4. April 2013
Frühling in Sevilla

Frühling in Sevilla

Diese Reise beginnt mit dem ersten sonnigen Samstag des Jahres und endet in einem Flamenco-Kleid – auch wenn PETRA-Autorin Andrea Tapper gar nicht auf die Tanzfläche wollte.

Sevilla
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Sevilla

Okay, auch in Spanien herrscht Krisenstimmung. Doch die Spanier schaffen es immer noch, stilvoll durch den Tag zu kommen. Helena Jiménez lässt das Taxi an der Plaza del Salvador stoppen. Eine Woche lang bin ich mit der 35-jährigen Kauffrau unterwegs in Sevilla. Auf dem Platz stehen Trauben schöner Menschen: junge Männer in Business-Klamotten, Frauen in Strick-Minis, Familien mit Kinderkarren. Eine Demo? „Aber nein“, sagt Helena, „am Samstagnachmittag kommen wir auf ein 'caña' her. Das hat sich so eingebürgert, auch wenn seit der Euro-Krise das Geld nicht mehr so locker sitzt.“

Mann Gitarre
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Die Gitarre gehört zum Flamenco dazu:

Ein caña, ein Bier, ist von bescheidener Größe. Kaum 0,1 Liter passen ins Glas, dafür trinkt man zwei oder drei. Erstens war das schon immer so in Sevilla – zweitens hält es die Stimmung in der andalusischen Stadt auf einem sympathischen Level. An diesem ersten warmen Sevilla-Samstag erlebe ich, was die Einheimischen hier so lieben. Wir ziehen von der Plaza weiter auf ein paar Tapas ins Altstadtviertel Santa Cruz, danach geht es über den Fluss Guadalquivir bis auf die Club-Straße Calle Betis. Helena beginnt, mir von der Stadt und ihrer großen Leidenschaft zu erzählen: Sie tanzt Flamenco, auf Avantgarde-Partys genauso wie gemeinsam mit Freunden zu Hause. „Flamenco gehört für uns zum Leben wie für die Engländer die Pubs“, sagt die Spanierin. „Es ist keine Folklore, sondern Drama. Alltagsdrama.“ Hm, denke ich, das muss sie mir genauer erklären. Helena schiebt mich in die Gassen der verwinkelten Altstadt und redet weiter.

Flamenco ist in Sevilla ein Muss

Als Erstes lerne ich: Flamenco ist ein Mix aus dem Orient und Europa, und auch Sevilla spiegelt als Stadt diese Melange wider: Das blank gewienerte Straßenpflaster mit Pferden und Kutschen und die Kirchen stehen für die christliche Seite. Die bunten Steinmosaike, die sich überall finden, zeugen von der arabischen Vergangenheit. Die Kathedrale vereinigt wiederum beide Kulturkreise – der Giralda-Turm an der Kathedrale diente einst als Minarett. Erst später wurde es mit Glocken zum Kirchturm umfunktioniert.

Wir wandern vom Stadtteil Santa Cruz ins Viertel Triana. Hier entdeckt man eine muntere Kneipenszene, Flamenco live gibt’s in schrägen Clubs wie im Madrugá. Bis spät in die Nacht schlendern wir über die Calle Betis, wo sich eine Kneipe an die nächste reiht. Die Kellner der Lifestyle-Bar Terraza Capote stellen schon im Februar die Tische ins Freie, DJs legen unter Palmen auf. Das Gebäude, das heute den Trend-Club Buddha del Mar beherbergt, war einst ein Bahnhof, heute wird hier moderner Flamenco gespielt. „Soul-Flamenco“, wie von der Gruppe Pitingo, ist eben auch clubtauglich, meint Helenas Freundin Claudia Navarro, die wir abends treffen. Als Tochter 4 eines Gastarbeiters in Frankfurt aufgewachsen, spricht Claudia fließend Deutsch. Sie arbeitet im Flamenco-Museum Museo del Baile und lädt mich für den nächsten Tag ein, sie dort zu besuchen. Ich sage gerne zu – und falle kurze Zeit später ins Bett.

