19. März 2013
Muss ich immer lieben, was ich tue ?

Muss ich immer lieben, was ich tue ?

Das Leben und der Job scheinen neuerdings nur noch erfüllend zu sein, wenn wir alles mit größter Leidenschaft angehen und das Maximum erreichen. PETRA-Autorin Constanze Frisch über die Frage, ob nicht einfach mal zufrieden sein am Ende doch glücklicher macht.

Frau repariert Auto
© iStockphoto / Thinkstock
Frau repariert Auto

Niemand von uns möchte mittelmäßig sein. Man möchte vielleicht nicht mit dem kunterbunten Harald Glööckler tauschen, aber für eine Sache zu brennen, das wäre schon etwas. Dann wäre man ein ganz besonderer Mensch mit einer ganz besonderen Leidenschaft für seinen Beruf.

Doof nur, wenn man jeden Morgen sein mittelblondes Haar kämmt, den gleichen Bus nimmt, in seine Sparkasse stapft und abends wieder nach Hause kommt, ein bisschen müde, ein ganz normaler Tag eben. Eigentlich würde es uns ja gar nicht stören, wenn da nicht dieser Gedanke wäre, der in unserem Hinterkopf schwelt: „Du musst lieben, was du tust, sonst bleibst du mittelmäßig.“ Woher kommt der eigentlich?

Der Anspruch im Job Erfüllung zu finden

Vielleicht waren es die Eltern, die uns einbläuten, dass man 100 Prozent Leistung bringen muss, um erfolgreich zu sein und anerkannt zu werden – dabei erinnert man sich eher daran, dass gerade die eigenen Eltern in erster Linie arbeiten gingen, um Geld zu verdienen. Schließlich musste die Miete bezahlt werden. Aber man selbst sollte es besser haben – und besser machen. Fleiß reichte nicht. Man sollte brennen. In der Schule für seine Noten, in der Ausbildung um den besten Abschluss. Und jetzt im Job, um weiterzukommen. Und wehe, man macht abends einmal den Fernseher an und schaltet in eine Castingshow – nur aus Versehen, ist schon klar: Schon reiben Detlef D! Soost, Dieter Bohlen, Nena und Co einem unter die Nase, dass man das, was man tut, lieben muss. Sonst wird man nichts, bleibt ein Nichtskönner, der aus dem Rennen fliegt, bevor man piep sagen kann. Muss man jeden Morgen vor Freude durchdrehen, weil man seinen Job so grandios findet? Literweise Herzblut in jedes noch so kleine Projekt investieren und abends so lange bleiben, bis man als Letzter das Licht ausmacht?

Muss man mit seinem Job eine glühende Beziehung führen – darf man ihn nicht als guten Bekannten sehen, mit dem man gern Zeit verbringt – aber nicht mehr?

Die Suche nach dem Sinn des Lebens

Schwer zu sagen. Denn in einer Welt, in der es gilt, ständig in allem die totale Erfüllung zu finden, reicht es nicht mehr, einfach pünktlich und emsig zu sein. Böse Zungen mögen behaupten, dass der Grund darin liegt, dass wir zu viel Zeit haben, um nach dem Sinn in allem zu suchen. Stimmt vielleicht. Es geht uns ja gut, wir haben genug zu essen und anzuziehen, also muss das Leben – und die Arbeit – uns mit einem ganz tiefen Sinn erfüllen. Das mag eine einfache Sache sein, wenn man als Umweltschützer an einem ganz normalen Dienstagmorgen einen Wal rettet – oder als Hebamme ein gesundes Kind auf die Welt befördert. Als Sachbearbeiterin rettet man die Welt eher selten und verhilft der Welt auch nicht zu neuem Leben. Eigentlich verhilft man an einem guten Dienstagmorgen seiner Lieblingskollegin nur zu einem Kaffee. Ob das so fürs Leidenschafts-Karma reicht... Eher fraglich.

Dazu kommt, dass wir uns zunehmend über unseren Job definieren. Stehen wir auf einer Party herum, lautet eine der ersten Fragen oft: „Und was machst du so beruflich?“ Als ob es keine spannenderen Aspekte im Leben eines Menschen gäbe. Und blöd, wenn die Fragende als Designerin arbeitet, während man seinen eigenen Job nicht so superglamourös findet. Oder sich just mit Nachwuchs und Haushalt beschäftigt. Was antwortet man dann? „Mein Job ist nicht so aufregend“ oder „Ich bin Muttchen“? Wohl kaum. Kein Wunder, dass die Werbung, in der die Frau auf eben diese Frage „Ich führe ein kleines, aber erfolgreiches Familienunternehmen“ antwortete, ein solcher Erfolg war.

Vielleicht sieht unser Beruf nicht nach Berufung aus – aber er macht einen doch zufrieden. Na ja, meistens. Wenn keiner fragt. Das Problem liegt ja da: Wir schielen nur allzu gern nach links und rechts, zu Nachbarn, Freunden, Kollegen. Und dann wollen wir die Jobs, die sie haben. Warum? Ja, weil wir so erzogen wurden. An dem Tag, an dem unsere Mutter uns zum ersten Mal sagt, dass wir etwas nicht so gut können, springt die Beurteilungsmaschinerie an. „Seit unserer Kindheit spricht unser innerer Kritiker. Er nörgelt und macht uns deutlich, was wir alles falsch machen. Durch ihn bewerten wir den Alltag der anderen anders. Und wir denken, dass die anderen viel besser und viel schlauer sind als wir.“ Dennoch hat der ewige Zweifler auch eine positive Seite. „Er ist gleichzeitig unser Motivator, der uns dazu anspornt, unser Bestes zu geben“, weiß Motivationstrainerin Nicola Fritze.

