es – wenn wir mal nicht zusammen sind – auch nur mit dem Goldstück von Tiffany.

Ehe als ewiger Liebes-Schwur

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich vertraue ihm natürlich – auch wenn er mit den fitten Frauen flirten sollte. Eigentlich ist das Vertrauen sogar noch gewachsen, seit er vor einer großen Schar Gäste, einem Beamten und zwei Priestern "Ja" zu mir gesagt hat. Dass er sich entschlossen hat, nicht auf eine "Bessere" warten zu wollen, gibt mir ein grundgutes Gefühl. Für mich war sein Antrag das kolossalste aller Komplimente – weil es bedingungslos ist, verbindlich und ohne Verfallsdatum. In unserem Freundeskreis waren wir die Ersten, die sich in Kleid & Cut geschmissen haben. Und selbst heute, fünf Jahre später, sind nicht sonderlich viele "unter der Haube".

Umfrage: Ist die Ehe Ihr Ziel?:

Einige meiner Freundinnen singlen und tingeln so herum, haben ab und zu eine heiße Affäre, kriegen aber kalte Füße, wenn sie sich vorstellen sollen, mit Kandidat X zusammenzuziehen – oder mit Kandidat Z gar Kinder zu kriegen. Ob sie jemals heiraten werden, wollen sie frühestens dann entscheiden, wenn überhaupt mal einer kommt, der für den Traualtar taugt. Auch viele befreundete Paare, die über die "Probezeit" längst hinaus sind, sehen sich nicht veranlasst, künftig in Fragebögen das "verheiratet"-Kreuzchen zu machen. Die Entscheidung für (oder gegen) eine Ehe vertagen – das wollen auch 57 Prozent der Befragten unserer aktuellen PETRA-Umfrage. Zu den ultimativen "100 Things to Do Before You Die" scheint die Hochzeit nicht mehr zu gehören: Gerade mal 24 Prozent der ledigen Frauen möchten unbedingt heiraten. Für 19 Prozent kommt der Traum in Weiß dagegen einem Albtraum gleich. Was einst selbstverständlich schien, ist nur eine von vielen Optionen geworden.

Hochzeit in Deutschland

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"Zum einen hat es damit zu tun, dass die Heirat früher vor allem eine Absicherung für die Frauen bedeutete“, sagt Dr. Peter Wendl, Theologe und Paartherapeut an der Uni Eichstätt-Ingolstadt. "Heute sind sie emanzipiert, gut ausgebildet und finanziell unabhängig – und auf den Ehemann als Ernährer somit in der Regel nicht mehr angewiesen." Statt sich die Ehe zum vordersten Ziel zu machen, gilt es dem Experten zufolge für die meisten erst einmal, sich selbst zu verwirklichen: möglichst viel zu erleben, mitzunehmen und auszuprobieren. Um die Welt zu reisen, die Karriere voranzutreiben, wilden Sex zu haben. In diesen Zeiten will sich niemand vorschnell festlegen, fortan ein Ehedasein à la Loriot zu fristen und Sätze zu hören wie: "Schatz, mein Ei ist hart."

Die Ehe hat sich verändert

Über solche Klischees kann ich zwar lachen – aber die Realität sieht zum Glück anders aus. Schließlich wird man nicht gleich altbacken, nur weil man zusammen auf dem Standesamt war. Kein (heiratenswerter) Mann wird erwarten, dass man ihn künftig brav bekocht und die Puschen vor seiner Bettseite platziert. Dass man sein Rollenmodell über den Haufen wirft und zur trutschigen Mutti mutiert. Heute nimmt man auch nicht mehr zwingend denselben Nachnamen an geschweige denn, dass man ein gemeinsames Konto braucht. Um ihre Unabhängigkeit muss die Braut, die sich nicht traut, kaum fürchten.