Am nächsten Morgen heißt es: Auf ins Museum! Aufgebaut wurde es von Sevillas Tanzlegende Cristina Hoyos – mit viel Liebe zum Detail. Die Ausstellung zeigt jede erdenkliche Facette des Ausdruckstanzes – vom „Farruca“, dem ursprünglich ernsten Männertanz, der bis heute von Frauen in Hosen getanzt wird, bis zum fröhlichen „Alegría“-Ballett mit Mädchen in Pünktchenkleidern. Im Museum entdecke ich Sounds und Requisiten, nachgebaute Künstlergarderoben und jede Menge moderne Kunst: Es ist ein Ort, an dem man ganz in die Welt des leidenschaftlichen Tanzes eintauchen kann. An der Kasse des Museumsshops sitzt Keiko, eine 32-jährige Japanerin, die „hängen geblieben“ ist, weil sie sich „in die Stadt und den Flamenco verliebt“ hat, wie sie sagt. Ein wenig verstehe ich das jetzt schon.

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Diese Stadt liebt den großen, theatralischen Auftritt. Drama, Baby: Nirgendwo schlägt das Herz Spaniens feuriger – was man vielleicht daran erkennt, dass auch Generationen von Tierschützern den Stierkampf nicht ausrotten konnten. Tradition in einer trendigen Metropole? Hier in Sevilla geht das zusammen. Worüber sich allerdings alle einig sind: das gute Wetter. Dass der Frühling hier einfach schon acht Wochen früher beginnt als bei uns, ist eine Tatsache. Sevilla liegt näher an Marokko als an Madrid, und mit 3000 Sonnenstunden pro Jahr zählt dieser spanische Landstrich zu den heißesten Ecken Europas. Den ganzen milden Winter hindurch sitzen die Menschen bei 14 bis 20 Grad rund um die Kathedrale in stylishen Cafés. Eines der schönsten: das Trendhotel Eme. Es beeindruckt außen mit einer pompösen Renaissance-Fassade und überzeugt innen mit puristischer Moderne. Auf der Dachterrasse kann ich bei chilliger Musik die Kathedrale fast mit den Händen greifen, Palmen recken sich in den Himmel. Und wie es hier überall duftet! Pünktlich zum Frühjahrsbeginn erblühen 10.000 Orangenbäume überall in der Stadt.

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typische Flamenco-Kleider:

Shopping in Sevilla

Die Innenstadt mit den Haupteinkaufsstraßen Sierpes und Tetuán steht für den nächsten Tag auf dem Plan. Ich kann sie bestens zu Fuß durchlaufen – heute wird geshoppt! Nahe der Plaza Jesús de la Pasión verkauft die wohl bekannteste Modeschöpferin der Stadt, Pilar Vera, Kleider im – na, was wohl? – Flamenco-Stil. Dort hängen Roben mit Rüschen und Volants, um den Po herum schön eng, ganz so, wie es ihre prominenteste Kundin Penélope Cruz gern mag. „Nach ein paar Tagen Sevilla ist fast jede Frau in der Stimmung für ein Flamenco-Kleid“, sagt die Designerin. Ich bin noch nicht ganz so weit. Aber meine Zeit ist ja auch noch nicht rum. Sollte ich meine Meinung sofort ändern, würde ich in der Boutique Flamenco an der Calle Francos fündig werden. Dort hängen aktuelle Kollektionen spanischer Start-up-Designer, modern – und auch bezahlbar.

Toll finde ich die garantiert rüschenfreie Straßenmode im Global. In dem Laden stöbere ich durch Möbel, Kunst und leckere Olivenöle in einer Gourmet-Ecke. Ein Muss für Hutfans und mein Traum: das älteste Hutgeschäft der Stadt, das Sombrerería Maquedano in der Calle Sierpes – mit wunderbaren Hutkreationen. Im Nice things, dem Shop von Paloma Santaolalla und Miquel Lanna, finde ich die Styles, die ich am liebsten mag – von lässigen Tagesklamotten bis zur Glamour-Robe für die Nacht. Und weil ich schon dabei bin, kaufe ich von jedem etwas.