Bleibt lediglich zu klären, wie man die Mission Seelenfrieden startet, wie man sich wohlfühlt mit dem, was man auf die Beine stellt – zwischen all den himmelhoch jauchzenden Ich-AGlern. Die gute Nachricht vorweg: Wir alle haben die Chance herauszufinden, was uns antreibt und was uns bremst, und Dinge zu verändern, um fröhlich und gelassen ans Werk zu gehen.

Man muss es nur tun. „Jeder ist ganz allein für seine Motivation zuständig“, so die Expertin. Am besten geht man Schritt für Schritt vor. „Ein guter Anfang ist, die Sachen, die man an seinem Leben oder seinem Job besonders mag und die einen begeistern, ganz bewusst aufzuspüren und sie genießen zu lernen.“ In ihrem Buch „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ stellt Nicola Fritze das Modell der drei Stellschrauben vor, das sich auf alle Lebenslagen anwenden lässt: Wahrnehmen, Denken, Handeln – und rauf aufs Zufriedenheitstreppchen. Egal wo man dreht, das System kommt in Schwung.

Positiv denken!

Okay, man entscheidet jetzt also, was man wahrnehmen möchte. Und stöhnt daher nicht wie üblich über den Berg an ungelesenen Mails und auch nicht über den Abgabetermin, der wie ein Damoklesschwert über einem schwebt. Sondern: Man lässt sich das Lob, das man gestern bekommen hat, noch mal auf der Zunge zergehen und amüsiert sich über den verlässlichen Flurfunk. Außerdem im Heiterkeitspaket: die klare Winterluft, durch die man morgens zur Bushaltestelle wandert. Oder anders ausgedrückt: Sie können sich über einen nervigen Kunden ärgern oder sich über die Kollegin freuen, die Sie anlächelt.

Der Knackpunkt: Jedem Gefühl geht ein Gedanke voraus. Und den rosaroten Elefanten im Kopf loszuwerden, der mit allem möglichen Ballast beladen ist, braucht ein bisschen Übung. „Hoffentlich habe ich was Brauchbares abgeliefert?!“, „Mist, meine Ansprechpartnerin ist nicht zu erreichen“, „Wie soll ich das bloß schaffen?“ – solche Sätze haben Hausverbot im Oberstübchen. Man denkt ab sofort positiv, in Lösungen, nicht in Problemen. Abgesehen davon lässt man sich in der Mittagspause nun lieber vom vietnamesischen Chefkoch nebenan verwöhnen, statt eine Zwischenbilanz aufzustellen, was noch erledigt werden muss. Und man besitzt inzwischen eine wohl dosierte To-do-Liste, dank der man abends pünktlich zum Mädelsabend oder ins Kino kommt.

Es gibt zwei hilfreiche Möglichkeiten, sich mit den Widrigkeiten des Alltags zu versöhnen. Zum einen kann man sich tatsächlich selbst in bessere Stimmung versetzen. Wenn wieder mal was schiefläuft, einfach so tun, als wäre alles paletti. Klingt komisch? Ist es aber nicht. Summen Sie Ihren Lieblingssong oder gehen Sie beschwingt in die Kaffeeküche – und Sie nehmen es nur noch halb so schwer. Zum anderen gilt: Gutes tun und sich dabei gut fühlen – es muss ja nicht immer der gerettete Wal sein. Die Welt verändert sich schon in dem Moment, in dem man etwas Kleines bewegt – und wenn das noch so kitschig klingt.

Nehmen Sie der Kollegin wieder einen Kaffee mit oder bieten Sie ihr Ihre Unterstützung an. Das macht Sie beide froh, und das Malheur tritt wie von Zauberhand in den Hintergrund. Ausprobieren! Meistens hilft das Schräubchen drehen. Und dann kann man sich aufrichtig darüber freuen, auf einer Party mal eine Person kennenzulernen, die tatsächlich Klamotten entwirft. Und im zweiten Atemzug kann man die Designerin dezent nach ihren Arbeitszeiten fragen. Wenn dann nämlich herauskommt, dass die Gute seit sechs Jahren keinen Urlaub mehr gemacht hat und rund um die Uhr am Schreibtisch sitzt – wie eigentlich jeder Selbstständige –, kann man aufhören, sie zu beneiden. Wie passend hat es eine der sinnlichsten Frauen des vergangenen Jahrhunderts ausgedrückt: „Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich nicht in einer kalten Nacht an ihr wärmen.“ Recht hatte die große Marilyn Monroe.

Motivation Jetzt!

Drei Punkte, die Sie sofort ändern können

WAS DENKE ICH EIGENTLICH?

Ich hinterfrage meine Gedanken: Male ich gerade schwarz? Lasse ich mich von schlechten Erfahrungen leiten? Bin ich deshalb so negativ gestimmt? Erste Hilfe: An Lösungen denken und sich von neuen Ideen anspornen lassen.

WAS TUE ICH ÜBERHAUPT?

Ich verändere mein Verhalten: Handle ich nach alten Mustern und Glaubenssätzen, die mich blockieren? Einfach mal die Dinge anders angehen und vielleicht auch einen ungewöhnlichen Weg einschlagen.

WIE FÜHLEN SICH DIE DINGE FÜR MICH AN?

Ich entscheide, was ich wahrnehmen möchte: Wovon lasse ich mich herunterziehen? Gibt es nicht auch Schönes? Darauf den Fokus legen – und heiter weiter!

Motivier sich selbst
© Südwest Verlag
Psychologie:

ZUM NACHLESEN:

Noch mehr Anregungen gibt es im neuen Buch von Nicola Fritze: „Motivier Dich selbst – sonst macht’s ja keiner!“ (Südwest Verlag, 176 S., 16,99 Euro)

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