10. August 2010
Der Ersatz-Lover im Hinterkopf

Der Ersatz-Lover im Hinterkopf

Glücklich liiert und dann das: Ein anderer Mann geht uns nicht mehr aus dem Kopf. Fremdgehen ist zwar tabu – doch manchmal träumen wir von unserem Ersatz-Lover im Hinterkopf und fragen uns: „Was wäre, wenn…“

Frau hat Mann im Hinterkopf
© iStockphoto / Thinkstock
Frau hat Mann im Hinterkopf

Eine glückliche, harmonische Beziehung, das ist es doch, wonach wir uns alle sehnen, oder? Sicherheit, Vertrauen, Verlässlichkeit, einen Partner, mit dem es sich gut und richtig anfühlt. Aber wenn wir endlich den Mann gefunden haben, der uns all unsere Harmonie-Träume erfüllt – dann fehlt uns manchmal doch wieder etwas. Was genau, wissen wir meist gar nicht. Bis jemand in unser Leben tritt, der es uns gibt: das prickelnde Flirten, das wir schon fast vergessen hatten. Das Gefühl, wahnsinnig sexy und interessant zu sein. Bewunderung und gern auch ein bisschen Begehren, ein dickes Stück Sahnekuchen für unser Ego eben. Der Mann, der all das in uns auslöst, ist nur nicht der Mann fürs Leben – den haben wir ja schon. Er ist der Mann für spezielle Aufgaben, der Verwöhner, der Mann, der dafür sorgt, dass wir uns (mal wieder) gut fühlen.

Carsten ist so ein Mann in Katharinas Leben. „Dich wollte ich schon immer mal kennenlernen“, sagte er damals zu ihr, als die beiden sich vor zwei Jahren zufällig bei einer Lesung trafen. Die 36- Jährige ist Pressereferentin bei einem kleinen Verlag, er freier Lektor. „Unser erstes Gespräch war ein Flirt. Aber gleichzeitig kam es mir so vor, als würde ich einen alten Freund wieder treffen. Alles fühlte sich sicher und warm an“, schwärmt sie. Katharina war damals seit drei Jahren verheiratet, Carsten lebte in Scheidung. Und gab Vollgas: Gleich am nächsten Tag meldete er sich. Katharina willigte zu einem Date ein. „Ich fühlte mich sicher, weil ich fest gebunden war“, begründet sie den Schritt. Trotzdem war sie damals nervös: „Als verheiratete Frau trifft man sich ja nicht oft mit Männern. Ich entschied mich, klar zu signalisieren, dass ich nur flirten will – und anregende Gespräche über Literatur führen. Aber ich fragte mich schon: Was will er eigentlich von mir?“ Nun, Carsten hatte Interesse, das über einen Flirt hinausging, wie Katharina bei Linguine mit Miesmuscheln und etwas zu viel Lugana feststellte. „Natürlich merkte ich, dass er mich attraktiv findet“, sagt sie. „Aber ich hatte auch das Gefühl, er nimmt etwas von mir wahr, das über den Sex-Appeal hinausgeht: mich, meine Persönlichkeit.“

Seit diesem Abend sehen sie sich. Jede Woche, immer heimlich. Weil sie nicht anders können und auch nicht wollen. Aus einem netten Flirt, so Katharina, sei ein Gefühl tiefer Verbundenheit gewachsen. Natürlich fragt sie sich oft: Ist das jetzt Liebe? Und was hat es mit meiner Ehe zu tun? „Ich genieße wohl, was Carsten mir entgegenbringt: Bewunderung und Aufmerksamkeit“, überlegt sie. „Er sieht mich immer wieder neu, weil er mich nicht hat. Jan, mein Mann, kann mir das nicht mehr geben. Dafür kennen wir uns einfach zu gut. Carsten hingegen hat sich noch nicht an mich gewöhnt.“

US-Psychologen haben ein Wort für Carstens Platz in Katharinas Welt gefunden: Back-up-Mate. Der an einem sicheren Ort (im Kopf – keine Beweise, keine Spuren) verwahrte Ersatzpartner, der zum Einsatz kommt, falls im Hauptsystem etwas schiefläuft. Die Plan-BLiebe. Ein Beziehungsphänomen, das sich übrigens nicht mit Statistiken belegen lässt. Doch wenn wir uns umhören, sind Carsten und Katharina längst nicht mehr die Einzigen, die im Zeitalter von SMS und E-Mail ein flirrend-leichtes Spiel spielen – und das, ohne Sex zu haben…

