15. Juni 2012
Mythos Vampire - warum wir sie lieben

Mythos Vampire - warum wir sie lieben

Bücher, Filme, TV-Serien - Vampire sind überall. Warum faszinieren sie uns so sehr? Da muss doch mehr dahinter stecken als die vielen sexy Schauspieler...

Vampire in Hollywood
Vampire in Hollywood

Vampire haben Hochkonjunktur. Gerade erst wandelte Johnny Depp in "Dark Shadows" untot über die Kinoleinwand, schon warten Millionen sehnsüchtig auf den letzten Teil der "Twilight"-Reihe. Auch auf dem kleinen Bildschirm kann man sich ihnen kaum entziehen. Ob bei "True Blood" oder den "Vampire Diaries", die Blutsauger sind überall. Woher kommt diese Faszination? Was steckt hinter dem Phänomen? Die einfachste Erklärung: Sexy Darsteller machen natürlich die Figur sexy! Zugegeben, von Brad Pitt und Tom Cruise ("Interview mit einem Vampir", 1994) über die heißen Gestalten der Nacht aus der Kultserie "Buffy" (David Boreanaz und James Marsters, 1997) bis hin zu sexy Lack- und Leder-Trägern wie Kate Beckinsale ("Underworld", 2003) wurde der Pop-Culture Vampirismus stets von hochattraktiven Darstellern bevölkert. Vielleicht steckt aber doch mehr dahinter als gutaussehende Schauspieler? Die könnten schließlich auch in die Rolle von Zombies schlüpfen. Woran liegt es also?

Was bisher als reines "Trekkie"-Phänomen bekannt war, die Hingabe von Fans an ein bestimmtes Medienprodukt oder -Genre, ist nun durch die neue Welle der Vampir-Faszination weiter verbreitet denn je. Vom 8. bis zum 10. Juni 2012 fand dieses Jahr erstmals die "Bloody Con" statt, eine Fan-Convention gänzlich der TV-Serie "Vampire Diaries" verschrieben. Die Stars wurden extra aus den USA eingeflogen, tausende Fans standen Schlange für Fotos, Autogramme und Vorträge.

The Vampire Diaries
© Warner Home Video
Ian Somerhalder (Damon), Nina Dobrev (Elena/Katherine) und Paul Wesley (Stefan) in "The Vampire Diaries"

Die Veranstalter, die auch die jährlich stattfindende "RingCon" organisieren (eine Fan-Convention zu allem, was mit Fantasy zu tun hat, von "Herr der Ringe" bis zu "Game of Thrones"), hatten mit einem solchen Fan-Ansturm nicht gerechnet. Bereits Sonntag Vormittag war die Con ausverkauft; insgesamt waren mehr Fans nach Bonn gereist als für die (immerhin seit bereits zehn Jahren etablierte) RingCon. Erst eine Online-Petition der Fans überzeugte die Veranstalter dazu, in das Vorhaben zu investieren. Die Fans haben Macht, diese entspringt aber erst dem geradezu fanatischen Hype, der um die diversen Vampir-Formate gemacht wird. Warum verlangen die Deutschen nach einer Tagung zu den "Vampire Diaries", nicht aber zu ebenfalls erfolgreichen Serien wie "Gossip Girl" oder einheimischen Erfolgsprodukten wie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten"? Die haben schließlich auch gutaussehende Darsteller. Stephenie Meyer, Autorin der "Twilight"-Reihe erklärt: Vampire "sind die Popstars im Gruselkabinett: attraktiv, cool und wohlhabend."

Nosferatu
© Getty Images
Max Schreck als "Nosferatu" (1922). Der Vampir noch als echtes Monster.

Dies ist allerdings ein Phänomen der Neuzeit. Früher waren Vampire durchaus gefürchtete und auch unansehnliche Gruselgestalten. Noch 1922, als der erste Vampir-Film "Nosferatu" gedreht wurde, war der dargestellte Vampir (gespielt von Max Schreck) ein unattraktives, Ratten-ähnliches Wesen, das mit Glatze und spitzen Ohren deutlich unmenschlich durch die Gegend schlich, steif und fast Mumienartig und vereinsamt in Dunkelheit lebte.

Christopher Lee als Dracula
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Christopher Lee als "Dracula" (1958).

Erst später wurde das Image des Vampirs als schicker Adliger etabliert, besonders durch die Dracula-Darstellungen von Bela Lugosi (1931) und Christopher Lee (1958). Nun trägt der Vampir einen schicken Frack und adrett gegelte Haare. Seit der Einführung des Farbfilms gehören auch die roten Augen zum Standard-Repertoire eines anständigen Blutsaugers. Und das ist es wohl, was ihn letztendlich so faszinierend macht. Sein Äußeres zieht uns an, doch sein Wesen kann uns umbringen. Der ultimative Bad Boy.

