19. September 2016
Wie lange sollen Eltern ihr Kind finanziell unterstützen?

Wie lange sollen Eltern ihr Kind finanziell unterstützen?

Zugegeben, für die Eltern bleibt man immer das Kind. Aber heißt das auch, dass wir immer länger von ihrer Kohle leben? Hier steht, was Deutschlands erwachsene Kinder kassieren – und warum wir trotz Job so happy sind, wenn Daddy zahlt.

Wie lange sollen Eltern ihr Kind finanziell unterstützen
© BraunS/iStock
Wie lange sollen Eltern ihr Kind finanziell unterstützen

Ein mintgrünes Mini-Cooper-Cabrio spaltet meinen Freundeskreis. Streitpunkt: nicht dessen Farbe, sondern die Art der Finanzierung. Weil bei Anne und Marc – beide Mitte 30, fester Job, nette Mietwohnung in Berlin – ein neues Auto nötig, aber finanziell nicht möglich war, spendierten Annes Eltern den Flitzer. Unter uns Freunden entbrannte eine heftige Diskussion über familiäre Finanzspritzen. Die einen finden es völlig in Ordnung, sich mit Papas Geld Wünsche zu erfüllen. Die anderen riefen empört: „Wie kann man nur seine Eltern so ausnehmen?“

Eins ist klar: Während des Studiums hingen wir alle mehr oder weniger am Tropf unserer Eltern. Weil zwischen Pflichtvorlesung und Langzeitpraktikum keine Zeit zum Jobben blieb, waren wir heilfroh, wenn Mama die monatliche Miete überwies und Papa den Beitrag für die Haftpflichtversicherung. Aber sollten wir nicht spätestens nach dem zweiten Jahr im Job wirtschaftlich in die Puschen kommen?

Finanzspritze im erwachsenen Alter

Glaubt man einer Studie des Versicherungsunternehmens Generali, dann ist es gar nicht unüblich, noch sehr lange nach der Volljährigkeit großzügig von den Eltern bedacht zu werden. 38 Prozent der 65- bis 85-Jährigen gaben an, ihre Kinder und Enkelkin- der durchschnittlich mit 157 Euro im Monat zu unterstützen. Auch bei Urlaubsreisen und der Anzahlung fürs Reihenhaus zeigt sich die ältere Generation spendabel: 30 Prozent greifen ihren erwachsenen Kindern bei größeren Ausgaben finanziell unter die Arme.

Das klingt erst mal so, als wären wir alle verwöhnte Nesthocker, die ihen Eltern selbst dann noch auf der Tasche liegen, wenn wir schon eigene Kinder haben. Aber der Reihe nach: Die Generali-Studie belegt nämlich auch, dass sich unsere Eltern die Almosen durchaus leisten können. Noch nie ging es einer Generation im Alter finanziell so gut wie den ehemaligen 68ern. Im Durchschnitt verfügen sie über ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen von rund 2200 Euro, mehr als jeder Zweite wohnt in einer eigenen Immobilie. Kein Wunder also, dass 63 Prozent der 65- bis 85- Jährigen ihre eigene wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut bewerteten.

Wie lange sollen Eltern ihr Kind finanziell unterstützen
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Wie lange sollen Eltern ihr Kind finanziell unterstützen

Wer viel besitzt, der kann auch viel geben.

Gerade dann, wenn bei dem eigenen Nachwuchs eben nicht alles nach Plan läuft. Früher war das Erwachsensein ganz klar mit drei Koordinaten definiert: fester Job, feste Partnerschaft und Kinder. Spätestens mit Mitte 20 war man in der Regel beruflich, geistig und finanziell autark. Mittlerweile ist unser Leben viel flexibler, aber auch wesentlich instabiler geworden. Wir wollen uns ausprobieren, im Job und in der Liebe, uns nicht festlegen, beweglich bleiben.

Warum nicht mit Anfang 30 für einen zweiten Master nach Barcelona ziehen, wenn der Agenturjob in Aachen nervt? Psychologen nennen diese Phase, in der alles möglich, aber nichts sicher ist, „emerging Adulthood“, was übersetzt so viel heißt wie „an der Schwelle zum Erwachsensein“. Ohne die Unterstützung der Eltern sind diese Experimente mit dem eigenen Leben kaum möglich. Aber selbst mit festem Partner und klarem Berufsziel können uns prekäre Beschäftigungsverhältnisse und hohe Lebenshaltungskosten schnell wieder in finanzielle Abhängigkeiten treiben.

42 Prozent der Arbeitnehmer mit neueren Verträgen haben laut Bundesarbeitsministerium einen Arbeitsvertrag auf Zeit. Eine gute Basis für die Familiengründung oder ein Haus im Grünen sieht anders aus. Ohne die Hilfe von den Eltern geht es eben lange Zeit keinen Schritt weiter im Leben. Trotzdem kann man mal überlegen, wie man sich sponsern lässt. Muss es das nagelneue Cabrio sein oder reicht nicht der gebrauchte Golf? Erwartet man zu viel, wenn man sich neben der Hausbausubventionierung noch den Urlaub bezahlen lässt? Reicht nicht auch ein Familienkredit, zinsfrei und mit langer Laufzeit? Sich Geld von Papa zu leihen ist immer noch moralischer, als die Kohle ohne Gegenleistung anzunehmen. Und spätestens, wenn die Eltern finanziell zurückstecken müssen, um sich die Autoversicherung ihrer 35-jährigen Tochter leisten zu können, fährt man besser mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Überhaupt muss man sich fragen: Steht das Geld, was ich bekomme, im Verhältnis zum Preis, den ich dafür zahle? Wer Dinge finanziert, will unter Umständen Mitspracherecht. Wenn Mama dann plötzlich über die Farbe der neuen, von ihr spendierten Markise meckert, kann man das mit Anfang 30 schlechter akzeptieren als mit Anfang 20. Unterm Strich ist der Preis für Daddys Cash unser Freiraum und unsere Selbstbestimmung. Aus eigener Tasche bezahlt, gehören unsere Träume und Verrücktheiten wirklich uns.

Und mal ehrlich: Wer sich schon einmal etwas Schönes, aber völlig Unnützes von der unverhofften Steuerrückzahlung geleistet hat, weiß, wie gut es sich anfühlt, auf eigenen Beinen zu stehen.

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