21. September 2012
Eine Stadt im Rausch: Beirut

Eine Stadt im Rausch: Beirut

Hier enden Partys erst, wenn die Sonne hinter den Moscheen und Kirchen aufgeht. PETRA-Autorin Aileen Tiedemann war im "Paris des Nahen Ostens", um die Frauen über das besondere Lebensgefühl in der libanesischen Hauptstadt zu sprechen.

Blick über die Stadt
© Christian Boehm
Blick über die Stadt

„Wir Libanesen wollen das teuerste Auto fahren, perfekt aussehen und bis zum Morgengrauen tanzen“, sagt Lara Chekerdjian. Die 40-jährige Filmproduzentin steht auf dem Balkon ihrer Filmproduktion Ginger Beirut und blickt auf ihre Stadt am Meer, die eilig nach dem Ende des Bürgerkrieges 1990 wieder aufgebaut wurde. Graue Hochhäuser und Kriegsruinen prägen das Bild, aber auch Gebäude, die für den Neuanfang stehen: Prachtbauten im osmanischen Stil, gläserne Bürotürme, restaurierte Kirchen und Moscheen. Dann setzt sie hinzu: „Das liegt daran, dass wir aus dem Leben so viel wie möglich herausholen wollen.“

Essen im Hotel LeVendome
© Christian Boehm
Hotel LeVendome : Orientalische Köstlichkeiten mit Meerblick  

Der Hunger nach Leben ist überall in der Stadt zu spüren. In den Beachclubs an der Uferpromenade wird tagsüber zu lauter Housemusik getanzt, die vielen Nachtclubs auf Dachterrassen haben bis zum Sonnenaufgang geöffnet, und die Autofahrer kennen weder Ampeln noch Geschwindigkeitsbegrenzungen. Als wir eine halbe Stunde später losmarschieren und eine mehrspurige Straße überqueren wollen, müssen wir den gesamten Verkehr mit der Hand anhalten. Heil auf der anderen Seite angekommen, gelangen wir ins Saifi Village, eine Wohngegend mit Kopfsteinpflaster und Häusern im Stil der einstigen Kolonialmacht Frankreich. Dort befindet sich Laras Lieblingsgalerie Nada Debs, in der ihre Freundin Céline Chidiac japanisch-orientalisch inspirierte Möbel verkauft. Abends arbeitet Céline als DJane in den angesagtesten Clubs der Stadt und sieht aus wie jemand, den man so in London oder Berlin antreffen könnte. Verschleierte Frauen trifft man in Beirut zwar auch, aber Shorts und kurze Kleider werden ebenso akzeptiert. Es ist eine Offenheit, die Lara an ihre Heimatstadt glauben lässt. Ganz bewusst ist sie als Christin mit ihrer Familie in eine muslimische Gegend der Stadt gezogen. „Erst hatte ich Bedenken“, gibt sie zu. „Aber heute fühle ich mich absolut sicher. Aus der Distanz erscheinen die Dinge oft gefährlicher als sie in Wirklichkeit sind.“ Dieser Meinung scheint auch der amerikanische Popstar Wyclef Jean zu sein. Am Abend gibt er ein Überraschungskonzert in der Skybar, einem Club auf einem Häuserdach am Meer. „Meine Freunde haben mich gewarnt. Fahr nicht in den Libanon, dort wirst du erschossen“, ruft er der tanzenden Menge zu. „Aber ich hab gesagt: Ihr habt keine Ahnung. Ich fahre hin und feiere dort die Party meines Lebens!“ Danach gibt es kein Halten mehr. Frauen in Kleidern mit tiefen Rückenausschnitten recken ihre manikürten Hände in die Luft, Männern kleben die engen Hemden am Körper. Nach dem Konzert zwischen Feuerwerkskörper in den Nachthimmel. Als der DJ schließlich „Losing My Religion“ von R.E.M. spielt – und beim Refrain die Lautsstärke herunterdreht, singen alle mit. Ein verschwitzter Partybesucher neben mir ruft mir zu: „Dieser Ausnahmezustand ist ganz normal für Beirut. Wir feiern, als gäbe es kein Morgen!“

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Frauen in Beirut
© Christian Boehm
Beiruts Nachtleben: So viele operierte Nasen wie in Beirut sieht man selten. Die Feierlaune ist aber garantiert echt 