Vor allem liegt das Erfolgsgeheimnis des Vampirs wohl darin, dass er Fans in allen Altersgruppen hat. Das geht in der Kindheit mit den Hörspielen vom "Kleinen Vampir" los und zieht sich bis ins hohe Erwachsenenalter. Die Blutsauger verlieren nie ihre Faszination, weder über Jahrhunderte hinweg für die Menschheit, noch für jeden einzelnen im Laufe seines Lebens. Für jede Lebensphase bieten sie neue Anknüpfungspunkte. Teens identifizieren sich mit dem Mythos der Verwandlung, Twens und Ü-Dreißiger wünschen sich selbst Macht und Luxus und die Älteren Generationen träumen von Unsterblichkeit.

Der Vampir war zuerst Mensch und wird dann zum Überwesen. Besonders in zeitgenössischen Vampir-Geschichten nimmt der Konsument Teil an dieser Verwandlung. Wir sehen, wie Jessica in "True Blood" zum Vampir gemacht wird, wie Caroline in den "Vampire Diaries" plötzlich neue Zähne wachsen und wie Bella in "Twilight" nach dem Erwachen mit nun roten Augen in die Welt blickt. Eines haben alle Transformationen gemeinsam: Sie sind nicht leicht. Die frisch-gebackenen Vampire müssen sich an das neue Leben gewöhnen, an neue Gelüste (nach Blut, zum Beispiel), an neue Zwänge (wie die Gefahr der Sonne) und an eine neue Rolle in der Gesellschaft, in der sie leben. Meistens geht die Verwandlung sogar mit einem Abschied vom früheren Ich einher, mit einer Abkehr von der eigenen Familie und von Freunden. Auch Teenager machen eine Transformation durch, wenngleich eine nicht ganz so drastische. Auch sie lösen sich von ihrem kindlichen Selbst und häufig auch von ihren Familien. Sie erleben die Welt plötzlich anders; Eindrücke und Empfindungen verschieben sich, ihr Status in der Gesellschaft wird ein anderer. Die Parallelen zum Mythos der Vampirwerdung sind offensichtlich.

Dennoch wollen wir natürlich die bereits angesprochene sexuelle Komponente des Vampir-Phänomens nicht außer Acht lassen. Seien wir doch mal ehrlich Sex, bzw. die Andeutung von Sex, macht für Teenager alles ein wenig interessanter. Das bedient das Vampir-Genre perfekt. Wenngleich zu Beginn noch gut versteckt, hat der Vampir der Neuzeit stets einen sexualisierten Unterton. Psychologische Deutungen von Vampir-Filmen gibt es dabei viele: Der Vampir selbst ist der verboten Begehrte, der Biss steht für Sex. Ganz so metaphorisch muss man an die Sache vielleicht gar nicht rangehen. "Es ist ganz einfach", erklärt Schauspieler Ian Somerhalder ("Vampire Diaries"). "Als Vampir will ich an Deinen Hals. Und damit Du mich an Deinen Hals lässt, muss ich Dich verführen."

Buffy - Im Bann der Dämonen
© Getty Images
Der Cast von "Buffy - Im Bann der Dämonen" mit Sarah Michelle Gellar als taffe Vampir-Jägerin.

Formate für Teenager haben dabei eine deutlich andere Herangehensweise als Formate für Erwachsene. Teilweise fast moralisierend werden für die heranwachsenden positive Rollenmuster aufgezeigt. Die Zuschauer sind zum Großteil weiblich und gerade sie, junge Mädchen, sollen starke Rollenvorbilder präsentiert bekommen. Eine der erfolgreichsten Vampir-Serien aller Zeit, "Buffy - Im Bann der Dämonen", lebt von der starken Hauptfigur, einer Vampir-Jägerin die sich zwar in Vampire verliebt, sich von ihnen aber niemals ihrer eigenen Kraft berauben lässt. Buffy und auch Kollegin Faith stehen für feminine Selbstsicherheit, gute Vorbilder für werdende Frauen. Auch Sex ist noch nicht so provokativ wie in Vampir-Formaten für Erwachsene. Lange wird in der "Twilight"-Reihe nur geschmachtet, Sex wird gar als gefährlich für die viel zu zerbrechliche (weil menschliche) Bella gezeichnet. Dennoch ist der Sex, das Begehren, natürlich die ganze Zeit gegenwärtig; schließlich bleibt dem Mädchen dieses besondere Vergnügen nur verwehrt, weil ihr derzeitiger Lover eben ZU leidenschaftlich, ZU animalisch ist. Sexualität zwischen verruchtem, gar zerstörerischem Tabu und unvergleichbarem, Erfüllung verheißendem Versprechen.

Bela Lugosi als Dracula
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Bela Lugosi als "Dracula" (1931).

