18. März 2010
Wofür geben Sie Ihr Geld aus?

Wofür geben Sie Ihr Geld aus?

Geld allein macht sicher nicht glücklich, aber Spaß! Vor allem so: PETRA schickte vier Frauen mit je 150 Euro zum Verjubeln los. Und siehe da: Jede legt auf etwas anderes Wert. Bestimmt erkennen Sie sich selbst wieder – obwohl sich bei vielen das Kaufverhalten gerade total verändert hat.

© Carmen Steiner - Fotolia

»Lieber wenig, aber was Edles«
SONJA, 38 JAHRE, VERLAGSANGESTELLT

„Nur bummeln gehen gibt’s bei mir nicht. Auch nicht mit geschenktem Geld. Wenn ich alle vier bis sechs Wochen mal zum Shopping losgehe, dann mit einem bestimmten Ziel: eine neue Jeans, ein Paar Stiefel oder ein schönes Oberteil zum Weggehen – ich weiß
immer genau, was ich will. Bei mir hängen überwiegend Basics im Schrank, modischer Schnickschnack interessiert mich wenig. Mir ist Qualität wichtig, besonders bei Hosen, Schuhen und, ganz entscheidend, bei Strumpfhosen! Ich möchte Kleidung, die edel aussieht und lange hält, und dafür zahle ich gern etwas mehr. Trotzdem achte ich auf mein Geld. Das habe ich in meiner Zeit als Selbstständige gelernt. Seitdem shoppe ich viel bewusster. Manchmal kaufe ich Designerkleidung auch bei Ebay. Oft kaufe ich was Klassisches, aber Schuhe dürfen auffallen – so wie meine neuen bunten Guess-Stiefel. Die 150 Euro langten nicht mal für die Hälfte: 200 Euro musste ich drauflegen. Aber das sind sie mir wert. Für Bücher, Kino oder Theater gebe ich kaum etwas aus. Nur schön essen gehen – das muss mehrmals im Monat drin sein.

MEINE ART ZU SHOPPEN
„Ich überlege genau, was ich will – und brauche. Dafür kann es dann auch mal mehr kosten."

»Etwas verrückt soll es sein«

»Etwas verrückt soll es sein«
JULIA, 30 JAHRE, PRODUKTMANAGERIN

Ausstellungen, Partys, Poetry Slams: Ich liebe das kulturelle Leben in all seinen Facetten. Nur ins Ballett habe ich es bisher noch nie
geschafft. Deshalb werde ich von den 150 Euro Karten für Schwanensee kaufen und meine Freundinnen dazu einzuladen. Eine von ihnen hat früher selbst getanzt, da haben wir an dem Abend sicher viel Spaß. Generell bin ich offen und probiere oft Neues aus, auch in der Mode. Mehrmals im Monat durchstreife ich kleine Designergeschäfte, immer auf der Suche nach meinem persönlichen Lieblingsstück. Es sollte Leidenschaft, Liebe und vor allem Kreativität drinstecken, einfach außergewöhnlich sein. Verrückte, bunte Sachen passen am besten zu meinem Lebensstil. Nebenbei spiele ich als DJ Musik in Clubs, da brauche ich bühnentaugliche Outfits. Auf Reisen lasse ich mich besonders gern inspirieren. Dann laufe ich mit offenen Augen durch fremde Städte, stöbere in kleinen Läden und schaue mir
die unterschiedlichen Looks der Leute an. In Paris hab’ ich mal einen abgefahrenen Blazer von Balmain gesehen. Aber dafür 3.000 Euro
bezahlen? Da gehe ich lieber einmal mehr ins Konzert oder mit Freunden lecker essen.

MEINE ART ZU SHOPPEN
"Ich lese regelmäßig Modeblogs wie „Les Mads“, um zu wissen, was gerade hip und trendy ist."

»Schnäppchenlust!«

»Schnäppchenlust!«
VANESSA, 30JAHRE, SÄNGERIN

Am liebsten gehe ich montagmorgens shoppen. Dann sind die Geschäfte aufgeräumt und relativ leer. Überfüllte Fußgängerzonen hasse ich wie die Pest! Etwa alle zwei Wochen bin ich in günstigen Läden unterwegs und oft schlage ich bei Special-Sale-Aktionen zu.
Von meiner Mutter habe ich gelernt: Keine Angst vorm Grabbeltisch! Mama ist eine Schnäppchenkönigin und ersteht regelmäßig qualitativ hochwertige Ware – aber bis zu 70 Prozent reduziert. Sie hat mir auch die Scheu vor Billigläden genommen. Erst neulich habe ich mir eine Thermostrumpfhose bei KiK gekauft, für 5 Euro! Die sitzt super und hält schön warm. Mein bester Einkaufsberater ist übrigens mein Freund, der hat sogar noch mehr Ausdauer als ich –leider aber nur selten Zeit. Die 150 Euro habe ich in dreieinhalb Stunden ausgegeben, mein üblicher Zeitschnitt für einen Bummel. Dafür habe ich viele verschiedene Sachen ergattert: Stiefeletten und eine Strickweste, Dessous, ein Tuch und Ohrringe. Am Ende war noch ein Caffè Latte drin.

