30. März 2011
Peru entdecken

Peru entdecken

Indiana Jones war auch schon in Peru. Kein Wunder, in dem Land im Westen Südamerikas kann man unzählige Abenteuer erleben. PETRA-Redakteurin Wiebke Borcholte kletterte in den Anden durch Inka-Ruinen, badete im Amazonas, stolperte durch den Dschungel – und staunte nicht nur über die Natur, sondern auch über sich selbst.

Peru
Peru

Fremd sieht es aus. Blasse Hühner picken zwischen den Steinen nach unsichtbaren Körnern, Frauen mit Filzhüten in grellbunt gemusterten Kleidern stehen in Gassen, das Kind im Tuch eingeschlagen auf dem Rücken. Das Alter der Frauen ist schwer zu schätzen, nichts regt sich in den Gesichtern. Okay, das ist also Peru. Ich bin sehr weit weg von zu Hause.

Für mich war Peru bisher so unerreichbar wie der Mond, ein fernes Land im Westen von Südamerika, in dem die Inkas unglaublich mysteriöse Steinstätten errichteten. 1532 fielen die Spanier ein und benahmen sich über 200 Jahre schlecht. Man isst Meerschweinchen und spielt Panflöte. Sowohl zu Meerschweinen als auch zu Panflöten habe ich ein schwieriges Verhältnis. Was man an den pfeifenden und beißenden Haarbüscheln finden kann, habe ich nie verstanden, und wenn die peruanische Volksweise „El Condor Pasa“ durch die Fußgängerzone schallt, ergreife ich die Flucht.

Darum empfinde ich es als umso verwegener, dass ich nun in den Anden auf einem Berg stehe – mit Blick auf die berühmte Ruinenstadt Machu Picchu. „Nur“ 2000 Menschen dürfen täglich die Sehenswürdigkeit bestaunen, trotz dieser Beschränkung ächzt die Sierra unter dem ständigen Strom der Touristen. Ich bin erst nachmittags angekommen, der Zug hatte während der Fahrt technische Probleme. Eine peruanische Verspätung rechnet man in Stunden, nicht in Minuten, das habe ich schnell gelernt.


Die Uhren ticken hier anders, die Menschen auch. Peru ist ein armes Land, trotzdem kommt hier niemand auf die Idee, um Almosen zu betteln. Stattdessen bieten die Peruaner alles zum Kauf an, was ihre Heimat hergibt – und wahren so ihren Stolz: Auf Märkten in den Dörfern stapeln sich raue Mengen von flauschigen Alpaka-Schals, bunten Mützen und Pullovern. Überall wird lautstark Mais angeboten. Dazu gibt’s Früchte, Fische, lebende Tiere. Andere preisen kunstvoll bestickte Tücher, kleine Puppen oder selbst gefertigten Schmuck an. Viele der Schmuckstücke sind mit kleinen rotschwarzen Perlen besetzt, den Samen des Huayruro-Baums. Wer sie in sein Portemonnaie steckt, dem geht nie das Geld aus, heißt es. Und Glück sollen sie auch bringen. In allen meinen Taschen klickert es jetzt, weil ich nicht widerstehen konnte und für mich und meine Freunde Ketten und lose Samen gekauft habe.

Liegt es an den Perlen, an der Höhenluft oder am Coca-Tee, der gegen den Schwindel helfen soll und den ich reichlich gesüffelt habe? Ich weiß es nicht, auf jeden Fall bin ich in diesem Moment ein glücklicher Mensch. Der Anblick über die einstige Stadt Machu Picchu raubt mir dem Atem – in jeglichem Sinne. Die Anlage befindet sich in 2360 Meter Höhe auf einem Bergrücken zwischen den Gipfeln des Huayna Picchu und dem gleichnamigen Berg Machu Picchu – und wozu sie einst diente, weiß man immer noch nicht mit Bestimmtheit. Die Wasserversorgung funktioniert nach Jahrhunderten noch perfekt, es gibt ein Handwerkerviertel und mehrstöckige Wohnhäuser. Ich schaue auf das abendliche Tal hinunter und fühle mich wie in einem Fantasy-Film. Der grüne Gipfel wirft lange und unwirkliche Schatten über die Ruinen. Mit dem schwindenden Licht ersterben die Töne, es wird still. Ein graues Chinchilla macht es sich in einer Fensterruine gemütlich. Ich mache versehentlich eine hektische Bewegung, und es huscht wieder davon. Ich komme mir klein vor, unwichtig in Zeit und Raum. Na ja, genug mit der Besinnlichkeit, ich sollte mal lieber zusehen, dass ich wieder herunterkomme von dem Berg.


Als Nächstes geht es in den Norden, wo sich der Amazonas durch den Dschungel schlängelt. Von Cusco, der Stadt im Süden, fliege ich nach Iquitos im Nordosten von Peru. Während des Flugs ziehe ich mit dem Finger auf einer Weltkarte nach, wo ich mich gerade befinde und wohin mich die Reise noch führen wird. Vom Flugzeug geht es in den Bus, vom Bus an Bord der „Delfin II“. Auf dem Luxusdampfer werde ich über den Amazonas schippern, Ausflüge in den Dschungel machen, Faultiere sehen, Kaimane, Affen, Papageien, Schmetterlinge. Abenteuerlicher geht es kaum für eine fest verwurzelte Großstadtpflanze wie mich.