Der Mythos vom Vampir als wohlhabendem Gentleman reicht so weit zurück wie die Massenmedien. Während die Vampire der volkstümlichen Sagen erschreckende Untote waren, wurde mit Bela Lugosi als Graf Dracula ("Dracula", 1931) der Vampir zum reichen Mann von Welt, ebenso wie zum Sinnbild für verbotene Erotik. Natürlich stellt sich die Frage, warum jemand, der 150 Jahre lebt automatisch erfolgreicher sein sollte, als jemand der 50 Jahre auf dem Buckel hat. Doch bei Vampiren drückt man da ein Auge zu. Es wird davon ausgegangen, dass sie über die Jahrhunderte hinweg immense Reichtümer ansammeln. Wahrscheinlich sind sie allesamt sehr gewiefte Antiquitätenhändler. Zusätzlich zu ihren kaufmännischen Fähigkeiten haben sie aber auch immer andere, übernatürliche Kräfte. Meistens sind sie stärker und schneller als wir schnöden Menschen, manchmal können sie Gedanken lesen oder gar manipulieren. Viele können fliegen oder sich in Tiere verwandeln. Sie sehen aus wie wir, aber sie sind besser. Und besser gekleidet. Früher im schicken Frack mit gestärktem Kragen, heute in sexy Bad Boy Lederjacke.

Hier wollen wir auch noch einmal auf einen Punkt von ganz zu Anfang zu sprechen kommen. Wenn Vampire von den Nina Dobrevs ("Vampire Diaries") und Alexander Skarsgards ("True Blood") dieser Welt gespielt werden, ist es kein Wunder, dass die Menschen ihnen scharenweise zu Füßen liegen. Sie sind der Traum eines jeden jungen Karrieremenschen. Überdurchschnittlich gutaussehend, überdurchschnittlich wohlhabend, überdurchschnittlich potent in allen Bereichen. Sie sind alles, was wir gern wären und weil es in ihrer Natur liegt, nehmen wir es ihnen nicht einmal übel. Wir begehren sie, anstatt sie zu beneiden und akzeptieren aus eben diesem Grund auch ihre dunkle Seite; sie sind ja nur Fiktion. Was zwischen Menschen als Perversion gilt (z.B. das Trinken von Blut) wird in Vampir-Serien wie "True Blood" zum erotischen Liebesspiel. Mord ist hier an der Tagesordnung, aber wir verzeihen ihnen. Waren ja eh nur Statisten. Und so sind Vampire halt, das muss man schon verstehen, da kann man nicht einfach mit den gleichen Moralvorstellungen rangehen. Und so kann man das düstere, das eigentlich abartige, ganz genüsslich und mit gutem Gewissen angucken und sogar befürworten. Ist ja nur Kino/Fernsehen/ein Buch.

Der Traum von der Unsterblichkeit

Schon immer gab es den Mythos von unsterblichen Wesen, von den Menschen stets beneidet. Heutzutage ist es nicht mehr nur der Wunsch nach ewigem Leben, sondern vor allem der nach ewiger Jugend. "Es ist cool, nicht alt zu werden. Ich bin gerne der ewig junge Hengst", sagt Damon in der Serie "The Vampire Diaries". Und wer kann’s ihm verübeln? In einer Gesellschaft in der ab dreißig geschnippelt, gestrafft und gebotoxt wird, ist der Vampir der ewige Sieger. Er hat das, was wir alle wollen, er bleibt erhalten in der Blüte seines Lebens. An Figuren wie Claudia (Kirsten Dunst in "Interview mit einem Vampir") oder Abby (Chloe Moretz in „Let Me In“) wird dieses Phänomen ad absurdum geführt und gleichzeitig mit den Urängsten der Menschen gespielt. Der Schein trügt. Das niedliche Mädchen ist eigentlich der tödliche Feind. Doch das ist nur das eine Extrem. Das andere ist quasi nonexistent. Ein alter Vampir? Wo gibt’s denn sowas? Leslie Nielsen hat mal einen gespielt, aber auch nur im Scherz. Tabubrecher "True Blood" hatte immerhin mal einen unattraktiven (Eddie, in Staffel 1), der gilt aber auch schon als Genrebruch. Kein Wunder also, dass Vampire gerade in der heutigen Zeit, wo der Jugendwahn existenzieller scheint als je zuvor, wieder an Beliebtheit zulegen und als fleischgewordene Traumerfüllung über unsere Bildschirme flimmern.

Breaking Dawn
© Concorde Filmverleih
Für Immer vereint. Die Vampire Bella und Edward.

Doch nicht nur der Vampir selbst lebt für immer, der Romantiker in uns hofft natürlich auch auf die ewige Liebe. Und dieser Traum ist es doch, der uns Bellas Tod in "Twilight" als Happy End sehen lässt. Sie geht nicht von dieser Welt, sie wird zum Vampir. Und als Vampir kann sie nun bis in alle Ewigkeit mit ihrem Edward zusammen sein. "Für Immer" steht als Unterschrift auf den Filmplakaten für den letzt Teil der Reihe "Breaking Dawn - Biss zum Ende der Nacht (Teil 2)" und dieses Versprechen ist es, das den Untoten anstatt zu einer Schauerfigur zum romantischen Held werden lässt. Sie sind nicht nur stärker, schöner und leidenschaftlicher als wir, ihr Liebesversprechen "für immer" geht auch tatsächlich von unendlichen Jahren der Zweisamkeit aus. Zu Zeiten wo jede zweite Ehe wieder geschieden wird, ist der Wunsch nach tatsächlich erfüllter, endloser Liebe wohl besonders stark.

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