Diesen Satz hört man oft in Beirut. Es geht darum, sich maximal zu amüsieren – und dabei maximal gut auszusehen. Begradigte Nasen gehören genauso zum Schönheitsideal wie künstliche Brüste. Aber warum lassen sich junge Frauen, die eh schon wie Models aussehen, die Lippen aufspritzen? Und warum tragen sie nachts stolz ihr Pflaster von der Nasen-OP zur Schau? Antworten auf diese Fragen gibt mir Nada Doueiry, die als Moderatorin für Fashion TV Arabia gearbeitet hat und heute prominente Gäste eines Luxushotels betreut. Wir treffen uns im Restaurant Al Falamanki, um über den Schönheitskult von Beirut zu sprechen. „Der Wettbewerb unter den Frauen ist deswegen so groß, weil so viele Männer im Ausland arbeiten“, meint die 31-Jährige. „Auf einen Mann kommen in Beirut zirka sechs Frauen, die sich gegenseitig mit ihrem Aussehen übertrumpfen wollen.“ Aber das sei nicht der einzige Grund: „Wir Frauen im Libanon sind sehr westlich eingestellt. Das wollen wir mit unserer Kleidung zeigen.“ Sie selbst geht zweimal die Woche zum Friseur, einmal in den Beauty-Salon und dreimal ins Fitness-Studio. „Die ganze Stadt ist ein einziger Schönheitswettbewerb“, lacht sie. „Selbst in den Beachclubs tragen wir Frauen High Heels, wasserfestes Make-up und Ohrringe.“

Häuserfronten in Beirut
© Christian Boehm
Downtown Beirut: Alte Häuserfassade im Stil der einstigen Kolonialmacht Frankreich in Downtown Beirut. Der Rest des Zentrums wurde nach dem Krieg in ähnlichem Stil wieder aufgebaut 

Weltreligionen in trauter Nachbarschaft

All diese Dinge kauft man in den Beirut Souks im Zentrum der Stadt. Dort, wo noch vor 15 Jahren Bäume aus den Ruinen des alten Basars wucherten, befindet sich heute eine moderne Einkaufsmeile mit Filialen internationaler Modeketten. In den meisten Schuhläden werden ausschließlich mörderisch hohe High Heels verkauft – auch in den Kleidungsgeschäften ist das Wort Zurückhaltung ein Fremdwort. Nada schlüpft erst in ein gelbes trägerloses Cocktailkleid und probiert dann einen bunt geringelten Sonnenhut auf. Eine Viertelstunde später müssen wir uns beim Besuch der Al-Amin-Moschee in einen schwarzen Umhang und Kopftuch hüllen. „Kein Haar darf zu sehen sein“, mahnt der Mann am Eingang. Drinnen stolpern wir fast über unsere langen Gewänder und starren ehrfürchtig auf einen bombastischen Kristall-Leuchter, der an der prächtig verzierten Kuppel hängt. In Beirut existieren die unterschiedlichsten Welten nebeneinander – das wird mir spätestens jetzt klar. Muslimische Schiiten, Sunniten, Drusen und katholische oder orthodoxe Christen – sie alle leben gemeinsam, aber doch voneinander getrennt in der Zwei-Millionen-Stadt.

Amethyste Lounge
© Christian Boehm
Amethyste Lounge: Die Amethyste Lounge des Luxus-Hotels Phoenicia 

Der Ort, an dem scheinbar alle Grenzen aufgehoben sind, ist die Corniche – die berühmte Uferpromenade von Beirut. Als wir dort bei Sonnenuntergang spazieren gehen, sehen wir Frauen mit Schleier vorbeijoggen und Bodybuilder mit freiem Oberkörper auf den Felsen posieren. Salziger Wind dringt uns in die Nase und vermischt sich mit dem süßlichen Duft von Wasserpfeifen. Auf Rasenplatten demonstriert eine Gruppe Jugendlicher für ein grüneres Beirut. Am nächsten Tag besuchen wir Cherine Magrabi. In ihrer Galerie House of Today verkauft sie Produkte und Kunstwerke aus den unterschiedlichsten Regionen des Libanons. Bestickte Kissen aus palästinensischen Flüchtlingscamps hören genauso zu ihrem Sortiment wie handgemachte Seifen aus dem noch immer umkämpften Tripolis im Norden des Landes. „Kunst ist wie Therapie“, erklärt Cherine, die in London Kunst studiert hat. „Sie hilft den Menschen, das auszudrücken, was sie sonst nie sagen würden.“ So sprechen die Kunstwerke in ihrer Galerie alle ihre ganz eigene Sprache. Etwa das Vogelhäuschen aus über 1000 Patronenhülsen oder die Kerze in Form einer Granate. „Der Krieg ist nun mal Teil unserer Geschichte“, so Cherine. „Was nicht heißen soll, dass wir heute nicht unbeschwert leben können.“ Wie gut die Einwohner Beiruts darin sind, einfach nur den Moment zu genießen, zeigt sich am Abend in der eleganten Bar Amethyste im Hotel Phoenicia.