Einen Tag später hat sich mein Shopping-Rausch gelegt. Da passt es, dass sonntags die Läden geschlossen sind. Ganz Sevilla bummelt durch das Prachtstück der Stadt, den Alcázar-Palast, die ältestekönigliche Residenz Europas. Hier schlafen Kronprinz Felipe und seine Frau Letizia, wenn sie in der Stadt weilen. Das Besondere daran: Ihre direkten Nachbarn sind ganz einfache Sevillanos, denn die traumhaften Altstadt-Wohnungen an den Palastmauern kosten nicht mehr als 200 Euro Miete. Es sind Sozialwohnungen aus alter Zeit in bester Wohnlage. Nicht schlecht, denke ich. Ein Palast für jedermann.

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Plaza de España:

Flamenco ist mehr als nur ein Tanz

„Eine Reise nach Andalusien ist immer auch eine Reise zum Flamenco“, so hatte Helena mich zu Anfang meiner Reise eingestimmt. Ich war mir zwar sicher, dem Tanz nicht einfach so zu verfallen, muss nun aber zugeben: Manche der Herz-und-Schmerz-Auftritte waren emotional, andere ganz schön schräg, berührt haben mich alle. Bei einem Trip zu den weißen Dörfern rund um Sevilla erlebte ich eine Art Boulevard-Theater- Vorstellung im Bürgerclub von Alcalá. Wir Zuschauer bekamen Sahnehörnchen und Bier, am Ende standen die meisten auf den Stühlen und klatschten und stampften begeistert mit. Das Kontrastprogramm wurde in der Dorf-Bodega von Mairena del Alvon und Mairena del Alcor geboten: Gezeigt wurde moderner High-Class-Flamenco der Schwestern Maria und Alba Serrano, die bereits in New York, Hamburg und München getanzt haben.

Warum die Flamenco-Weltstars in der Dorfkneipe auftraten? „Ganz einfach: Wir wohnen in der Nachbarschaft“, lüftete Maria Serrano das Geheimnis des Spontan-Gastspiels. „Flamenco ist weit mehr als nur ein Tanz, es ist ein tiefes Gefühl“, fügten sie hinzu. Und nach einer Woche voller Flamenco-Erlebnisse haben all diese Frauen mich so weit: Ich bin bereit für einen Flamenco- Workshop. In einer kleinen Tanzschule sitze ich mit einer Handvoll Lernwilliger auf Baststühlen. Die jüngste Tänzerin, Rocío Suárez, trägt ein Lippenpiercing. Sie hält sich kerzengerade, wirbelt herum, rafft den Rock hoch. Sofort verwandelt sich Rocia in Carmen. Studio-Chef Eduardo Rebollar hat das vorbereitet, was Anfänger immer brauchen – einen Film, der den Takt erklärt. Zuerst sollen wir klatschen, bevor wir ein paar zaghafte Drehungen versuchen. „Von 1 bis 12 zählen die Noten, die Betonung – und jetzt kommt’s – liegt auf 3, 6, 8, 10 und 12.“ Welch ein Vergnügen, plötzlich mitklatschen zu können. Atemlos, pausenlos, theatralisch. Wie Sevilla eben.

Servilla Nacht
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Servilla Nacht

Anreise

Ab Deutschland z. B. mit Ryanair ab ca. 100 Euro hin und zurück; über Madrid ab 99 Euro mit Lufthansa, von dort mit dem Schnellzug von Renfe in ca. 2,5 Stunden nach Sevilla. ryanair.com, lufthansa.com, renfe.com

Unterkunft

Hotel Amadeus Das Boutique- Hotel ist eine Hommage an die vielen berühmten Komponisten, die Sevilla inspiriert hat; mit Klavier und Dachterrasse. DZ ab 98 Euro hotelamadeussevilla.com

