21. November 2013
Ich bin Positiv, und er ahnt nichts

Ich bin Positiv, und er ahnt nichts

Seit sechs Jahren sind Julia und Christian ein Paar. Julia ist HIV-positiv und hat den Zeitpunkt verpasst, ihm die Wahrheit zu sagen. Die Geschichte einer Lüge – im Namen der Liebe.

Frau Brücke
© iStock/Thinkstock
Frau Brücke

Das hatte ich immer für eine Redensart gehalten, dass einem das Herz stehen bleibt, wenn man etwas wirklich Furchtbares erlebt. Doch genau so war es, als ich damals vor einer Ärztin saß, die mir mit ruhiger Stimme sagte, dass ich HIV-positiv sei. Danach war es still in mir und um mich herum, während sich mein Kopf mit Bildern füllte. Mein erster Schultag. Mein erster Kuss. Ich war unbeschwert aufgewachsen und würde es nie mehr sein. Die Frage, ob ich wisse, wer mich infiziert hat, empfand ich als Beleidigung. Ich hatte meine Unschuld erst auf der Uni verloren und überhaupt nur drei Männer gehabt. Aber ich wusste es tatsächlich nicht. Wer hätte es sein können? Der witzige Jens oder Axel, der neben seinem Sportstudium als Bademeister jobbte? Der schüchterne Boris, dessen Mutter mir heute noch Postkarten aus dem Urlaub schreibt? Ein völlig absurder Gedanke, dass mich einer dieser Jungs mit einem tödlichen Virus infiziert haben sollte.

Aids – das hatte nichts mit mir zu tun

Ebenso absurd wie die Vorstellung, dass ich von nun an jemand war, von dem andere diese Krankheit bekommen könnten. Aids – das hatte so gar nichts mit mir zu tun. Ich kam aus einer Welt, in der es als Drama galt, wenn der Hund sein Geschäft im Garten des Nachbarn verrichtete. Meine Ärztin sprach über die möglichen Therapien, die sie anhand meiner Blutwerte für angemessen hielt. Sie tat es mit der gleichen Ruhe, mit der sie mir zwei Wochen zuvor zu einem Test geraten hatte, nachdem ich mit geschwollenen Lymphen in ihre Praxis gekommen war. Ich hatte eingewilligt, aber nicht eine Sekunde daran geglaubt. Bis ich es glauben musste. Meinen Eltern sagte ich kein Wort, es hätte ihr Leben zerstört. Meine beste Freundin hingegen zog zunächst zu mir, saß nächtelang an meinem Bett, wenn ich schreiend aufwachte. Doch die Zeit heilte auch diese Wunde – wieder so eine Redensart, an die ich bis dahin nie geglaubt hatte. Ich begann mein Referendariat.

Geheimhaltung

Die tägliche Medikamenteneinnahme erledigte ich heimlich, ansonsten merkte ich nichts. Lediglich meine Periode warf mich zurück. Ich entsorgte Tampons wie radioaktiven Giftmüll, ekelte mich vor meinem Blut, in dem jetzt ein bedrohliches Virus schwamm. An diesen Tagen konnte ich Männer nicht einmal ansehen und empfand mich als tödliche Bedrohung für das andere Geschlecht. Alle Kontakte zu Freundinnen, die schwanger wurden, ließ ich nach und nach auslaufen. Ein Kind, eine Familie, einfach alles, was ich als selbstverständlich erachtet hatte, war für mich unerreichbar fern.

Das Leben geht weiter

Es dauerte fast ein Jahr, bis ich den ersten Sex hatte. Es war ein One-Night-Stand, und er war gut. Es war nicht das ganz große Gefühl, das ich von früher kannte, aber es holte mich ins Leben zurück. Ich konnte Karriere machen, Reisen planen, kochen und ins Kino gehen. Und ich konnte ab und an geschützt mit einem netten Kerl schlafen. Es war nicht das Leben, das ich geplant hatte, aber es war ein Leben. Drei Jahre vergingen, bis ich auf der Geschäftseröffnung eines Mandanten Christian traf. Dass wir uns wollten, stand fest, bevor der Abend vorbei war. Ich ließ es geschehen, als er mich nachts auf ein letztes Getränk in meine Wohnung begleitete. Seine charmanten Mails in den Tagen danach beantwortete ich fröhlich, aber distanziert. Sein Drängen auf ein Wiedersehen überging ich. Doch irgendwann machte ich mir nichts mehr vor: Ich war schwer verliebt. Und als er einige Tage später abends vor meinem Büro stand, gab ich auf und begleitete ihn zum Essen. Bei Wein und gegrillten Gambas hielt er meine Hand und sprach über seine Gefühle für mich und darüber, dass er so schnell noch nie so tief empfunden hatte.