"Eine solche Beziehung ist weniger leidenschaftlich als eine Affäre und bewegt sich spielerisch zwischen den Polen Freundschaft und Erotik“, sagt der Münchner Psychoanalytiker und Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer. Denn auch wenn man sich zueinander hingezogen fühlt, verkneift sich mindestens einer von beiden den Weg ins Bett, weil sonst Ansprüche und Eifersucht schwer kontrollierbar wären. Fremdgehen im klassischen Sinne kam auch für Katharina nie infrage. Da bleibt sie eisern. Obwohl sie die Erotik zwischen ihnen spürt. „Unsere Begeisterung für Bücher ist eigentlich nur ein Deckmäntelchen, um sich gefahrlos sehen zu können. Zumindest von meiner Seite. Aber auch wenn es prickelt, tue ich so, als würde ich es nicht merken. Denn was, wenn es mir gefällt, mit ihm zu schlafen?“ Es würde Katharinas Leben auf den Kopf stellen, und das will sie nicht. Sie will in jedem Fall bei ihrem Mann bleiben. Flirt ja, Verlassen nein.

„Jan gibt mir Tag für Tag den größeren Teil dessen, was ich brauche. Ich liebe ihn mit allem Drum und Dran“, sagt sie. „Aber Carsten ist das Sahnehäubchen.“ An manchen Tagen ist er auch eher eine Torte, die sie am liebsten ganz aufessen würde. Dann kann sie ihren Appetit kaum zügeln. Wenn Jan und sie wochenlang nur banale Alltagsgespräche führen, und sie sich fragt, ob sie einander nichts Wichtiges mehr zu sagen haben. Wenn sie beim Sex denkt: Und das geht jetzt die nächsten 40 Jahre so? Dann malt sie sich aus, wie aufregend es wohl mit Carsten wäre. Wie er sie küssen und anfassen würde.

Schöne, prickelnde Gedanken. Aber eigentlich weiß sie, dass ihre Plan-BLiebe zu ihm nicht für den Alltag gemacht ist: „Unsere Inspiriertheit wäre sofort weg, wenn wir über Haushaltspflichten statt über Literatur diskutieren würden.“ Ein Back-up-Mate ist eben nicht zwangsläufig der bessere, sondern nur ein anderer Partner.

Katharina weiß, dass sie egoistisch ist – und unehrlich. Betrug light, gewissermaßen. Pragmatiker würden sagen: Sie liebt nicht genug, weder den einen noch den anderen. So einfach ist das jedoch nicht, sagt Psychologe Wolfgang Schmidbauer, Autor vieler Partnerschaftsbücher wie „Die heimliche Liebe – Ausrutscher, Seitensprung, Doppelleben“ (Rowohlt): „Beziehungen werden nicht aufgrund berechnender Entscheidungen angefangen, sondern durch Emotionen und Begegnungen.“ Das Back-up-Prinzip sei weniger eine Form von Liebe, als eher „Teil eines sozialen Netzwerks, das vor Verlassensängsten schützt, ähnlich wie ein Sparbuch vor finanziellen Risiken.“ Der Fast-Lover als Liebes-Versicherung. Love Insurance – so nennt es auch der New Yorker Psychotherapeut Nando Pelusi: „Die meisten sind sich nicht einmal bewusst, dass sie einen Plan B in petto haben. Sie flirten ein bisschen, um für andere interessant zu bleiben.“ Und um das eigene Ego etwas aufzuwerten.

Aber was ist mit Carsten? Leidet der nicht darunter, ständig nur der Mann für gewisse Momente zu sein? Katharina weiß es nicht: „Jedenfalls habe ich bisher keine anderen Frauen bei ihm gesehen.“ Manche Back-ups, weiß Nando Pelusi, schwanken insgeheim sehr zwischen Hoffnung, Verdrängung und Verzweiflung. Dennoch teilt der Experte seine Klienten nicht in Opfer und Täter. Denn meistens profitierten beide Seiten, auch der Back-up-Mate: Er hat das befriedigende Gefühl, einen attraktiven potenziellen Partner gefunden zu haben, der ihm zeigt: Ich bin toll, beständig, bindungsfähig. Wenn man gerade keine Partnerschaft hat, ist das besser als nichts.

