24. Januar 2012
Sex in der Beziehung – so bleibt er heiß und aufregend

Sex in der Beziehung – so bleibt er heiß und aufregend

Wie soll guter Sex funktionieren - zwischen Job und Kindern, Haushalt führen und Freunde treffen und … eigentlich immer müde sein? Wir verraten euch, wie der Sex in der Beziehung heißt bleibt.

Sex in der Beziehung
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Sex in der Beziehung

Damals...

Es war einmal, früher, in einer längst vergangenen Zeit, da reichte eine flüchtige Berührung von ihm. Sein vielverprechender Blick. Die reine Vorstellung seiner körperlichen Nähe genügte, um einen Wasserfall an Sex-Hormonen auszuschütten, die in einem den sofortigen Wunsch nach Unanständigkeiten auslöste. Schön war das, damals. Aber warum denkt man heute bei seinem Anblick nicht mehr sofort daran, wie gut seine Haut unterm Hemd riecht, sondern warum er immer noch nicht das Altglas weggebracht hat? Wie lange es dauert, bis wir die Spülmaschine eingeräumt haben, damit wir endlich ins Bett wandern können? Zum Schlafen – nicht zum Miteinanderschlafen, versteht sich. Denn irgendwie ist Schlafen aus Versehen attraktiver geworden als Sex.

... und heute

„Aus Versehen ist Schlafen viel attraktiver geworden als Sex“

Man traut es sich ja kaum auszusprechen, schließlich liest man immer wieder von den berühmten zwei Mal pro Woche, die deutsche Paare durchschnittlich miteinander Liebe machen. Wäre man gehässig, könnte man vermuten: Diese Durchschnittspaare müssen alle einen ziemlich lauen Job, keine Kinder und auch sonst keine Probleme haben. Dabei sieht die Realität doch oft so anders aus: Auf dem Schreibtisch stapeln sich die unerledigten Dinge genauso wie im Haushalt, und die Bereitschaft auf ein erotisches Stündchen mit dem Liebsten ist angesichts dessen ungefähr so groß wie die eines Siebenjährigen, freiwillig Brokkoli zu essen. Diese unromantische Wahrheit spiegelt auch eine Studie des Projekts „Theratalk“ der Universität Göttingen wider: Befragt wurden 13.483 Männer und Frauen, Spannbreite: frisch verliebt bis Goldene Hochzeit. Ergebnis: Zwar haben 57 Prozent von ihnen durchschnittlich einmal Sex pro Woche. Doch die Studienleiter betonen, dass dieser Mittelwert verberge, dass in Wirklichkeit die Mehrheit der Paare – ganze 63 Prozent – eher weniger Sex haben.

Die US-Psychologin Laurie B. Mintz, Autorin von „A Tired Woman’s Guide to Passionate Sex“ (zu Deutsch etwa: „Anleitung zum leidenschaftlichen Sex für die müde Frau“) weiß aus ihrer Praxis, dass die Sex-Müdigkeit tendenziell ein weibliches Problem ist: „Rund 60 Prozent der Männer ergreifen häufiger die Initiative zum Sex.“ Der Grund ist ganz einfach: Männer sind zwar nicht weniger müde als Frauen, aber durch ihre Adern pumpen Unmengen der natürlichen Lust-Droge Testosteron. Das Hormon ist quasi der Kraftstoff für unseren Sex-Antrieb. Auch im weiblichen Körper wird es gebildet – allerdings in zehnfach geringerer Menge. Sobald wir müde oder gestresst sind, sinkt dieser ohnehin niedrige Pegel dann auch noch. Und das bedeutet bildlich gesprochen: Männer könnten knietief in Schweinemist stecken, aber immer noch an Sex denken, sobald eine schöne Frau an ihnen vorbeiläuft. Für eine Frau, die sich gerade schnurrend auf den Weg zu ihrem Liebsten ins Bett macht, dann aber plötzlich eine dreckige Socke auf dem Boden entdeckt, kann es dagegen sofort gelaufen sein. Wirklich unfassbar ungerecht …

Viagra für Frauen

Die Pharma-Industrie wittert seit Langem ein lukratives Geschäft mit der sensiblen weiblichen Lust und arbeitet an einer Art „rosa Viagra“. Ein deutscher Hersteller testete gerade ein Präparat mit dem Botenstoff Serotonin an 1400 libidoschwachen Frauen. Tatsächlich stieg die Zahl ihrer befriedigenden Sexerlebnisse von 2,8 auf 4,5 im Monat. Eine Gruppe, die ein Placebo einnahm, erlebte allerdings auch eine Steigerung auf beachtliche 3,7 Mal – was die Schlussfolgerung zulässt, dass Psyche und Erwartungshaltung bei der weiblichen Sexualität eine große Rolle spielen. US-Experimente mit Testosteron lieferten bei Frauen ähnlich diffuse Ergebnisse: Das Medikament löste bei ihnen zwar körperliche Anzeichen von sexueller Erregung aus – trotzdem berichteten viele Testerinnen, dass sie sich dennoch nicht wirklich „angemacht“ fühlten.