MEINE ART ZU SHOPPEN
„Wenn ich ein teures Teil sehe, schlafe ich drüber, bevor ich mich entscheide. Ich mag es günstig."

»Feiern ist besser als shoppen«

»Feiern ist besser als shoppen«
SABINA, 35 JAHRE, ENGLISCHLEHRERIN

Früher habe ich viel Markenkleidung gekauft. Heute gebe ich weniger Geld für Mode aus – weil Statussymbole mir nicht mehr so wichtig sind. Meine teuren Dolce&Gabbana-Schuhe, die ich vor acht Jahren gekauft habe, liegen vergessen im Schrank und sind längst nicht mehr „in“. Trends vergehen eben schnell. Da kaufe ich mir lieber günstige Teile bei den üblichen Ketten und gehe dafür öfter aus, mehrmals im Monat ins Kino oder Konzert. Von den 150 Euro habe ich mir einen tollen Abend mit meinen Freundinnen gemacht. Wir waren auf einer Party, dann Cocktails trinken und feiern in unserem Lieblingsclub. Zum Ausgehen gehört für mich nach wie vor, mich schick zu machen. Aber ich kann modisch und sexy aussehen, ohne viel dafür zu bezahlen. Bei Kosmetik spare ich allerdings kaum. Von den rund 400 Euro, die ich im Monat ausgeben kann, geht das meiste für kulturelle Sachen drauf, etwa für Bücher oder Musik-CDs.

MEINE ART ZU SHOPPEN
"Meine Lieblingsläden besuche ich regelmäßig, um zu wissen, was in den Kollektionen läuft."

Das Einkaufsverhalten der Deutschen

Mein schlechtes Gewissen habe ich am Samstag kurzerhand zu Hause gelassen. Stattdessen begleiteten mich meine Kreditkarte und eine
Portion Sorglosigkeit. Mit dem Ergebnis, dass ein paar Stunden später mein Kreditrahmen ausgereizt und ich um ein paar Tüten voll schöner Nichtigkeiten reicher war. Ein wohliges Gefühl machte sich breit – auf Dauer? Ausnahmsweise habe ich mir geleistet, was ich mir sonst verkneife: spontanes Einkaufen, ohne nachzudenken, ohne Reue und–vorallem–ohne auf den Preis zu achten.Denn seit der allzu laxe
Umgang mit Geld Dutzende Banken und Firmen straucheln lässt, gebe ich mein Gespartes nicht mehr so unbesorgt aus wie früher, weder beim Designer noch im Supermarkt.

Wie ich haben Millionen Menschen ihre Konsumgewohnheiten überprüft. Was nicht zwingend heißt, dass wir weniger kaufen. Eine Umfrage des Forsa-Instituts bestätigt: Stünden monatlich 100 Euro extra zur Verfügung, würden zwei Drittel der Deutschen den Betrag nicht aufs Konto packen, sondern ausgeben – obwohl Sparen grundsätzlich angesagt ist wie lange nicht mehr. Doch Geiz halten viele eben keineswegs für „geil“. Sie erleben Glücksmomente, wenn sie sich etwas Neues oder Spannendes gönnen. Und gerade in Zeiten der Angst kaufen wir auch, weil uns jedes neue Teil ein Gefühl der Sicherheit suggeriert, etwas, um sich dran festzuhalten. Eine ganze Wissenschaft beschäftigt sich damit, wie wir unser Geld ausgeben.

Die sogenannte Neuroökonomie untersucht, meist im Auftrag verzweifelter Marketingabteilungen und Werbeagenturen, was unser Gehirn an Informationen und Verlockungen braucht, damit wir unser Portemonnaie schnell, gern und sorglos zücken.Die Lust am Geldausgeben ist ein Überbleibsel der Evolution, so die Grundüberlegung. Einst haben wir als Jäger (innen) und Sammler(innen) Vorräte angehäuft, um unser Überleben zu sichern und für Artgenossen attraktiv zu sein. Ähnlich läuft es heute noch – mit dem Unterschied, dass vom neuen Blümchendress nicht das Überlebenabhängt.