Früh am Morgen steigen wir in ein kleines Boot, um ans nächste Ziel zu kommen. „Keep the balance!“, ermahnt uns unser Führer Jesus, und mir ist nicht ganz klar, ob er das Gleichgewicht im Boot meint oder ob er einen ökologischen Schlachtruf ausgestoßen hat. Irgendwie passt beides. Jesus erzählt viel über die Bedeutung des Regenwaldes und über die Stämme, die hier leben. Er ist ebenfalls hier aufgewachsen, aber sein amerikanischer Akzent stammt aus seiner Zeit in Chicago. Jesus zeigt auf verschiedene Tiere, die am Ufer des Flusses leben: Schillernde Eisvögel jagen Fische, riesige Habichte ziehen über den Himmel, seltsame Trötlaute erklingen. In einem Baum knäueln sich Brüllaffen, in einem anderen lungern Kapuzineraffen herum, ein Faultier schläft eng an einen Ast geschmiegt. Man muss sehr genau hinsehen, um die Tiere zu erkennen, perfekt fügen sie sich in ihre Umgebung ein.

Als sich der Amazonas zu einem See verbreitert, fordert uns Jesus auf, hineinzuspringen. Mich befallen Zweifel. Ich sehe im dunklen Nass nur imaginäre Piranjas, Kaimane, Würgeschlagen, Blutegel. Aber wie oft in seinem Leben schwimmt man bitte schön im Amazonas? Eben. Also nichts wie rein. Das Wasser ist angenehm kühl, man müsste sich nur an die kleinen Fische gewöhnen, die an einem knibbeln. Lange halte ich es nicht aus, ich klettere schnell wieder an Bord. Aber jetzt kann ich sagen, dass ich im „Spiegel des Dschungels“ gebadet habe, wie man den Amazonas hier nennt. Wow! Am Nachmittag erobern wir den Dschungel. „Nichts anfassen!“, bläut uns Jesus ein. Ich versuche, nicht über die gigantischen Wurzeln zu stolpern, die stets zum Wasser zeigen, wie Jesus beteuert. Falls ich mich also verirren sollte, kann ich so wieder zum Fluss zurückfinden. Na, vielen Dank, das macht Hoffnung.


Auf den Blättern und Stämmen herrscht reges Treiben. Ich entdecke viele verschiedene Ameisenarten, alle sind unglaublich beschäftigt, tragen frisch geschnittene Blattstücke, Eier, Nahrung, ich weiß nicht was durch die Gegend. Es sieht aus wie ein winziges organisches Manhattan zur Rush- Hour. Ich bemühe mich, niemanden im emsigen Verkehrsfluss zu stören oder gar gegen mich aufzubringen. Falls jemand noch nicht verstanden hat, was „komplexes Ökosystem“ bedeutet – hier wird er es bis ins Detail begreifen. Jesus erklärt, dass im Regenwald ein Baum wächst, der seine Samen ins Wasser fallen lässt, damit sie von Fischen gefressen werden. Bestimmte Vögel wiederum verspeisen diese Fische und verteilen die Samen übers Land. Klingt kompliziert, scheint aber bestens zu funktionieren.

Vollgestopft mit Eindrücken und unvergesslichen Bildern im Kopf gehe ich wieder an Bord der „Delfin II“. An Deck fläze ich mich in einen der Loungesessel und lasse den Ufersaum an mir vorüberziehen. Was für eine Kulisse! Morgen werden wir eine Tierwaisenfarm besuchen. Ich werde ein Faultierkind streicheln dürfen, mich von Affen lausen lassen, einen echten Jaguar sehen und Schmetterlinge bewundern, groß wie Waschlappen. Also fast. Danach werde ich nach Deutschland zurückkehren und Tierschützerin werden. Oder auswandern. Nur noch Blumen essen. Spanisch lernen…

Ich nehme einen Schluck aus meinem Rotweinglas, kuschel mich ins Kissen und muss grinsen. Bequemlichkeit ist jedenfalls auch nicht zu verachten. Und eine Abenteurerin wird aus mir nicht mehr. Aber in Peru war ich schon ganz nah dran.


Auf einen Blick
  • Anreise Flug mit LAN und Iberia von Frankfurt oder München nach Madrid, weiter nach Lima und Iquitos ab 1400 Euro pro Person hin und zurück inklusive Steuern und Gebühren. www.lan.com, www.iberia.com
  • Amazonas-Tour Eine viertägige Tour auf der „Delfin II“ kostet ab 1424 Euro pro Person. Darin enthalten sind die gesamte Verpflegung (außer Alkohol) sowie alle Ausflüge. www.delfinamazoncruises.com
  • Wohnen Die Fünfsterne-Residenz „Libertador Tambo del Inka“ liegt im Heiligen Tal, direkt an der Zuglinie zur Ruinenstadt Machu Picchu. Die Nacht kostet ab 230 Euro. www.libertador.com.pe
  • Erleben Wer kann, sollte unbedingt die Amazon Animal Orphanage and Pilpintuwasi Butterfly Farm bei Iquitos besuchen. www.amazonanimalorphanage.org
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