Rooftop-Bar Le Capitole
© Christian Boehm
Le Capitole: Die Rooftop-Bar Le Capitole mit Blick auf das Lichtermeer der Stadt 

Dort, wo in den 60er-Jahren Marilyn Monroe am Pool lag und Beirut als „Paris des Nahen Ostens“ zelebriert wurde, sitzen heute Frauen in schulterfreien Kleidern am Tresen und rauchen rosa Zigaretten. Es ist der Auftakt zum Samstagabend, den Nada und ich mit einem Wassermelonen-Cocktail einläuten, bevor wir mit dem Taxi in den Nachtclub Pier 7 am Meer fahren. Dort begrüßen uns ihre Freunde nicht nur mit jeweils drei Küsschen, sondern auch dreisprachig mit „Hi, kifik, ça va?“. Typisch für Beirut – die meisten Menschen sprechen einen Mix aus Englisch, Arabisch und Französisch. Gemeinsam trinken wir Champagner, der hier nur flaschenweise und mit Mini-Feuerwerk serviert wird, und beobachten das nächtliche Spektakel um uns herum. Es ist wie im Theater. Wer sitzt wo? Wer hat was an? Wer ist mit wem da? Plötzlich richten sich alle Blicke auf die Tanzfläche, die im Boden versinkt und kurz darauf mit Tänzern in blinkenden Roboterkostümen und einem Schlagzeuger wieder auftaucht. Bunte Lichter zucken über unsere Gesichter und laute Beats knallen uns um die Ohren. Als einer von Nadas Freunden zu später Stunde ruft: „Beirut ist die heißeste Partystadt der Welt!“ prosten wir ihm alle zu.


ANREISE Lufthansa fliegt nonstop von Berlin und Frankfurt nach Beirut. Preis ab 475 Euro. Es reicht ein mindestens sechs Monate gültiger Reisepass, in dem sich kein Israel-Stempel befinden darf.

SICHERHEIT UND MEHR Moscheen sollten nicht ohne lange Bekleidung und Kopftuch betreten werden. Am gefährlichsten in der Stadt ist der Straßenverkehr, ansonsten ist Beirut so sicher wie jede andere Millionen-Metropole.

WOHNEN Phoenicia Beirut Eine ausladende Marmortreppe führt ins Innere dieses legendären Hotels, in dem seit den 60er-Jahren internationale Stars und Politiker absteigen. Vom Großteil der Zimmer blickt man aufs Meer. Mit Außenpool und dem exquisiten Fine-Dining-Restaurant Eau de Vie im elften Stock, das einen fantastischen Blick über die Stadt bietet. DZ inkl. Frühstück ab 350 Euro, Minet El Hosn, www.phoeniciabeirut.com Le Vendôme Beirut Boutique-Hotel am Meer, der Zutritt zum gegenüberliegenden Beachclub La Plage ist gratis. Vom Restaurant Sydney’s im 13. Stock blickt man auf das Meer und die Corniche. DZ inkl. Frühstück ab 360 Euro, Rafis Al Hariri Street, www.levendomebeirut.com

ESSEN Al Falamanki Traditionelle libanesische Speisen und Wasserpfeifen. Damascus Road, www.alfalamanki.com Le Stay Französisches Restaurant von Sternekoch Yannick Alléno mit eigener Dessert-Bar. Fakhry Bey Street, www.beirutsouks.com.lb

AUSGEHEN Pier 7 Partyarena unter freiem Himmel mit Showacts. Dora Sea Side Rd., www.pier7beirut.com Skybar Club auf einer Dachterrasse mit Meerblick, LED-Wänden und bombastischer Lichtshow. www.sky-bar.com Behind The Green Door In-Treff im Ausgehviertel Gemmayze. Nahr Street.

SHOPPING Elie Saab Boutique des berühmten libanesischen Modemachers im restaurierten Stadtzentrum. Omar Daouk Street, Tel. +961/198 19 82, www.eliesaab.com Nada Debs Japanisch-orientalisch inspirierte Möbel. Moukhalsieh Street, www.nadadebs.com House of Today Wohnaccessoires, Kleidung und Kunstwerke von libanesischen Designern. Villa Zein, Omar Daouk Street, www.house-of-today.com

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