Eme Catedral Hotel Das Trendhotel mitten in der Stadt gegenüber Kathedrale und Giralda-Turm, hier trifft sich zum Sonnenuntergang die Szene auf der Dachterrasse. DZ ab 150 Euro, Calle Alemanes 27 emecatedralhotel.com

Essen in Sevilla

Abantal Modernes andalusisches Fusion-Food von drei talentierten jungen Köchen, Tasting-Menüs mit 7 bis 9 Gängen. Alcalde José de la Bandera 7–9, Tel. 0034/954/54 00 00 abantalrestaurante.es

Al Aljibe Ausgefallene Tapas- und Tagesgerichte von einem kolumbianischen Koch, Dachterrasse im 2. Stock. Alameda de Hércules 76, Tel. 0034/954/90 05 91 alaljibe.com

Casa Román Bodega mitten in der Altstadt, fünf Minuten entfernt vom Alcázar-Palast und doch untouristisch, berühmt für ihren Serrano-Schinken. Plaza de los Venerables 1

Ausgehen in Sevilla

Pub Torero Typische After-Work- Bodega in der Innenstadt. Calle Julio Cesar 5

Zelai Modern und stylish. Ab 21 Uhr gibt es Sushi und Tapas. Calle Albareda 22, Tel. 0034/954/22 99 92 www.restaurantezelai.com

Madrugá Schräger Live-Club. Soul, Rock, Flamenco, manchmal alles zusammen. Calle Salado 11 madrugasevilla.es

Buddha del Mar Chillen auf drei Etagenim Ex-Bahnhof und Weltausstellungsgebäude, nahe der Brücke Puente de Isabel. Plaza de la Legion 8

Shoppen in Sevilla

Zabol Schöne bunte Schuhe, viele im Flamenco-Stil. Calle Sierpes 14

Sombrerería Maquedano Ein Muss für alle Hutfans. Calle Sierpes 40 maquedano.com

Nice things Ausgefallene Mode, Taschen und Accessoires gibt es bei Nice things. Calle Cerrajería 31 nicethings.es

Global Minimalistische Möbel, Mode und Gourmet-Häppchen in einem Gebäudevon 1920. Calle Asunción 12 globalsevilla.es

Flamenco Günstige Mode von jungen einheimischen und von europäischen Designern. Calle Francos 39

Pilar Vera Handgemachte Flamenco-Kleider von der bekanntesten Modeschöpferin Sevillas. Cuesta del Rosario 6 pilarvera.com

Flamenco

Wann genau der Flamenco entstanden ist, ist umstritten. Fest steht allerdings, dass er mit den „gitanos“ (spanischfür Sinti und Roma arabischen Ursprungs) im 15. Jahrhundert aus Indien über Ägypten nach Andalusien kam. Seitdem gilt Sevilla als Hauptstadt des Flamenco.

Museo del Baile Flamenco Das Museum der berühmten Tänzerin Cristina Hoyos beherbergt neben tollen Filmen auch Kunst und Flamenco- Requisiten. Täglich geöffnet von 9 bis 18 Uhr. Außerdem werden Flamenco-Workshops für Anfänger angeboten museoflamenco.com

Tagesausflüge

Ein Ausflugzu den weißen Dörfern lohnt sich. Besonders schön: das Flamenco-Frauen-Museum in Arahal museomujerflamenco.com. Danach kann man in der Bodega La Mazaroca gut essen. Calle Óleo 42, Arahal

Flamenco-Festivals

Von April bis September 2013 in Sevilla und Umgebung. Los geht’szu Ostern mit der Semana Santa und der Feria de Abril in Sevilla. Auf der Flamenco- Biennale im September treten alle zwei Jahre einen ganzen Monat lang Weltstars wie z. B. Gerardo Núñez, Paco de Lucía, das spanische Nationalballett und viele mehr auf. Mehr Infos gibt es unter: labienal.com

Informationen

Das spanische Fremdenverkehrsamt Turespaña in Frankfurthilft bei Fragen gerne weiter. Myliusstraße 14, 60323 Frankfurt, Tel. 069/725 33 sevillaonline.es.

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