Die Biologie hilft uns, die Shoppinglust im Zaum zu halten. Interessante Erkenntnis der Neuroökonomen:Besonders hohe Preise aktivieren in unserem Gehirn das Schmerzzentrum und den Neokortex, den Bereich also, in dem die Vernunft sitzt. Dennoch gieren wir sogar in risikoreichen Krisenzeiten nach Status, Luxus und Neuheiten. Nur, dass wir diese Werte jetzt anders definieren. Beispiel Status: Was in den
80er-Jahren der Label-Wahnwar, ist heute der „grüne Konsum“. Statt mit fetten Logos punkten Designer wie Stella McCartney und CalvinKlein nun mit ökologisch und ethisch korrekt hergestellter Kleidung. Dieser ideelle Mehrwert hat auch für uns Konsumenten einen psychologischen Nutzen: Wir kaufen (fast) ohne schlechtes Gewissen – und mit dem Gefühl, sogar noch etwas Gutes zu tun. Studien zeigen: Obwohl jeder Dritte seinen Konsum heute tendenziell einschränkt, tun dies nur 18 Prozent der Deutschen bei ausgewiesenen Ökoprodukten. „Die Wirtschaftskrise hat das Verlangen nach Fair Play enormgesteigert“, sagt Peter Wippermann, dessen Trendbüro aktuelle Shopping-Phänomene untersucht hat. „Ethischer Konsum steht für die Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Beständigkeit.“ Schlechte Zeiten also für hohle Glamourprodukte. Hinzu kommt, dass die Rezession das Sparen wieder salonfähig
gemacht hat. Auch Gut-und Besserverdiener wechseln zu günstigeren (oft auch zu „grünen“) Stromanbietern, kaufen Öko-Baumwollshirts bei H&M oder entdecken den Schrebergarten, um selbst Gemüse zu ziehen. Sogar Campen ist wieder in, wie der einst schon tot gesagte Anbieter Eurocamps (www.eurocamp.co.uk)aus England beweist: Das Geschäft boomt, nicht zuletzt beflügelt durch die Lust auf alternative
Naturerlebnisse.

Vom Shopping-Wahnsinn der 90er- Jahre haben wir uns verabschiedet, so scheint es. Die Verbraucher definieren das Einkaufen neu, eher als eine Art Sinnsuche. „Von Konsum verzicht wollen wir wenig wissen, dafür umso mehr von der Werthaltigkeit des Konsums. Und das kann bedeuten: Gut leben statt viel haben“, erklärt Horst W. Opaschowski, der die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen leitet. Das Institut fragte 2.000 Deutsche, wie sie ihre kommenden Jahre einschätzen. Die Antworten zeigten, dass Wohlstand für die meisten mehr mit Lebensqualität zu tun hat als mit Lebensstandard. Die knapp bemessene (Frei-)Zeit sinn- und gehaltvoll zu verbringen - darauf kommt es an. Immer mehr Menschen handeln inzwischen als sogenannte „hybride Konsumenten“: Statt wie früher stets zur gleichen Creme oder Jeans zugreifen, springt der moderne Verbraucher munter zwischen den Marken hin und her, mischt nach „oben“ und „unten“. Eben noch der Wocheneinkauf beim Discounter, anschließend besorgt man sich noch eine Flasche hochwertigen Wein im Fachhandel. Oder: Ja, der Mantel muss unbedingt von Boss Woman sein – aber das weiße T-Shirt für drunter darf gern von H&M stammen. Der typische Einkäufer von heute ist „eine Art Dauerseitenspringer, ein Gigolo der modernen Warenwelt“, so nennt es EvaTenzer, Autorin des unterhaltsamen Sachbuchs „Go Shopping! Warum wir es einfach nicht lassen können“(Kiepenheuer, 300 S., 19,95 Euro). „Wer ein gutes Schnäppchen macht, kann sich der sozialen Anerkennung sicher sein“, so die Historikerin. Kein Wunder, dass Online-Portale wie Billiger.de oder Ebay so erfolgreich sind. Dort können die Preise rund um die Uhr verglichen werden – und das weltweit. Und falls ein Einkaufsbummel doch mal teurer ausfällt als geplant, erwarten wir als Gegenleistung weit mehr als das „nackte“ Produkt, nämlich ein befriedigendes Erlebnis. Den Cappuccino zwischen durch trinken wir lieber im hübschen Café als im schmucklosen Backshop. Oder wir bummeln genüsslich durch Themen-Boutiquen, in denen wir neben Schuhen auch Kunstbände finden. EvaTenzer sagt: „Wo wir uns gut aufgenommen fühlen, zahlen wir auch gern etwas mehr.“

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