Umfrage: Ist die Ehe noch zeitgemäß?:

Das scheint den meisten auch bewusst zu sein: Zwei Drittel der befragten Frauen halten das Partnerschaftsmodell Ehe durchaus noch für zeitgemäß. Aber eben nicht, um ein Abhängigkeitsverhältnis zu schaffen, sondern um der gegenseitigen Liebe eine stabile Basis zu bieten. Das klingt zugegebenermaßen recht rational. Fakt ist aber, dass die Ehe eine Beziehung krisensicherer und belastbarer macht: weil man sich eben nicht so schnell vom Acker macht, wenn es unbequem oder brenzlig wird. Wenn das Leben es mal nicht so gut mit einem meint. Wenn irgendwie alles anstrengend, stressig und rein gar nicht rosarot ist. Und so wird es im Laufe einer längeren Beziehung ja ganz sicher mal sein. Wer hüpft schon auf der Zuckerwatte-Wolke, bis seine Hüfte nicht mehr mitmacht?

Zugegeben: Scheidungsraten von 48 Prozent in deutschen Ballungszentren gäbe es freilich nicht, wenn die Ehe eine Gelinggarantie hätte. Und letztlich bindet man sich natürlich auch aneinander, wenn man Häuser kauft oder Kinder kriegt. "Es gibt aber immer noch mehr Menschen, die heiraten, als solche, die es nicht tun", sagt der Wissenschaftler Wendl. Vier von fünf Deutschen heiraten mindestens einmal in ihrem Leben. "Und es gibt mehr Ehen, die halten, als solche, die getrennt werden." Von daher sei das Beziehungsmodell auch nach wie vor die gelebte Realität.

Umfrage: Verbessert die Ehe eine Beziehung?:

Dass eine Ehe die Beziehung besser macht, will so pauschal aber kaum einer sagen: 83 Prozent der verheirateten Frauen widersprachen dieser Behauptung – was ich durchaus verstehen kann. Es ist ja auch nicht so, dass die Liebe sich nach der Hochzeitsnacht plötzlich potenziert. Dass die Gefühle noch intensiver werden und der Sex noch sensationeller. Was das anbelangt, bleibt alles beim Alten. "Was steigt, ist die Alltags- und Notfalltauglichkeit dieser Paare", sagt Peter Wendl. Das Wissen um unbedingte Geborgenheit. Vielfach bewiesen ist darüber hinaus, dass die subjektive Lebensqualität von Eheleuten steigt – und die Suizidrate sinkt. Verheiratete ernähren sich besser und haben eine höhere Lebenserwartung.

Es gibt nicht mehr "den einen" Grund für's Heiraten

Na super, würden meine um Freiheit bemühten Freunde entgegnen. Weil ihr vernünftig frühstückt, statt bis in die Puppen feiern zu gehen, führt ihr ein besseres Leben? Nee, so würde ich es natürlich nicht formulieren. Das klingt ja noch vernünftiger als die finanziellen Argumente für eine Hochzeit. Es scheint einfach nicht mehr den einen Grund für den Bund fürs Leben zu geben. Keine schlüssigen Sätze, die Singles bekehren und glückliche Paare davon überzeugen würden, dass sie – einmal verheiratet – noch glücklicher werden könnten. Es sind eher ganz individuelle Gefühle, die eine Hochzeit bei manchen hervorrufen – und bei anderen eben nicht. Ich habe die Vorbereitungen für unser Fest von vorn bis hinten zelebriert. Habe den perfekten Prinzessinnenauftritt bekommen und Erinnerungen an einen einmaligen Tag gesammelt, die mir mein Leben lang niemand mehr nehmen wird.

Heiraten, weil es sich richtig anfühlt

Und es ist mir im Prinzip egal, ob ich heute glücklicher bin, weil ich meine, mir den Richtigen "gesichert" zu haben, oder weil ich nicht mehr darauf "angewiesen" bin, anderen zu gefallen. Ob ich zufriedener bin, weil ich von der Welt jetzt als erwachsener wahrgenommen werde und "mein Mann" statt "mein Freund" sagen kann. Ob ich beruhigter bin, weil meine Eltern sich zufrieden zurücklehnen können. Oder ob das gute Gefühl daher rührt, dass meine Kinder denselben Namen tragen wie ihre Eltern. Hauptsache, die Hochzeit hat etwas mit mir gemacht. Und es fühlt sich nach wie vor richtig an. Egal, wie fest der Ring sitzt.

*Exklusiv für PETRA befragte das Meinungsforschungsinstitut Gewis verheiratete Frauen zwischen 29 und 39 Jahren.

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