„Viagra für Frauen? Quatsch! Das macht uns gar nicht an“

Bei Frauen ist Erotik eben in erster Linie Kopfsache. Sexuelles Verlangen hängt bei uns von unzähligen Dingen ab: an welchem Zeitpunkt unseres Monatszyklus wir uns befinden. Davon, wie wohl wir uns gerade in unserer Haut fühlen. Und natürlich, was um uns herum passiert. „Frauen, die sagen, dass sie zu müde zum Sex sind, sind meist zwischen Ende 20 und Anfang 60“, erklärt Mintz, „und sie sind ständig dabei, die Anforderungen zwischen ihrem Job, Kindern und anderen Dingen zu jonglieren. Und alle haben abends das Gefühl, dass ihnen die Energie für Sex fehlt, wenn sie erschöpft ins Bett kriechen.“ Dazu trägt noch ein zweites typisches Frauenproblem bei: Wir sind viel besser darin, uns um andere zu kümmern als um uns selbst. „Sexuell zu empfinden setzt aber voraus, dass man sich auf nichts als auf sich konzentriert – und dazu muss man umschalten können“, weiß Mintz. Schade, dass das manchmal so schwierig ist, schließlich wissen Forscher schon lange, wie gesund ein reges Liebesleben ist: Sex ist gut fürs Immunsystem, fördert tiefen Schlaf, senkt das Risiko von Krebs, Depressionen und hohem Blutdruck. All das sollte für uns eine Motivation sein, häufiger mit unserem Partner zu kuscheln – eigentlich.

Nun ist es ja nicht so, dass wir uns selbst zu etwas überreden wollen, was uns keinen Spaß bereitet. Wenn wir von Grund auf wissen, wie verdammt schön wir die Bettgymnastik eigentlich finden, brauchen wir vermutlich einfach ein paar Denkanstöße. Denn: So geduldig unser Partner sein mag – schläft die körperliche Beziehung ein, fehlt etwas. In einer Studie der Uni Göttingen, ebenfalls für das „Theratalk“-Projekt, nannten 79 Prozent der fremdgehenden Männer „Flaute im Ehebett“ als Seitensprung-Grund. Und das, obwohl über 80 Prozent von ihnen beteuern, ihre Frau trotzdem zu lieben. Es ist also nicht Hopfen und Malz verloren, wenn man sich ein wenig Nachhilfe von Laurie B. Mintz holt.

Nützliche Lektionen

Lektion eins: Über den Tag hinweg sexuelle Energie aufbauen. Das wird uns am Anfang schwerfallen, wenn wir schon so lange nicht mehr über Sex nachgedacht haben, dass wir ihn gar nicht mehr vermissen. Mintz empfiehlt, sich einmal am Tag eine bewusste fünfminütige Sex-Pause zu gönnen, in der man über Sex fantasiert, sich sexuelle Szenen vorstellt – imaginäre oder tatsächliche aus der Vergangenheit, sich beispielsweise ausmalt, wie die Männer an den Nebentischen der Kantine im Bett wären. Wer über den Tag sexuelle Energie aufbaut, ist am Abend gar nicht mal so uninteressiert, sie im Schlafzimmer zu entladen.