An so etwas hätte Lena niemals gedacht. Sie hat sich vor einem Jahr einfach verliebt. In Alexander, sexy, klug – und leider verheiratet. Als sein Back-up ist sie nicht in der komfortablen Nehmer-Position wie Katharina. Sie hofft und bangt. Wie Carsten.

Das leicht beschwingte Flirten vom Anfang ist Gefühlen gewichen, die sie gar nicht will: Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem. Eifersucht auf jemanden, den sie nicht kennt. Seine Ehefrau. Was hat sie, was ich nicht habe? Diese Frage nagt an Lena, wenn sie über das andere Leben von Alexander nachdenkt, sein Eheleben. Seinen Alltag, den die andere mit ihm teilen darf. Die Zeit, in der er ihr gehört.

Und was hat Lena? Seit einem Jahr seine Schokoladenseiten. Telefonate voller Witz, Ernsthaftigkeit und Intellekt. Lange Mails, in denen er ihr schreibt, wie viel und gern er an sie denkt. In der ersten Zeit hat Lena gespürt, dass Alexander mit sich rang und prüfte, ob in seinem Leben noch alles am richtigen Platz war. „Es hat ihn wirklich gebeutelt. Das hat mich berührt, aber auch meinen Jagdtrieb entfacht. Männer und Beziehungen sind mir immer zugefallen. Jetzt war da einer, um den ich kämpfen musste“, sagt Lena. Obwohl sie sich eigentlich geschworen hatte, sich niemals auf einen gebundenen Mann einzulassen.

Sex hatten sie nur einmal, drei Monate nachdem sie sich bei einem Fest im Architektenbüro eines Kollegen kennengelernt hatten. Danach sagte Alexander: „Ich kann das nicht. Ich habe meine Frau noch nie um ein Gefühl betrogen. Jetzt tue ich es.“ Da war Lena längst verliebt. Alexander benahm sich auch nicht so, als wäre die Sache vorbei. Sie telefonieren weiterhin, schreiben einander berührende, komische, verrückte Dinge. Alle paar Wochen treffen sie sich zum Mittagessen. Ganz harmlos, ein Plausch unter Kollegen – behauptet Lena meist, auch vor sich selbst.

Natürlich, anfangs war es auch für sie ein Kick fürs Ego. Ein Spiel mit der Verführung. Aber der Plan B ist für den Back-up-Mate riskant, betont Nando Pelusi: „Wird er am Ende zurückgewiesen, bröckelt sein Selbstbild. Er fühlt sich wie ein Verlierer. Und er verletzt sich selbst noch mehr, wenn er zu lange im Zweite-Klasse-Status bleibt, einfach weil er sich allmählich für nicht begehrenswert hält.“ Gerade nachdem Alexander keinen Sex mehr mit ihr wollte, quälten Lena genau diese Gedanken. Trotzdem ist bis heute der Wunsch stärker, wenigstens das mit ihm zu teilen, was sie teilen können: Verständnis, innige Vertrautheit, die Freude aneinander.

Wolfgang Schmidbauer weiß, weshalb Back-up-Paare nicht voneinander lassen können: „Es ist eine gemeinsame oder einseitige Hoffnung, die sehr befriedigend und stabilisierend sein kann.“ Der Gedanke, vielleicht doch füreinander bestimmt zu sein, wirkt wie ein Zauber: vielleicht später, eines Tages, wenn die Zeit reif dafür ist … Niemand, sagt der Psychoanalytiker, sollte die Macht der Hoffnung unterschätzen: „Die wenigsten Menschen hören auf zu träumen, wenn sie sich binden.“ In der Fantasie bleibt immer ein Eckchen, in der das Leben mit dem Fast-Lover Realität wird. Lena ist dabei, sich von Alexander zu entfernen: „Es ist einfach nicht genug, was er mir gibt. Ich kann ihn noch nicht ganz loslassen. Aber ich kann mir langsam wieder vorstellen, mich neu zu verlieben – in jemanden, der wirklich frei ist.“

Die verheiratete Katharina, die nebenbei mit Lektor Carsten flirtet, sagt, dass sie ihn sofort freigeben würde, wenn er eine andere kennenlernt: „Ich will ihn nicht in die Situation bringen, in der ich bin. Er soll sich ganz auf die neue Frau in seinem Leben konzentrieren können.“ Und sie selbst? Katharina ist mittlerweile eine Anhängerin des Modells „Plan B“. Sie gesteht: „Ehrlich gesagt: Ich würde mir ein neues Backup suchen.“

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