11. April 2011
Stressfaktor Muttersein – warum dieser Job so hart ist

Stressfaktor Muttersein – warum dieser Job so hart ist

Wir hatten alle ein Leben vor dem Kind – mit Urlaubsgeld und einem Feierabend. Jetzt schuften wir 24 Stunden ohne Lärmschutz bei mieser Bezahlung. Wäre Muttersein ein Job, wir würden kündigen – oder? Julia Heilmann, Autorin des Buches „Kinderkacke“, zieht Resümee.

© Photo by Kinga Cichewicz on Unsplash

Die Mama von Mara-Sophie sieht immer super aus. Sie wirkt ausgeschlafen, hat einen flachen Bauch und trägt Stiefel mit hohen Absätzen. Mara-Sophies Mama ist nicht nur Mutter. Sie erzählt mit ihrem französischen Akzent gern von ihrem tollen Beruf als Dolmetscherin. Und wenn sie ihre Kleine im Kindergarten abholt, bleibt sie immer geduldig. Früher sah ich auch so aus. Als ich noch keine Kinder hatte, meine ich.

Heute liegt die Sache ein bisschen anders. Ein Arzt, den ich mal wegen eines nervösen Lidzuckens aufsuchte, erkannte es sofort: „Stress, Überarbeitung. Entweder arbeiten Sie im höheren Management, oder Sie haben Kinder.“ Richtig! Kinder sind mit einer normalen beruflichen Tätigkeit gar nicht zu vergleichen. Die Arbeit möchte ich mal sehen, wo einem pausenlos das Wort abgeschnitten wird. Wo Leute sich auf den Boden werfen und alles zusammenbrüllen, weil man irgendetwas getan, nicht getan oder nicht richtig getan hat. Einen Job, wo alle paar Minuten drei Telefone und ein Wecker klingeln. Der Chef uns auf den Teppich pinkelt, wenn wir einen Fehler gemacht haben, und hinterher sagt: „Aufwischen!“ Dazu noch Kollegen, die das Mobbing so weit treiben, dass sie deine Unterlagen verwüsten, wenn du einmal am Tag zur Toilette gehst. Aber so ist der Job mit Kindern.

Als Arbeitskleidung trage ich Outdoorjacken und robuste Schuhe. Ich muss das, denn meine zwei Söhne laufen gern davon und verstecken sich hinter Büschen an stark befahrenen Straßen. Den eingetrockneten Schlamm kann ich ihnen immer abends in Klumpen von ihren Regenhosen abkratzen, und auf meinen Pullis steht von der Schulter bis zum Gürtel genau die Speisenfolge des Tages. Oft denke ich: „Warum tue ich mir das an? Und vor allem: Ist da draußen noch jemand, oder bin ich die einzige Mutter auf der Welt mit Überforderungserscheinungen?“

Statt sich den gelegentlichen Frust mit dem Kleingemüse einzugestehen und offen darüber zu sprechen, schweigen die meisten Mütter das Thema einfach tot. Jede kennt so eine Supermama, die immer lächelt, alles meistert, völlig glücklich ist und super aussieht dabei. Schwächen gibt keine gerne zu. Wie oft habe ich schon gedacht: Will eine meinen Mama-Job? Ich gebe ihn ab und ziehe weit weg, irgendwo ans Meer. Und eigentlich weiß ich: Die Mama von Lasse denkt das auch gelegentlich. Oder die von Luise.

Kinderkacke von Julia Heilmann und Thomas Lindemann
© Hoffmann und Campe
Das ehrliche Elternbuch: Das ehrliche Elternbuch von Julia Heilmann und Thomas Lindemann: Kinderkacke

Ich habe mich geoutet und mit meinem Mann ein Buch darüber geschrieben, wie anstrengend das Leben mit Kindern sein kann. „Kinderkacke“ heißt es. Und alles, was am Muttersein nervt, steht drin. Dass ich oft vor der „Tagesschau“ einschlafe und beim Gedanken an Sex laut aufschreien könnte. Wie sauer ich bin, wenn mein Mann sich morgens noch mal umdreht, während ich für die Jungs das Müsli zusammenrühre. Sonntags gegen Viertel nach sechs. Dass mein Chef mich vergessen hat und ich mich in Runden mit berufstätigen Freundinnen einfach nur minderwertig fühle. Meine Beichte hat wehgetan. Aber sie war auch befreiend. Unser „ehrliches Elternbuch“ stand ein halbes Jahr lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste. Doch für einige unserer Leser bin ich einfach eine Totalversagerin. „Ihr Pappnasen hättet euch besser einen Goldfisch angeschafft“, schrieb mir jemand. Frauen hätten doch immer Kinder bekommen, großgezogen und nie gejammert. Wir „Mütter von heute“ aber seien doch bloß „verweichlicht und weichgespült“, meinte ein anderer. Es gibt aber auch viele, die mir nach einer Lesung danken. „Ich konnte hier über Sachen lachen, über die ich zu Hause einfach nur heule“, gesteht eine Frau. Und eine andere sagt: „Ich dachte immer, ich müsse alles im Griff haben, aber das geht doch sowieso nicht.“

Seien wir ehrlich: Muttersein ist ein unbezahlter Rund-um-die-Uhr-Job, bei dem man es mit einem Haufen störrischer Esel zu tun hat. Meine antworten auf eine höfliche Frage meistens mit „Nein!“ Täglich verwüsten sie die Wohnung, und am liebsten blamieren sie mich vor meiner Schwiegermutter. Elternratgeber mahnen dann: Entschieden reagieren, doch niemals mit Wut. Klingt schön. Aber bin ich Iron Woman? Oder Zen-Buddhistin? Beim zehnten „Scheißmama!“ platzt mir der Kragen. Neulich habe ich der vorlauten Bande ein Sofakissen hinterhergeschmissen. Pädagogisch nicht sehr wertvoll.

Manchmal sitze ich neben einer befreundeten Mutter auf dem Spielplatz und weiß gleich, was los ist. Zum Beispiel wenn sie schlecht gelaunt in den Sandkasten schielt, wo ihrem Jüngsten gerade die rote Eiswaffel aus Plastik entwendet wird, was der mit einer Heulsirene quittiert. „Oh nee. Jetzt muss ich das olle Ding zurückbringen – sonst hört der nie auf. Und dazu darf ich mir noch die Sprüche von den anderen Eltern anhören“, knurrt die Bekannte. „Wie ich das hasse!“ In solchen Augenblicken lasse auch ich meine Fassade dann ganz fallen. „Ich geb dir Rückendeckung“, schmunzele ich.

Der Kampf mit den Kindern ist doch normal, oder? Ihre Anwesenheit hinterlässt Spuren. Fältchen und Augenringe oder Ohrensausen. Von Perfektionismus habe ich mich verabschiedet. Denn wo Kinder sind, herrschen Chaos, Lärm und Anarchie. Aber ich spüre auch: Hier ist das Leben. Vielleicht durchlebe ich gerade die härteste Schule meines Lebens. Und ich bin stolz, wenn ich wieder etwas von den Kindern dazugelernt und den Tag ohne Meckern bewältigt habe. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht eine Actionheldin bin. Jawohl! Ich bin liebende Mutter. Und ich bin Rambo.

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