Lektion zwei: Verabreden wir feste Sex-Dates mit unserem Partner. Klingt unromantisch – wird aber in der Tat von vielen Sex-Therapeuten empfohlen. „Denn an den Sex-Tagen können wir uns vorher bewusst drauf einstimmen und freuen“, sagt Mintz. Wohingegen man an den sexfreien Tagen umso entspannter nebeneinander ins Doppelbett krieche, „weil man keine Angst haben muss, dem Mann gleich zu sagen, dass man zu müde ist.“ Außerdem ist es hilfreich, das eigene Begehren zu begreifen. Die Lust-Kurve bei Männern funktioniert in etwa so: scharf sein, sexuelle Stimulation, sexuelle Aktivität. Die meisten Frauen laufen dagegen aber nicht von Natur aus dauerscharf durch die Gegend. Viel eher fühlen sie sich erst dann angemacht, wenn sie tatsächlich sexuell stimuliert werden – umgekehrte Reihenfolge als beim Mann also. Das ist auch der Grund, warum man sich jedes Mal, nachdem man sich, eigentlich zu müde, doch auf ein Stelldichein mit dem Partner eingelassen hat, denkt: „Das war toll! Warum machen wir das eigentlich so selten?“

Mintz formuliert die dritte Lektion daraus so: „Einfach mal einlassen. Das Ziel ist es, die psychologische Lust auf Sex zu benutzen, um sich dazu zu bringen, sich sexuell zu betätigen – und man dann erregt wird.“ Einen Versuch ist es wert. Und vielleicht auch ein Anfang, unserem Liebsten das nächste Mal statt „Heute bin ich zu müde, Schatz …“ zu erklären, wo unsere erogenste Zone liegt: zwischen den Ohren, denn es ist unser Gehirn. Sexy Ding, das.

Und wie ist das für euch Männer?

Aus der Sicht des Mannes:
Kolumne von Stefan Schwarz, Ehemann und Autor des Buches „War das jetzt schon Sex?“ (rororo, 7,99 Euro) über sexschwächelnde Zeiten

„Das ist doch einer dieser Sex-Tricks! Das hast du doch irgendwo gelesen“, hörte ich meine Frau an jenem Abend vor etwa fünf Jahren sagen, und tauchte wieder unter der Bettdecke auf. „Nö, das war spontan“, log ich, „mir war gerade danach.“ „Dir war gerade danach, fünf Minuten mit der Zunge um meinen Bauchnabel herum zu trudeln? Warst du früher mal ein Ameisenbär?“ Na ja, okay, ertappt. Ich hatte es irgendwo gelesen. Aber was soll man machen, wenn die eigene Frau nach zwei Kindern und dem Aufstieg zur Geschäftsführerin sich lieber beim Puzzeln entspannt als im Ehevollzug? Wir hatten zwar immer noch dreimal Sex, aber nicht mehr am Tag, sondern im Monat. Und dieses allzu brave Traben unserer Leidenschaft ließ sich unter keinen Umständen wieder in Galopp verwandeln. Ich kann mich noch an ihr Gesicht erinnern, als ich ihr beim Nachhausekommen stolz verkündete: „Ich hab für dich fertig gepuzzelt! Jetzt haben wir den ganzen Abend für uns!“

IN DIESER PHASE IST ES FÜR UNS MÄNNER AN DER ZEIT ZU VERSTEHEN, DASS WENIGER SEX NICHT AUTOMATISCH WENIGER LIEBE BEDEUTET und dass es gilt, von Quantität auf Qualität umzuschalten. Auch wenn das nicht immer ganz leicht ist. Wenn es um die weibliche Lust geht, neigen Männer leider zu einem mechanischen Ansatz. Glaubt man der Welt der Männermagazine besteht der Körper der Frau aus allerlei Stellen und Zonen, an denen man wie bei einer Fernbedienung die Gefährtin lauter und leiser stellen, ihre Gesichtsfarbe verändern oder sie komplett zum Wahnsinn treiben kann. Ich weiß heute: Das ist falsch (und es ist auch gut so, dass es falsch ist. Denn sonst könnte meine Frau ja jeder in den Wahnsinn treiben und das möchte ich natürlich nicht). Unter der Bettdecke wäre ich allerdings nie fündig geworden, denn, und das müssen wir Männer uns immer in Erinnerung rufen, die wirklich wichtigen erogenen Zonen einer Frau liegen oft außerhalb des weiblichen Körpers. Bei meiner Frau zum Beispiel ist es die Fußgängerzone. Allerdings die in Wien. Wenn ich sie in Jugendform erleben will, muss ich nur die Kinder zu den Großeltern schicken, einen Flug und ein Hotel buchen und schon, wenn der Hoteldiener mit einem „Haben Sie eine gute Reise gehabt, gnä’ Frau?“ nach dem Koffer greift, flammt mir ein Blick von der Gemahlin herüber, der alles verspricht und auch hält. Und dann stimmt es auch für mich wieder: Qualität und Quantität sind deckungsgleich.

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