Dann ließ er die Bombe platzen und gestand, dass er verheiratet war. Er wollte seit Langem die Trennung, wohnte bereits seit Monaten in der Anliegerwohnung seines Hauses. Doch er leitete die Firma seines Schwiegervaters, und seine Frau drohte ihm für den Fall einer Scheidung mit dem Verlust seiner Existenz und damit, dass sie ihm den Umgang mit seinen zwei kleinen Söhnen so beschwerlich wie möglich machen würde. Ich reagierte einsilbig und bat um Bedenkzeit. War dies der Zeitpunkt für mich, mich ebenfalls zu offenbaren? Seine schreckliche Wahrheit gegen meine? Das klang verlockend, machte mir aber auch Angst. Christian stand vor der schwersten Entscheidung seines Lebens und wollte sie mit meiner Hilfe treffen. Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, dass die Frau, die seine Retterin sein sollte, in Wahrheit eine ansteckende und tödliche Erkrankung in sich trug? Außerdem wollte ich nicht in eine Ehe einbrechen. Seine nächtlichen Anrufe nahm ich jedoch entgegen. Stundenlang sprachen wir über das, was ihn bewegte, und das, was sein könnte, wenn er nur erst die Trennung hinter sich hätte. Ich hörte ihm zu und beruhigte ihn, mehr konnte und wollte ich nicht tun.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für Ehrlichkeit?

Doch eines nachts klingelte statt des Telefons meine Türglocke, und Christian stand mit zwei Koffern vor mir. Er hatte sich getrennt und noch am gleichen Tag einen Anwalt aufgesucht. Er wollte kämpfen, um seine Kinder, seinen Job und auch um mich. Zum zweiten Mal lag mir die große Beichte auf der Zunge, aber konnte es einen schlechteren Zeitpunkt geben? Christian hatte in den letzten Stunden sein gesamtes Dasein auf den Kopf gestellt und war am Ende seiner Kräfte. Konnte meine Offenbarung nicht warten, musste sie es nicht sogar? Obwohl ich zum Schutz vor einer Schwangerschaft die Pille nahm, verhüteten wir weiter mit Kondomen. Ich erklärte diese Maßnahme mit einer angeblichen Sperma-Unverträglichkeit, und Christian, der bis zum heutigen Tag immer um mein Wohl besorgt ist, nahm es fraglos zur Kenntnis. Die folgenden Monate waren die schwersten und besten unseres gemeinsamen Lebens. Christian verlor seinen Posten und fand nach langer Suche einen neuen. Die Scheidung zog sich hin und zermürbte ihn. Aber wir waren so glücklich miteinander, dass jede andere Sorge ihren Schrecken verlor. Ein paarmal noch dachte ich darüber nach, die Wahrheit auf den Tisch zu packen, kam aber zu dem Schluss, Christian erst dann damit zu konfrontieren, wenn alle anderen Probleme gelöst waren.

Ich liebe ihn, kann er meine HIV-Infektion akzeptieren?

Nach zwei Jahren war er frei, und wir bezogen eine große Wohnung am Stadtrand, richteten tagelang die Zimmer der Kinder ein, die nun am Wochenende bei uns lebten. Ich hätte glücklich sein müssen, doch die Wolken meines schlechten Gewissens wurden dunkel bis tiefschwarz. Als ich zum ersten Mal Salat und Spaghetti in meiner neuen Küche zubereitete, während Christian mit seinen Söhnen durch die Wohnung tobte, wurde mir klar, dass es zu spät war. Ich hatte zu lange gewartet. Wie führt man ein Gespräch, das Jahre zuvor hätte stattfinden müssen? Wie erklärt man, dass alles, was bisher geschah, auf den wackeligen Beinen einer riesigen Lüge stand? Die wenigen meiner Freunde, die um meine Infektion wissen, besuchen uns schon lange nicht mehr, weil sie Christian nicht in die Augen sehen können. Manchmal verdränge ich für Wochen die Ausweglosigkeit, doch wann immer ich mich beim Kochen schneide, werfe ich hysterisch die gesamte Mahlzeit in den Müll. In Urlauben verstecke ich meine Pillen in zusammengerollten Strümpfen. Seit sechs Jahren schon ist mein Leben eine Ansammlung von Unwahrheiten, die nur dazu dienen, die eine große Wahrheit zu schützen: dass ich Christian liebe. Manchmal denke ich daran, ihn einfach zu verlassen, aber das ist unvorstellbar. Meiner Ärztin habe ich neulich meine Lage gestanden. "Die Liebe schafft alles", sagte sie. Aber ich wage nicht, darauf zu vertrauen, denn vielleicht ist es nur eine Redensart.

Ehrenamtliches Engagement: Der jährlich am 1. Dezember stattfindende Welt-Aids-Tag will auf die Gefahren von HIV aufmerksam machen. Promis wie Elton John setzen sich für HIV-Infizierte ein.

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